Kategorie
Autor:innen
Jahr

Inferno, mindestens

Die Schöpfung ist im Eimer, einen Funken Hoffnung bietet einzig die Musik. So sieht es im neuen Stück der Tanzkompanie Rotes Velo aus. «Revolution Dada» ist jetzt in der St.Galler Grabenhalle, danach in Wil, Frauenfeld oder Herisau zu sehen.
Von  Peter Surber , 
(Bilder: Hanes Sturzenegger)

«Vergesst die Aussenwelt!» fordert Yannick Badier das Publikum auf, als sich der dichte Theaternebel lichtet. Die Innenwelt in der Grabenhalle: übersät mit Zetteln und Papierschnipseln, dahinter eine bühnenbreite Wandtafel, die sich im Lauf des Stücks mit Wörtern quer durchs Alphabet füllen wird. Im Anfang ist das Wort. Es erschafft das Stück: «Let it be light».

Ballett der Untoten

Statt Licht wird vorerst aber Klang, ein Dröhnen, durchsetzt vom Klingeln eines Kinderxylophons. Zombies taumeln über die Bühne. Die Aussenwelt ist wieder da, und sie ist schrecklich, die Szenerie apokalyptisch, die Stimme beschwört Angst und Sorge, Krieg und Atomtod, den Untergang der Städte, Katastrophen, gegen die Dantes Inferno «ein Kinderspielplatz» war. Und dann: «eine Stille von bisher unvorstellbarer Schönheit».

Statt Stille: Drei Figuren, rot, grün und weiss gekleidet, entern die Bühne und verstricken sich in eine irrwitzige Choreographie. Die ruckelnden und hampelnden Automaten, aufziehbar wie mechanische Spielfiguren, verwandeln sich im folgenden Abschnitt, der gemäss Titel dem Gilgamesch-Epos gewidmet ist, in ein Menschentrio. Es zeichnet seine Körperkonturen auf der Wandtafel mit Kreide nach, Hand um Hand und Arm über Bein in einer sorgfältigen, innigen Bewegungsabfolge. Die Körper-Spur wird auf der Wand nach und nach von Wörtern übermalt, bleibt aber bis zum Ende erahnbar.

Schöpfung und Zerstörung und Neuschöpfung: Das ist die Bewegung des Stücks. Yannick Badier erzählt seine eigenwillige Version der Genesis weiter – Adam macht Gott konfus mit seiner Herrscher- und Benenner-Allüre, reisst die Macht an sich, das Resultat ist die verstörendste Szene im Stück: In einer Art zynischer Modeschau tritt die «Näherin aus Bangladesch», die «syrische Braut», ein Bootsflüchtling aus Lampedusa und «das somalische Ballett» auf – kostümiert in Überreste von Zeltplachen, Rettungswesten, Wärmedecken, Lumpen oder Bombengurt.

Toleranz. Angst. Glaube. Tod. Orgasmus. Vergessenheit. Die Wörter jagen sich, das eine, «teufelaustreibende» Wort ist nicht zu finden. Auch die über die Bühne verstreuten Zettel geben nur unverständliche Antworten. Doch aus den Papierbergen schält sich eine Puppe und eine zweite, ein Kind, das sich einen verzweifelten Weg durch die apokalyptische Gegenwart sucht.

Viva Foster, Petr Nedbal und Jack Widdowson sind die drei Performer, Exequiel Barreras und Emilio H. Diaz Abregu haben wie zuletzt Ende 2017 Eine Stunde auf Erden das neue Stück der Kompagnie Rotes Velo konzipiert und inszeniert. Schon damals ging es um Weltuntergang und missglückte Schöpfung. Und auch die aktuelle Produktion müsste eher Apocalypse Now heissen.

Ihr Titel Revolution Dada erschliesst sich bis zum Schluss nicht wirklich, auch wenn das Wort gross an der Tafel prangt. Dada-typisch skurril, humoristisch und deutungsresistent sind am ehesten die Hampelmänner und -frauen zu Beginn. Im übrigen aber herrscht ein ungebrochener Glaube an das Erklären und Ins-Wort-Fassen der condition humaine, ein mal zorniger, mal sorgenvoller, mal in sich gekehrter, sehr politischer Ernst.

Revolution Dada: 18./19. Januar Grabenhalle St.Gallen, 23./24. Januar Hof zu Wil, 25. Januar Eisenwerk Frauenfeld, 27. Januar Tanzraum Herisau

rotesvelo.ch

Dessen Intensität wird verstärkt durch bohrende Lichteffekte und vor allem durch die Musik. Das Rote Velo hat sich dafür die französische Barockflötistin Marie Delprat geholt. Sie legt einen elektronischen Klang- und Geräuschteppich unter das Stück und entlockt darüber ihren Flöten, darunter der viereckige, imposante Bass des deutschen Flötenbauers Paetzold, unerhörte Töne. Sie legen die Spur zum Madrigal von Palestrina, das Yannick Badier, Tänzer und Sänger und früheres Ensemblemitglied der St.Galler Tanzkompagnie, am Ende singt.

Das 16. trifft das 22. Jahrhundert. Ein Glücksmoment. «Le magicien» heisst dieses Kapitel. Vielleicht hilft uns tatsächlich nur noch ein Wunder.

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

Von Vera Zatti,
DSC09196

Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

Von Mia Nägeli,

Theater

Kein Kom­pli­ment

Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

Jo­han­na und Szi­lamer ar­bei­ten seit vier Jah­ren als Ern­te­hel­fer:in­nen in Fru­thwi­len. In ih­rer Hei­mat Ru­mä­ni­en ist die wirt­schaft­li­che La­ge an­ge­spannt und die kör­per­li­che Ar­beit auf dem Feld sind sie ge­wohnt.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0505 max

Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
2026 Stadtrat Collage farbig

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max