Wer hat sich nicht schon mal diese Fragen gestellt: Wie wird man sich an mich erinnern, wenn ich nicht mehr lebe? Hätte ich in meiner Jugendzeit mehr rebellieren müssen? Und führe ich eigentlich das Leben, das ich immer führen wollte? Das sind wahrlich grosse Fragen, und wer bislang das Gefühl hatte, noch nicht ausreichend darüber nachgedacht zu haben, der bekommt nun neue Inspiration.
Denn die neue Sonderausstellung «Leben und Lassen» des Historischen Museums Thurgau im Alten Zeughaus Frauenfeld rückt diese und viele weitere Fragen in den Mittelpunkt. Es geht um nicht weniger als das Leben. In sechs den verschiedenen Lebensabschnitten – Geburt, Kindheit, Jugend, Lebensmitte, Alter und Tod – gewidmeten Räumen thematisiert die Ausstellung, wie Menschen in unterschiedlichen Zeiten und Kulturräumen Spuren hinterlassen. Wobei es das nicht präzise beschreibt, schliesslich geht es um viel mehr – um das Menschsein.
Die letzte Ausstellung hier ist sechs Jahre her
Sechs Jahre musste man auf eine neue Sonderausstellung des kantonalen Historischen Museums warten. Die Gründe dafür sind vielfältig, sie reichen von der Coronapandemie bis zur Thurgauer Kulturpolitik. 2020 zeigte das Museum eine Schau zu «Thurgauer Köpfen», zwei Jahre zuvor ging es bei «Schreck und Schraube» um die Industriegeschichte des Kantons. Ein Merkmal dieser Ausstellungen im historischen Gebäude des Alten Zeughauses war stets: Sie waren interaktiv, erlebnisreich und unterhaltsam.
An diese Tradition schliesst die neue Sonderausstellung über das Leben nahtlos an. Rund 120 Objekte werden gezeigt, erklärt und dienen dem grossen Ganzen – eine Erzählung über unser Leben zu kreieren. Eine Ausstellung über ein so allgemeines Thema zu machen, ist eine besondere Herausforderung. Einerseits ist es natürlich das unspektakulärste Thema, weil es so allgemein gültig ist. Gleichzeitig ist es ein extrem nahbares und niederschwelliges Thema, zu den Besonderheiten und Merkwürdigkeiten eines jeden Lebens hat jede:r einen Bezug.
Endlich wirklich barrierefrei
Die Kurator:innen Dominik Streiff und Petra Hornung haben sich dieser Aufgabe gestellt und aus der rund 60’000 Objekte umfassenden Sammlung des Museums eine kurzweilige Reise durch das menschliche Leben in verschiedenen Zeiten zusammengestellt – von der Geburt bis zum Tod. Eine gute Nachricht dazu lautet: Zum ersten Mal ist eine Ausstellung des Historischen Museums auch wirklich barrierefrei. Während die Sanierung des Schlosses Frauenfeld, der eigentlichen Heimat des Museums, von der Regierung aufgeschoben wurde, setzte Direktorin Noemi Bearth hier eine zugängliche Ausstellung durch, die über einen ebenerdigen Weg auch für Rollstuhlfahrer:innen erlebbar wird.
Digitaler Check-In der neuen Ausstellung «Leben und Lassen» des Historischen Museum Thurgau. Hier startet der interaktive Rundgang. (Bild: pd/Historisches Museum Thurgau)
Der erste Raum empfängt einen mit pulsierenden Herztönen und der nicht gerade kleinen Frage: Wann beginnt eigentlich das Menschsein? Wissenschaftlich betrachtet besteht weitgehend Konsens, dass das biologische Menschenleben mit der Befruchtung beginnt. «Hingegen ist die Frage philosophisch, religiös und rechtlich umstritten, ab wann der wachsende Organismus aus ethischen Gründen schützenswert ist», heisst es an einer Wandtafel in der Ausstellung. Die Debatte um Abtreibung ist sofort im Raum, und jede:r Besucher:in kann sich zu dem Thema positionieren.
Mit Hilfe eines 3D-gedruckten Objekts, das man am Eingang erhält, kann man sich in jedem Raum, also gewissermassen in jedem Lebensabschnitt, zu einzelnen Themen äussern und erhält am Ende eine personalisierte Auswertung der eigenen Überzeugungen. Man kennt diese Art der Beteiligung seit Jahren vor allem vom Stapferhaus in Lenzburg. Auch das Historische Museum Thurgau hat schon in früheren Ausstellungen mit solchen digitalen Formen experimentiert und findet nun einen überzeugenden eigenen Weg.
Ein Rundgang, der den Austausch fördert
Am Anfang steht die Frage: Ab wann beginnt für dich das Menschsein? In den weiteren Räumen variieren die interaktiven Fragen zwischen persönlichen Einstellungen, Vorlieben und Erfahrungen. «Wolltest du in der Jugend die Welt verändern?», «Hast du in jungen Jahren eine grosse Liebe gefunden?», «Bist du zufrieden mit deiner Berufswahl?» und «Möchtest du möglichst lange leben?» sind nur vier der Fragen, die einem gestellt werden.
Sie sind so gestellt, dass man sie für sich alleine beantworten kann oder, wenn man in einer Gruppe in der Ausstellung ist, auch sofort ins Gespräch kommen kann. Sie regen auf unterhaltsame Weise an. Und wer gar keine Lust darauf hat, sich zu verschiedenen Thesen zu verhalten, der kann den interaktiven Rundgang auch auslassen. Die ausgestellten Objekte entfalten auch für sich eine Wirkung.
Die einfache, im Raum stehende Kinderkrippe, ein offensichtlich sehr intensiv geliebter Plüschbär auf Rädern, eine Bierdose aus dem Jahr 1995 mit Calanda Bräu für das Frauenfelder Festival «Out in the Green», dem Vorgänger des Open Air Frauenfeld, oder alte Thurgauer Diplom- oder Ausbildungszeugnisse: Sie stehen allesamt für ein Lebensgefühl und transportieren die Inhalte der Ausstellung so auch auf einer emotionalen Ebene.
Zwischen Liebesschwüren und Verhütung
Daneben gibt es auch Objekte, die unter dem Stichwort Kuriositäten die Aufmerksamkeit der Besucher:innen erregen. Zum Beispiel die Liebes-Nuss, eine versilberte Walnuss, in deren Hülle Liebesschwüre verschenkt werden konnten. Oder das, was man vielleicht brauchen konnte, wenn die Liebe nach der Nussbotschaft entflammt war – der sogenannte «Irrigateur du Docteur Eguisier».
Er diente um 1900 zur Spülung sämtlicher Körperöffnungen und wurde vor allem zur Schwangerschaftsverhütung genutzt. Als Hilfsmittel sollte dabei eine vermeintlich samenabtötende Flüssigkeit aus Alaun, Essig oder Sulfat dienen. Oder auch ein aus Haarstaub gefertigtes Bild, das zur Erinnerung an einen geliebten Menschen ebenfalls im 20. Jahrhundert angefertigt worden war.
So gelingt der Ausstellung der Balanceakt zwischen Information, Diskurs und Unterhaltung ziemlich eindrücklich. Spielerisch und scheinbar mühelos schafft sie Anknüpfungspunkte für die unterschiedlichen Bedürfnisse und Interessen, mit denen Menschen eine solche Ausstellung besuchen.
Jeder Raum der Ausstellung ist mit einer einem Sinnspruch in Leuchtschrift inszeniert. (Bild: pd/Historisches Museum Thurgau)
Selbst einen eigenen, besonders instagrammablen Ort haben die Kurator:innen geschaffen. In dem Abschnitt über die Jugend baumeln zahlreiche herzförmige, rote Plüschkissen von der Decke, auf dem Boden in Rot der Schriftzug «amore». Dass nebenan eine Jukebox steht, auf der man sich seinen Lieblings-Liebessong auswählen kann, macht das Erlebnis perfekt – zumindest für jene, die gerade glücklich verliebt sind. Alle anderen werden diesen Raum vielleicht eher meiden.
Social-Media-Tauglichkeit? Check!
Aber nicht nur im Kästchen Social-Media-Tauglichkeit kann die Ausstellung ein Häkchen verzeichnen. Auch das andere, seit Jahren in der Museumswelt umhergeisternde Buzzword «Partizipation» erfüllen die Ausstellungsmacher:innen vorbildlich. Zum Beispiel haben zwei Thurgauer Schulen einen bemerkenswerten Beitrag geleistet: In Videos dokumentieren sie Gespräche zwischen einzelnen Schüler:innen und ihren Grosseltern. Diese Diskussionen über Freizeit und unterschiedliche Lebensrealitäten in unterschiedlichen Zeiten zeigen wertvolle generationenverbindende Momente. Dazu passend hat die Bildschule Frauenfeld den Raum mit Kunstwerken zum Thema Berufswahl ergänzt. Auch diese Arbeiten stammen von Schüler:innen.
Den Abschluss der Ausstellung markieren ebenfalls partizipativ erworbene Objekte. Besucher:innen des Historischen Museums haben für sie wichtige Erinnerungsstücke zur Verfügung gestellt. «Sie sind Mini-Archive des gelebten Lebens», schreiben die Ausstellungsmacher:innen dazu. Zugleich beantworten sie die Frage, womit die Menschen in Erinnerung bleiben wollen, wenn sie tot sind. Es ist eine clevere Art, den Tod zu thematisieren, ohne die Besucher:innen deprimiert aus der Ausstellung zu entlassen, weil es den Blick darauf wirft, was bleibt, und nicht auf das, was geht.
Die Ränder bleiben seltsam unausgeleuchtet
Bei allem, was die Ausstellung richtig macht, bleibt ein Punkt, den man hätte anders machen können. Der Fokus liegt in allen dargestellten Lebensbereichen auf der Mitte der Gesellschaft. Aufwachsen, Identität und Lebensform werden in der Regel aus der Perspektive des Gängigen betrachtet. Vom Üblichen abweichende Lebensmodelle, die Herausforderungen an den Rändern der Gesellschaft, werden kaum abgebildet. Da hilft dann auch die bunte, etwas verschämt unter der Decke aufgehängte Ehe-für-alle-Fahne und der nachlesbare Briefwechsel einer Liebe zwischen zwei Männern wenig.
Der Blick ist auf die Mitte gerichtet, die Ränder bleiben wenig ausgeleuchtet. Aber vielleicht sagt das auch mehr über die Sammlung des Historischen Museums aus als über die Ausstellung. Man kann ja nur zeigen, was man hat. Und gut möglich, dass Sammlungen von historischen Museen allgemein in der Vergangenheit eher auf die Repräsentation von gesellschaftlicher Mehrheit gesetzt haben. Falls dem so ist, dann wäre diese Ausstellung auch ein guter Anlass, diese Praxis zu hinterfragen.
Trotz dieser Kritik bleibt «Leben und Lassen» eine sehr sehenswerte Ausstellung, die in sehr vielen Punkten sehr vieles richtig macht: Sie ermöglicht Diskurs, sie vermittelt Wissen, inszeniert Geschichten im Raum ansprechend und unterhaltsam.
Am Ende ist die Schau auch ein eindrucksvolles wie grundsätzliches Plädoyer für Museen. Museen sammeln Spuren, sie bündeln Wissen und stiften Raum für gesellschaftlichen Dialog. Eine Welt ohne sie wäre ärmer. Denn: Wer erinnert sonst an unsere Zeit, wenn wir nicht mehr sind?
Dieser Artikel erschien am 23. März auf Thurgau Kultur.
«Leben und Lassen. Spuren des Menschseins»: bis 29. November, Historisches Museums Thurgau, Altes Zeughaus, Frauenfeld.