«Maybe too cool for true love», singt Crimer in Mr. Lonely. Maybe zu cool für alles, was nicht wahre Liebe ist, könnte man ihm widersprechen. Und damit ist nicht die aufgesetzte Coolness der vergangenen Jahrzehnte gemeint, in denen er sich musikalisch so gerne suhlt. Sondern die zeitgenössische Coolness, die eben auch bedeutet: Gefühle zeigen. Zu seinen Krämpfen stehen. Konventionen sprengen. Cool ist, wer bereit ist, sich emotional hinzugeben, ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Zwänge.
Das kennt man alles schon von Crimer, doch auf seinem neuen Album Fake Nails hebt der gebürtige Rheintaler diese Disziplin auf ein neues Level. 44 Minuten lang tobt er sich gefühlsmässig so richtig aus. Natürlich wie gewohnt unter wogenden Discolichtern und tanzend auf dem weit ausgebreiteten Synth-Floor. Pathos hat er noch nie gescheut. Aber anders als auf seinem ersten Album Leave Me Baby (2018) schlägt er diesmal auch dunklere, erwachsenere Töne an.
Emo-Show, die Laune macht
Fertig Boyband-Memorial-Mittelscheitel. Zum neuen Signature Style gehören glitzernde Gelnägel und Zündschnur im Nacken. Beziehungsweise Vokuhila, wie im Video zu I Want You To Know, wo er sich verzweifelt im Sand wälzt und seine künstlerische Schaffenskrise beklagt. Was, jetzt so beim Schreiben, fast etwas absurd klingt, denn diese düstere Ballade – mit 30 wunderbar dark-wavigen letzten Sekunden – zeigt wie kaum ein anderer Track auf Fake Nails, wie sich der 31-Jährige musikalisch weiterentwickelt hat.
Inhaltlich geht es auch im Rest des Albums deep zur Sache. Das Hadern mit sich selbst, die Selbstzweifel, das bedrückende Gefühl, nicht zu genügen oder auseinanderzufallen – es sind wiederkehrende Themen, die uns wohl alle von Zeit zu Zeit umtreiben. Nur dass wir unser Innenleben in den wenigsten Fällen so gekonnt und offensiv verpacken können wie Crimer seines beispielsweise in David, My Demons oder Falling Apart. Seine Emo-Show macht Laune und ist auf Crimer-Art heilsam. Eine Flasche Prosecco hilft natürlich dabei. Oder eine Maniküre.
Die durchgehende Tanzbarkeit von Fake Nails täuscht fast hinweg über diese ernsten und nachdenklichen Momente auf dem Album. Besonders Never Enough ist eine musikalische Mogelpackung: Beginnt vergleichsweise verhalten, macht es einem aber spätestens beim ersten Refrain schwer stillzustehen – und handelt von einem Lustmolch, der den Künstler als Teenager mit seinen Lügen zu Dingen genötigt hat, die er nie wollte: «15 years old, I was a diamond. Set my webcam on fire. I was such a fool let your eyes in my room. But you said you were a girl and we’re living in a perfect world.»
Unbegründete Zweifel
Crimer wäre aber nicht Crimer, würde er sein Publikum nicht mit einer Prise Hoffnung entlassen und stets hartnäckig das Disco-Life predigen. Immer wieder überwindet er seine inneren Klippen, «That’s allright», und stiftet zum Tanzen an – «that deeper kind of drug».
Albumtaufe: 12. November, 21 Uhr, Palace St.Gallen (ausverkauft)
Zusatzkonert: 13. November, 21 Uhr
palace.sg crimer.ch
Kritische Stimmen werfen Crimer gern vor, immer gleich zu tönen und die 80er-Welle zu hart zu reiten. Man muss den 80er-Kitsch nicht mögen, aber diese Sicht war schon nach Leave Me Baby 2018 undifferenziert. Spätestens nach Fake Nails sollte klar sein: Hier spielt nicht einer einfach die Nostalgieplatte, hier ist einer am Experimentieren. Crimer kombiniert Elemente aus den 80ern mit seiner Jugend in den 90ern und zerrt diesen Mix ins Heute. Fake Nails ist ein reifes, vielseitiges Vergnügen mit allerlei unvorhergesehenen Brüchen, Brücken und Wendungen.
Das zweite Album ist für viele Künstler:innen bekanntlich das schwierigste, vor allem wenn das Debüt dermassen durch die Decke ging, wie es bei Crimer der Fall war. Plötzlich ist man populär, der Erfolgsdruck ist gross, ebenso die Zweifel, die er ja anschaulich besingt. Doch seine Sorge war unbegründet. Crimer hat ein Händchen für Hits. Seine Hooks und Melodien sind so scharf wie die lackierten Fingernägel. Und der Disco-Preacher ist mit einer unverkennbaren Stimme und einem Gespür für Trends gesegnet. Auf all das kann er sich auch in Zukunft verlassen.
Crimer ist quasi das Schulterpolster der Ostschweizer Musikexporte neben Dachs, Velvet Two Stripes, Monet 192, Knöppel & Co.: Er erweitert das Spektrum und macht den Rücken breiter. Früher als Batman auf den St.Galler Bühnen unterwegs, sieht man den Wahl-Zürcher mittlerweile nicht mehr so oft vor den hiesigen Clubs herumlungern. Sympathisch drum, dass er Fake Nails im Palace tauft – und das gleich an zwei Abenden.
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.
Eine halbe Million weniger von Kanton und Stadt – trotzdem machen Konzert und Theater St.Gallen vorläufig keine Abstriche beim Programm. Die Spielzeit 26/27 kündigt «Grenzgänge» an, sehr zeitgemässe insbesondere im Schauspiel.
Die Kritik an der Einladung des extremistischen und techno-libertären US-Bloggers Curtis Yarvin ans St. Gallen Symposium war gross – und berechtigt. Trotzdem war sein Auftritt am Ende vor allem eines: entlarvend. Selten traten die Widersprüche, die Selbstüberschätzung und die intellektuelle Leere der Neuen Rechten so öffentlich zutage.
In eigener Sache
Historische Überlieferungen sagen oft mehr über die Geisteshaltung der Verfasser aus als über geschichtliche Tatsachen. Was lässt sich also gesichert über die historische Person Wiborada sagen? Eine quellenkritische Spurensuche.
Ein Jahrhundert nach Thomas Manns Roman greifen Karl Kave & Durian das Motiv neu auf und erzählen mit Zauberberg ein vielschichtiges Konzeptalbum über Pflege, Perspektiven und gut betuchte Damen.
Paris, New York, Shanghai, Ittingen: Mit Fabrice Hyber gastiert mal wieder ein international renommierter Künstler im Kunstmuseum Thurgau. Eine Begegnung.
Treueprobe, Verkleidungsspuk, Partner:innentausch: Così fan tutte scheint definitiv von vorgestern. Trotzdem lohnt sich Mozarts Oper auch jetzt wieder am Theater St.Gallen. Am Samstag war Premiere.
Das Kunstzeughaus Rapperswil-Jona zeigt seit dem 26. April die aktuelle Sammlungsausstellung «wohin – woher – womit». Mitgestaltet von Menschen aus der Region untersucht sie, wie Teilhabe in Museen künftig aussehen kann.
St.Gallen verliert das Spiel gegen Sion und macht so Thun zum Meister. Doch in St.Gallen denken längst alle an den anderen Titel, der dann in drei Wochen vergeben wird. Das Spiel gegen Sion zum Nachlesen gibt es trotzdem im SENF-Ticker.
Filmfestival in Frauenfeld
Buch zur Migration in die Ostschweiz