Räderwerk im Kopf
Viola Poli, 1992, zeigt im «Bücherherbst» Abdrücke von Wildsalbeiblättern auf mit Bienenwachs getränkten Stoffen sowie Biokunststoffe aus Asche und Holzkohle. Damit möchte sie ökologische Fragen thematisieren und eine Perspektive fernab der menschlichen einnehmen.
Das Buchcover zeigt einen menschlichen Schädel, aus dem eine Vielzahl feiner Drähte ragt. Die Rädchen an deren Enden sind im neuesten Band von Shqipton Rexhaj das konstante Element. Wie ein defektes mechanisches Uhrwerk tickt, surrt und ächzt es. Die Rädchen verheddern sich, geraten aus dem Takt, blockieren sich gegenseitig, überschlagen sich.
So ungefähr muss es sich angefühlt haben, als der Musiker, Produzent und Autor ins Bodenlose fiel. Ein Burnout zwang ihn zum kompletten Rückzug. Während eines sechswöchigen Aufenthalts in einer Reha-Klinik entstand Die Seelenfabrik – Poesie aus der Tiefe des Burnouts, ein 152-seitiges Bändchen. Die Texte bestechen durch die unmittelbare, direkte Sprache. Die schonungslose Selbstbetrachtung beschreibt Rexhaj in Gedichtform. «Ich bin mächtig in Einsamkeit. / Denn die Einsamkeit gehört mir. (…) Stehe zwischen Welten. / Vor verschlossenen Türen.»
Im zähen Heilungsprozess reflektiert der heute 43-jährige Autor sein Leben als Kind seiner aus dem Kosovo geflüchteten Eltern und als junger Mann mit Talent fürs Schreiben, Komponieren und Performen. Ein zart-liebender Sprachsound kollidiert mit dem Hadern zwischen einem künstlerischen Aufbruch und dem Verantwortungsbewusstsein als Ehemann und Familienvater.
Dabei ist anzumerken, dass seine «Löwenmutter» und sein Vater, ein Sprachwissenschaftler und Buchautor, in ihrer Heimat wegen politischer Aktivitäten im Gefängnis sassen. Das Trauma der Verfolgung nahmen sie mit auf die Flucht. Es wurde Teil des Alltags, übertrug sich auf die Kinder. Rexhaj war fünf Jahre alt bei seiner Ankunft in der Schweiz. Sein eigenes Schreibtalent half ihm, schon als Jugendlicher Texte zu veröffentlichen. Mit 14 schrieb er einen Leserbrief, nachdem man ihn in einem Laden des Diebstahls bezichtigt hatte. Bei Regionalblättern war er schon früh freier Mitarbeiter. Für seinen Gedichtband Heimat der Heimatlosen hatte er 2005 einen Förderpreis des Kantons St. Gallen erhalten.
Die Anerkennung als Schreibender und Performer glitten in einen atemlosen, selbstzerstörerischen Aktionismus – bis REXEYE, so sein Künstlername, den Beruf des Kochs erlernte und quasi in einem bürgerlichen Leben mit einem geregelten Alltag landete. Heute arbeitet der Autor als Chefkoch in einem St. Galler Hotel. Im persönlichen Gespräch sagt REXEYE, die überwundene Krise habe ihn gelehrt, seine Ressourcen vorsichtiger einzusetzen.
Wer weiss, denkt man sich, was da künftig aus der Kombination von Koch- und Schreibkunst noch so alles geköchelt werden wird …
Shqipton Rexhaj: Die Seelenfabrik – Poesie aus der Tiefe des Burnouts. Qultur Verlag, Schiers 2025.qultur.ch
Bücherherbst
Das Buch der Klimaseniorinnen Als die Schweiz ins Schwitzen kam erzählt die Geschichten der Aktivistinnen, welche die Schweiz am 9. April 2024 vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in die Knie zwangen. Ein Buch, das einen Überblick zum historischen Entscheid gibt und Hoffnung macht.
In ihrem jüngsten Roman erzählt Ruth Weber die Geschichte einer Frau zwischen Tradition, Krankheit und Aufbegehren – angesiedelt im katholisch geprägten Appenzellerland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein interessanter Roman, dem man manchmal mehr Mut zur Lücke gewünscht hätte.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.