Kategorie
Autor:innen
Jahr

Zeitreise im Kunstmuseum

13'000 Quadratmeter sind es nicht, wie im künftigen Kunsthaus Zürich. Aber immerhin fast 2400 – und damit das Doppelte der vorherigen Ausstellungsfläche. Was das Kunstmuseum St.Gallen damit macht, ist jetzt in der neuen Sammlungsschau «Endlich!» zu sehen.
Von  Peter Surber
Bilder: Daniel Ammann

Plötzlich diese Fülle. An irgendetwas muss man sich halten, bei der Menge der «alten Schinken». Irgendwo bleibt man, zum Glück, hängen. Alles seriös zu besichtigen und sich ein Urteil zu bilden, wäre unmöglich. Rund hundert Bilder und ein paar Skulpturen versammelt die Ausstellung «Endlich – Glanzlichter der Sammlung» im Kunstmuseum St.Gallen. Sie nimmt das ganze Erdgeschoss in Beschlag, als Dauerausstellung, wie sie dank dem Auszug des Naturmuseums aus dem Kunklerbau erstmals möglich geworden ist. Man kann also wiederkommen.

Besuch bei Keller und Högger

Zuhinterst bin ich hängen geblieben: bei Gottfried Keller. Der Dichter war, bevor er Dichter wurde, Maler oder in seinen eigenen Worten: «Landschafter». Ein Beispiel davon hängt in der Sammlung: Ausblick vom Hottingerberg ins Limmattal, 1842 entstanden, ein Bild, das zwei föhrenartige Riesenbäume zeigt, eine arkadische Landschaft, leicht südländisch angehaucht, man hätte sie gern in der eigenen Stube.

An der Wand daneben dreimal Spitzweg, in der Mitte sein grossartiger Eremit. Und wieder ums Eck Watzmann von Andreas Renatus Högger, dem legendenumrankten St.Galler Maler und Erfinder (1808-1854), unter dessen Name (als Pseudonym) sich der frühere Kunstmuseums-Konservator Rudolf Hanhart einst allerhand Spuk hat einfallen lassen.

Eine leise Verneigung vor Hanhart passt gut zum Anlass – er hatte das Museum durch die «museumslosen» Jahre (1970-1987) vor dem Umbau durchgetragen und den traditionellen Kunsthorizont unter anderem mit dem Einbezug der Bauernmalerei entscheidend erweitert. Auch davon zeigt die jetzige Ausstellung einige Beispiele.

Hodler bewundern oder links liegen lassen: Das Lied aus der Ferne.

Keller und Högger sind Teil der «Schweizer Fraktion» im Museum, deren zeitlichen Abschluss die Giacomettis und Hodler bilden. Von letzterem ist das symbolistische Zentralwerk Das Lied aus der Ferne von 1906 zu sehen, daneben auch der Thunersee mit Stockhornkette: eines von zwei Bildern mit langer juristischer Raubkunst-Vorgeschichte.

Im Fall Hodler streiten sich die Charlotte-und-Simon-Frick-Stiftung und der Gerta Silberberg Trust um das Erbe. Im Fall der Odalisque von Camille Corot wurde eine einvernehmliche Lösung mit den früheren, von den Nazis ihrer Bilder beraubten Besitzern gefunden: Es gehört heute den Kunstmuseen von Basel und St.Gallen gemeinsam. Aktuell hängt es hier.

Die Puzzlesteine der Sammlung

Geschichten aus der Geschichte der Sammlung wie diese gibt es zahllose. Einige waren an der Vernissage zu hören von Direktor Roland Wäspe und dem Kurator der Altmeister, Matthias Wohlgemuth. So der Preis des unbestrittenen Stars der Sammlung, Monets Palazzo Contarini: Kunsthändler Fritz Nathan hatte ihn 1950 für gerade einmal 30’000 Franken nach St.Gallen vermittelt. Oder die Querelen um den Ankauf eines Gemäldes von Anselm Feuerbach im 19. Jahrhundert, die fast zwei Jahrzehnte dauerten.

Oder die Anekdote um die Sammlung von Marie Müller-Guarneri: Die Erblasserin hatte es im Testament versäumt, zu deklarieren, ob die Stadt oder die Ortsbürgergemeinde die Bilder erben sollte. Eine Stiftung brachte schliesslich die Lösung, sie ist seither eine der Säulen der Anschaffungspolitik des Museums.

Federico Baroccis Heiliger Sebastian (links), der einzige Barocci in einem Schweizer Museum.

Von der Marienkrönung (um 1500) bis zur Zeitenwende 1900 führt der Rundgang, dazwischen breiten sich die Landschaften, Stilleben und Porträts der niederländischen Altmeister aus. Es folgen Romantik und Realismus, deutscher und französischer Impressionismus mit den «St.Galler Sisleys», mit zwei gewaltigen Naturschauspielen von Courbet, mit Monet und anderen, und schliesslich der Schweizer Schwerpunkt in den hinteren, neu hinzugewonnenen Räumen. Etwa um 1900 bricht die Ausstellung ab; zu einem späteren Zeitpunkt soll das 20. Jahrhundert ebenfalls seinen Platz erhalten.

Endlich – Glanzlichter der Sammlung

Tour du Patron: Mi 25. Januar, 18.30 Uhr
400 Jahre in 60 Minuten: So 5. Februar 13 Uhr
Kunstmuseum St.Gallen

Mit der neuen Dauerausstellung kommen kunstgeschichtlich Interessierte «endlich» auf ihre Rechnung. Sie bietet einen Streifzug durch vier Jahrhunderte europäischer Kunst. Es fehlen, erklärtermassen, noch die Bezüge zur Gegenwart. Wer sich Fragen nach der Relevanz dieser vergangenen Zeiten für heute stellt, wer in der Schau mehr als eine Ansammlung staunenswerter Malkunst von einst sehen will: Der nimmt sich am besten viel Zeit. Oder bleibt hier und dort hängen. Oder besucht eine Führung (wie sie zum Beispiel diesen Mittwoch angeboten wird).

Bürgersinn, 140 Jahre danach

Das Kunstmuseum wurde bei seiner Errichtung 1877 gefeiert als «Manifestation des Bürgersinns». In seiner Vernissagenrede wünschte sich Roland Wäspe eine neuerliche solche Manifestation: für den Umbau des Kunklerbaus. Das Projekt dazu ist vorhanden, für die Finanzierung braucht es den politischen Willen und Überzeugungsarbeit bei der Bevölkerung. Daran erinnerte Stadtpräsident Thomas Scheitlin: Das sei der letzte noch nötige Schritt für die Vollendung des Plans «3 Museen – 3 Häuser».

Und es sei entscheidend für die Positionierung St.Gallens als Kunststadt. St.Gallen stehe im Wettbewerb mit anderen Städten um die besten Arbeitskräfte und Unternehmungen – diese orientierten sich an der Attraktivität einer Stadt, und dafür wiederum sei ein ausgezeichnetes Kulturangebot entscheidend.

Dass Stadt und Staat dafür genug Geld brauchen, und dass am 12. Februar ein Nein zur USR III dazu beitragen könnte, den Staat nicht zugunsten der Wirtschaft weiter zu schwächen: Das sagte Scheitlin nicht.

Mehr zum Kunstmuseum, zur Sammlung, zum geplanten Umbau und zu den Erwartungen der Ostschweizer Kunstszene: im Themenschwerpunkt des Februarhefts von Saiten.

Marmornymphe mit Besucherinnen, im Hintergrund Spitzwegs Eremit.

 

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3.

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40