«Vergesst die Aussenwelt!» fordert Yannick Badier das Publikum auf, als sich der dichte Theaternebel lichtet. Die Innenwelt in der Grabenhalle: übersät mit Zetteln und Papierschnipseln, dahinter eine bühnenbreite Wandtafel, die sich im Lauf des Stücks mit Wörtern quer durchs Alphabet füllen wird. Im Anfang ist das Wort. Es erschafft das Stück: «Let it be light».
Ballett der Untoten
Statt Licht wird vorerst aber Klang, ein Dröhnen, durchsetzt vom Klingeln eines Kinderxylophons. Zombies taumeln über die Bühne. Die Aussenwelt ist wieder da, und sie ist schrecklich, die Szenerie apokalyptisch, die Stimme beschwört Angst und Sorge, Krieg und Atomtod, den Untergang der Städte, Katastrophen, gegen die Dantes Inferno «ein Kinderspielplatz» war. Und dann: «eine Stille von bisher unvorstellbarer Schönheit».
Statt Stille: Drei Figuren, rot, grün und weiss gekleidet, entern die Bühne und verstricken sich in eine irrwitzige Choreographie. Die ruckelnden und hampelnden Automaten, aufziehbar wie mechanische Spielfiguren, verwandeln sich im folgenden Abschnitt, der gemäss Titel dem Gilgamesch-Epos gewidmet ist, in ein Menschentrio. Es zeichnet seine Körperkonturen auf der Wandtafel mit Kreide nach, Hand um Hand und Arm über Bein in einer sorgfältigen, innigen Bewegungsabfolge. Die Körper-Spur wird auf der Wand nach und nach von Wörtern übermalt, bleibt aber bis zum Ende erahnbar.
Schöpfung und Zerstörung und Neuschöpfung: Das ist die Bewegung des Stücks. Yannick Badier erzählt seine eigenwillige Version der Genesis weiter – Adam macht Gott konfus mit seiner Herrscher- und Benenner-Allüre, reisst die Macht an sich, das Resultat ist die verstörendste Szene im Stück: In einer Art zynischer Modeschau tritt die «Näherin aus Bangladesch», die «syrische Braut», ein Bootsflüchtling aus Lampedusa und «das somalische Ballett» auf – kostümiert in Überreste von Zeltplachen, Rettungswesten, Wärmedecken, Lumpen oder Bombengurt.
Toleranz. Angst. Glaube. Tod. Orgasmus. Vergessenheit. Die Wörter jagen sich, das eine, «teufelaustreibende» Wort ist nicht zu finden. Auch die über die Bühne verstreuten Zettel geben nur unverständliche Antworten. Doch aus den Papierbergen schält sich eine Puppe und eine zweite, ein Kind, das sich einen verzweifelten Weg durch die apokalyptische Gegenwart sucht.
Viva Foster, Petr Nedbal und Jack Widdowson sind die drei Performer, Exequiel Barreras und Emilio H. Diaz Abregu haben wie zuletzt Ende 2017 Eine Stunde auf Erden das neue Stück der Kompagnie Rotes Velo konzipiert und inszeniert. Schon damals ging es um Weltuntergang und missglückte Schöpfung. Und auch die aktuelle Produktion müsste eher Apocalypse Now heissen.
Ihr Titel Revolution Dada erschliesst sich bis zum Schluss nicht wirklich, auch wenn das Wort gross an der Tafel prangt. Dada-typisch skurril, humoristisch und deutungsresistent sind am ehesten die Hampelmänner und -frauen zu Beginn. Im übrigen aber herrscht ein ungebrochener Glaube an das Erklären und Ins-Wort-Fassen der condition humaine, ein mal zorniger, mal sorgenvoller, mal in sich gekehrter, sehr politischer Ernst.
Revolution Dada: 18./19. Januar Grabenhalle St.Gallen, 23./24. Januar Hof zu Wil, 25. Januar Eisenwerk Frauenfeld, 27. Januar Tanzraum Herisau
rotesvelo.ch
Dessen Intensität wird verstärkt durch bohrende Lichteffekte und vor allem durch die Musik. Das Rote Velo hat sich dafür die französische Barockflötistin Marie Delprat geholt. Sie legt einen elektronischen Klang- und Geräuschteppich unter das Stück und entlockt darüber ihren Flöten, darunter der viereckige, imposante Bass des deutschen Flötenbauers Paetzold, unerhörte Töne. Sie legen die Spur zum Madrigal von Palestrina, das Yannick Badier, Tänzer und Sänger und früheres Ensemblemitglied der St.Galler Tanzkompagnie, am Ende singt.
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