Raffael (Name geändert) hat seit zwei Tagen nicht mehr geschlafen. Sein Blick ist glasig, die Augen ruhelos, die Hände unruhig, der ganze Körper unter Spannung. Er spricht verlangsamt, gleichzeitig aber gehetzt. Und erzählt, wie Crack die Kontrolle über sein Leben übernahm.
Seit ich 16 bin, bin ich cracksüchtig. Ich bin durch Netflix damit in Kontakt gekommen. In einer Serie wurde gezeigt, wie man es zubereitet. Ich hatte Koks im Zimmer und dachte, ich probiere das mal aus. Anfangs rauchte ich Crack, dann habe ich angefangen Freebase zu rauchen und bin schliesslich aufs Spritzen umgestiegen. So reicht die gleiche Menge Kokain länger, weil die Dosen kleiner sind. Seit einem Monat bin ich zum wiederholten Mal weg von der Spritze und wieder am Basen.
Ich bekomme alle zwei Wochen 800 Franken. Von wem, will ich nicht sagen. Das ganze Geld gebe ich gleich wieder für Kokain aus, zehn Gramm. Das reichte früher für einen Monat oder sogar zwei, heute reicht es noch für drei, vier Tage. Danach muss ich zehn Tage warten, bis wieder Geld für neuen Stoff da ist. Diese zehn Tage sind die Hölle. Du willst den ganzen Tag nur schlafen, kannst aber nicht, hast Alpträume, du bist unruhig, läufst die ganze Zeit im Kreis, du schaust permanent auf die Uhr und zählst die Stunden und Minuten, bis wieder Geld da ist, du musst dich ablenken, Hauptsache die Zeit geht irgendwie rum und du bekommst möglichst wenig mit. So vergehen Jahre. Und alles nur, um während fünf, vielleicht zehn Minuten einen Flash zu haben.
Das ist dann wie ein Zug, der durch deinen Kopf fährt. Es betäubt dich komplett. Der Rausch macht dich so süchtig, dass du gleich den nächsten brauchst. Denn sobald er weg ist, fühlt es sich an wie ein Loch in deinem Magen. Du musst dieses Loch wieder füllen. Sonst fällst du selbst ins Loch, das dauert Stunden. Also rauchst du eine Dosis nach der anderen. Du weisst zwar, dass dieses Loch früher oder später ohnehin kommen wird, wenn du keinen Stoff mehr hast. Du siehst, dass er immer weniger wird, aber du ignorierst es einfach und redest dir ein, dass noch genug da ist. Es ist ein riesiger Teufelskreis.
Ich kenne gar nichts anderes. Das Kokain ist das Einzige, das immer für mich da war, wenn es mir gut ging und wenn es mir scheisse ging. Es ist immer da. Mir ist bewusst, dass ich mir alles versaue, und ich sehe, wie mein Leben vorbeisaust. Andere haben Jobs, Familie, ein Auto, und ich sitze im Zimmer und konsumiere Freebase. Je länger man auf diesem Weg ist, desto schwieriger wird es, auf einen normalen Weg zu kommen. Und dadurch, dass ich seit 13 auf der Strasse war oder bin, kenne ich einen anderen Weg eigentlich gar nicht. Mittlerweile habe ich auch die Unterstützung der Eltern, aber es ist zu spät.
Meine Mutter hat mich mit 13 aus der Wohnung geschmissen, wegen dem Kiffen. Von da an musste ich selber überleben. Ich lebte auf der Strasse und schlief am Bahnhof, unter der Brücke, bei Kollegen … überall, wo sich eine Möglichkeit bot. So bin ich in die Drogen reingekommen. Und der einzige Weg, mir etwas Essen kaufen zu können, war der Drogenhandel. Die Winter auf der Strasse waren hart. Die Drogen gaben mir Wärme, sie gaben mir Zeit zu vergessen, dass ich auf der Strasse war. Ich ging an Goa-Partys, nahm MDMA, LSD, alles Mögliche. Dann kam das Koks, und das hat mir alles versaut. Es ist die teuerste Droge, die es auf dem Markt gibt. Du machst alles, um irgendwie an Geld zu kommen. Der Flash ist nach wenigen Minuten vorbei. Bei allen anderen Drogen dauert er viel länger, bei Heroin vier Stunden, bei Crystal Meth fünf Stunden. Irgendwann brauchst du so viel Koks, dass du gar nicht realisierst, wie viel Geld du dafür ausgibst. Erst später wird dir bewusst, was du stattdessen mit dem Geld alles machen könntest. Trotzdem machst du immer weiter.
Wenn ich mal zwei Wochen nüchtern bin, merke ich, dass ich wieder anfange zu fühlen und normal zu denken. Aber sonst ist dir alles egal, du brauchst dieses Gefühl: Ich will einfach meinen Problemen aus dem Weg gehen. Du setzt dein Leben aufs Spiel für diese fünf Minuten Rausch, obwohl du weisst, wenn nichts mehr da ist, holt dich die Realität wieder ein.
Später, so mit 16, 17 Jahren, lebte ich wieder in einer Wohnung. Damals habe ich täglich für 800 Franken Crack konsumiert, also jeden Tag zehn Gramm verraucht. Das Geld habe ich mit Dealen aufgetrieben. Einmal kam meine Mutter bei mir vorbei. Ich hatte meine Wohnung komplett vernachlässigt und ziemlich viele Viecher in der Hütte, alles war verschimmelt. Ich selber hatte das gar nicht realisiert. In so einer Situation ist dir alles scheissegal, Hauptsache, die nächste Dosis kommt. Meine Mutter leitete dann eine fürsorgerische Unterbringung in die Wege. Ich war neun Monate in einer Klinik. Sie wollten mich sogar noch länger einsperren, aber selbst meine Eltern haben dann gefunden, dass das nichts bringt. Ich habe einfach weiterhin Crack geraucht, auch in den anderen Anstalten, in denen ich später war. Irgendwie bin ich immer an den Stoff gekommen.
Bei einem Heroinentzug kann man Opiate oder Medikamente nehmen. Beim Koks gibt es nichts, was beim Entzug hilft. Und die Selbststärke zu haben, während zwei, drei Monaten darauf zu verzichten, ist sehr schwierig. Sobald etwas passiert, ist man gleich wieder drin. Ich habe mich damit abgefunden, dass ich mit dem Basen nicht aufhören kann. Ich habe mir vorgenommen, den ganzen Sommer über nicht zu spritzen und mein Leben nicht zu riskieren. Beim Spritzen kann so viel schiefgehen, obwohl ich eine Technik beherrsche, die weniger gefährlich ist für den Körper. Ich will stattdessen langsam wieder ein Wohlgefühl beim Basen entwickeln. Ich habe eine so hohe Toleranz, dass ich sehr viel brauche, um überhaupt etwas zu merken. Beim Basen kann ich praktisch keine Überdosis haben. Freebase ist für mich wie für andere Zigaretten oder ein Joint.
Die Familie unterstützt mich, aber sie brauchen auch Abstand, meine Situation geht ihnen sehr nahe. Das verstehe ich. Und es ist schwierig, normale Leute kennenzulernen. Für sie bin ich ein Junkie, sie wollen nichts mit mir zu tun haben. Das Einzige, was mich rausholen könnte, wäre eine Beziehung, etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Eine Freundin, für die ich in eine Klink gehen würde. Denn ich bin mir selber zu wenig wert, um aus dem ganzen Dreck rauszukommen. Ich muss lernen, mir selber Kraft zu geben, um zu merken, dass ich niemanden brauche. Das wird mir erst jetzt bewusst. Ich habe niemanden, der mir dabei hilft. Das ist ein Kampf, den man mit sich selbst führen muss. Da nützt auch reden nicht viel, es zieht mich vielmehr runter. Ich habe ohnehin Depressionen. Deshalb versuche ich es zu ignorieren.
Meine Geldquelle wird vielleicht noch 10-15 Jahre da sein. Mein Ziel ist es deshalb, bis dahin so viel Geld zu haben, dass ich den Stoff selber finanzieren kann. Und dass ich mir auch mal etwas anderes leisten kann. Zum Beispiel die Töffprüfung oder Ferien.
Heute bin ich in einer stabilen Wohnsituation und konnte die menschenunwürdigen Zustände hinter mir lassen. Ich lebe von Tag zu Tag. Aber ich habe auch Träume. Ich produziere eigene Psy-Trance-Goa-Tracks. Inzwischen habe ich drei, wenn ich sieben, acht Tracks hätte, könnte ich jedes Wochenende irgendwo auflegen, überall, auch im Ausland. Ich habe gute Kontakte in die Goa-Szene. Deshalb weiss ich, dass mir das eine Perspektive geben würde. Im Sommer wird mein Computer repariert sein, dann kann ich weiter an der Musik arbeiten. Ich wünsche mir, dass ich von meinem Hobby leben kann und ich so mein Glück finde. Und anstatt nur in der Vergangenheit zu stecken und an ihr rumzuheulen, versuchen kann, in die Zukunft zu schauen.
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