#MeToo um 1900

Boglárka Horváth und Matthias Peter in Entehrung. (Bild: Timon Furrer)

Boglárka Horváth und Matthias Peter in Entehrung. (Bild: Timon Furrer)

Gewalt an Frauen: Das Thema trieb vor mehr als 100 Jahren den jungen Dichter Rilke um. Drei Kurzstücke von ihm stellt die Kellerbühne im November vor.

Die ei­ne heisst He­le­ne, die an­de­re Eva, die drit­te An­na. Drei jun­ge Frau­en, die un­ter die Rä­der der pa­tri­ar­cha­len Ge­sell­schaft ge­ra­ten, aus­ge­grenzt, aus­ge­nutzt, aus­ge­lie­fert ei­ner Mo­ral, die den Män­nern al­les und den Frau­en nichts er­laubt. He­le­ne, Eva und An­na ste­hen im Zen­trum der drei Kurz­stü­cke Jetzt (1896), Im Früh­frost (1895) und Hö­hen­luft (1897). 

Ih­ren Au­tor ken­nen die we­nigs­ten als Dra­ma­ti­ker: Rai­ner Ma­ria Ril­ke hat sie als jun­ger Mann ge­schrie­ben. Rund ein hal­bes Dut­zend Stü­cke exis­tie­ren, Ein­ak­ter zu­meist, mit de­nen Ril­ke den An­schluss an die li­te­ra­ri­sche Mo­der­ne sucht. Er ori­en­tiert sich an na­tu­ra­lis­ti­schen Dich­tern wie Strind­berg, Schnitz­ler oder Haupt­mann und greift wie sie so­zi­al­kri­ti­sche The­men auf. Jetzt und Im Früh­frost wer­den in Prag auf­ge­führt mit gu­tem Er­folg, ein letz­tes Stück fällt je­doch 1901 in Ber­lin durch. Und Ril­ke ist in­zwi­schen auf ei­nem ganz an­de­ren, ly­ri­schen Weg. Er hängt die Dra­ma­tik an den Na­gel. Und ver­bannt sei­ne frü­hen Stü­cke aus sei­nem «gül­ti­gen» Werk. 

Par­tei­nah­me für die Frau­en

Das hin­dert Mat­thi­as Pe­ter nicht, drei die­ser Thea­ter­tex­te in die Ge­gen­wart zu­rück­zu­ho­len. Er fügt sie zu ei­nem Abend zu­sam­men und gibt ihm den Über­ti­tel Ent­eh­rung. Dass die Tex­te mit un­se­rer Ge­gen­wart zu tun ha­ben, steht für den Lei­ter der Kel­ler­büh­ne aus­ser Fra­ge. Über­grif­fe auf Frau­en, se­xu­el­le Ge­walt, Männ­lich­keits­wahn, Re­spekt­lo­sig­keit, Bloss­stel­lun­gen auf So­cial Me­dia: All dies hät­ten De­bat­ten wie #Me­Too oder «Nein heisst Nein» re­spek­ti­ve «Nur Ja heisst Ja» in den ver­gan­ge­nen Jah­ren erst so rich­tig ins Be­wusst­sein ei­ner brei­ten Öf­fent­lich­keit ge­bracht. Pas­send da­her, dass die zwei­te Vor­stel­lung von Ent­eh­rung am 24. No­vem­ber in Zu­sam­men­ar­beit mit der Frau­en­zen­tra­le St.Gal­len statt­fin­det, als Auf­takt zur Kam­pa­gne «16 Ta­ge ge­gen Ge­walt an Frau­en». 

«Ril­ke er­greift in sei­nen Stü­cken Par­tei für die Frau­en», sagt Mat­thi­as Pe­ter. In Jetzt wird die jun­ge He­le­ne vom Be­sit­zer des Hau­ses be­drängt, in dem sie mit ih­rer tod­kran­ken Mut­ter lebt – und gibt sich ihm hin, um die Mut­ter vor ei­nem Raus­wurf aus der Woh­nung zu be­wah­ren. Im zen­tra­len Drei­ak­ter Im Früh­frost wird Eva von ih­ren El­tern ge­äch­tet, weil sie sich ei­nen «Fehl­tritt», wie das da­mals hiess, ge­leis­tet hat: ei­ne un­schul­di­ge Li­ai­son mit ei­nem Ver­eh­rer. Die Mut­ter ver­kup­pelt sie an ei­nen Agen­ten, bei dem der Va­ter in der Schuld steht. Op­ti­mis­ti­scher geht das drit­te Stück aus: An­na lebt mit ih­rem sechs­jäh­ri­gen un­ehe­li­chen Sohn in ei­ner Man­sar­de. Die Fa­mi­lie hat mit ihr ge­bro­chen, ihr Bru­der will sie zu­rück­ho­len – aber aus ei­gen­nüt­zi­gen Grün­den. An­na ver­wei­gert sich der bür­ger­li­chen Pseu­do-«Ret­tung» und be­harrt auf ih­rer Selb­stän­dig­keit. 

In Pe­ters Be­ar­bei­tung spielt Bo­glár­ka Hor­váth die Frau­en­rol­len, er sel­ber die männ­li­chen Fi­gu­ren. Das «Le­se-Thea­ter» kommt mit knap­pen Sze­ne­rien aus: Tisch, Stüh­le, wech­seln­de Ta­pe­ten. Es lebt we­ni­ger von Ac­tion, von aus­ge­spiel­ter Dra­ma­tik als vom dich­ten Text. Trotz – oder viel­leicht auch dank – die­ser Re­duk­ti­on kommt das Stück bei Schul­vor­stel­lun­gen gut an.

«Mucks­mäus­chen­still» sei­en et­wa die 100 Schü­ler:in­nen der Kan­tons­schu­le am Brühl bei der 75-mi­nü­ti­gen Auf­füh­rung in der Kel­ler­büh­ne ge­we­sen. Mat­thi­as Pe­ter ist über­zeugt: Im jun­gen Ril­ke und sei­nen Fi­gu­ren er­ken­nen sich Ju­gend­li­che von heu­te wie­der und fin­den The­men ge­spie­gelt, die sie sel­ber be­schäf­ti­gen. 

Ab­schied vom «Ne­bu­lo»

Ent­eh­rung ist der Auf­takt zur letz­ten Spiel­zeit von Mat­thi­as Pe­ter in der Kel­ler­büh­ne. Un­ter dem Na­men «Mo­bi­les Le­se-Thea­ter» wird er je­doch über sei­ne Pen­sio­nie­rung hin­aus li­te­ra­ri­sches und his­to­ri­sches Sprech­thea­ter bie­ten. Ein Pro­jekt über Ja­kob Stutz, den Zür­cher Ober­län­der Volks­schrift­stel­ler, ist für 2026 ge­plant, un­ter an­de­rem mit Auf­füh­run­gen in Tro­gen, wo Stutz we­gen Ho­mo­se­xua­li­tät im Ge­fäng­nis sass. Aber vor­erst wol­le er «in der Kel­ler­büh­ne noch ein­mal Gas ge­ben». 

Nach Ent­eh­rung ste­hen zwei wei­te­re Ei­gen­pro­duk­tio­nen be­vor, das Zweif­rau­en­stück He­art­ship von Ca­ren Jess im März und zu­letzt Ein Ne­bu­lo bist du: Mit dem Por­trät von Mar­tin Lam­pe, dem Die­ner des Phi­lo­so­phen Im­ma­nu­el Kant, der sich im Stück von Jens Spar­schuh sel­ber als «letz­te Leuch­te in die­sem stock­fins­te­ren Nest» cha­rak­te­ri­siert, wird Mat­thi­as Pe­ter selbst­iro­nisch Ab­schied von sei­nem «Dienst» an der Kel­ler­büh­ne und am Kul­tur­le­ben der Stadt neh­men. 

Ent­eh­rung. Ein Tri­pty­chon: 16. No­vem­ber, 17 Uhr, und 24. No­vem­ber, 20 Uhr, Kel­ler­büh­ne St.Gal­len; 12. De­zem­ber, 19:30 Uhr, Fi­gu­ren­thea­ter He­ris­au

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