Das mythologische Wesen des Phönix beschreibt einen adlerähnlichen Vogel, der am Ende eines Lebenszyklus verbrennt und aus der Asche heraus neu geboren wird. Was für eine passende Metapher also für die aktuelle Situation im Phönix Theater in Steckborn, wo Gründungsmitglied Philippe Wacker nach über vier Jahrzehnten aus der Leitung zurückgetreten ist.
Ja, auch Theaterintendanzen sind zyklisch, jetzt beginnt also eine neue Ära. Und sie schwingt sich in die Lüfte in Gestalt von zwei jungen Frauen, die das Theater gemeinsam übernehmen und damit ein Modell fahren, das in Führungspositionen immer mehr Einzug hält und auch hier, in der Peripherie, funktionieren neue Ideen.
Nix Dornröschen, hier brodelts.
Das ehemalige Pumpenhaus wirkt von aussen wie eine Märchenkulisse. Sanft schmiegt es sich in die Landschaft, zwischen See und Hügel, direkt am Hafen, wo die Fischerboote liegen und einen Anblick offenbaren, der einer Postkarte aus den 50er-Jahren gleicht – Idylle pur. Es ist so schön hier, dass man sich nicht wundern würde, wenn Dornröschen aus dem verwunschenen Turm, der das Gebäude an der Frontseite ziert, stiege.
Doch im Inneren des Hauses ist nichts mit Dornröschenschlaf. Hier brodelt es. Auch wenn noch kein Spielbetrieb herrscht und die Bar mit der goldenen Wand leer, die Bühne mit der steilen Zuschauertribüne unbespielt und die Scheinwerfer ausgeschalten sind, schwingt aus jedem Winkel eine Energie, die knallt.
Die Überschaubarkeit als Bonus
Wie macht man modernes Theater in einem kleinen Dorf? Die Standortfrage mitten in der Provinz birgt für Carina Neumer und Julia A. Sattler eindeutig Vorteile. Abgesehen von der Atmosphäre sehen sie das Kleine, Überschaubare als Bonus. «Hier gibt es die Möglichkeit eines direkten Kontaktes und Austauschs zwischen Publikum und Artist:innen. Man ist viel weniger anonym und kann sich direkt engagieren. Wer also sagt, in den Dörfern ist kulturell nichts los, ist herzlich eingeladen. Hier kann man nicht nur Kultur konsumieren, sondern aktiv mitgestalten», so argumentiert Carina Neumer.
Eingespieltes Team: Julia A. Sattler und Carina Neumer.
Das Leitungs-Duo bringt seine Expertise und Passion in vielfältiger Weise zum Ausdruck. Kennengelernt haben sich die beiden ausgebildeten Bühnentänzerinnen bei einem Festengagement am Theater in St.Gallen. Gemeinsam haben sie dann ein Studium in Kulturmanagement in Winterthur absolviert.
In der freien Szene sind beide mit zahlreichen Programmen und Events etabliert. Carina Neumer war in Schaffhausen im städtischen Kulturbüro tätig und arbeitet dort nun als Festivalleitung der 2023 zum ersten Mal stattfindenden Schaffhauser Kulturtage. Zudem gründete sie ihre eigene Tanzkompanie DOXS, in der sie als Choreografin, Tänzerin und Projektleiterin arbeitet.
Julia A. Sattler hat als Tänzerin internationale Bühnenerfahrung, sie war in Österreich, England, Israel, Deutschland und der Schweiz unterwegs. Im Zürcher Kulturklub Kaufleuten ist sie in der Konzertleitung, sie hat das Streichorchester Resonart gemanagt und übt auch heute noch diverse Jobs hinter und auf der Bühne aus.
Klar ist also: Obwohl wir es hier mit zwei Personen Anfang 30 zu tun haben, bringen sie dennoch gemeinsam eine Expertise von mehreren Jahrzehnten Theaterleben mit.
Das Grosse als Anspruch
Diese beweist sich in dem ausgeklügelten Programm für die ersten Monate: Der Fokus liegt klar auf modernem Tanz, womit das «Phönix» eine Lücke in der hiesigen Theaterlandschaft schliesst. Hier präsentieren sie internationale junge Kompanien, die zum Teil erstmals in der Schweiz zu sehen sind: TOML – Time Of My Life, Father Politics und Inver & Triology. «Unser Anspruch ist es, dass die Leute in zehn Jahren sagen: Diese berühmte Kompanie habe ich damals in Steckborn gesehen!» So beschreibt Julia A. Sattler den Anspruch an ihre Arbeit.
Der Thurgauer Poetry-Slam-Star Lara Stoll ist mit am Start, ein Klassiker ist mit Michael Kohlhaas vertreten – in Form eines Figurenstücks, mit Tanz dem Tag entlang entsteht ein Konzertabend, für Kinder und Familien gibts Es Kamel im Zirkus des Cirque de Loin, was unfassbar zauberhaft aussieht.
Der Februar im Phönix:
Tanz dem Tag entlang – Ulrich Gasser und Hans Gysi: 18. Februar, 19:30 Uhr
Gipfel der Freude mit Poetry-Slam-Meisterin, Thurgauer Birnenkönigin und Wortakrobatin Lara Stoll: 23. und 24. Februar, 19:30 Uhr
phoenix-theater.ch
Dann gibt es Lokales: die Steckborner Musikstudentin Deniz Bozok bringt in einem Doppelabend zusammen mit Anna Chiedza Spörri Rassismus, Ungerechtigkeit und Identität aufs Programm, und die Gruppe Kids in Dance lässt Jugendliche jeden Dienstag zum Tanzworkshop kommen. Mit Mass & Fieber kommt ein Frauenduo auf die Bühne und zeigt einen komödiantischen Theaterabend. Es ist also in den zehn Programmpunkten eine beeindruckende Vielschichtigkeit enthalten.
Nachdem die kreative Arbeit jetzt fürs Erste gemacht ist, widmen sich Carina Neumer und Julia A. Sattler in ihren jeweils 40-Prozent-Arbeitsstellen nun den administrativen Aufgaben und der Infrastruktur. Sie wollen ein neues Design in der Öffentlichkeitsarbeit etablieren, den Theaterverein, der Träger des Theaters ist, stärken und die geleistete Freiwilligenarbeit in neuen Schwung bringen, Gelder akquirieren und den Ausbau des Theaters angehen (Stichwort Barrierefreiheit).
Ausserdem denken die beiden Co-Leiterinnen auch über eine neue Arbeitskultur nach. Der Stressfaktor im Theater war ein Grund, warum beide schon vor Jahren in die freie Szene gewechselt haben. «Wir wollen keine ausführenden Körper auf der Bühne, keine Fliessbandarbeit, in der man nicht sieht, wie es der Person heute geht, keine Robotertänzer:innen», erklärt Julia A. Sattler.
Das ehemalige Pumpenhaus als Märchenkulisse.
«In der freien Szene gibt es viel mehr Luft. Man probt in Wochenblöcken und hat teilweise mehrere Monate frei dazwischen. Dadurch können sich Projekte anders entwickeln und müssen nicht mit höchstmöglichem Druck in fünf Wochen fix und fertig auf der Bühne stehen», ergänzt Carina Neumer.
In Steckborn können die Kompanien schon Tage vorher anreisen und in Ruhe proben. Die Idylle um das Theater herum wird eine entspanntere Arbeitsweise bestimmt wie von selbst fördern. Die ersten beiden Vorstellungsabende mit der israelischen SOL Dance Company waren ausverkauft, in der Bar summte es bis morgens um drei Uhr und klar ist jetzt schon: Das Feuer brennt, der Phönix fliegt!
Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.
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