Gleich als erstes fällt der Blick auf ein Bild aus lauter Federn, fein säuberlich zu einer grossen Spiralform angeordnet. Es ist das gesamte Federkleid eines weiblichen Spechtes, die Anzahl der Federn: etwa 3000. Schon hier wird die Aufmerksamkeit auf die Schönheit und Feinheit dieses perfekten Naturphänomens gelenkt – eine Absicht, die diskret hinter der gesamten Schau zu stehen scheint und zum genauen Hinsehen und Staunen einlädt.
Welche Natur und welche kulturelle Bedeutung haben Federn, wovon sprechen sie, wie werden sie in der Kunst verwendet? Das sind Fragen, die die Ausstellung «Federn: wärmen, verführen, fliegen» aufgreift. Man mäandert durch die trotz der Vielfalt überschaubar und luftig gestalteten Räume und lässt sich von dem anziehen, was einem ins Auge springt.
Da ist zum Beispiel ein Objekt der britischen Künstlerin Kate McGwire, das von der Form her an ein überdimensioniertes Schneckenhaus erinnert. Es ist auf der einen Seite mit weissen Taubenfedern bedeckt, auf der anderen stehen igelgleich die grauen Federstiele in die Luft: ein stilles, schimmerndes Wesen mit einer eigenartig abschreckenden Seite. Es vereint in sich die widersprüchlichen Emotionen, die in der westlichen Kultur der Taube entgegengebracht werden – Bewunderung für das Reinheits- und Friedensymbol neben Ekel vor den «rattes volantes», den fliegenden Ratten der Grossstädte.
Federn gegen Pipelines
Von Kunstobjekten zu Theaterkostümen, von alltäglichen Gebrauchsgegenständen wie Daunendecken oder -jacken zu ausgefallenen Designobjekten: Jedes Themenfeld im Zusammenhang mit Federn hat in dieser Ausstellung seinen gebührenden Platz.
Ein Schwerpunkt wird auf die kulturelle Wiederaneignung der Feder und des Federschmuckes in indigenen Völkern gelegt. Für die Native Americans sind Federn als rituelle Objekte mittlerweile ein identitätsstiftendes Symbol des erstarkenden Widerstandes gegen eine hegemoniale weisse Kultur geworden. Mit Musikvideos des amerikanischen Künstlers Supaman, in denen Bilder des Widerstandes gegen den Pipeline-Bau von Standing Rock aufgegriffen werden, öffnet sich so ein weiteres hochinteressantes Themenfeld.
Indigenas, Marcha das Mulheres, Brasilia, September 2019. (Bild: Douglas Freitas)
Nie fühlt man sich als Besucherin aber überwältigt von solchem Reichtum – auch deshalb, weil immer wieder auf die Feder als solche zurückgekommen wird: Auf ihre aerodynamischen Funktionsweisen im Vogelflug, den physikalischen Aufbau, die zahlreichen Varianten.
So leicht und filigran die Feder, so weitreichend die Symbolik, die sie durch die Jahrhunderte transportiert. Das Versprechen des Fliegens, das eine Feder enthält, macht sie zum Symbol einer Verbindung verschiedener Sphären. «Wer befiederte Flügel hat, kann Grenzen und Distanzen mühelos überwinden», heisst es in einem der Museumstexte:
Federn – wärmen, verführen, fliegen: bis 1. Juni, Gewerbemuseum Winterthur
gewerbemuseum.ch
In der Mythologie sind es geflügelte Wesen, die als Boten zwischen den Welten vermitteln. Als Vorgängerin des Stifts, die das Schreiben – dieses Navigieren in einer Fantasiewelt – ermöglicht, ist sie so auch zum Symbol der Dichtung geworden: Vielleicht hilft die Feder in der Hand (auch wenn es sich heute wohl eher um Stift oder Tastatur handelt), sich zu fokussieren und die Gedanken auf den Punkt zu bringen, den die Federspitze auf dem Papier markiert. Vielleicht muss das Gehör beim Schreiben so fein werden wie die einzelnen Härchen einer Feder, damit man die leisesten Veränderungen in den Luftströmungen der Fantasie wahrnehmen kann. Und vielleicht erinnert die Feder daran, dass es Wesen gibt, die auf solchen Luftströmungen mühelos zu gleiten verstehen.
Sorge um die Vögel
Jedenfalls schafft es die Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur, Faszination für diese Wesen zu wecken. Sie führt Besuchern und Besucherinnen die filigrane Beschaffenheit der einzelnen Feder genauso vor Augen wie die Verletzlichkeit der Vogelwelt insgesamt, indem ein kritischer Blick auf die Biodiversität geworfen wird. Was sind die Auswirkungen menschlichen Handelns und Wirtschaftens auf die Vogelbestände oder auf die Flugrouten von Zugvögeln?
Dieses Anliegen dringt durch all die staunenswerten Facetten der Ausstellung hindurch: der Vogelwelt Sorge zu tragen. Vielleicht kann eine solche Ausstellung dazu beitragen, dass die Menschen sich ihrer vielfältigen Verbindungen zu den gefiederten Tieren wieder bewusster werden. Die Vögel könnten heute, wenn wir achtsam genug sind, wieder zu Boten und Vermittlern werden – zwischen ihrer Welt und unserer.
Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.
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