Dass Gewürze grundsätzlich keine neutralen Zutaten sind, wissen wir ja spätestens dann, wenn wir genüsslich die Augen bei einem Rezept à la Grossmama oder einem «aromatischen Chanson» aus würzigem Schafskäse und süssen Feigen schliessen.
Das Reich der Gewürze ist dabei so vielfältig wie wir selbst. Sie unterscheiden sich in feinen Akzenten, in der prickelnden Wirkung. Gewisse lindern Herzschmerz, andere wirken aphrodisierend, wieder andere «tanzen einfach mit Leichtigkeit und Freude durchs Leben», schreibt Nanna Rittgardt in ihrem besonderen Kochbuch Kardamom küsst Tonka – Gewürze und ihre Geschichten. Immer wieder finden wir darin pikante Kombinationen aus unterschiedlichsten Kulturen, die mal eine Geschmacksexplosion entfachen oder vielleicht auch mal einen bitteren Geschmack hinterlassen. So lernen wir unermüdlich aus Erfahrungen und finden am Ende diejenigen, die wir gut riechen können.
Die Bühne gehört den Gewürzen
Die Unermüdlichste von allen, wenns um das Mischen neuer Düfte, Erfahrungen und Kulturen geht, ist Nanna Rittgardt, die seit 2011 den Gewürzladen «Nanna Bunte Küche» in der St.Galler Altstadt betreibt. In ihrem neuen, in Eigenregie herausgegebenen Buch Kardamom küsst Tonka – Gewürze und ihre Geschichten teilt sie nicht nur Rezepte im klassischen Sinne, sondern sinnliche Geschichten von und aus Gewürzen. «Für mich sind Gewürze lebendige Wesen, die eine Sprache sprechen als jene, die wir lernen dürfen», schreibt Nanna Rittgardt zu Beginn des Buches. Dieser Satz markiert die Grundbewegung des Buches. 40 Gewürze treten auf, sorgfältig gesetzt, jedes mit eigener Stimme, mit eigenem Wesen, eigenen Traditionen und Gaben. Das Konzept des Kochbuchs erinnert an den Animationsfilm Inside Out, in dem abstrakte Emotionen menschenähnlich dargestellt und zugänglich gemacht werden. Bei Rittgardt sind die Gewürze als kulturelles Gedächtnis, als Ausdruck von Identität und als Zugehörigkeit sozialer Akteur:innen zu verstehen.
Unterteilt werden die Gewürze in ganz spezifische Familien: Die Glücklichen, die Mutigen, die Scharfen, die Sehnsuchtsvollen, die Traditionellen, die Tröstenden und die Überraschenden. Und wie es so ist bei jeder Familie: Es ist ein bunter Haufen aus Individuen mit verschiedenen Vorlieben und Geschmäckern. Für all diese Gewürze gibt Nanna in ihrem Buch Verwendungstipps aus langjähriger Erfahrung, damit man sich nicht am einen oder anderen die Zunge verbrennt.
Kardamom küsst Tonka – Gewürze und ihre Geschichten ist harmonisch aufgebaut: Zu den verschiedenen Gewürzen findet sich jeweils eine Kurzgeschichte, die deren besonderen Eigenschaften vermittelt. Illustrationen aus der Feder von Masha Rittgardt, Nanna Rittgardts Tochter, begleiten die Erzählungen. Auf jede Kurzgeschichte folgt eine steckbriefartige Erzählung, wie beispielsweise Herr Zitronengras riecht und schmeckt, warum Herr Señor Chili oder Frau Galgant seine besten Freunde sind oder welche Superkräfte er besitzt. Gewürze werden mit viel Charme als Träger von Erinnerung, als Mittel, die eigene Wahrnehmung zu schärfen, dargestellt.
Inspiriert aus dem Leben
Die erste der würzigen Kurzgeschichten entstand bereits vor neun Jahren. Nach einer Lesung, die damals für viel Begeisterung und Faszination sorgte, war dann klar: Das ist der Anfang einer Reise in die tiefsten Winkel des Gewürzreiches – bis in Rittgardts Kindheit, denn schon ihre Grosseltern führten in der Nachkriegszeit in Wiesbaden einen Gewürzladen.
Rittgardts Kochbuch ist in gemeinsamer Arbeit mit ihrer Tochter Masha Rittgardt entstanden. Letztere war nicht nur für die herzerwärmenden Illustrationen verantwortlich, sondern auch für das bunte Layout des Werks, was diesem zusätzliche Wärme verleiht. Das Ergebnis ist ein künstlerisches Werk, das anregende Beziehungen herstellt: zwischen Gewürzen und Menschen, zwischen Erinnerung und Geschmack, zwischen Herkunft und Gegenwart. Es erzählt, was passiert, wenn Herr Fenchel und Frau Granatapfel miteinander flirten. Küsse werden gar nicht genug ausgetauscht bei so viel sinnlichem Genuss und zarter Verführung, zu denen uns unter anderem Herr Tonka im Buch einlädt.
Nannas umfassendes Wissen taucht beiläufig auf, eingebettet in Szenen und Erinnerungen. «Ich erlaube den Gewürzen, mich zu überraschen», schreibt sie im Buch, «sie dürfen dominant sein, sollen mich aber nicht überrumpeln.» Diese Haltung prägt auch den Ton des Buches: offen, einladend und reflektiert. Koloniale Kontexte werden nicht ausgeblendet, sondern stellenweise markiert. Der Anspruch des Buches ist nicht Vollständigkeit, sondern Transparenz und kunstvoller Genuss.
Kardamom küsst Tonka – Gewürze und ihre Geschichten gehört zu «Nannas Bunte Küche», aber ohne direkt über den Laden zu sprechen. Vielmehr ist das Werk Teil davon, so wie es die unzähligen Gespräche und Menschen sind, die sich über all die Jahre von der intensiven, kunterbunten Welt der Düfte ergreifen liessen. Die Kurzgeschichten sind sehr persönlich, fein zusammengemischt. Gespeist aus Rittgardts Begegnungen mit vielfältigen Kulturen und Gesichtern – in der bunten Küche, im Alltag, im Leben.
Nanna und Masha Rittgardt: Kardamom küsst Tonka – Gewürze und ihre Geschichten, Selbstverlag, St.Gallen 2025.
Lesung mit den Autorinnen: Dienstag, 10. Februar, 10 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost, St.Gallen.