Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Hey, ich bin gsund, huere siech»

Zigis schnorren, Folien rauchen und am Leben verweifeln: Unterwegs mit Randständigen auf der Gasse. Die Fotoreportage von Oliver Baer.
Von  Gastbeitrag

baer1

 

Ich lerne Sven beim Bärenplatz kennen, zitternd, mit einem glühenden Stummel in der Hand steht er da. Ich strecke ihm eine neue Zigarette hin, er schaut mich verdutzt an und sagt überrascht: «Öh, danke vill mal…». Ich stelle mich ihm vor, schlage vor, dass wir zusammen einen Kaffee trinken, da es draussen saukalt ist. Wir machen uns auf den Weg ins McCafé beim Bohl. Ich bemerke die starren Blicke der Passanten, sie sind abwertend und misstrauisch. «Grosser oder kleiner Kaffee?» Er: «Ou, so en grossä wär mega lieb!»

 

baer2

 

Wir setzen uns, plaudern über Gott und die Welt, später auch über ihn. Ich erfahre, dass er 44 Jahre alt ist, Ex-Junkie, heute nur noch alle zwei bis drei Tage auf Methadon, wenn ers nicht mehr aushält. Sven ist gelernter Bodenleger und würde auch zu gern wieder auf diesem Beruf arbeiten. «Nur», sagt er, «du hast nicht mal die Chance, irgendwo auf Probe zu arbeiten.» Er macht dennoch einen sehr motivierten Eindruck, man spürt, dass er einen Ausweg aus seiner Anschlusslosigkeit sucht.

Sven lebt momentan vom Geld, das er vom Sozialamt bekommt. 100 Franken pro Woche, eine Nacht in der Notschlafstelle kostet 30 Franken… Da kann etwas nicht aufgehen, auch wenn das Amt einen Teil der Kosten übernimmt. Das Betteln ist ein Mittel zum Zweck, sagt er, und versichert mir: «Ich mache nur so viel, dass es fürs Schlafen reicht.» Draussen schlafen, wenns nass ist, «das ist der Horror!», sagt er. Das Traurigste sei, dass sogar seine Verwandten, viele in der Region St.Gallen wohnhaft, ihn fallen gelassen hätten. Auf der Strasse sei er durch einen Nervenzusammenbruch gelandet. Dann wurde bei ihm eine Hyperschizophrenie diagnostiziert, das aber in der Zeit, als er noch «voll druff» war. Heute sagt er: «Hey, ich bin gsund, huere siech! I han halt eifach immer no mit em Entzug z’kämpfe, aber susch bini zwäg!»

 

baer3

 

«Du, hesch mer etz die 20 Stutz?», fragt ein weiterer Randständiger, als er uns im McCafé sitzen sieht. Ich schaue ihn an und sehe: das zweite Schicksal an diesem kalten Tag. Reto (Name geändert), 26, «Jugo», wie er sagt. Er schaut mich etwas irritiert an und fragt mich, was ich mit Sven hier mache. «Eine Foto-Reportage über Heimatlose in St.Gallen», erkläre ich.

 

baer4

 

Reto wirkt nervös, unruhig. Ich frage ihn, ob er konsumiert, und er meint: «Ohne Drogen wüsste ich nicht, was ich mit mir anfangen soll.» Er müsse sich nachher was geben, sonst komme es nicht gut. Ich frage – und es ist mir recht unangenehm, weil ich Drogen so noch nie live gesehen habe –, ob ich dabei fotografieren dürfe. Überraschenderweise willigt er sofort ein. Auf dem Weg zum Waaghaus erzählt mir Reto, dass er manchmal bei Kollegen unterkommt, ansonsten aber auch draussen pennt. «Bevor ich Geld für die Notschlafstelle ausgebe», sagt er, «kauf’ ich mir lieber einen Schuss oder eine Folie.»

 

baer5

 

Wir gehen in diese enge Toilette beim Platztor. Reto fragt mich, ob das Licht für mich gut sei und ich verstehe für einen Moment die Welt nicht mehr. «Alles easy, passt», sage ich. Er packt das Heroin aus, präpariert seine Folie und fragt unvermittelt: «Ou, fuck, hesch es Fürzüg?». Ich gebe ihm Feuer, er zündet sich eine Zigi an, schiebt sich danach das Aluröhrchen in den Mund und zieht sich den Dampf tief in die Lungen. Der ganze Raum riecht süsslich. Aber davon darf ich mich jetzt nicht abhalten lassen, ich muss mich darauf konzentrieren, diesen Moment festzuhalten. Fotografie ist ein Spiegel der Realität. Reto zittert, entspannt sich und zittert wieder. Es muss ein einziges Wechselbad sein. Ich gehe raus und lasse ihn in Ruhe fertig konsumieren. Als er das WC wieder verlässt, kommt er mir vor wie ein anderer Mensch.

 

baer6

 

Oliver Baer, 1988, ist freischaffender Fotograf und lebt in Arbon. Bilder von ihm sind noch bis Dienstag, 13. Januar 2015 an der photo 15 in der Zürcher Maag Halle zu sehen. Weitere Infos: photo-schweiz.ch, oliverbaer.ch.

Dieser Foto-Report erschien im Januar-Heft von Saiten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich – Ge­lingt auch der Start in die Meis­ter­schaft?

Nach dem sen­sa­tio­nel­len Sieg ge­gen Ben­fi­ca steht für den FC St.Gal­len das ers­te Li­ga­heim­spiel auf dem Pro­gramm. Wie star­ten die Es­pen in die Sai­son? Das Spiel live ab 16.30 Uhr im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat