Kategorie
Autor:innen
Jahr

Krähen – nervige und wichtige Stadtbewohner

Krähen sind hochintelligent und sozial bestens organisiert, aber nicht rundum beliebt. Im St. Galler Stadtpark befindet sich eines ihrer Reviere. Die Biologin Iris Scholl hat im Zyklus «Natur findet Stadt» Einblick in die komplexen Verhaltensmuster der Vögel gegeben.
Von  Harry Rosenbaum

Lautlos dreht sich in der Wiese unter den hohen Laubbäumen das Karussell mit den drei Krähen-Attrappen. In grösserem Umkreis sind Baumnüsse und Brotstückchen als weitere Lockmittel ausgelegt. Gelegentlich krächzt es aus den Baumwipfeln. Zu sehen kriegt aber niemand von den rund zwei Dutzend Veranstaltungs-Besuchern die echten Rabenvögel. «Sie sind da, und wir werden von ihnen kritisch beobachtet», meint Iris Scholl und hofft, dass das eine oder andere Individuum doch noch seine Skepsis überwindet und sich aus der Deckung wagt. Aber es tut sich nichts.

Alpensegler: die Non-stop-Flieger

Derweil öffnet die Biologin eine Transportschachtel und entnimmt ihr vorsichtig einen Alpensegler, dessen Schwungfedern gebrochen sind. Er kann nicht fliegen und wird derzeit im Naturmuseum aufgepäppelt. «Nützt die Pflege nichts, muss er eingeschläfert werden», sagt Iris Scholl. «Die Behinderung ist eine Qual für den Vogel.»

Alpensegler sind Zugvögel und können bis 200 Tage ununterbrochen in der Luft sein. Im Flug fressen sie Insekten und benützen den Luftraum auch als Schlafplatz. Im Sommer fliegen die schnellen Segler vielfach über den Stadtgebieten und teilen damit ihren Lebensraum mit den Krähen.

Schlechte und gute Seiten

Die Schwüle behage den Rabenvögeln wohl nicht, meint Iris Scholl zu deren anhaltender Publikumsscheue. Sicher ist die extreme Wetterlage mit ein Grund, dass die Krähen im Schatten des Laubes ihrer Schlafbäume hocken bleiben, obwohl es schon Mittag ist. Am Vortag hätten sich die Vögel noch auf der Wiese getummelt, sagt die Biologin.

Iris Scholl zollt den Krähen grossen Respekt, spricht aber auch über deren Negativ-Image, das sie in breiten Kreisen der Bevölkerung haben. Das rühre zu einem Teil daher, dass sie gelegentlich Singvögel attackierten und töteten, auf der Suche nach Futter Abfallkörbe chaotisch ausräumten und sich häufig sehr laut bemerkbar machten. Das nerve und stehe für die schlechten Seiten der gefiederten Stadtbewohner. Die nützliche Seite: Krähen fressen Insekten, Mäuse und Aas. Das macht sie wichtig für das ökologische Gleichgewicht.

Monogamie und Revierleben

Die Tiere seien in ihrem Sozialverhalten auf hohem Niveau organisiert und in der Partnerschaft monogam, sagt Iris Scholl. Weiter erfährt man von ihr, dass Krähen in Revieren leben und auch mal in grossen Schwärmen von 300 bis 400 Individuen auftreten. «In diesen Verbänden organisieren sich vor allem die jungen, noch ungebundenen Rabenvögel, die sich auf Partnersuche befinden. Dazu gesellen sich aber auch Individuen, deren Partner oder Partnerin verstorben ist. Sie wollen auf diesem Wege eine neue Verbindung eingehen», sagt Iris Scholl. Sind Krähen in grösserer Zahl in der Luft, lässt sich über die Flugabstände gut erkennen, wer schon liiert ist und wer nicht. Paare fliegen eng zusammen und Singles halten einen Mindestabstand von etwa einer Krähenlänge ein.

Die Schwarmbildung geschieht aber auch, damit die Vögel es leichter haben beim Auffinden von Nahrungsquellen, denn viele Augen sehen mehr. Das Fliegen in grosser Zahl schützt zudem gegen Fressfeinde wie Habichte und Wanderfalken. Feinde am Boden wie Füchse bekämpfen die Krähen mit lauten Alarmrufen und Scheinangriffen, bei denen sie auch schon mal einem Fell-Tier mit ihren starken Schnäbeln ein paar Haarbüschel ausreissen.

Am lautesten sind die Saatkrähen

Bei den Rabenvögeln gibt es verschiedene Arten. Bei uns treten neben den Krähen auch Rabenkrähen, die etwas grösser sind, und Kolkraben auf. Letztere sind jedoch eher selten zu sehen. Daneben gibt es auch noch Saatkrähen. Die Kolkraben zeichnen sich durch einen wuchtigen Schnabel und durch ein kurzes, tiefes Quorren (Rufen) aus. Die Krähen liegen mit ihren Lauten stimmlich etwas höher.

Saatkrähen haben ein helles Gesicht und sind hinter dem Schnabel kahl. Sie leben nicht wie ihre Verwandten in Revieren. Für den Nachwuchs bauen sie aus Zweigen und Stecken grosse Nester hoch oben in den Bäumen, die vor allem im Winter gut sichtbar sind. Die Jungtiere machen einen ohrenbetäubenden Krach. Daher schätzt man ihre Anwesenheit in den Wohnquartieren überhaupt nicht.

Junge Rabenvögel werden von ihren Eltern sehr lange gefüttert und helfen teilweise auch bei der Aufzucht von neuem Nachwuchs mit. Das Weibchen bei den Rabenvögeln brütet das Gelege, meistens fünf Eier, aus. Das kann 18 bis 21 Wochen dauern. Bei diesem Geschäft wird es vom Männchen regelmässig mit Futter versorgt. Vielfach überleben nicht alle Jungvögel, weil sie von Raubvögeln gefressen werden oder wegen Futtermangel eingehen. Die Jungen sind auf proteinhaltige Nahrung angewiesen. Diese bieten ihnen grosse Insekten, Echsen, Regenwürmer und Blindschleichen. Unter günstigen Bedingungen beträgt die Lebenserwartung einer Krähe  20 Jahre.

Cleverness hilft bei komplizierten Problemen

Krähen sind sehr clever und begreifen auch komplizierte Dinge. Ihre praktische Intelligenz ist schon verschiedentlich getestet worden. Durstigen Krähen wurden mit Wasser gefüllte Rohre vorgesetzt und daneben Steine hingelegt. Bei dieser Testanordnung konnten die Vögel mit ihren Schnäbeln das Wasser aber nicht erreichen, weil ihr Hälse dafür zu kurz waren. Die Vögel lösten das Problem, indem sie mit ihren Schnäbeln die Steine in die Rohre beförderten, damit das Wasser entsprechend ansteigen und sie es schliesslich trinken konnten.

Krähen lieben Nüsse, können sie aber meistens selber nicht aufkriegen. Damit sie trotzdem nicht auf den Inhalt verzichten müssen, legen die Vögel die Nüsse einfach auf eine Strasse und warten bis ein Auto darüberfährt und die Baumfrüchte zum Platzen bringt. Gelegentlich legen Rabenvögel auch Futtervorräte in speziellen Verstecken an. Werden sie dabei beobachtet, kommt Trick 77 zur Anwendung: Die Tiere warten, bis sich der Mitwisser des Verstecks entfernt hat, und verlegen dann ihren Vorrat an einen anderen Ort.

Freundliche Leute, freundliche Krähen

Krähen können sich auch Personen gut merken und verhalten sich diesen gegenüber entsprechend den Erfahrungen die sie mit ihnen gemacht haben. Sie prägen sich auf diese Weise ein Freund-Feindbild ein.

Personen, die ihnen gegenüber unfreundlich waren, beispielsweise den Hund auf sie hetzten oder sie mit Stein- und Stockwürfen vertrieben, werden krächzend beschimpft, sobald sie auftauchen. Jäger, die Krähen abschiessen, werden gemieden wie die Pest, sogar ihre Autos. Kaum tauchen sie auf, gilt Alarmstufe 1: laute Warnrufe und sofortiges Wegfliegen von der Gefahrenzone. Freundliche Menschen hingegen werden auch freundlich behandelt. Vor allem wenn sie gefüttert werden, kommen Krähen nahe zu den Leuten hin und verhalten sich sehr interessiert.

Unfug aus Unterbeschäftigung

Rabenvögel führen manchmal zirkusreife Kunststücke vor, sie hängen beispielsweise kopfunter an Stromleitungen oder transportieren geeignete Gegenstände auf Hausdächer, um in den Genuss einer Schlittenfahrt zu kommen. Manchmal kann das Spielen aber auch ausarten. So am Berliner Hauptbahnhof, wo Krähen mit grossen Schrauben angeflogen kamen, diese auf das Glasdach herunterfallen liessen und erhebliche Schäden anrichteten.

Wenns nach den Rabenvögeln ginge, wären viele Städte autofrei. Es kommt immer wieder vor, dass die Tiere auf grossen Parkplätzen Steine auf die dort abgestellten Karossen herunterfallen lassen. In der «Berliner Zeitung» erklärt der Ornithologe Jens Scharon die spielerischen Rüpeleien damit, dass für Krähen in der Stadt der Aufwand für die Futtersuche bedeutend kleiner sei als für ihre Artgenossen auf dem Land. Daher müssten sie etwas gegen ihre Unterbeschäftigung tun.

Iris Scholls Einführung ins Leben der Stadt-Krähen blieben die Vögel bis zum Schluss fern, nicht aber asiatische Touristen. Diese bestaunten das Krähen-Karussell in der Stadtparkwiese und fotografierten es fleissig, wohl in der Annahme, dass es sich um eine Kunstinstallation handelte.

 

 

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
Klaudia Notsch,  

Wir haben hier in unserer Wohngegend sehr viel Saatkrähen und ich liebe sie. Ich beobachte sie in der Früh und am Abend. Wubdervolle Vögelchen von den meisten Menschen als schlecht angesehen werden..Aber nur weil diese Mekeine Ahnung von diesen Tieren haben. LG. Klaudia

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4

Auf der Ziel­ge­ra­den

Es ist sei­ne letz­te Ses­si­on nach zehn Jah­ren im St.Gal­ler Kan­tons­rat. SP-Kul­tur­po­li­ti­ker Mar­tin Sai­ler setzt künf­tig ganz auf den Zel­tai­ner. Das Geld für den Neu­bau in Wild­haus ist fast zu­sam­men, 2027 soll es los­ge­hen.

Von  Peter Surber
Foto1 Zeltainer

Im di­gi­ta­len Dschun­gel zu Hau­se

Die An­sied­lung des In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land in St.Gal­len ist Pie­ro Sti­nel­li zu ver­dan­ken. Er kon­tak­tier­te vor zehn Jah­ren die Ver­ant­wort­li­chen von ar­chi­ve.org aus ei­ge­nem An­trieb. In den 90er-Jah­ren war der Mit­grün­der von Va­di­an.net und Klang und Kleid ein In­ter­net­pio­nier.

Von  David Gadze
2606 Internet Archive pino stinelli andri voehringer

Ohm41 stellen wieder aus

Kunst auf der Kip­pe

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 03 um 11 14 39

Sehn­sucht nach Frei­heit

Das Thur­gau­er Pop-Phä­no­men Noe­mi Be­za ver­öf­fent­licht An­fang Ju­ni ih­re neue EP. You’ll Find Me The­re ver­eint Coun­try-Vi­bes mit ast­rei­nem Pop – was man ein we­nig ver­misst, sind Ecken und Kan­ten.

Von  Jeremias Heppeler
1 Pressefoto Noemi Beza Youll Find Me There

Kolumne: Stimmrecht im Juni

Back to the Fu­ture

Von  Liliia Matviiv

Ausstellung in Herisau

70 Jah­re und 70 Pup­pen

Von  Vera Zatti
70 Jahre SG Ausstellung

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter