Kategorie
Autor:innen
Jahr

Steckborn: On Fire

Im Phönix Theater in Steckborn startet die aktuelle Spielzeit unter neuer Führung. Carina Neumer und Julia A. Sattler übernehmen das Amt von Philippe Wacker in einer Co-Leitung und wollen einen zeitgenössischen Ort für Tanztheater mit vielversprechendem Programm etablieren.
Von  Veronika Fischer
Im Phönix können die Kompanien schon Tage vorher anreisen und in Ruhe proben. (Bilder: Elaine Fehrenbach)

Das mythologische Wesen des Phönix beschreibt einen adlerähnlichen Vogel, der am Ende eines Lebenszyklus verbrennt und aus der Asche heraus neu geboren wird. Was für eine passende Metapher also für die aktuelle Situation im Phönix Theater in Steckborn, wo Gründungsmitglied Philippe Wacker nach über vier Jahrzehnten aus der Leitung zurückgetreten ist.

Ja, auch Theaterintendanzen sind zyklisch, jetzt beginnt also eine neue Ära. Und sie schwingt sich in die Lüfte in Gestalt von zwei jungen Frauen, die das Theater gemeinsam übernehmen und damit ein Modell fahren, das in Führungspositionen immer mehr Einzug hält und auch hier, in der Peripherie, funktionieren neue Ideen.

Nix Dornröschen, hier brodelts.

Das ehemalige Pumpenhaus wirkt von aussen wie eine Märchenkulisse. Sanft schmiegt es sich in die Landschaft, zwischen See und Hügel, direkt am Hafen, wo die Fischerboote liegen und einen Anblick offenbaren, der einer Postkarte aus den 50er-Jahren gleicht – Idylle pur. Es ist so schön hier, dass man sich nicht wundern würde, wenn Dornröschen aus dem verwunschenen Turm, der das Gebäude an der Frontseite ziert, stiege.

Doch im Inneren des Hauses ist nichts mit Dornröschenschlaf. Hier brodelt es. Auch wenn noch kein Spielbetrieb herrscht und die Bar mit der goldenen Wand leer, die Bühne mit der steilen Zuschauertribüne unbespielt und die Scheinwerfer ausgeschalten sind, schwingt aus jedem Winkel eine Energie, die knallt.

Die Überschaubarkeit als Bonus

Wie macht man modernes Theater in einem kleinen Dorf? Die Standortfrage mitten in der Provinz birgt für Carina Neumer und Julia A. Sattler eindeutig Vorteile. Abgesehen von der Atmosphäre sehen sie das Kleine, Überschaubare als Bonus. «Hier gibt es die Möglichkeit eines direkten Kontaktes und Austauschs zwischen Publikum und Artist:innen. Man ist viel weniger anonym und kann sich direkt engagieren. Wer also sagt, in den Dörfern ist kulturell nichts los, ist herzlich eingeladen. Hier kann man nicht nur Kultur konsumieren, sondern aktiv mitgestalten», so argumentiert Carina Neumer.

Eingespieltes Team: Julia A. Sattler und Carina Neumer.

Das Leitungs-Duo bringt seine Expertise und Passion in vielfältiger Weise zum Ausdruck. Kennengelernt haben sich die beiden ausgebildeten Bühnentänzerinnen bei einem Festengagement am Theater in St.Gallen. Gemeinsam haben sie dann ein Studium in Kulturmanagement in Winterthur absolviert.

In der freien Szene sind beide mit zahlreichen Programmen und Events etabliert. Carina Neumer war in Schaffhausen im städtischen Kulturbüro tätig und arbeitet dort nun als Festivalleitung der 2023 zum ersten Mal stattfindenden Schaffhauser Kulturtage. Zudem gründete sie ihre eigene Tanzkompanie DOXS, in der sie als Choreografin, Tänzerin und Projektleiterin arbeitet.

Julia A. Sattler hat als Tänzerin internationale Bühnenerfahrung, sie war in Österreich, England, Israel, Deutschland und der Schweiz unterwegs. Im Zürcher Kulturklub Kaufleuten ist sie in der Konzertleitung, sie hat das Streichorchester Resonart gemanagt und übt auch heute noch diverse Jobs hinter und auf der Bühne aus.

Klar ist also: Obwohl wir es hier mit zwei Personen Anfang 30 zu tun haben, bringen sie dennoch gemeinsam eine Expertise von mehreren Jahrzehnten Theaterleben mit.

Das Grosse als Anspruch

Diese beweist sich in dem ausgeklügelten Programm für die ersten Monate: Der Fokus liegt klar auf modernem Tanz, womit das «Phönix» eine Lücke in der hiesigen Theaterlandschaft schliesst. Hier präsentieren sie internationale junge Kompanien, die zum Teil erstmals in der Schweiz zu sehen sind: TOML – Time Of My Life, Father Politics und Inver & Triology. «Unser Anspruch ist es, dass die Leute in zehn Jahren sagen: Diese berühmte Kompanie habe ich damals in Steckborn gesehen!» So beschreibt Julia A. Sattler den Anspruch an ihre Arbeit.

Der Thurgauer Poetry-Slam-Star Lara Stoll ist mit am Start, ein Klassiker ist mit Michael Kohlhaas vertreten – in Form eines Figurenstücks, mit Tanz dem Tag entlang entsteht ein Konzertabend, für Kinder und Familien gibts Es Kamel im Zirkus des Cirque de Loin, was unfassbar zauberhaft aussieht.

Der Februar im Phönix:

Tanz dem Tag entlang – Ulrich Gasser und Hans Gysi: 18. Februar, 19:30 Uhr

Gipfel der Freude mit Poetry-Slam-Meisterin, Thurgauer Birnenkönigin und Wortakrobatin Lara Stoll: 23. und 24. Februar, 19:30 Uhr

phoenix-theater.ch

Dann gibt es Lokales: die Steckborner Musikstudentin Deniz Bozok bringt in einem Doppelabend zusammen mit Anna Chiedza Spörri Rassismus, Ungerechtigkeit und Identität aufs Programm, und die Gruppe Kids in Dance lässt Jugendliche jeden Dienstag zum Tanzworkshop kommen. Mit Mass & Fieber kommt ein Frauenduo auf die Bühne und zeigt einen komödiantischen Theaterabend. Es ist also in den zehn Programmpunkten eine beeindruckende Vielschichtigkeit enthalten.

Nachdem die kreative Arbeit jetzt fürs Erste gemacht ist, widmen sich Carina Neumer und Julia A. Sattler in ihren jeweils 40-Prozent-Arbeitsstellen nun den administrativen Aufgaben und der Infrastruktur. Sie wollen ein neues Design in der Öffentlichkeitsarbeit etablieren, den Theaterverein, der Träger des Theaters ist, stärken und die geleistete Freiwilligenarbeit in neuen Schwung bringen, Gelder akquirieren und den Ausbau des Theaters angehen (Stichwort Barrierefreiheit).

Ausserdem denken die beiden Co-Leiterinnen auch über eine neue Arbeitskultur nach. Der Stressfaktor im Theater war ein Grund, warum beide schon vor Jahren in die freie Szene gewechselt haben. «Wir wollen keine ausführenden Körper auf der Bühne, keine Fliessbandarbeit, in der man nicht sieht, wie es der Person heute geht, keine Robotertänzer:innen», erklärt Julia A. Sattler.

Das ehemalige Pumpenhaus als Märchenkulisse.

«In der freien Szene gibt es viel mehr Luft. Man probt in Wochenblöcken und hat teilweise mehrere Monate frei dazwischen. Dadurch können sich Projekte anders entwickeln und müssen nicht mit höchstmöglichem Druck in fünf Wochen fix und fertig auf der Bühne stehen», ergänzt Carina Neumer.

In Steckborn können die Kompanien schon Tage vorher anreisen und in Ruhe proben. Die Idylle um das Theater herum wird eine entspanntere Arbeitsweise bestimmt wie von selbst fördern. Die ersten beiden Vorstellungsabende mit der israelischen SOL Dance Company waren ausverkauft, in der Bar summte es bis morgens um drei Uhr und klar ist jetzt schon: Das Feuer brennt, der Phönix fliegt!

Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Zwi­schen Gleis, Ge­gen­wart und Ge­sell­schaft

Die dies­jäh­ri­ge Kul­tur­lands­ge­mein­de fin­det ent­lang der Bahn­li­nie zwi­schen Gos­sau und Was­ser­au­en statt. Es ist ein in­ter­dis­zi­pli­nä­res Ex­pe­ri­m­ent­zwi­schen Kunst, Ge­sell­schaft und Ak­ti­vis­mus. Aus­ser­dem stellt die Kul­tur­lands­ge­mein­de künst­le­risch und or­ga­ni­sa­to­risch die Wei­chen für die Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
KULA Vorstand Oleksandra Tsapko

Ein Fes­ti­val für Punk­rock

Am Sams­tag fin­det in St.Gal­len erst­mals das Punk­fes­ti­val El Car­tel statt. Es soll da­zu bei­tra­gen, die Sze­ne zu stär­ken. Da­bei fehlt es ge­ra­de in St.Gal­len an Nach­wuchs.

Von  David Gadze
Yellow tales grabepunk

Wy­bora­da: Die fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek der Ost­schweiz

Seit 40 Jah­ren macht die Bi­blio­thek Wy­bora­da in St.Gal­len sicht­bar, was lan­ge fehl­te: Li­te­ra­tur von und über Frau­en. Heu­te sind Au­torin­nen und fe­mi­nis­ti­sche The­men zwar stär­ker prä­sent in der Öf­fent­lich­keit, doch die Re­le­vanz der Bi­blio­thek ist nach wie vor gross.

Von  Marion Loher
2605 Wyborada Laura Tura room

Or­ches­trier­ter An­griff ge­gen ex­ter­nen Auf­klä­rungs­un­ter­richt 

Mit ei­ner In­ter­pel­la­ti­on grei­fen SVP und EDU im St.Gal­ler Kan­tons­rat den aus­ser­schu­li­schen Auf­klä­rungs­un­ter­richt an. Und mit Un­ter­stüt­zung des «Leh­rer­netz­werks Schweiz» wol­len El­tern aus Büt­schwil ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen vor Ge­richt brin­gen. Da­hin­ter steckt ei­ne or­ches­trier­te Ak­ti­on.

Von  René Hornung
2502 Aufklaerung Badges Inv nr 1300

Brü­cke zwi­schen mu­si­ka­li­scher und sprach­li­cher Tra­di­ti­on

«Die­ci», die ita­lie­ni­sche Zahl für zehn, ist das Mot­to des dies­jäh­ri­gen Hei­den-Fes­ti­vals. Es ver­weist da­bei nicht nur auf das Ju­bi­lä­um, son­dern auch auf ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Hal­tung.

Von  Lilli Kim Schreiber
Heiden Festival Nicoals Senn Tom Rigney USA

Naturmuseum Thurgau

Der Grim­bart zum An­fas­sen

Von  Vera Zatti
Dachs Illustration quer def 1

Ein Ber­ner in St.Gal­len

Das St.Gal­ler Thea­ter Trou­vail­le ent­deckt den Mu­si­ker und Ju­ris­ten Ma­ni Mat­ter neu. «’S isch ei­nisch ei­ne gsy»– 90 Jah­re Ma­ni Mat­ter ver­bin­det zahl­rei­che Lie­der und li­te­ra­ri­sche Tex­te des Ber­ners zu ei­nem abend­fül­len­den Pro­gramm. Sai­ten hat mit dem Thea­ter­lei­ter Mat­thi­as Flü­cki­ger ge­spro­chen.

Von  Vera Zatti
Mani Matter Pressefoto

Ein Kurz­trip durch Schein­wel­ten

Vier Jah­re nach ih­rem De­büt keh­ren Lev Ti­gro­vich mit ei­ner neu­en EP zu­rück. Die­se han­delt von Kon­troll­ver­lust, Il­lu­sio­nen und gros­sen Ge­füh­len – und ent­hält erst­mals ei­nen Song, der nicht auf Rus­sisch ge­sun­gen ist.

Von  David Gadze
Lev Tigrovich Press Photo 4 Lena Frei

FC St. Gal­len vs. FC Thun 1:1 – Kein Sie­ger zwi­schen den bes­ten zwei Teams der Sai­son

Im letz­ten Spiel der Sai­son trifft der FC St.Gal­len auf den neu­en Schwei­zer Meis­ter aus Thun - ei­nen Sie­ger gibt es nicht.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Phy­sik und er­schöpf­te Ma­schi­nen

Ca­li­ne Aoun in­ter­es­sie­ren die Mo­men­te der Ver­än­de­rung, die Über­gän­ge und Zu­stän­de. Ih­re Aus­stel­lung in Kunst­mu­se­um und Kunst­hal­le Ap­pen­zell wird zum En­de der sechs­mo­na­ti­gen Lauf­zeit ei­ne an­de­re sein als zu Be­ginn. 

Von  Kristin Schmidt
Kunsthalle Appenzell Caline Aoun 03 High Res RGB

Un­ter­schrift als Re­li­quie

Der 1100. To­des­tag von Wi­bora­da – In­klu­sin, Stadt­hei­li­ge und Pro­jek­ti­ons­flä­che – ist zur­zeit The­ma viel­fäl­ti­ger Ak­ti­vi­tä­ten. Zu den High­lights ge­hört ei­ne mut­mass­li­che Un­ter­schrift, zu be­sich­ti­gen in der Aus­stel­lung im St.Gal­ler Re­gie­rungs­ge­bäu­de.

Von  Peter Müller
Unterschriften2

Gastkommentar

Kul­tur­jour­na­lis­mus – ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Not­wen­dig­keit

Von  Johannes Sieber
Johannes sieber

Schü­ler:in­nen auf den Spu­ren Wi­bora­das

An­na Beck-Wör­ner hat ein Wi­bora­da-Un­ter­richts­heft er­ar­bei­tet. Im Pos­ten­lauf, der durch St.Gal­len führt, kön­nen Schü­ler:in­nen an­hand von Wi­bora­das Le­bens­weg lehr­plan­kon­form The­men wie Ge­mein­schaft, Le­bens­form, Bü­cher oder Iden­ti­tät er­ar­bei­ten.

Von  Kathrin Reimann
2605 Wyborada Laura Tura Crossing

Stras­sen­kunst als Ent­schleu­ni­gung

Am Wo­chen­en­de bringt das Auf­ge­tischt-Fes­ti­val wie­der über 100 Stras­sen­künst­ler:in­nen aus al­ler Welt in die Gas­sen der Stadt St.Gal­len. Wir ha­ben mit Dai­a­na Min­ga­rel­li vom Duo Dai­a­na Lou über die Ei­gen- und Be­son­der­hei­ten des Bus­king ge­spro­chen.

Von  Philipp Bürkler
Daiana Lou

Heavy Psych Sounds Fest

Fes­ti­val der schwe­ren Gi­tar­ren­klän­ge

Von  David Gadze
Weedpecker 25 BW 6 50

Ro­ter Tep­pich und ro­te Li­ni­en

Der pein­li­che bis in­halts­lee­re Auf­tritt des Tech-Fa­schis­ten Cur­tis Yar­vin hat die Be­richt­erstat­tung über das dies­jäh­ri­ge St.Gal­len Sym­po­si­um do­mi­niert. Am Mon­tag ha­ben – vor al­lem geis­tes­wis­sen­schaft­li­che – Ex­po­nent:in­nen der HSG in ei­nem öf­fent­li­chen Ge­spräch ver­sucht, Yar­vins lan­gen Schat­ten zu ver­we­deln.

Von  Roman Hertler
3 F1 A3554 web

Was­ser, Drag und Vir­gi­nia Woolf

Die St.Gal­ler Thea­ter­kom­pa­nie Roh­stoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr ak­tu­el­les Thea­ter­stück in der Kel­ler­büh­ne. Wie in ei­nem Rausch er­zählt Or­lan­do* von Ge­schlech­ter­nor­men, Grenz­auf­lö­sun­gen und Ver­wand­lun­gen. 

Von  Vera Zatti
LUX 9420 JPG 1500 by Leni O

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Im Bi­ber­re­gen

Von  Jeremias Heppeler

Ei­ne ak­ti­vis­ti­sche Künst­le­rin wie­der­ent­deckt

Ele­a­n­or An­tin ist seit 60 Jah­ren künst­le­risch tä­tig. Früh hat sie sich mit Tech­no­lo­gie, Ras­sis­mus und Gen­der­flui­di­tät be­schäf­tigt, doch zwi­schen­zeit­lich war sie fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Nun macht die ers­te eu­ro­päi­sche Re­tro­spek­ti­ve Sta­ti­on im Kunst­mu­se­um Liech­ten­stein.

Von  Kristin Schmidt
Eleanor Antin Ausstellungsansicht Foto Sandra Maier pr6

Fik­tiv und doch sehr re­al

Der Mu­si­ker und Künst­ler Ni­co­laj És­te­ban ver­öf­fent­licht ein neu­es Al­bum sei­ner Band Love­boy And His Ima­gi­na­ry Fri­ends. Es führt in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Welt – und in sein In­ne­res, wo es manch­mal dun­kel ist.

Von  David Gadze
Loveboy and his imaginary friends smile baby