, 7. Juni 2022
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Ukulelen und Brauntöne

Zum Saisonschluss nochmals Hochkarätiges: The Magnetic Fields aus New York gelten im Pop-Untergrund seit langem als Geheimtipp. Im Palace in St.Gallen spielen sie ihr erstes Konzert in der Schweiz. Gastautor Sebastian Bill über die Faszination für die Band und was das mit Ping Pong zu tun hat.

Stephin Merritt, Kopf der Magnetic Fields, die am Mittwoch im Palace St.Gallen ihr erstes Schweizer Konzert geben. (Bild: pd)

Stephin Merritt steigt im hektischen New York in ein Taxi ein. Der Taxifahrer fragt ihn, wer er denn sei, dass über ihn ein Dokumentarfilm gedreht werde. Er sei halt faszinierend, antwortet Merritt. Er schreibe wundervolle Musik. Der Taxifahrer fragt nach seinem Namen und muss dann eingestehen, dass er noch nie von einem Herrn Merritt gehört habe.

So geschehen im Dokumentarfilm Strange Powers über den Songwriter und Musiker Stephin Merritt und seine Band The Magnetic Fields. Der Typ vom Taxi ist nicht der Einzige, der noch nie von dieser Band gehört hat. Sie ist seit langem ein Geheimtipp und nur für Pop-Aficionados:as ein Begriff. Auch in der Schweiz gibt es solche, und diese flippen gerade aus. Denn die Band spielt zum ersten Mal ein Konzert in der Schweiz, und dann noch im St.Galler Palace.

Liebling der Musikkritik

Stephin Merritt schreibt seit den 90er-Jahren eingängige Lieder mit romantischen, humorvollen Texten über die Liebe und das Leben. Das könnte man von vielen Bands und Künstler:innen behaupten, nur hat Merritt der Liebe ein Album mit ganzen 69 Liedern gewidmet.

Diese 69 Love Songs (1999) voller Synthesizer, Ukulelen, Gitarren und Pianos lobte die Kritik in den Himmel, so dass das Rolling Stone Magazine es bis heute unter den besten 500 Alben aller Zeiten listet. Es folgten Alben wie das kammermusikalische I, das verzerrte Distortion, die kurzen Quickies oder das Werk zu Merritts fünfzigstem Geburtstag: das 50 song Memoir mit jeweils einem autobiographischen Song zu jedem Lebensjahr.

Vor 14 Jahren entdeckte ich die Band im «Musikexpress». Das Magazin schrieb eine hochlobende Hymne auf das Album Distortion. Mir gefiel das Bandfoto zum Artikel: vier Personen im Casual-Look vor einer kargen, grauen Wand. Als hätte man während der Arbeit im Büro noch rasch ein Foto gemacht. Ich fand das sympathisch, durchstöberte weitere Bilder der Band und stellte fest, dass Merritt sich gerne in Brauntönen kleidet. Sie würden zu seiner braunen Augenfarbe passen, wie er einst der «New York Times» verriet. Und ich finde, die Brauntöne passen zu seiner Bassstimme.

Natürlich betrachtete ich nicht nur Bilder der Band, sondern hörte auch ihre Musik. Schnell wurde ich auf das Album 69 Love Songs aufmerksam und hörte es rauf und runter. Mir gefielen die vielen Ukulelen und akustischen Instrumente, die kurzen, eingängigen Melodien und die sparsame Instrumentation. Der Song The Book of Love, arrangiert nur mit akustischer Gitarre und Merritts Stimme, gehört zu den bekanntesten Songs der Band und wurde gar von Peter Gabriel gecovert. Gabriel nennt Stephin Merritt in Strange Powers einen der grössten Songwriter Amerikas.

In der Halle unter die Leute gebracht

Den Enthusiasmus über meine Entdeckung der Band konnte ich mit Rafael Zeier teilen. Er ist Mitbegründer des St.Galler Radiosenders Toxic.fm und heute Redaktor für Digitales und Gesellschaft beim «Tages-Anzeiger». Als er in der Hallenbeiz beim Ping Pong in der Grabenhalle ein paar Platten auflegte, wünschte ich mir einen Song der Magnetic Fields. Und so tanzte ich mit dem Ping-Pong-Schläger zu Kiss me like you mean it um den Tisch. Ich spielte dadurch zwar nicht besser, aber darum ging es nicht. Ich und alle anderen hörten einen Song der Magnetic Fields in der Grabenhalle.

Nun höre ich Merritt und seine Band am 8. Juni im Palace. Ich werde in vorderster Reihe mitsingen und -staunen. Vielleicht auch mit Rafael Zeier. Dann nehme ich mir ein Taxi nach Hause und sage der Fahrer:in, dass ich gerade an einem faszinierenden Konzert eines gewissen Herrn Merritt gewesen sei.

 

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