, 26. Oktober 2018
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Ein schipperndes Herz

Rachel Lumsden ist seit Jahren eine der gefragtesten Künstlerinnen der Ostschweiz. Was macht ihre Arbeit aus? Eine Spurensuche in ihrem Arboner Atelier. von Michael Lünstroth

«It's so scary» – Rachel Lumsden zum Brexit. (Bild. pd)

Dieses Abenteuer fängt fast immer gleich an. Rachel Lumsden steht in ihrem Atelier in Arbon, unweit des Bodenseeufers. Vor sich eine leere Leinwand, neben sich einen fahrbaren Beistellwagen mit unzähligen Pinseln, Farbtuben, Eimern und sonstigen Behältern darauf. Das Klotzparkett in der ehemaligen Bootswerkstatt tönt und bewegt sich leicht, wenn sie mit dem Wagen darüber rollt. Und dann geht es irgendwann los.

«Ich warte nicht auf Inspiration», sagt die Künstlerin, «ich will, dass ein Bild auf der Leinwand entsteht, nicht in meinem Kopf. Es ist immer ein Abenteuer, weil man nie genau weiss, wo man landen wird.» Was sie konkret an einer Arbeit interessiere, zeige sich oft erst im Prozess: «Das ergibt sich mit der künstlerischen Arbeit. Es ist am Anfang nur eine Ahnung, dass diese oder jene Forschungslinie zu einer bildnerischen Goldader führen wird», erläutert die gebürtige Britin, die seit 2016 auch einen Schweizer Pass hat, ihre Arbeitsweise.

In der Praxis sieht das dann so aus: Lumsden malt, korrigiert, übermalt, fängt hier an, hält inne, dann geht es an einer anderen Stelle weiter. Sie lässt sich treiben in diesem Prozess. Das Bild ist fertig, wenn es fertig ist. Das beeindruckendste am ganzen Prozess sei, wenn plötzlich «das Bild vor dir steht, wie eine eigenständige Persönlichkeit», sagt sie.

Am Rand der Schweiz arbeiten

Es ist einer dieser warmen Spätherbst-Tage und wir treffen Rachel Lumsden in ihrem Atelier in Arbon. Das ist nicht ganz leicht zu finden, es liegt etwas versteckt in einem Hinterhaus in einer kleinen Gasse am Rande der Arboner Altstadt. Seit 2011 arbeitet die in St.Gallen lebende Künstlerin in dem kleinen Städtchen, seit 2012 in diesem Atelier. Warum ausgerechnet hier? «Ich mag es, hier im Atelier unbeobachtet und gewissermassen am Rand der Schweiz zu arbeiten», sagt Lumsden. Blaue Jeans, blauer Pullover, angedeutete, blonde Korkenzieher-Locken, freundliches Lächeln – auf den ersten Blick wirkt sie wie die Menschwerdung des liebenswerten «girl next door».

Tatsächlich ist Rachel Lumsden gerade eine der gefragtesten Künstlerinnen mindestens der Ostschweiz. Im September erhielt sie den Kunstpreis der Stadt Konstanz, begleitet wurde der Preis durch eine Ausstellung im Kunstverein der Bodenseestadt (noch bis 25. November), im Kunst(Zeug)Haus in Rapperswil-Jona eröffnet sie am 25. November eine weitere grosse Einzelausstellung. Und im nächsten Jahr ist sie im Kunstverein Frauenfeld zu sehen. Rachel Lumsden ist aber auch international unterwegs: Sie stellt regelmässig in London und Paris aus, ihre Vita verzeichnet etliche Preise.

Lumsdens Hauptmedium ist die grossformatige Malerei, angesiedelt irgendwo zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Ihre Motive findet sie oft im Alltag, der bei ihr jedoch in einer surreal wirkenden Verfremdung erscheint.

The morning after the night before (2), 2018. Öl auf Papelholzplatte mit Baumwolle überzogen. (Abbildungen: Stefan Rohner)

Corinne Schatz, Kunsthistorikerin aus St.Gallen, hielt die Laudatio bei der Preisverleihung in Konstanz. Darin lobte sie unter anderem: «Ihren Bildern ist eine ganz besondere Magie eigen, die manchmal verzaubert, manchmal irritiert, aber immer gefangen nimmt – und dies auf verschiedenen Ebenen.» Tatsächlich ist das so – man kann sich Lumsdens Arbeiten kaum entziehen, wenn man vor ihnen steht. Der satte Farbauftrag, die schematischen Darstellungen – man will als Betrachter immer eintauchen in diese Bildwelten, um ihre Rätsel zu ergründen.

Diese Kraft zieht an oder wie es die Kuratorin Felicity Lunn in der Publikation Rachel Lumsden. Paintings 2008–1998 schrieb: «Ihre Malereien drücken den Elan und die physische Energie aus, mit denen sie geschaffen wurden. Lumsden benutzt nicht nur eine Vielfalt an Pinseln, sondern schüttet die Farbe, arbeitet an der Wand, auf dem Boden und bricht die Regeln ihres Handwerks, wenn sie beispielsweise eine Lasur über ein Impasto legt.»

Regeln sind allgemein nicht so ihr Ding. Sie macht, was sie im Moment für richtig hält. Dass ein Bild funktioniert, erspürt sie: «Wenn ich vor einem Bild stehe und es mich hineinzieht, als sei ich ein Fisch an einer Angelschnur, dann weiss ich, dass das Bild funktioniert», erklärt die 50-Jährige. Das ist dann auch der Moment, in dem sie sich trennen muss von der Arbeit: «Irgendwann müssen sie raus, sie müssen ihr eigenes Gespräch mit den Betrachtern beginnen. Ich muss die Arbeiten dann gehen lassen.»

«Kunst – das schien mir wie etwas aus einer vergangenen Epoche zu sein»

Dass sie mal Künstlerin werden würde, hat Rachel Lumsden selbst lange nicht für möglich gehalten: «Ich habe als Kind gerne gemalt, wie halt Kinder gerne malen. Aber ich hatte damals nie das Ziel, Künstlerin zu werden. Kunst – das schien mir wie etwas aus einer vergangenen Epoche zu sein», sagt sich rückblickend. Das ändert sich erst, als sie eine engagierte Kunstlehrerin bekommt und diese Begegnungen mit zeitgenössischen Künstlern wie Carl Robinson organisiert: «Das  war eine Erweckung für mich. Erst da wurde mir klar: Auch heute kann man den Beruf Künstler wählen.»

Als sie dann im Alter von 17 Jahren eine Ausstellung in der Tate Britain mit Arbeiten von Francis Bacon sieht, wird ihr Weg immer klarer: «Das war eine visuelle Erschütterung», sagt sie heute. Nach dem Bachelor Fine Arts an der Trent University of Nottingham schliesst sie 1998 mit dem Postgraduate Master in Malerei der Royal Academy of Arts School in London ihre Ausbildung ab.

Rachel Lumsden ist eine lebhafte Erzählerin. Wenn sie redet, schaut sie ihrem Gegenüber direkt in die Augen. Ihre Hände sprechen dann gestisch mit. Denkt sie nach, lässt sie ihren Blick durch den Raum schweifen, als steckten die Antworten irgendwo in den Ecken ihres Ateliers. Man kann sich mit ihr vortrefflich über den Zustand dieser Welt («macht mir Angst») oder den Kunstbetrieb («Die breite Basis des Kunstschaffens wird oft nicht gesehen und verkannt. Da funktioniert der Kunstbetrieb leider wie jede andere Industrie») unterhalten. Sie hat keine vorgefertigten Sätze parat, sondern nimmt sich die Zeit, auf gestellte Fragen bestmöglich antworten zu können.

Looking for the conch, 2018. Öl auf Pappelholzplatte mit Baumwolle überzogen.

Mitte der Nullerjahre zieht es Lumsden nach St. Gallen – der Liebe wegen. Beruflich wirft sie diese Entscheidung zurück: «Es war schwierig nach Jahren in London in der Schweiz anzukommen. Die Vernetzung, die ich in London hatte, fiel komplett weg. Ich musste nochmals ganz von vorne anfangen. Der Aufwand war im Rückblick riesig – ich habe das damals vollkommen unterschätzt», gibt Lumsden zu. Sie lernt die Sprache, findet sich allmählich zurecht und trotzdem dauert es eine Weile, wieder künstlerisch da anknüpfen zu können, wo sie in London aufgehört hatte.

Das Gefühl, dass es jetzt auch beruflich wieder läuft, hat sie erst 2014 wieder.  Wann immer sie ihre alte Heimat vermisst, fährt sie einfach hin. Drei Monate im Jahr verbringt sie nach wie vor in London. Sie brauche dieses Pendeln zwischen den Welten, zwischen ländlicher Idylle und schroffer Urbanität für ihre Arbeit, sagt sie.

«Das ist Wahnsinn!» Der Brexit treibt Lumsden um

Angekommen fühlt sie sich in der Schweiz trotzdem, Lumsden spricht sogar davon, dass zu ihrer Wahlheimat «eine zweite Liebe» entstanden ist. Was ihr besonders gefällt ist, wie hier mit Künstlerinnen und Künstlern umgegangen wird. In Grossbritannien müsse man sich immer rechtfertigen, wenn man Künstler ist. Anders hierzulande: «Die Schweiz zeigt grossen Respekt für Künstler. Die Leistung, die Künstler für die Gesellschaft bringen wird hier anerkannt. Die staatliche Förderung ist so ein Zeichen der Wertschätztung», findet Lumsden.

In Grossbritannien gebe es so etwas kaum, sagt sie. Ohnehin hat Lumsden gerade ein eher mulmiges Gefühl, wenn sie an ihre Heimat denkt. Der Brexit. Das sind die Momente des Gesprächs, in denen sie kurz in ihre Muttersprache wechselt.

«It’s so scary», sagt sie spontan. In ihrer Wahlheimat bringt sie das in eine heikle Situation. Sie habe hier andauernd das Gefühl, sie müsse sich für den Brexit rechtfertigen. «Dabei finde ich es totalen Wahnsinn, was da gerade passiert. Die Entwicklung dort macht mir echt Angst.» Lumsden kann das Votum der Briten für den Ausstieg aus der EU bis heute nicht nachvollziehen.

Plakativ ist ihre Anklage nie

In ihrer Kunst ist Rachel Lumsden selten direkt politisch. Aber die Gedanken, Gefühle und Sorgen, die sich die Künstlerin macht, finden sich natürlich dennoch in einzelnen Werken. Zum Beispiel in jenem, in dem sie die Brandkatastrophe des Grenfell Towers in London verarbeitet. 70 Menschen mussten damals sterben, weil Brandschutzmassnahmen in dem Sozialwohnungsbau massiv vernachlässigt worden waren.

Grenfell (2), 2018. Öl auf Papelholzplatte mit Baumwolle überzogen, 190cm x 230cm.

Plakativ ist ihre Anklage darin nicht. «Das Unglück lauert leise im Hintergrund, der Rauch dringt nur langsam und kaum merklich in die Idylle und in unser Bewusstsein vor», erläuterte Corinne Schatz in ihrer Laudatio zum Konstanzer Kunstpreis.

Das beschreibt die Wirkungsweise von Lumsdens Kunst ganz gut. Ihre Bilder sind keine Überfallkommandos. Ihr Werk gleicht eher einem pulsierenden, gemächlich schippernden Herzen. Einem mit aktuellen Themen beladenen Kahn, der zwischen verschiedenen Häfen hin und her tuckert. Mal hier andockt, mal dort. Und dabei immer in Bewegung bleibt. Aber ist der Anker einmal geworfen, vergisst man das Werk so schnell nicht wieder.

Der Bootsvergleich passt nicht nur wegen ihrer Nähe zum Bodensee so gut, sondern vor allem, weil sie ihr Atelier in Arbon in einer alten Bootswerkstatt eingerichtet hat. Hier will sie bleiben, hier fühlt sie sich wohl: «In meinem Atelier bin ich nie einsam, meine Bilder sind ja da.»

Die Ausstellungen: Im Kunstverein Konstanz ist die Ausstellung «In from the blue» noch bis 25. November zu sehen. Während dort Finissage ist, eröffnet Rachel Lumsden die Ausstellung «Return of the huntress» im Kunst(Zeug)Haus in Rapperswil-Jona. Sie dauert bis am 20. Januar. Eine weitere Ausstellung von ihr ist ab 13. April 2019 im Kunstverein Frauenfeld zu sehen.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf thurgaukultur.ch

 

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