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Geschichten aus der Fabrik

Das Historische Museum Thurgau lotet die Industriegeschichte des Kantons aus - auch als «Geschichte von unten». Im Schloss Frauenfeld berichteten Arbeiterinnen und Arbeiter vom Fabrikalltag in den 1970ern und 1980ern.
Von  Harry Rosenbaum
Einziehen des Garnes in die Sticknadeln einer Stickmaschine.

Auf die vielbeachtete Sonderausstellung «Schreck und Schraube. Weltindustrie im Thurgau» und auf die Wissenschaftstagung «Arbeit, Geschlecht und Migration» folgt jetzt das Narrativ: die Menschen und ihr Fabrikalltag.

Die Erinnerungen und Erlebnisse der Arbeiterschaft sorgen für Authentizität. Ihre Sicht der Thurgauer Industriegeschichte ist bislang unbekannt, weil Geschichte gemeinhin aus dem Blickwinkel der Macher, in diesem Fall der Patrons, geschrieben wird. Das Historische Museum will das ändern. Das Erzählcafé ist bestens geeignet für Oral History und soll in den nächsten Monaten fortgesetzt werden. Das Museum hat dafür eine Webseite aufgeschaltet.

Die erste Veranstaltung hat gezeigt, dass diese Art der Auslotung eines wichtigen Teils der Kantonsgeschichte nicht nur Menschen, die ein ähnliches Schicksal verbindet, zusammenbringt, sondern auch das Lebenswerk dieser Menschen in den Fabriken würdigt. Sie sind nicht die graue Masse der Werktätigen, die sich jetzt als anonyme Masse im Ruhestand wiederfindet. Sie haben die erfolgreiche Thurgauer Industriegeschichte als Büezerinnen und Büezer zusammen mit den Patrons geschrieben.

Familiennachzug gab es nicht

Vor wenigen Jahrzehnten noch war Arbeiten Kommandosache. Teilzeitarbeit und Homeoffice gab es vielleicht auf anderen Planeten. In der globalen Wirklichkeit hingegen sorgten die Fabrikssirenen für den Rhythmus. Der Senior erinnert sich: «Kurz bevor die Sirene zum Feierabend rief, schauten alle Arbeitenden auf die Uhren in den Fabriksälen, um möglichst schnell aus der Fabrik stürmen zu können. Daraus machten sich Kolleginnen und Kollegen gelegentlich einen Spass. Ein Witzbold aus dem Hausdienst, der gerade auf einer Bockleiter stand, um die Wände zu streichen, übermalte kurzerhand die Uhr bevor die Sirene losging. Das sorgte für Verwirrung im Fabriksaal.»

Arbeiterinnen in der Textilindustrie. (Bild: Historisches Museum/Hans Krebs)

Die zwei italienischstämmigen Seniorinnen der Erzählcafé-Runde kamen als 16jährige Mädchen in eine Thurgauer Textilfabrik. «Ich war lange Zeit einfach nur ein Laufmädchen», sagt eine der Frauen. «Weil ich aber fleissig Deutsch lernte und Berufskurse besuchte, konnte ich aufsteigen und bald mal aus dem Fabriksaal ins Büro wechseln.» Die andere Frau sagt: «Ein Teil der jungen Italienerinnen wohnte in fabrikeigenen Mädchenheimen. Als ich heiratete und wir das erste Kind bekamen, mussten wir es in Italien in ein Kloster geben. Als wir es aber zu uns nahmen, kam die Polizei und das Kind musste wieder zurück. Familiennachzug gab es damals nicht.»

In Krisenzeiten, von denen die Thurgauer Textilindustrie immer wieder durchgeschüttelt wurde, gab es menschliche und unmenschliche Patrons. Solche, die sich um die Weiterbeschäftigung ihrer Belegschaften bemühten und solche, die sich darum foutierten und schnell Kündigungen aussprachen.

Die Seniorinnen und der Senior erzählen auch von tödlichen Krankheiten und Körperschäden durch die Arbeit. Es habe Krebsfälle gegeben, die wahrscheinlich von Arbeitsmaterialien herrührten, und auch Gehörschäden seien trotz Gehörschutz aufgetreten, weil die Maschinen in jener Zeit extrem laut gewesen seien. Im Grossen und Ganzen aber äusserten sich die Erzählenden zufrieden mit ihrer Arbeit in der Fabrik. In vielen Betrieben sei es familiär zugegangen.

Industrie im «Apfelkanton»

Moderiert hat das Erzählcafé die Historikerin Petra Hornung Gablinger, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Historischen Museums. Laut ihren Angaben waren in den 1960ern die ersten Fremdarbeiter aus Italien in den Thurgau gekommen. Bis 1970 sei der Anteil der Industriearbeiter im Kanton höher als der schweizerische Durchschnitt gewesen. Zwischen 1910 und 1970 sei die Hälfte der Kantonsbevölkerung in den Fabriken beschäftigt gewesen. Der sogenannte «Apfelkanton» habe eine lange Industriegeschichte, die 300 Jahre zurückreiche.

Wegen der Energieversorgung wurden die meisten Fabrik an den Wasserläufen gebaut. Eine wichtige Rolle spielte die Textil- und Stickmaschinenindustrie, erklärt Hornung. Unternehmen wie Saurer, Martini, Bernina, SIGG, Sallmann und Löw haben neben anderen Erzeugnissen auch Stickereimaschinen hergestellt.

In den 1920er Jahren kam es zur Stickereikrise; sie habe den Kanton Thurgau aber weniger durchgeschüttelt als den Nachbarkanton St. Gallen. Unruhen gab es jedoch schon zuvor. Wegen der schlechten Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie kam es 1908 zum Streik der Fabrik- und Heimarbeiter in Arbon, der auf die Ostschweiz übergriff. 1916 verursachte der kriegsbedingte Rohstoffmangel in der Stickerei-, Spinnerei- und Webindustrie Einbrüche. 1917 legten bei den Regierungsratswahlen viele Sozialdemokraten und Gewerkschafter leer ein, aus Protest gegen die soziale Not. Und am 9. November 1918 beteiligten sich rund 2000 Arbeiter in Arbon an einem Proteststreik, der auch in 18 anderen Städten stattfand und in den Landesstreik mündete. Auch in Arbon und Frauenfeld rückten Ordnungstruppen ein und besetzten öffentliche Gebäude und Fabriken.

Im Gespräch weist Petra Hornung Gablinger darauf hin, dass die Quellen eher spärlich seien, die Auskunft über das Leben der Arbeiterschaft im Thurgau gäben. Einiges könne man aus Fabrikarchiven und Unternehmensgeschichten erfahren. Ein Grundlagenwerk ist das Buch Zeit der Fabriken. Von Arbeitern und einer roten Stadt über die Saurer-Stadt Arbon. Sein Autor, der Historiker Stefan Keller, arbeitet an einer Geschichte der Arbeit im Thurgau. Darüberhinaus setzen sich kleinere Forschungsprojekte mit den Fremdarbeitern und Saisonniers im Thurgau auseinander.

 

 

 

 

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