Die Fahrt auf der leeren Autobahn in Richtung Westen muss seltsam gewesen sein. Als sich die Mitglieder der Velvet Two Stripes in die Relief Studios im Fribourgischen Belfaux zurückzogen, um aus Songskizzen ein neues Album zu stanzen, pendelte die Stimmung schweizweit zwischen Entschleunigung, düsterer Vorahnung und totaler Apokalypse.
Die Arbeit an Sugar Honey Iced Tea, dem dritten Studioalbum der Band, mag in ihrer Zurückgezogenheit aber nicht gross anders gewesen sein als diejenige an ihrem 2019 erschienen Vorgänger Devil Dance. War es beim Einspielen des zweiten Albums in den Berliner Hansa Studios noch der Fakt, dass sich Schlafplatz und Studio im selben Gebäude befanden, der zur Folge hatte, dass die St.Gallerinnen Sophie Diggelmann, Sara Diggelmann und Franca Mock nur Mischpulte und so gut wie kein Tageslicht sahen, war es dieses Mal ein pandemiebedingter Lockdown, der die Rahmenbedingung für konzentrierte Studioarbeit lieferte. Konzentriert ist auch deren Resultat, das schnörkellos daherkommt und keinen Song zu viel enthält.
Wo bleibt die «Vogue»?
Die auf dem Self-Release Suger Honey Iced Tea versammelten neun Songs sind Konsequenz einer gleichsam musikalischen wie ideellen Entwicklung einer Band, die sich seit jeher klarerweise im Rock-Spektrum verortet und dann besonders stark ist, wenn sie live auftritt.
Velvet Two Stripes: Sugar Honey Iced Tea, Self Release velvettwostripes.com
Die Drum Machine, die auf Velvet Two Stripes’ Debüt VTS (2014, Snowhite) noch einen prominenten Platz hatte und ihre frühen Songs stark in eine Ecke mit den reduzierten D.I.Y.-Nullerjahre-Hits der Kills rückte, wurde schon für den Zweitling Devil Dance (und auch schon für die vorangehende EP Got Me Good) mit einem Schlagzeug ausgetauscht. Und die Orgel, die auf Devil Dance für vereinzelte Psychedelic- und Art Rock-Glanzlichter sorgte, sucht man auf dem dritten Album vergebens.
Das von Nick Kauffman produzierte Sugar Honey Iced Tea ist eine instrumentale Besinnung auf das Rock-Grundgerüst als solches. Es sind nur noch Gitarre, Bass und Drums (im Studio und aktuell meistens live mit dabei: Catalyst-Hälfte Ramon Wehrle), die den – vermehrt auch mehrstimmigen – Gesang umarmen. Und doch ist der laute Soundteppich der Band, primär geknüpft aus grob-rauen Garage-, Grunge- und Stoner-Fäden, dicht wie nie zuvor.
Der Raum, der den qualitativen Möglichkeiten der einzelnen Instrumente eingeräumt wird, offenbart sich bereits im Eröffnungstrack des neuen Albums. Fever überrascht mit einem kernigen Bass-Auftakt von Franca Mock, der genauso gut einen Western-Film oder ein Frontier-Drama einläuten könnte. Wenig später wird dieser Bass von einer aufheulenden Gitarre und pulsierend-trommelndem Schlagzeugspiel umgarnt, dann setzt Gesang ein; anfänglich und im fortschreitenden Songgeschehen immer wieder polyphon (entfernt erinnert das etwas an Algiers’ Black Eunuch), währenddessen sich Sophie Diggelmanns Leadgesang zu einer explosiven Wucht zusammenbraut.
Fever klingt zugleich nach Wiedergeburt und Befreiungsschlag dreier Musikerinnen, die seit gut einer Dekade auf Konzertbühnen in ganz Europa zuhause sind und ungefähr ebenso lange das fremd verliehene und viel zitierte Label «coolste Band der Schweiz» mit Couldn’t-Care-Less-Attitüde ignorieren.
Die Kulisse für den imaginierten Western (dessen Fortsetzung sich übrigens im später auf dem Album auffindbaren This House Is Built On Sand findet) liefern, in diesem Fall für die helvetische Version, unwegsames Engadiner Gelände und die Felsen des Julierpasses, wie sie im Videoclip zu Fever (Regie: Bilder und Freunde) zu sehen sind. Ein Musikvideo, das sich in seinem künstlerischen Anspruch und seiner ästhetischen Gemachtheit eigentlich auch ganz gut in einem Ausstellungsraum oder einem Blogbeitrag für die «Vogue» machen würde. Letzteres gilt zweifelsohne für die äusserst ansprechenden Fotografien auf und in der Hülle der neuen Platte, für die Ladina Bischof verantwortlich ist (Haare & Makeup: Sandra Gimmel).
Unerwartete Abzweigungen
Fever samt Video scheint denn auch den «Rolling Stone India» überzeugt zu haben, sonst wäre der Song kaum auf dessen Global Artists Spotlight-Liste gelandet. Eine solch breitere Ausstrahlung traut man auch anderen Stücken auf Sugar Honey Iced Tea zu.
Die Songs haben einerseits an hymnischer Qualität zugelegt. Neben Fever sind es Two To Tango und Wooden Bones, die durchaus Werbespotcharakter haben, was mitnichten vernichtend gemeint ist. Anderseits haben Velvet Two Stripes einen Schritt hin zu dynamischer(er) Songentwicklung vollzogen. Tracks wie Spoonful Of Medicine oder Honey bestechen durch unerwartete Abzweigungen: Das plötzliche Hereinbrechen anderer Klangfarben, manchmal mit Rhythmus- und Tempowechseln, macht das Zuhören interessanter. Punktuell gipfeln diese bisweilen harten Schnitte gar in einem Songmoment merkwürdiger Schönheit, wie sie aus älteren Sachen von St.Vincent vertraut sind.
Zentral und mit Blick auf die musikalische Entwicklung der Band zeitlose Konstante bleibt dabei immer Sara Diggelmanns Gitarre, die auf der neuen Platte jault, fiept und fuzzt wie eh und je, zwischenzeitlich sogar avant-funky klingt (in Honey etwa) und mit Catch 22 fast einen ganzen Song lang ihre Blues-Versessenheit so richtig in Szene setzen darf – zumindest so lange, bis wieder einer dieser Schnitte folgt. Es sind diese Schnitte, die Sugar Honey Iced Tea zum bisher besten Album der Band machen.
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