Ich mag mich gut erinnern, als Teenie ein paar Mal bei Sara und Sophie in deren elterlichem Waschkeller gejammt zu haben: Das Resultat mündete in eineinhalb Jahren Schiene tragen an der linken Hand und dem frühzeitigen Ende meiner pubertären Rockstarträume.
Ein Glück für uns alle. Die Welt ist von meinem Geschrammel auf der Gitarre verschont geblieben, und Sara und Sophie konnten zusammen mit Franca aufsteigen, zu gefeierten Exportgütern der Schweizer Musikszene, die Brody Dalle gerne im Vorprogramm ihrer Europa-Tour engagiert hätte und denen ein landesweit populäres Gratisblatt schon mal krasse Rockstarattitüden inklusive nächtlicher Kämpfe mit WC-Besen in Hotelfluren (uiuiui!) nachsagt.
Da merkt man erst mal, wie absurd es ist, was so alles geschrieben wird über Menschen, wenn man sie gut, ja so richtig gut, kennt: Das tatsächlich Vorgefallene wird ungefähr ähnlich romantisiert dargestellt wie der Inhalt meines Artikeleinstiegs.
Freude und Nervenflattern
Über die Jahre hinweg haben mich Velvet Two Stripes solide begleitet: Ich mag mich gut erinnern an ihren ersten Palace-Auftritt im heimatlichen St.Gallen, an das Konzert im Postbahnhof in Berlin, wo ich eine Zeit lang studierte, an ihren Gig im noch nicht abgebrannten Festsaal Kreuzberg am selben Abend, an dem auch Cody Chestnutt auftrat; davor, dazwischen und danach säumen sich etliche andere Auftritte, Geschichten und durchzechte Nächte, die ich mit der Band verbinde.
Bei Velvet Two Stripes im Publikum zu stehen bedeutete immer auch, mit dieser seltsamen Mischung aus Freude, Nervenflattern und Stolz einem lieben Jemand bei seiner Leidenschaft zuzusehen; ähnlich dem Gefühl, wenn Dein Freund sein Abschlussdiplom überreicht bekommt oder Deine Liebste ihre Fotoausstellung eröffnet. Mit Anteilnahme halt, menschlich – vielen mag es vergangenen Freitagabend, als die Mitzwanzigerinnen ihre neue EP Got me Good im sehr gut gefüllten Palace tauften, ähnlich ergangen sein.
Nachdem Furious Few – drei in Berlin stationierte Australier, die ihre Musik als Rock ’n’ Roll Soul bezeichnen – ordentlich eingeheizt und das Stimmungsbarometer im Saal angehoben hatten, war kurz vor halb zwölf Schluss mit Rauch- und Schwatzpausen draussen an der Rosenbergstrasse. Velvet Two Stripes formierten sich auf der Palace-Bühne in leicht geänderter Manier: Wo früher Gitarristin Sara den optischen Mittelpunkt der Band bildete, steht neu Sängerin Sophie, umrahmt von Bass und Gitarre. Carlo Caduff, ehemaliges Bandmitglied und mittlerweile jeweils als Live-Drummer mit dabei, treibt im Hintergrund mit seinem pulsierenden Spiel die Szenerie vorne an.
Virtuos und ekstatisch
Dieses Ankommen bei einer klassischeren Formation entpuppt sich während des Konzerts als Glücksfall, wenn nicht sogar als logische Konsequenz der vergangenen Jahre. Der Reifungsprozess von Velvet Two Stripes ist weder überseh- noch überhörbar, ihr Sound, ein immer noch lauter und ziemlich dreckiger Rock ’n’ Roll, runder geworden und Sängerin Sophie in die Rolle der charismatischen Frontfrau reingewachsen: Sophies Stimme ist stärker und rauher als früher, ihre Bewegungen fliessender, sie sucht den Dialog mit dem Publikum.
Oft gelesene Vergleiche mit der jungen Debbie Harry – von den Haaren mal abgesehen – erübrigen sich, da hier eine eigenständige Persönlichkeit ihr eigenes Ding auf der Bühne durchzieht (zumal definitiv grungier als Blondie) – und sichtlich Spass daran hat.
Überhaupt vibriert die Lust am Tun während des gut einstündigen Sets, das Velvet Two Stripes an diesem Abend im Palace zum Besten geben, immer wieder durch die Körper der Bandmitglieder. Franca spielt ihren Cort-Bass mit beeindruckender, herrlich energiegeladener Anmut und unterstützt Sophie gesanglich, Saras Solos und Bridges, deren Blues-Anleihen immer wieder durchschimmern auf ihrer roten Gibson, sind virtuoser denn je.
Die Musikerinnen haben untereinander immer wieder diese Momente, in denen sie sich gegenseitig hochwiegeln, als stünden sie nicht mehr in einem vollen Saal an ihrer eigenen EP-Taufe, sondern bei einem weltvergessenen In-Ekstase-Spielen in einer von allem und jedem losgelösten Blase. Das Publikum hat sichtlich Freude daran.
Mit CD statt mit EP
A propos EP-Taufe: Dass eine Band reifer geworden ist, merkt man wohl auch an ihrer Selbstironie. So taufen Velvet Two Stripes an diesem Abend symbolisch halt eine Tina Turner-Platte aus dem Brocki, weil ihre eigenen immer noch am Trocknen sind, nachdem das Presswerk in Deutschland kurzerhand ausgestiegen ist. Whisky- und Wodka-Shots werden durchs Palace gereicht und das wunderschöne Cover-Artwork von Mirko Kircher aka Sugar Mirko gelobt: Die in den Berliner Hansa Studios eingespielten Got me Good-Aufnahmen haben es an diesem Abend zumindest auf CD nach St.Gallen geschafft.
Jetzt gilt es, ordentlich Schlaf nachzuholen, Velvet Two Stripes brechen bald zur kleinen Deutschland-Tournee auf. Ende Jahr spielen Franca, Sara und Sophie ihr zweites Album ein, man darf also freudig gespannt bleiben. Bis dahin sind die fünf EP-Songs von Got me Good Versprechen und solide Begleiter zugleich.
velvettwostripes.com
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