Sich neu zu erfinden war definitiv nicht das Ziel der Velvet Two Stripes. Unbeweglich bleiben die drei St.Galler Blues-Rockerinnen deswegen noch lange nicht, wie sie auf ihrem zweiten Album Devil Dance unter Beweis stellen. Das Writing und die Arrangements sind seit der EP Got Me Good (2017) – und seit ihrem Erstling VTS (2014) sowieso – gereift.
Das Rezept bleibt dasselbe: eine klassisch-minimalistische Rockbesetzung (Gitarre-Bass-Schlagzeug-Gesang), eine schnoddrige Attitüde und harte Bluesriffs mit viel Fuzz, die hörbar in ausufernden Jam-Sessions entstanden sind, und nicht im stillen Kämmerlein erdacht und mühsam zusammenkomponiert wurden.
Velvet Two Stripes: Devil Dance, erschien als self-release am 8. Februar und ist auf diversen Online-Plattformen erhältlich.
velvettwostripes.com
Velvet Two Stripes machen bis heute keinen Hehl daraus, woher ihre musikalische Inspiration kommt. Noch immer haben sie ihre Wurzeln in den Rolling Sixties und Seventies, und deren Wiedergeburt in der Indie-Welle der Nullerjahre. Da klin gen Janis Joplin und Velvet Underground ebenso mit wie Jack White oder Wolfmother. Musikalisch dreht sich alles um Sara Diggelmanns Leadgitarre, kraftvoll sekundiert von ihrer Schwester Sophie (Gesang und Rhythmusgitarre) und Franca Mock (Bass und Backing Vocals).
Immer geradeaus
Der Song Devil Dance erschien zwar schon auf der EP vor zwei Jahren. Da er aber auf den Punkt bringt, was die Band seit jeher ausmacht, sollte der Song jetzt wieder mit aufs Album und ihm gleich auch seinen Namen geben. Darin geht es um den Ausbruch aus der inneren und äusseren Enge. Es ist ein wütender Schrei nach Freiheit.
Velvet Two Stripes live: 6. April, 22:30 Uhr, EXREX St.Gallen, am Saiten-Jubiläumsfest.
Devil Dance ist weit entfernt auch eine Reminiszenz an den legendären Ur-Bluesgitarristen Robert Johnson, den King of the Delta Blues, der seine Seele dem Teufel verkauft haben soll, um besser Gitarre spielen zu können. Mit dieser Leder-, Teufel- und Whiskey-Ästhetik kokettieren die drei St.Gallerinnen noch immer, ohne sich dabei irgendwo anzubiedern. Dieser Lack blättert nicht. Sie gehen aufrecht weiter, ohne nach links und rechts zu blicken.
Auch textlich bleiben sich die Velvet Two Stripes treu: Sie verzichten auf politische Statements oder tiefenphilosophische Abhandlungen. Die Texte, die immer erst nach der Musik entstehen, behandeln Themen und Gefühle, die die meisten kennen: Rausch, Kater, Liebe, Schmerz. Für einige mag das abgedroschen klingen. Das dürfte den Stripes aber herzlich egal sein. Sie haben sich in dem, was sie tun, gefestigt, und das hört man. Es sind zwar immer noch dieselben Riffs, wie man sie schon vor 20 und 50 Jahren gehört hat. Aber sie machen eben noch immer Spass.
Die Velvet Two Stripes haben ihren Sound gefunden, und der kommt sehr gut ohne Schnickschnack und viel Instrumentengeplänkel aus. Gitarre einstöpseln und ab die Post. Da und dort hat sich Produzent Tim Tautorat (Manic Street Preachers, Annenmaykantereit, Turbostaat, The Hirsch Effekt) aus den Berliner Hansa Studios zwar zu der einen oder anderen Orgeleinlage hinreissen lassen – beispielsweise im pompigen Intro des Openers Gypsy oder dem psychedelisch-schwelgenden Zwischenteil von Madeline. Das kommt zwar gut daher, unterstützt aber letztlich nur und wird nie zum tragenden Element. Auch hierbei bleiben sich die St.Gallerinnen treu: Was live nicht mit Gitarre, Bass und Drums umsetzbar ist, bleibt weg.
Vielschichtiger als die Vorgänger
Ein wichtiges neues Stilelement auf Devil Dance sind die öfters zum Einsatz kommenden Percussion-Elemente. Eggs, Shakers und vor allem die Cow Bells bringen dem Sound zusätzliche Dynamik. Zum Groove trägt wesentlich der Bündner Drummer Carlo Caduff bei, der die Velvet Two Stripes einige Zeit auf Tour begleitete, sich dann aber fix in Berlin niedergelassen hat. Devil Dance und Got Me Good hat er im Studio eingespielt. Live trommelt seit gut eineinhalb Jahren aber Dave Flütsch, ebenfalls ein Bündner. Zeichnet sich da ein Drummer-Beuteschema ab?
Das Album ist bei aller Geradlinigkeit vielschichtiger als die Vorgänger. Da sind durchaus Schlenzer möglich in leicht verlangsamtere Stonerrock-Gefilde wie in Lizard Queen oder im hallgeschwängerten Refrain von Somebody’s Fool. Gefällig ist etwa auch das arabeske Solo abseits des gängigen Bluesschemas in Sister Mercy.
Die Velvet Two Stripes experimentieren da und dort, ohne sich einem avantgardistischen Anspruch anzubiedern. Synthie und Drum-Machine dürfen getrost in der Mottenkiste bleiben. Devil Dance ist ehrlich, direkt und rau – und macht Lust auf Liveauftritte. Einer der nächsten ist beispielsweise am Saitenjubiläum am 6. April im ehemaligen Kino Rex. Kommt vorbei!
Dieser Beitrag erschien im Märzheft von Saiten.
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