Kleiner, näher und intimer
Am 21. Februar feiert das Nordklang-Festival zum 18. Mal skandinavisches Musikschaffen. Nach schwierigen Jahren kehrt das St.Galler Festival in leicht reduzierter Form zurück – und setzt dafür mehr denn je auf Nähe, Atmosphäre und Entdeckungen.
Die Färöerin Lea Kampmann tritt mit ihrer Band am Nordklang-Festival auf. (Bilder: pd)
«Wir sind noch da, das ist das Wichtigste»: So fasst Sandro Büchler vom Nordklang-Team die diesjährige Ausgabe aus organisatorischer Sicht prägnant zusammen. In dieser scheinbar simplen Feststellung steckt erstaunlich viel: Hinter dem Festival liegen zwei schwierige Jahre, finanzielle Engpässe, die Nachwehen der Pandemie – und gleichzeitig der Wille, das Festival weiter zu tragen.
Die Euphorie nach der Pandemie und der damit verbundene Glaube, die Menschen würden wieder nach Ausgang und Live-Musik lechzen, sowie die programmliche Expansion mit kostspieligen musikalischen Experimenten hatten 2023 ein Loch in die Nordklang-Kasse gerissen. Dieses sei bis heute spürbar, gibt Büchler zu.
Heute wird vorsichtiger geplant. Grössere Risiken werden vermieden, und obwohl die Situation stabiler ist als damals: Das finanzielle Polster, das Nordklang früher hatte, existiert nicht mehr. Förderungen, Stiftungen, institutionelle Unterstützung, aber vor allem der Zuspruch des Publikums bleiben deshalb entscheidend für die Zukunft des Anlasses.
Aufgrund der etwas schwierigen Jahre findet der Anlass heuer in reduzierter Form statt. Die sichtbarste Neuerung: Der Pfalzkeller fällt weg. Was früher als grosses Zentrum des Festivals diente, gibt es dieses Jahr nicht. Stattdessen fokussiert Nordklang – neben Grabenhalle und Palace – auf kleinere Bühnen: Hofkeller, Kellerbühne und Theater Trouvaille.
Das ist nicht nur ein organisatorischer Entscheid, sondern auch ein ästhetischer. Der Pfalzkeller war gross – vielleicht zu gross. «Wir wollten es intimer gestalten», erklärt Büchler. Das neue Setup ist ein Experiment, aber auch eine Konsequenz aus den vergangenen Jahren. Wer Nordklang kennt, weiss: Das Festival lebt nicht vom Spektakel, sondern von Nähe, Atmosphäre und dem Gefühl, eine Entdeckung zu machen, bevor sie anderswo gross wird. Und genau das soll 2026 noch stärker spürbar werden.
Nordklang ist längst mehr als nur ein Schaufenster des nordischen Musikschaffens. Ein vergleichbares Festival mit nordischer Musik ausserhalb Skandinaviens sei ihm in dieser Art in Europa nicht bekannt, so Büchler. Innerhalb der nordischen Musikszene ist Nordklang mittlerweile eine Marke geworden mit Referenzcharakter und die Stadt St.Gallen für viele Musikschaffende aus dem nördlichen Europa so etwas wie der südliche Anker.
Smag På Dig Selv haben sich quasi selber eingeladen.
«Nicht wenige der diesjährigen Künstler:innen haben uns gefragt, ob sie am Festival spielen dürfen», verrät Büchler. So sei zum Beispiel das dänische Trio Smag På Dig Selv, das ohne Gesang, dafür mit zwei Saxophonisten und einem Schlagzeuger eine regelrechte Rave-Stimmung ins Publikum bringt, auf das Festival zugekommen. Auch das schwedische Quartett Tribe Friday, vier junge Typen, die 2000er-Indie-Rock mit ihrem melancholischen Emo-Groove in die Gegenwart bringen, habe unbedingt in St.Gallen auftreten wollen.
Smag På Dig Selv, Tribe Friday sowie Dublon (aus Norwegen), Nana Jacobi (Dänemark) und Stuzzi (Schweden) gehören denn auch eher zu den lauteren und impulsiven musikalischen Überraschungen des diesjährigen Festivals. Sie alle spielen auf den grösseren Bühnen entweder in der Grabenhalle oder im Palace. Das sind Konzerte, die etwas «mehr schäppern» dürften.
Nordklang ist aber musikalisch schon immer zweigleisig gefahren: abgefahren und laut, gleichzeitig ruhig, besinnlich, nachdenklich und melancholisch. Das Herzstück sind dieses Jahr denn auch die ruhigen Konzerte in den kleineren Locations Hofkeller, Kellerbühne und Theater Trouvaille. Diese Konzerte sind bestuhlt, konzentriert, fast schon kammermusikalisch.
Auf einer dieser drei Bühnen spielt die Färöerin Lea Kampmann. Ihre Musik verkörpert die typische nordische Weite und Endlosigkeit der Landschaft. Kampmann tritt als Quartett auf mit Kontrabass, Geige, Akustikgitarre und Piano. Eine weitere intime, fast schon meditative Entdeckung könnte die norwegische Jazzgrösse Eyolf Dale mit seinem Trio werden. «Dass Eyolf angefragt hatte, bei uns zu spielen, war für uns wie ein Ritterschlag», freut sich Büchler.
Vielversprechend und spannend dürfte auch der Auftritt der dänischen Sängerin Dork werden. Büchler hörte Dork am Radio im Mietauto während einer Rundreise durch Dänemark. Ihre Stimme blieb hängen und er holte sie, ohne lange zu überlegen, für ihr erstes Schweizer Konzert nach St.Gallen.
Dork
Struzzi
Und: Wer jetzt schon von der wärmenden Frühlingssonne – oder sogar von den Sommerferien – tagträumt, dürfte mit dem Konzert von Stuzzi aus Schweden bestens bedient sein. Linus Hasselberg alias Stuzzi ist das pure Gegenteil der nordischen Melancholie. Er verkörpert Happiness, Sandstrand und Lebensfreude. Ein Künstler, dessen atypischer Sound für einen nordischen Künstler wohl eher in der Karibik verortet würde. Es sind genau diese Gegensätze, die einen Besuch des Nordklang-Fests auch 2026 wieder lohnend machen werden.
Nordklang war schon immer ein Anlass, der über die ganze Stadt verteilt ist und das Publikum einlädt, zwischen den Bühnen zu rotieren. Apropos Publikum: Für die diesjährige Ausgabe hat das Organisationsteam stark auf Rückmeldungen aus dem Publikum reagiert. Dieses hatte einen Wunsch: weniger Stress, weniger «FOMO», weniger das Gefühl, immer etwas zu verpassen, da die Konzerte auf den Bühnen parallel stattfinden und es jeweils einige Zeit braucht, zu Fuss zwischen den Locations zu wechseln.
Die Antwort darauf: Drei ruhigere Acts spielen am Abend deshalb gleich zweimal – dafür gibt es zwei bis drei Bands weniger. Diese pragmatische Idee schont nicht nur das Festivalbudget, sondern ermöglicht es dem Publikum auch, mehr Konzerte stressfreier zu erleben. Ein bewusstes Entschleunigen.
Das Nordklang-Festival verspricht auch dieses Jahr wieder Überraschungen, musikalische Entdeckungen sowie Gegensätze. «Wir gehen davon aus, dass über 90 Prozent unseres Publikums von den Künstler:innen, die bei uns auf der Bühne stehen, noch nie etwas gehört haben dürfte», ist Büchler überzeugt.
Tipp: Bereits am Vorabend, am 20. Februar, gibt es gleich drei Anlässe, die auf das Festival am darauffolgenden Tag einstimmen. Im Palace findet eine Diskussionsrunde unter der Leitung von WOZ-Redaktor Kaspar Surber zum Thema Grönland statt. Im Restaurant Drahtseilbähnli gibt es ein nordisches Dinner – Anmeldung auf drahtseilbaehnli.com. Und – last but not least – im Øya spielen die beiden DJs Badrockar und Bon Ajvar nordische Sounds.
Nordklang-Festival: Samstag, 21. Februar, Grabenhalle, Palace, Hofkeller, Kellerbühne und Theater Trouvaille, St.Gallen. nordklang.ch
Nordklang Festival 2025
Von sanften Balladen zu dunklen Klangwelten: Das Nordklang Festival bringt zum 17. Mal den Sound des hohen Nordens nach St.Gallen. Eine musikalische Entdeckungsreise, die den viel zu warmen und doch düsteren Winter für eine Nacht vergessen lässt.
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.