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Provinz der Reichen

Der deutsch-französische Sender «arte» hat St.Gallen besucht. Das Porträt in der Reihe «Metropolis» stellte Roman Signer, Jonas Knecht, Martin Leuthold und Velvet Two Stripes ins Zentrum. Saiten hat geschaut und sah zwei verschiedene Filme...
Von  Redaktion Saiten

«Danke», sagt René Hornung an die Adresse der Macher des Films. Seine Einschätzung:

Künstler Roman Signer, der vor 45 Jahren nach St.Gallen kam, fragt sich bis heute manchmal: Wie konnte man nur hier eine Stadt bauen? Schauspieldirektor Jonas Knecht, der nach vielen Jahren in Berlin in seine Heimatstadt zurückgekommen ist, regt die Provinz manchmal auf, aber sie rege immer auch an. Schlimm sei eigentlich nur die Selbstverprovinzialisierung. Textildesigner Martin Leuthold, der Créateur der Luxusstoffe, ist gern draussen in der Welt und trinkt dann hier einfach wieder seinen Apfelsaft. Franca Mock und Sarah und Sophie Diggelmann von der Riot-Grrrl-Punk-Gruppe Velvet Two Stripes leben gut mit der Kleinheit der Stadt, denn die treibt sie an, etwas zu unternehmen.

Die Aussagen stammen alle aus einem liebevollen Filmporträt von Marco Giacopuzzi. Selber in St.Gallen aufgewachsen und hier einst ein umtriebiger Kulturmacher, ist er längst nach Deutschland ausgewandert und dort fürs Fernsehen tätig. Sein «Metropolis»- Stadtporträt im Rahmen der Arte-Sendung «Metropolis» ist noch eine Woche lang online – ein kleiner Film, der uns mit erhobenem Haupt und hohlem Rücken durch die Gassen schlendern lässt. Danke.

St.Gallen aus idealer Perspektive. (Bild: «arte»)

Zu viel Hochglanz, zu viele St.Gallen-Klischees, findet Peter Surber. Hier seine Kritik:

Man musste durchhalten, bis die aufregenden Sätze kamen. Zuvor sagte Roman Signer, warum er gern in St.Gallen ist («weil man mich hier in Ruhe arbeiten lässt»), und Jonas Knecht, warum er gern nach St.Gallen zurückgekommen ist («weil man hier in Ruhe Theater machen kann»). Es waren sympathische, aber auch erwartbare Auskünfte zur ruhigen Lage der Dinge, immerhin von zwei der kulturellen Leuchtfiguren der «kleinen Stadt am Rand der Schweiz mit gerade einmal 70‘000 Einwohnern», wie St.Gallen einleitend vorgestellt wurde.

Stadt der Ruhe – das ging bis hin zur abendlichen Totenstille auf dem roten Platz, die Jonas Knecht nachhaltig beunruhigte: «Wo sind die Menschen?». Vermutlich sind sie am Arbeiten – das legte zumindest das Porträt von Martin Leuthold nahe, dem dritten männlichen Glamourfaktor in dieser Sendung. Leuthold stand stellvertretend für die High-Tech-Textilindustrie St.Gallens, über deren Tätigkeit man gern mehr erfahren hätte und wo man die arbeitenden Menschen auch nicht sah. Dafür gab es Bilder von den Couture-Schauen in Paris.

Guo Peis von der St.Galler Kathedrale inspirierte Sommerkollektion auf dem Pariser Laufsteg. (Bild: kath.ch)

Von Leuthold kamen dann aber doch noch die aufregenden Sätze. St.Gallens Textilindustrie habe sich in all den Jahrhunderten immer wieder neu erfunden – aber sie habe stets für die Reichen dieser Welt produziert. Das Geld habe man mit Luxustextilien gemacht, für gewöhnlich Sterbliche war die St.Galler Textilbranche nicht zuständig. Und als Guo Pei, die chinesische Modedesignerin, in der bildergesättigten St.Galler Kathedrale gestanden sei, habe sie sofort verstanden, «warum wir so reiche Stoffe machen».

St.Gallen, Provinz der Reichen: Das war ein Stichwort, das sich hätte weiterverfolgen lassen.

Aber vertieft wird, beim knappen Format der Sendung verständlich, in «Metropolis» eher weniger. Dafür viel gezeigt: die ganze Palette der attraktiven Stadt-Ansichten (Stiftsbibliothek, Lokremise, Kathedrale, Altstadtgassen, Weierenblick) kam auf engem Raum zur Geltung, dazu Scheinwerfer auf den Säntis oder ins voralpine Hügelland – denn von der tollen Landschaft schwärmten die drei Kulturmänner ebenfalls unisono und natürlich zu Recht.

Die aufrüttelnden Bilder kamen ab Konserve: Szenen aus Peter Liechtis Film Signers Koffer mit den im Wortsinn umwerfenden Spreng- und Zündereignissen von Roman Signer rissen die Bildstrecke aus dem glattpoliert Gewohnten heraus.

Velvet Two Stripes auf dem nächtlich leeren Gallusplatz. (Bild: «arte»)

Am Ende erhielten dann doch noch die Frauen das Wort: die drei Musikerinnen von Velvet Two Stripes, die Ende Monat ihr neues Album taufen. Vornamen mussten genügen. Aber trotzdem amüsiert und amüsant lachte das Trio beim Walk durch die Altstadt in die Kamera und sprach über die Stadt, aus der man weg will und doch nicht wegkommt.

Was an kleineren Kulturinitiativen, aber auch an herausragend Alternativem von Palace bis zu Lattich, los ist in der Stadt, blieb in der Sendung dagegen unberücksichtigt. Was gezeigt wurde, richtete sich an Eintages-Touristinnen und Touristiker.

Zumindest passierte hier für einmal nicht, was Jonas Knecht in der Sendung kritisch «Selbst-Provinzialisierung» nannte: das St.Galler Übel, sich selber nicht für voll zu nehmen und zu wenig zuzutrauen. Der provinzialisierende Blick kam hier von aussen. Wenigstens halbwegs: Regie geführt hat ein emigrierter Ex-St.Galler, der Theatermacher und Fernsehjournalist Marco Giacopuzzi.

Die Sendung ist noch diese Woche hier zu sehen.

 

Jetzt mitreden: 2 Kommentare
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Marcel Baur,  

Wenn zwei von mir sehr geschätzte Autoren nicht den selben Film gesehen haben, dann verwundert mich das nicht. Unsere Stadt hat nämlich 2 Seiten. Sie ist tiefste Provinz und zugleich zeigt sie sich auf den grossen Bühnen der Welt. Ist es nicht genau das, was unsere Stadt mit all ijren Makeln so lebenswert macht? Wir können bei Touristen mit edlen Textilien und Weltkulturerbe genau so punkten, wie mit versteckten kleinen Insidern. Für jeden Etwas aber nicht Alles für jeden. So stell ich mir eine Stadt vor.

Roland Köppel,  

Die Stadt ist leer weil die Beamten ihre Büros von Kanton und Gemeinde in der Altstadt geräumt haben und ins Umland abgedampft sind um dort im lauschigen, steuergünstigen Grünen ihrer Familienidylle zu frönen.

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