Zwischen Nische und anspruchsvollem «Mainstream»
In diesem Jahr feiern gleich zwei Jazz-Institutionen aus der Region einen runden Geburtstag: Der Jazzclub Lustenau wird 50, und Gambrinus Jazz in St.Gallen feiert das 30-Jahr-Jubiläum. Mit Leidenschaft und sorgfältig kuratierten Programmen zeigen ihre Organisator:innen, dass Jazz auch fernab der grossen Metropolen pulsiert.
Fred Anderson, 1980 im Jazzclub Lustenau (Bilder: pd)
Walter Weber erinnert sich gut an die Zeit, als Jazz in der Ostschweiz noch ziemlich verstaubt, langweilig und steif war. In den frühen 80er-Jahren besuchte er zusammen mit seinem Bruder ein Jazzkonzert in einer Turnhalle in St.Gallen. «Ich stand da, trank ein Sinalco und dachte mir: Was ist denn das für ein komisches Konzert?» Kurze Zeit später entdeckte er 1984 ennet der Grenze in Lustenau den Jazzclub. «Als ich zum ersten Mal da war, spielte das Lou Donaldson Quartet aus den USA. Ich war sofort begeistert.» Noch am selben Abend fragte Weber, ob er beim Club mithelfen dürfe.
Zwischen 1975 und 1987 fanden die Konzerte noch in der Linde Lustenau statt. Seit 1987 hat der Jazzclub eine feste Bleibe an seinem heutigen Standort an der Rheinstrasse – dort, wo sich zuvor bis in die frühen 80er Österreichs erster und berüchtigtster Jugendtreffpunkt befand.
Unzählige Musiker:innen und internationale Stars bespielten seither die Bühne: Michel Petrucciani, Tom Harrell, Sun Ra – «ein verrückter Typ, der behauptete, er käme vom Saturn» – oder Elvin Jones. «Wir machen alles aus Leidenschaft», sagt Weber. Das Programm wird sorgfältig ausgewählt; das Publikum könne deshalb fast blind vertrauen.
Auf der Schweizer Seite des Rheins setzen die Veranstalter:innen der Gambrinus-Konzerte seit mittlerweile drei Jahrzehnten ebenfalls auf ein vielfältig kuratiertes Programm. Entstanden ist die Konzertreihe von Suzanne Bertényi und Hector «Gato» Zemma sel. 1995 im gleichnamigen Restaurant Gambrinus, das damals als Treffpunkt für Musikliebhaber:innen diente und auf dessen Grundstück heute das Kongresszentrum des Hotels Einstein steht.
Meet & Greet – 30 Jahre Gambrinus Jazz Plus: 16. November, 10:30 Uhr, Industrie36, Rorschach.
gambrinus.ch
jazzclub.at
«Wir holen Top-Acts aus dem In- und Ausland in die Ostschweiz. Ich denke, unser Programm kann sich landesweit sehen lassen», sagt Andreas B. Müller, Organisator und Präsident des Vereins Gambrinus Jazz Plus (GJP). «Wichtig ist uns, dass die Konzerte das Publikum emotional und seelisch berühren und zugleich reichlich Groove bieten.» Intellektueller oder sogar politischer Jazz habe zwar auch Platz, aber nur, wenn auch Herz und Gefühle berührt würden.
Obwohl der Begriff «Mainstream» einen etwas negativen Beigeschmack habe, verortet Müller die Gambrinus-Konzerte dennoch eher in diesem Bereich. Oder anders gesagt: «Wir machen weltbekannte Künstler:innen, die in einer Nische sind, für ein breiteres Publikum hörbar, ohne dabei ins Seichte abzudriften.» Für experimentelle und intellektuelle Klänge sei in St. Gallen bereits gesorgt: Sandro Heule und Patrick Kessler, die unter dem Namen Amboss und Steigbügel eigene Konzertreihen organisieren, decken diese Nische hervorragend ab.
Im Gegensatz zum Jazzclub Lustenau hat der Verein GJP keinen festen Club, sondern nutzt unterschiedliche Locations und Bühnen – vom Kult-Bau über Opus278 bis zum Bistro im Hotel Einstein. «Ein Club in St.Gallen wäre zwar toll, ist aber illusorisch, weil die Stadt zu klein ist», vermutet Müller. Seit dem Aus für die Jazzschule St. Gallen 2011 fehlten in der Stadt ein Treffpunkt und die Ausbildung junger Jazz-Talente. Um einen rentablen Club zu betreiben, bräuchte es ein finanzielles Bekenntnis der Stadt St.Gallen oder Geld von Mäzenen.
Im Vergleich dazu ist die Finanzierung in Lustenau ziemlich komfortabel. Bereits 1975 habe der damalige Bürgermeister die Programmmacher:innen grosszügig und unkompliziert unterstützt, erzählt Walter Weber. «Wenn ihr Verlust macht, kommt zu mir», soll der Bürgermeister den Jugendlichen damals gesagt haben. Bis heute wird der Jazzclub Lustenau von der Gemeinde und dem Land Vorarlberg unterstützt. «In Vorarlberg sowie generell in Österreich wird Kultur sehr grosszügig gefördert; in der Schweiz wäre das in diesem Ausmass nicht denkbar», erklärt Weber, der in St.Gallen aufgewachsen ist und seit den 1990er-Jahren in Vorarlberg lebt.
Seit Weber für den Jazzclub tätig ist, haben sich das Genre und die gesamte Kultur rasant gewandelt: «Vor allem Formationen und Musiker aus den USA haben früher ihre Auftritte oft verspätet begonnen oder sie waren betrunken. Das hat sich total geändert – heute sind alle straight, pünktlich und professionell.» Geändert haben sich auch die Geschlechterverhältnisse. «Generell gibt es heute deutlich mehr Frauen im Jazz. Wir achten bewusst darauf, Frauen im Programm zu haben», so Weber.
Die Förderung von Frauen erachtet auch Andreas B. Müller von GJP als Ziel; primär sei aber die Qualität entscheidend. «Wir wollen keine Frauenquote, in erster Linie zählen Inhalte und Qualität. Wenn beides stimmt, dann sehr gerne Frauen», so Müller, der seit Ende der 2000er beim Verein GJP dabei ist. Mit der Konzertreihe «St. Galler Spitzen» versuche GJP indirekt, junge Frauen zu fördern.
Chet Baker (rechts mit Trompete), 1979, Jazzclub Lustenau
Sendecki & Spiegel, 2023, Gambrinus
Walter Weber ergänzt: Man dürfe sich keine Illusionen machen, Jazz sei zu 80 Prozent noch immer eine Männerdomäne. Dennoch war Lustenau noch vor ihrem Durchbruch Sprungbrett für heute international bekannte Künstlerinnen: So traten beispielsweise die Kanadierin Diana Krall oder die Japanerin Hiromi Uehara bereits als junge Frauen zu Beginn ihrer Karrieren auf.
«Lustenau und wir haben ein treues Stammpublikum – Lustenau hat vielleicht sogar noch ein leicht grösseres Stammpublikum –, während bei uns in St. Gallen an unterschiedlichen Standorten oft auch unterschiedliche Leute kommen», stellt Müller fest. Generell sei das Publikum in der Ostschweiz aber preissensibler als anderswo. Während Leute in Basel für ein Konzert fraglos 80 Franken zahlten, liege die Schmerzgrenze für denselben Auftritt beim Publikum in St. Gallen bei 45 Franken. Dennoch sind die Konzerte immer wieder gut besucht. Bei grösseren und bekannteren Künstler:innen kommt das Publikum auch von weit ausserhalb der Ostschweiz. Für Events, bei denen mehr Publikum erwartet wird, nutzt der Verein GJP oft die Bühne von Industrie36 in Rorschach.
Walter Weber stellt in letzter Zeit sogar wieder eine Zunahme des Publikums fest: Es seien vermehrt Konzerte ausverkauft, oder er müsse aus Platzmangel sogar Leute wegschicken. «Dieses Phänomen hat mir kürzlich ein Pianist bestätigt, der ebenfalls eine Zunahme des Publikums festgestellt hat.» Die Rückkehr des Publikums nach dem Corona-Knick wäre den beiden Veranstaltern und den Künstler:innen zu gönnen.
Zweimal Jazz in Rorschach
Der St.Galler Jazzveranstalter Gambrinus holt Anfang Juni das Josh Smith Trio mit bluesigem Gitarrensound und den britischen Neo-Soul-Sänger Tony Momrelle nach Rorschach.
Die Veranstalter von Amboss & Steigbügel bringen – teils in Kooperation mit dem Palace – gleich mehrere Schmankerl auf die St.Galler Bühnen. Headliner dieses kleinen, inoffiziellen Jazzfrühlings ist das legendäre Sun Ra Arkestra.
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?