Ich lerne Sven beim Bärenplatz kennen, zitternd, mit einem glühenden Stummel in der Hand steht er da. Ich strecke ihm eine neue Zigarette hin, er schaut mich verdutzt an und sagt überrascht: «Öh, danke vill mal…». Ich stelle mich ihm vor, schlage vor, dass wir zusammen einen Kaffee trinken, da es draussen saukalt ist. Wir machen uns auf den Weg ins McCafé beim Bohl. Ich bemerke die starren Blicke der Passanten, sie sind abwertend und misstrauisch. «Grosser oder kleiner Kaffee?» Er: «Ou, so en grossä wär mega lieb!»
Wir setzen uns, plaudern über Gott und die Welt, später auch über ihn. Ich erfahre, dass er 44 Jahre alt ist, Ex-Junkie, heute nur noch alle zwei bis drei Tage auf Methadon, wenn ers nicht mehr aushält. Sven ist gelernter Bodenleger und würde auch zu gern wieder auf diesem Beruf arbeiten. «Nur», sagt er, «du hast nicht mal die Chance, irgendwo auf Probe zu arbeiten.» Er macht dennoch einen sehr motivierten Eindruck, man spürt, dass er einen Ausweg aus seiner Anschlusslosigkeit sucht.
Sven lebt momentan vom Geld, das er vom Sozialamt bekommt. 100 Franken pro Woche, eine Nacht in der Notschlafstelle kostet 30 Franken… Da kann etwas nicht aufgehen, auch wenn das Amt einen Teil der Kosten übernimmt. Das Betteln ist ein Mittel zum Zweck, sagt er, und versichert mir: «Ich mache nur so viel, dass es fürs Schlafen reicht.» Draussen schlafen, wenns nass ist, «das ist der Horror!», sagt er. Das Traurigste sei, dass sogar seine Verwandten, viele in der Region St.Gallen wohnhaft, ihn fallen gelassen hätten. Auf der Strasse sei er durch einen Nervenzusammenbruch gelandet. Dann wurde bei ihm eine Hyperschizophrenie diagnostiziert, das aber in der Zeit, als er noch «voll druff» war. Heute sagt er: «Hey, ich bin gsund, huere siech! I han halt eifach immer no mit em Entzug z’kämpfe, aber susch bini zwäg!»
«Du, hesch mer etz die 20 Stutz?», fragt ein weiterer Randständiger, als er uns im McCafé sitzen sieht. Ich schaue ihn an und sehe: das zweite Schicksal an diesem kalten Tag. Reto (Name geändert), 26, «Jugo», wie er sagt. Er schaut mich etwas irritiert an und fragt mich, was ich mit Sven hier mache. «Eine Foto-Reportage über Heimatlose in St.Gallen», erkläre ich.
Reto wirkt nervös, unruhig. Ich frage ihn, ob er konsumiert, und er meint: «Ohne Drogen wüsste ich nicht, was ich mit mir anfangen soll.» Er müsse sich nachher was geben, sonst komme es nicht gut. Ich frage – und es ist mir recht unangenehm, weil ich Drogen so noch nie live gesehen habe –, ob ich dabei fotografieren dürfe. Überraschenderweise willigt er sofort ein. Auf dem Weg zum Waaghaus erzählt mir Reto, dass er manchmal bei Kollegen unterkommt, ansonsten aber auch draussen pennt. «Bevor ich Geld für die Notschlafstelle ausgebe», sagt er, «kauf’ ich mir lieber einen Schuss oder eine Folie.»
Wir gehen in diese enge Toilette beim Platztor. Reto fragt mich, ob das Licht für mich gut sei und ich verstehe für einen Moment die Welt nicht mehr. «Alles easy, passt», sage ich. Er packt das Heroin aus, präpariert seine Folie und fragt unvermittelt: «Ou, fuck, hesch es Fürzüg?». Ich gebe ihm Feuer, er zündet sich eine Zigi an, schiebt sich danach das Aluröhrchen in den Mund und zieht sich den Dampf tief in die Lungen. Der ganze Raum riecht süsslich. Aber davon darf ich mich jetzt nicht abhalten lassen, ich muss mich darauf konzentrieren, diesen Moment festzuhalten. Fotografie ist ein Spiegel der Realität. Reto zittert, entspannt sich und zittert wieder. Es muss ein einziges Wechselbad sein. Ich gehe raus und lasse ihn in Ruhe fertig konsumieren. Als er das WC wieder verlässt, kommt er mir vor wie ein anderer Mensch.
Oliver Baer, 1988, ist freischaffender Fotograf und lebt in Arbon. Bilder von ihm sind noch bis Dienstag, 13. Januar 2015 an der photo 15 in der Zürcher Maag Halle zu sehen. Weitere Infos: photo-schweiz.ch, oliverbaer.ch.
Dieser Foto-Report erschien im Januar-Heft von Saiten.
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Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
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