Seine Erscheinung war legendär – in den letzten Jahren stark gebückt, gebrechlich, aber geistig hellwach, sah man ihn in den Strassen, fand ihn im Antiquariat am Paracelsusgässlein, das er bis zuletzt pflegte. Louis Ribaux war eine Institution. Seine 1974 eröffnete Buchhandlung, zuerst an der Bahnhofstrasse, später an der Vadianstrasse war Treffpunkt der Bücherfreunde, hier fanden regelmässige Autorenlesungen statt, hier war man eingeladen zum Stöbern wie später in seinem Antiquariat.
Das wundersame Bücher-Reich ist erst Ende letzten Jahres in einer Publikation gewürdigt worden. Louis Ribaux wurde an der Buchvernissage in St.Katharinen von einem zahlreichen Publikum gefeiert. Und Buchgestalter und Weggefährte Jost Hochuli sagte in seiner Festrede: «Bei Dir traf sich der kleinere Kreis jener, die nicht nur gelegentlich den gerade aktuellen Bestseller kaufen, sondern das in der Regel Wertvollere, das Entlegenere. Du hättest es einfacher haben, im Mainstream mitschwimmen, die Stapelware stapelweise verkaufen können. Du bist den beschwerlicheren Weg gegangen.»
Daneben engagierte sich Louis Ribaux in der Theatergenossenschaft und im Kunstverein, politisierte im Stadt- und Kantonsparlament als Liberaler alter (sozialer) Schule und focht dort, so noch einmal Hochuli, mit seinem Fraktionskollegen Hans Christoph Binswanger «einige Kämpfe» aus: «Ihr standet oft alleine da, auf dem etwas unbequemen Platz zwischen allen Stühlen – für die Linken ward Ihr zu rechts, für die Rechten zu links.»
«Ich lese, also bin ich», steht als Motto auf der heute Donnerstag publizierten Todesanzeige. Zu diesem Selbstverständnis des Buchmenschen hat Louis Ribaux im Sommer 2014 für das Kulturmagazin Obacht den nachstehenden Text verfasst. Anlass war seine Teilnahme an der Ausserrhoder Kulturlandsgemeinde, die sich mit dem Thema «Mitten am Rand» beschäftigte und an der Ribaux als Podiumsteilnehmer dabei war.
Louis Ribaux in seinem Antiquariat am Paracelsusgässlein. Bilder: Brigitte Schuster
Louis Ribaux: Mitten drin in der Welt der Literatur
Das Motto «Mitten am Rand» betrifft uns als Gemeinschaft, aber auch als Individuen. Letztlich geht es um existentielle Fragen wie Zentrum oder Peripherie? Assimilation, Integration oder Ausgrenzung? Dies sind nicht lokale Probleme, sondern (inter-) nationale, besonders wenn wir an die wachsende Weltbevölkerung und die neue Völkerwanderung denken. Menschenwürde, Gerechtigkeit und Frieden stehen auf dem Spiel. Die Weltstädte wachsen unkontrollierbar, während ganze Landstriche versteppen und zu Wüsten werden. Man kann nach weltweit gültigen Lösungen suchen; tatsächlich aber werden zunächst nur Einzelne nachhaltige Veränderungen bewirken. Der Aufruf gilt auch für mich!
Ich? Bin ich ein zuverlässiger Zeuge? Zugegeben: Ich stehe ganz gerne mitten drin im Gewühl, denn – kühn gesagt – wo ich bin, da ist Mitte. Keine brauchbaren Erkenntnisse ohne Beteiligung des Ich? Man rangelt ein bisschen nach links und nach rechts, nach vorne und nach hinten – und man steht plötzlich mit dem Rücken zur Wand. Wie lange wird es dauern, bis die Gesellschaft dich gänzlich weggedrängt hat? Oder bleibt man, bei allen Zugehörigkeiten, Einzelgänger, Einzelgängerin, mehr oder weniger unbeirrt einen eigenen Weg gehend? Und finde ich nicht zuweilen Gesetze, die nicht nur für mich, sondern auch für andere gültig sind? «De telles lois nous serviront d’instruments de navigation», hat Jean François Billeter gesagt.
Die Metapher «Mitten am Rand» erweist sich somit als wirkungsvolle Metapher, die sowohl die Gesellschaft wie das Individuum engagiert. Zwar bin ich stark geprägt vom Erbgut meiner Vorfahren und von deren geschichtlichen Erfahrungen. Aber mir wurde auch ein persönlicher Lebensauftrag zugewiesen, ein Schicksal, das ich an niemanden delegieren kann. Um mir diese Lebenstatsache vor Augen zu halten, denke ich gerne an das Bild der carte blanche: ein unbeschriebenes Blatt, in das meine Taten eingeritzt werden.
Dies bedenkend wurde ich gewahr, dass die Metapher «Mitten am Rand» für mich von besonderer Bedeutung ist: Sie wirkte – ohne dass ich sie wörtlich kannte – schon bei der Wahl meines Berufs als Buchhändler und Antiquar! Wer es «hauptamtlich» mit Büchern zu tun hat, arbeitet mit einem Medium, das von Anfang an am Rande der Interessen vieler Menschen steht: dem Buch. Bücher waren zu allen Zeiten schwer verkäufliche Nebensachen, die man, endlich doch zum Erwerb entschlossen, immer noch nicht besass: erst wenn ich sie lese, werden sie mein «Besitztum». Anderseits: Wer mit Büchern, alten und neuen, handelt, gerät unwillkürlich in eine schwindeleregende Stimmung, spürt ein Abgehobensein «mitten drin in der Welt der Literatur».
Diese Ereignisse, diese wunderbaren Leseerfahrungen dank Büchern, wollte ich unbedingt auch andern Menschen vermitteln. Das war die innerste Motivation bei der Berufswahl Buchhändler, später auch Antiquar zu werden. Weitergeben wurde zu meiner lebenslangen Devise. Sie galt nicht nur im Bücherladen, sondern auch während den 20 Jahren meiner nebenberuflicher Tätigkeit als Gemeinde- und Kantonsrat.
Mitten drin – und doch versteckt? Die Metapher trifft auch für mein Bücherantiquariat an der Webergasse, genauer im Paracelsusgässchen zu. Man findet es, wenn man es wirklich sucht, in der Nähe nobler Altstadtgassen und des Klosters in einem ehemaligen Wäschehaus – gefunden wird es von Menschen mit dem besonderen (angeborenen) Flair für Literatur.
«Mitten am Rand» – eine treffliche Metapher für viele Lebensbereiche.
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