Das Buchcover zeigt einen menschlichen Schädel, aus dem eine Vielzahl feiner Drähte ragt. Die Rädchen an deren Enden sind im neuesten Band von Shqipton Rexhaj das konstante Element. Wie ein defektes mechanisches Uhrwerk tickt, surrt und ächzt es. Die Rädchen verheddern sich, geraten aus dem Takt, blockieren sich gegenseitig, überschlagen sich.
So ungefähr muss es sich angefühlt haben, als der Musiker, Produzent und Autor ins Bodenlose fiel. Ein Burnout zwang ihn zum kompletten Rückzug. Während eines sechswöchigen Aufenthalts in einer Reha-Klinik entstand Die Seelenfabrik – Poesie aus der Tiefe des Burnouts, ein 152-seitiges Bändchen. Die Texte bestechen durch die unmittelbare, direkte Sprache. Die schonungslose Selbstbetrachtung beschreibt Rexhaj in Gedichtform. «Ich bin mächtig in Einsamkeit. / Denn die Einsamkeit gehört mir. (…) Stehe zwischen Welten. / Vor verschlossenen Türen.»
Im zähen Heilungsprozess reflektiert der heute 43-jährige Autor sein Leben als Kind seiner aus dem Kosovo geflüchteten Eltern und als junger Mann mit Talent fürs Schreiben, Komponieren und Performen. Ein zart-liebender Sprachsound kollidiert mit dem Hadern zwischen einem künstlerischen Aufbruch und dem Verantwortungsbewusstsein als Ehemann und Familienvater.
Dabei ist anzumerken, dass seine «Löwenmutter» und sein Vater, ein Sprachwissenschaftler und Buchautor, in ihrer Heimat wegen politischer Aktivitäten im Gefängnis sassen. Das Trauma der Verfolgung nahmen sie mit auf die Flucht. Es wurde Teil des Alltags, übertrug sich auf die Kinder. Rexhaj war fünf Jahre alt bei seiner Ankunft in der Schweiz. Sein eigenes Schreibtalent half ihm, schon als Jugendlicher Texte zu veröffentlichen. Mit 14 schrieb er einen Leserbrief, nachdem man ihn in einem Laden des Diebstahls bezichtigt hatte. Bei Regionalblättern war er schon früh freier Mitarbeiter. Für seinen Gedichtband Heimat der Heimatlosen hatte er 2005 einen Förderpreis des Kantons St. Gallen erhalten.
Die Anerkennung als Schreibender und Performer glitten in einen atemlosen, selbstzerstörerischen Aktionismus – bis REXEYE, so sein Künstlername, den Beruf des Kochs erlernte und quasi in einem bürgerlichen Leben mit einem geregelten Alltag landete. Heute arbeitet der Autor als Chefkoch in einem St. Galler Hotel. Im persönlichen Gespräch sagt REXEYE, die überwundene Krise habe ihn gelehrt, seine Ressourcen vorsichtiger einzusetzen.
Wer weiss, denkt man sich, was da künftig aus der Kombination von Koch- und Schreibkunst noch so alles geköchelt werden wird …
Shqipton Rexhaj: Die Seelenfabrik – Poesie aus der Tiefe des Burnouts. Qultur Verlag, Schiers 2025.
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