, 1. März 2022
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Überleben am Wegrand

Sie leben in kaputten Zelten, in der Kälte, am Rand des Hungers: Die Lage der Geflüchteten in der Region um Calais in Nordfrankreich ist ein Tritt ins Gesicht für die Würde des Menschen. Ein Erfahrungsbericht von Arno Tanner

Aufsuchende Arbeit auf einem Feldweg im Westen von Calais. (Bilder: Arno Tanner)

Bauchentscheidungen sind bekanntlich oft die besten. Während den Sportferien entschied ich, einen Kurztrip an den Ärmelkanal zu unternehmen. Mit meinem Rucksack und einer randvollen Rolltasche mit Winterkleidern machte ich mich am Montagmorgen auf den Weg. Via Zürich und Paris erreichte ich am Abend den Bahnhof von Calais.

Calais, da war doch mal was… Eurotunnel? Fährzugang nach Grossbritannien? Strandtourismus? Endstation für Menschen auf der Flucht…

Ohne grossen Plan begann ich im Zug verschiedene Hilfsorganisationen zu kontaktieren. Ich dachte mir, notfalls ziehe ich einfach alleine los und verteile die Winterkleider auf eigene Faust. Nach wenigen Minuten bekam ich jedoch direkt eine Antwort. «Care 4 Calais» betreibt ein Warehouse im Westen der Stadt und organisiert mehrmals pro Woche Hilfsgüterverteilungen an die Menschen auf der Flucht. Zwei Mails später hatten wir unseren Treffpunkt für den nächsten Tag.

Ein Tritt ins Gesicht

Kaum aus dem Zug, spürte ich den eiskalten Wind im Gesicht. Er sollte mich die nächsten drei Tage begleiten. Die winterlichen Temperaturen machten das Ganze nicht angenehmer.

Um 9:30 Uhr traf ich mich mit «Care 4 Calais» am Warehouse. Nach einem kurzen Freudenmoment über den gratis Lokal-ÖV für alle (ja, St.Gallen, sowas funktioniert wirklich) ging der Tag los. Viele neue Gesichter und Namen, bis 17:30 Uhr Kleiderspenden sortieren, Hilfspakete vorbereiten, Küche reinigen und Fahrzeuge beladen für den nächsten Tag. Ein guter Start, um die Menschen um mich herum besser kennenzulernen.

Schon in den ersten Gesprächen merkte ich, dass die Situation hier ganz anders ist als auf Lesbos, wo ich vor einigen Monaten für ein Community Center gearbeitet habe. Durch die Räumung des sogenannten «Dschungel» im Jahr 2016 leben die Menschen weitflächig um Calais und Dünkirchen verteilt. Die Zustände für die rund 1000 Menschen sind sehr prekär und untragbar. Für einen Moment könnte man gleich vergessen, dass wir uns immer noch in Europa befinden.

Kommune im Wald, Lebensraum für 22 Personen, keine Kochutensilien vorhanden, das Feuerholz ist gestohlen worden.

Am folgenden Morgen gingen wir früher los als gewohnt. Grund dafür waren die harten Wetterverhältnisse in der Nacht und die Tatsache, dass die Menschen oft morgens durch die Polizei geweckt und vertrieben werden. Als wären die Situation und die Lebensverhältnisse nicht schon schrecklich genug, wächst die staatliche Repression immer weiter.

Ich fuhr zusammen mit O. zu einem Weg, von dem er wusste, dass dort viele Menschen leben, und wir übernahmen die aufsuchende Funktion. Was mich aber dort erwartete, hätte ich mir, trotz meinem Vorwissen über die Situation, nie vorstellen können. Ein Tritt ins Gesicht für die Würde jedes Menschen auf der Flucht in Calais…

«Lebensraum» zwischen Büschen, Schlamm und Abfall

Bereits nach wenigen Metern kamen uns die ersten jungen Menschen entgegen. Es ging ein eisiger Wind und sie trugen nasse Jogginghosen, Sportjacken und kaputte Schuhe. Wir begrüssten uns und erklärten ihnen, dass wir an einem Standort in der Nähe Essenspakete und warme Getränke verteilen. Die Dankbarkeit war schier grenzenlos. Sie erklärten uns, dass auf diesem Spazierweg zwischen 150 und 200 Menschen leben würden.

Wir liefen die ganze Strecke ab und verteilten Tickets für die Essenspakete. Wir mussten schnell sein, denn in den letzten Wochen erliess die lokale Polizei immer wieder Sperrzonen für Essensverteilungen. Somit wird es für NGO’s immer schwieriger, die Menschen mit Essen zu versorgen. Wer es trotzdem wagt und erwischt wird, kassiert ein Bussgeld.

Gemeinsames Frühstück: verbranntes Brot, Zuckermilch und Zigaretten.

Was ist das für ein Europa, in dem es bestraft wird, Essen an hungrige Menschen zu verteilen?

Ramponierte Zelte und Paletten in Gräben neben dem Weg, «Lebensräume» zwischen Bäumen und Büschen, überall Feuerstellen, Schlamm, Dreck, Abfall – und mittendrin hunderte Menschen. Bilder, wie wir sie sonst nur nach einem verregnetem Juniwochenende aus dem Sittertobel kennen, sind hier brutale Realität.

Wir trafen Menschen mit Frostbeulen an den Füssen, Menschen, die seit zwei Tagen nichts mehr gegessen haben, und Menschen, deren Augen für sich sprechen. Das Menschen, die vor Gewalt, Krieg und Verfolgung flüchten mussten, in einem Land wie Frankreich so leben müssen, darf nicht akzeptiert werden. Doch leider ist dies, seit Jahren, der bittere Alltag für Geflüchtete mit dem Ziel, nach England zu kommen.

Hoffnungsland England

England. Warum genau England? Frankreich ist doch auch ganz okay, oder?

Diese Frage hören die Menschen hier oft. Geflüchtete werden in Frankreich sehr oft Opfer von staatlicher Gewalt. Gewalttätige Repression gehört zum bitteren Alltag für die Menschen in Calais, von Seiten des französischen Staats und des britischen Zolls. Zudem werden sie dazu gezwungen, auf den Strassen oder im Wald im Dreck zu leben, vor aller Augen.

Küche einer grösseren Kommune im Westen von Calais. Lebensraum für 27 Menschen, darunter 5 unbegleitete Minderjährige.

Das französische Asylverfahren wurde in den letzten Jahren mehrfach verschärft. Wie überall. Die Steine im Weg sind sehr hoch und oft kommt die Sprachbarriere dazu. Viele Menschen auf der Flucht haben auf ihrem Weg nach Europa oder bereits in ihren Herkunftsländern Englisch gelernt. Vereinzelte haben sogar während der Konflikte für die internationalen Militärtruppen als Übersetzer:innen gearbeitet. Somit ist für sie das Kommunizieren in Englisch um einiges einfacher als neu Französisch zu lernen.

Viele Menschen in Calais haben Angehörige oder gute Freund:innen in Grossbritannien. Wenn wir flüchten müssten, würden wir dann nicht auch an einen Ort wollen, an dem wir Menschen haben, die uns etwas bedeuten?

Asylanträge kann man in England nur vor Ort stellen. Auf einer ausländischen Botschaft ist dies nicht möglich. Zudem ist das Beantragen eines Visums für Menschen auf der Flucht ein Ding der Unmöglichkeit. Somit sind die Menschen gezwungen, illegale Fluchtrouten zu nehmen, sich selbst in lebensbedrohliche Situationen zu bringen und ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzten.

Schlafplatz und ein «Kleiderschrank» aus Paletten in einer grösseren Notgruppe.

Die Meinungen bezüglich der Situation von Menschen auf der Flucht mögen unterschiedlich sein. Die Situation, wie wir sie nun aber rund um Europa vorfinden, geht in meinen Augen aber an der generellen Migrationsdiskussion vorbei. Wir sind weit über den Punkt hinaus, an dem es um die Migrationsthematik geht. Hier geht es um grundlegende Menschenrechte, und wer diese nicht würdigt, sollte dafür bestraft werden.

Die Meldungen von Pushbacks, systematischer Gewalt und illegalen Techniken gegenüber Menschen auf der Flucht häufen sich. Die Todeszahlen rund um Europa steigen dramatisch. Allein im Januar sind mehr als 80 Menschen im Mittelmeer ertrunken, 19 Menschen an der türkisch-griechischen Grenze nach einem illegalen Pushback erfroren und 3 Personen am Ärmelkanal gestorben – 100 Todesfälle im ersten Monat des Jahres 2022, und dies ohne Zahlen von der Balkanroute oder der polnisch-belarussischen Grenze.

Die europäische Abschottung wird weiterhin gestärkt, Frontex wird weiter ausgebaut und die Zahlen der Menschenrechtsverletzungen steigen stetig. Dies ist das beschämende Gesicht des humanitären Europas, das den Friedensnobelpreis 2012 bekam.

Arno Tanner, 1995, ist humanitärer Freiwilliger und Betreuer aus St.Gallen. Er war vom 14. bis 17. Februar in Calais.

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