Die Temperaturen lassen es allmählich zu, sich wieder vor einem vollbesetzten Café des Amis niederzulassen. Für Alexander, den Performer mit der charakteristischen Stimme, der seit seiner ersten Singleauskopplung Brotherlove für Aufregung sorgt, liegt das Quartierlokal im Kreis fünf gleich vor seiner Haustüre.
«Ich finde, in der Schweizer Popszene ist es ziemlich lustig. Es gibt viele Künstler, die nicht anecken wollen, die einem sehr ähnlichen Muster folgen. Ich glaube, ich entspreche nicht diesem System», sagt Alexander auf die Frage, weshalb denn genau er der neue Shootingstar ebendieser Szene sei. Eine Szene, die nicht selten mit «zu einfach, zu oberflächlich, zu Mainstream» zerrissen wird. Und welche Musikschaffenden möchten sich schon freiwillig zum Mainstream zählen, ausser vielleicht Helene Fischer, Rekordhalterin der Echo-Pop-Auszeichnungen und die einzige, die neben Tina Turner für fünf ausverkaufte Konzerte im Hallenstadion gesorgt hat.
Aber Verantwortung ist ein anderes Thema. «Erfolgreicher Schweizer Pop ist nicht oberflächlich. Pop gefällt zwar der Masse, ich finde aber auch, man kann die Masse bewegen, indem man die Masse fordert», sagt Alexander. Tut er das, der Ex BWL- und Kommunikationswissenschaftsstudent? Wenn ja, wie?
Seine Songs sind dem Wave-Pop zuzuordnen, dessen Ursprünge in der Punk-Bewegung zu liegen. Also in genau jener Bewegung, die sich gegen die bürgerlichen Werte auflehnte und das Establishment ablehnte. Was an Crimer wahrscheinlich noch im weitesten Sinne mit Punk in Verbindung gebracht werden kann, ist sein Gespür für das Nonkonforme. In mehreren Crimer-Videos taucht die Dragqueen Milky Diamond auf. Dass hierzulande halt alles etwas länger dauert und es immer noch spektakulär ist, mit einer Dragqueen zusammenzuarbeiten, findet Alexander zwar schade, dennoch gefällt es ihm, diesen Umstand für sich zu nutzen. Zumal die Gefahr besteht, die Musik aus den Augen zu verlieren.
Es war deshalb auch kein Zufall, dass seine Frisur ein gefundenes Fressen für die Presse war. In seinen Pressetexten legte er einen Fokus darauf, weil er wusste, dass seine Frisur nicht alltäglich ist. Dass dieser Schuss nach hinten ging, bedauert Alexander. So einfach ist das Business dann also doch wieder nicht. Gewissermassen nonkonform ist auch, den Entertainer Dominic Deville (notabene Schlagzeuger der Punkband Failed Teachers) im Video zu Cards mit einem Baseballschläger zu verprügeln. Vielleicht wäre es noch weniger konform gewesen, hätte er es mit Roger Schawinski getan…
Crimer: Leave me Baby. Erschienen auf MUVE.
Woher kommen eigentlich Alexanders rebellische Züge? Er, der in Balgach aufgewachsen ist, in Heerbrugg zur Schule ging und im Diogenes-Theater in Altstätten Veranstaltungen organisiert hat, kennt das Rheintal und weiss, dass es in vielen Belangen als konservativ angeschaut wird. «Bei uns ist Kultursahara», und Bands wie Bordeaux Lip oder Pedro Lehmann seien da schon eher die Ausnahme als die Regel, meint Alexander. Das hat aber auch seine Vorteile, zum Beispiel in Votings zum Swiss Music Award oder zum Best Swiss Videoclip. Die Regionalität hat dort einen hohen Stellenwert, «weil die Leute dann finden: Endlich mal ein Rheintaler Musiker!».
Es freut ihn, dass er, nach Batman Band und den Zvieri Boys, nun endlich Rückhalt aus der Region erhält. «Im Rheintal habe ich ein wenig einen anderen Status. Dort war ich letztens beim Coiffeur und musste ein Autogramm geben, das würde mir in Zürich nie passieren.» Rückhalt erhält Alexander neuerdings auch von seinem Vater, dem Banker. Der gemäss Alexanders Vater-Typologie nicht zu den «Oberpushern» gehört, die alles super finden, was ihre Kinder tun, obwohl sie womöglich keine Ahnung davon haben. Vielmehr gehört er zu den Vater-Typen, die finden: «Shit, eigentlich solltest du was anderes machen», erklärt Alexander. Das Rebellische hat also durchaus etwas Echtes. «Mein neues Album ist superecht», sagt er. Die Songs sind über die Jahre entstanden. So auch Fortress, der siebte Song auf Leave me Baby und einer der allerersten Songs, die er selber geschrieben hat.
Crimer: 30. März, 21 Uhr, Palace St.Gallen (ausverkauft) palace.sg, crimer.ch
Im Gegensatz zur Plattentaufe im Zürcher Plaza – um 22 Uhr musste Crimer mitsamt Band (Moritz Schädler an der Gitarre und Daniel Fanslau am Keyboard) bereits Platz machen für eine Hip Hop Show – könnte das Konzert im St.Galler Palace also durchaus echt und vielleicht sogar ein wenig heimelig werden. Denn neben seinem Vater wird auch seine Mutter anwesend sein («Holy shit meine Mutter kommt, weisst du das ist… voll geil!»).
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