«Berlusconisierung» und andere Übel

CH-Media-Journalistin Doris Kleck, Moderator Kaspar Surber und Kulturwissenschaftler Ulrich Schmid (Bild: hrt)

Am Dienstag ist im Palace St.Gallen das neue Talkformat der Erfreulichen Universität gestartet. Journalistin Doris Kleck und Osteuropaexperte Ulrich Schmid sprachen über die Halbierungsinitiative.

Es war lei­der de­fi­ni­tiv nicht der best­be­such­te Dis­kus­si­ons­abend im Pa­lace. Da­bei ist der Auf­takt doch recht gut ge­lun­gen zum neu­en Talk­show-For­mat der Er­freu­li­chen Uni­ver­si­tät, bei dem je­weils zwei Gäs­te aus un­ter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven ein The­ma ver­tie­fen und nicht bloss das her­kömm­li­che Pro und Kon­tra ab­spu­len. Ge­lun­gen ist das Ge­spräch vor al­lem auch dank der lau­ni­gen Ein­lei­tung des Mo­de­ra­tors und WOZ-Jour­na­lis­ten Kas­par Sur­ber, der zwar noch nicht mit ei­ner Big­band à la Tanz­or­ches­ter Eh­ren­feld (Böh­mer­mann) auf­trump­fen konn­te, da­für aber an­kün­dig­te, ab der nächs­ten Aus­ga­be Cel­list Ger­hard Oeti­ker als «Pa­last­or­ches­ter Oeti­ker» da­bei zu ha­ben.

Un­ter den rund 30 An­we­sen­den, die CH-Me­dia-Bun­des­haus­kor­re­spon­den­tin Do­ris Kleck und HSG-Ost­eu­ro­pa­ex­per­te Ul­rich Schmid beim Nach­den­ken über die SRG-Hal­bie­rungs­in­itia­ti­ve zu­hö­ren und -se­hen woll­ten, fan­den sich vie­le Pa­lace-Stamm­gäs­te, zwei Na­sen vom «Tag­blatt», ei­ner von der De­pe­schen­agen­tur, ein pen­sio­nier­ter NZZ-Kor­re­spon­dent und ei­ne Dok-Fol­me­rin.

An­sons­ten blieb die Me­di­en­bran­che zu Hau­se an die­sem Diens­tag­abend. Was auch ein biss­chen sym­pto­ma­tisch ist für den all­ge­mein et­was lau­en Ver­lauf der Ab­stim­mungs­de­bat­te, bei dem ge­mäss eif­ri­ge­ren Teil­neh­mer:in­nen nichts we­ni­ger als die Zu­kunft des un­ab­hän­gi­gen Jour­na­lis­mus in der Schweiz ver­han­delt wird. Schon Kas­par Sur­ber hat­te in sei­nem So­cial-Me­dia-Auf­ruf für den An­lass fest­ge­stellt, dass sich ge­ra­de die Jour­na­list:in­nen­zunft der­zeit er­staun­lich schweig­sam ver­hal­te. Und dies trotz oder viel­leicht auch ge­ra­de we­gen der um­fas­sen­den Me­di­en­kri­se, die ja vor al­lem ei­ne Fi­nan­zie­rungs­kri­se ist, weil im­mer mehr Wer­be­ein­nah­men ins Si­li­con Val­ley flies­sen, etc. Wir ken­nen die Ar­gu­men­te …

SRG zu kri­ti­sie­ren ist nicht schwer

Do­ris Kleck, der Bun­des­haus­jour­na­lis­tin und stell­ver­tre­ten­den Chef­re­dak­to­rin bei CH-Me­dia, zu dem auch das «St.Gal­ler Tag­blatt» ge­hört, war an­zu­mer­ken, dass auch sie es lang­sam et­was leid ist, dau­ernd den Sinn von kri­ti­scher Be­richt­erstat­tung, viel­fäl­ti­ger Me­di­en­land­schaft und Jour­na­lis­mus als de­mo­kra­tie­sta­bi­li­sie­ren­des Kor­rek­tiv er­klä­ren zu müs­sen. Ein Grund ist si­cher­lich, dass die Schwei­zer Stimm­be­völ­ke­rung am 8. März in­nert elf Jah­ren zum drit­ten Mal sei­ne Mei­nung zur öf­fent­li­chen Me­di­en­fi­nan­zie­rung kund­tun muss: 2015 zum Re­fe­ren­dum ge­gen das neue RTVG-Ge­setz, 2018 zur No-Bil­lag-In­itia­ti­ve und jetzt eben zur Hal­bie­rungs­in­itia­ti­ve. Da­bei re­det man hier letzt­lich über ei­nen klei­nen Pos­ten. 1,2 Mil­li­ar­den Fran­ken er­hält die SRG aus Ge­büh­ren, ei­ne klei­ne Sum­me ver­gli­chen mit dem aus Steu­ern ge­spie­se­nen Bun­des­bud­get von rund 90 Mil­li­ar­den. 

Ein an­de­rer Grund, wes­halb Do­ris Kleck viel­leicht nicht nur Freu­de an der De­bat­te hat, ist die La­ge ih­res ei­ge­nen Un­ter­neh­mens. Sie be­ton­te im Pa­lace mehr­fach, dass die In­land­be­richt­erstat­tung seit der Flur­be­rei­ni­gung (CH Me­dia pro­du­ziert mitt­ler­wei­le den Man­tel­teil von 18 Re­gio­nal- und Lo­kal­blät­tern) nicht schlech­ter ge­wor­den sei, aber na­tür­lich sei ih­re re­dak­tio­nel­le Ver­ant­wor­tung bei der The­men­set­zung mit der grös­se­ren Ver­brei­tung mit­ge­wach­sen. Als sie et­was spä­ter ge­wis­se teu­re In­ves­ti­tio­nen der SRG in «un­nö­ti­gen» Be­rei­chen kri­ti­sier­te, un­ter­schlug sie ge­flis­sent­lich, dass zum Bei­spiel auch die «Tag­blatt»-Le­se­rin­nen mit ih­ren im­mer teu­rer wer­den­den Abos (40 Pro­zent al­lein in­ner­halb der letz­ten zwei Jah­re!) un­nö­ti­ge und ge­schei­ter­te Pri­vat­fern­seh- und Sport­li­zen­z­an­ge­bo­te quer­fi­nan­ziert ha­ben. Und das bei gleich­zei­tig mas­si­vem Stel­len­ab­bau in den Re­gio­nal- und Lo­kal­re­dak­tio­nen im gan­zen CH-Me­dia-Land.

Aber um CH Me­dia gings an die­sem Abend glück­li­cher­wei­se nur am Ran­de. Wor­in sich bei­de Talk­gäs­te ei­ni­ge wa­ren, ist die teil­wei­se wahr­nehm­ba­re Über­hö­hung der SRG, so­wohl von in­nen wie von aus­sen, die so­wohl der Fi­nan­zie­rungs­kri­se als auch dem Dau­er­be­schuss von rechts ge­schul­det sei. Bei­de wa­ren sich ei­nig, dass die SRG nicht Al­lein­ga­ran­tin für un­ab­hän­gi­gen Jour­na­lis­mus in der Schweiz sei. Und den­noch spra­chen sich bei­de ganz ein­deu­tig ge­gen In­itia­ti­ve aus, auch wenn sie sel­ber kaum oder nur we­nig SRG-In­hal­te kon­su­mie­ren.

Do­ris Kleck, die sich ih­re ers­ten be­ruf­li­chen Spo­ren als Schaff­hau­ser Sport­re­por­te­rin ab­ver­dien­te, schaut vor al­lem Ski­ren­nen und lob­te et­wa die ge­ne­ra­tio­nen­ver­bin­den­den Dok-For­ma­te oder die Ta­ges­schau des West­schwei­zer Fern­se­hens RTS, wel­ches mit we­sent­lich we­ni­ger Res­sour­cen viel dy­na­mi­sche­re Sen­dun­gen aus­strah­le als ih­re Kol­leg:in­nen in der Deutsch­schweiz. Und Ul­rich Schmid er­klär­te, er ha­be wie Kleck kein Fern­seh­ge­rät, hö­re aber als Fa­mi­li­en­koch je­den Abend das «Echo der Zeit» und müs­se sich da­her von sei­nen bei­den Söh­nen je­weils als «ca­ve man» (Höh­len­mensch) be­zeich­nen las­sen, wenn er ih­nen beim Znacht be­rich­tet, was er vor­her am Ra­dio ver­nom­men ha­be.

Es sei ein Leich­tes, die SRG für ein­zel­ne Pro­gramm­punk­te, die ei­nem nicht pas­sen, zu kri­ti­sie­ren. Aber ins­ge­samt sei ein öf­fent­lich-recht­li­cher Rund­funk eben doch ge­sell­schaft­lich, kul­tu­rell und de­mo­kra­tie­po­li­tisch wich­tig, ge­ra­de in Zei­ten, in de­nen al­le Me­di­en und da­mit die Mög­lich­keit zur öf­fent­li­chen Mei­nungs­bil­dung un­ter Druck stün­den.

Jam­mern in der Schweiz auf ho­hem Ni­veau

Ei­ni­ge Bli­cke ins Aus­land hal­fen, den Wert ei­nes se­riö­sen öf­fent­lich-recht­li­chen (nicht staat­li­chen!) Me­di­ums noch­mals her­vor­zu­he­ben. Ost­eu­ro­pa­ken­ner Schmid er­läu­ter­te als an­schau­li­ches Bei­spiel aus­führ­lich den Wan­del der rus­si­schen Me­di­en­land­schaft. Nach der Wen­de und der Öff­nung kam es un­ter Bo­ris Jel­zin zu­erst zu ei­nem wirt­schaft­li­chen Cha­os und gleich­zei­tig ei­ner ex­tre­men Li­be­ra­li­sie­rung der Me­di­en­land­schaft. Nach der Macht­über­nah­me Pu­tins im Jahr 2000 kri­ti­sier­ten die Me­di­en den Prä­si­den­ten zu­nächst scharf, als die­ser kalt­her­zig auf die Ha­va­rie des Atom-U-Boots Kursk re­agiert hat­te. Doch schon bald stell­te Pu­tin sei­ne Kri­ti­ker:in­nen kalt, liess sie er­mor­den oder gleich ganz ver­schwin­den.

Schmid sprach auch von ei­ner «Ber­lus­co­ni­sie­rung» der Me­di­en. Au­to­kra­ti­sche Herr­scher welt­weit ha­ben mitt­ler­wei­le ver­stan­den, dass sie, wol­len sie die öf­fent­li­che Mei­nungs­bil­dung zu ih­ren Guns­ten be­ein­flus­sen, an ers­ter Stel­le die gros­sen Fern­seh­an­stal­ten des Lan­des auf Li­nie brin­gen müs­sen. Der eins­ti­ge ita­lie­ni­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent und Me­di­en­un­ter­neh­mer Sil­vio Ber­lus­co­ni hat­te sei­ner­zeit rasch be­gon­nen, «sei­ne» Leu­te in den wich­ti­gen Po­si­tio­nen der RAI-Sen­der zu in­stal­lie­ren. Auch bei­spiels­wei­se in Po­len ge­hö­re es laut Schmid da­zu, dass die ak­tu­el­le li­be­ra­le Tusk-Re­gie­rung die Leu­te aus den Sen­dern ent­fernt, die von der vor­gän­gi­gen kon­ser­va­ti­ven PiS-Re­gie­rung dort ein­ge­setzt wor­den wa­ren.

Von sol­chen Zu­stän­den ist man in der Schweiz noch weit ent­fernt, man jam­me­re hier – bei al­lem Übel der hie­si­gen Me­di­en­kon­zen­tra­ti­on – noch auf ho­hem Ni­veau, be­fand Ost­eu­ro­pa­ex­per­te Schmid, der in ei­nem Na­tio­nal­fonds­pro­jekt ge­ra­de die rus­si­sche Pro­pa­gan­da er­forscht. Zwar ge­be es mäch­ti­ge, rei­che, rech­te Män­ner, die ver­su­chen, ih­ren me­dia­len Ein­fluss zu ver­grös­sern. Von Chris­toph Blo­chers Über­nah­me der Zehn­der­me­di­en («Nach­rich­ten»-Ti­tel) war die Re­de, oder von Ti­to Te­ta­man­tis En­ga­ge­ment für die «Welt­wo­che». Letz­te­re ma­che laut Do­ris Kleck – ähn­lich wie der neue «Ne­bel­spal­ter» – viel Lärm, sei aber zu ei­nem Ni­schen­pro­dukt ge­schrumpft, ziem­lich auf­la­gen­schwach – und letzt­lich le­dig­lich noch ein «Fei­gen­blatt» (Schmid) für die aus­ufern­den You­tube-Vi­deo­an­ge­bo­te ih­rer Ma­cher (Köp­pel, Somm). An­sons­ten stell­ten sich, so Do­ris Kleck, die gros­sen Ver­lags­häu­ser trotz Kon­kur­renz­si­tua­tio­nen in ge­wis­sen Ge­bie­ten grund­sätz­lich hin­ter die SRG. Zu­min­dest sei das die of­fi­zi­el­le Hal­tung von CH-Me­dia und sehr wahr­schein­lich auch von In­land­re­dak­tor Fran­ces­co Beni­ni, der dem Pu­bli­kum vor al­lem durch sein re­gel­mäs­si­ges SRG-Bas­hing auf­fällt. Beni­ni «be­glei­te» die SRG wohl nur des­halb so kri­tisch, weil sie ihm so am Her­zen lie­ge.

Bubble-News und Man­gel an Me­di­en­kom­pe­tenz

Ein grös­se­res Pro­blem se­hen so­wohl die Bun­des­haus­jour­na­lis­tin als auch der Ost­eu­ro­pa­ex­per­te aber nicht nur bei den Pro­du­zent:in­nen me­dia­ler In­hal­te, son­dern auch bei den «Kon­su­ment:in­nen». Do­ris Kleck be­rei­tet vor al­lem Sor­gen, dass sich im­mer mehr Leu­te aus­schliess­lich in be­stimm­ten Bubbles in­for­mie­ren. Und der Fest­stel­lung aus dem Pa­lace-Pu­bli­kum, dass sich «die Jun­gen» heu­te kaum noch für klas­si­schen Jour­na­lis­mus und schon gar nicht für das An­ge­bot der SRG er­wär­men wür­den, konn­ten die bei­den Talk-Gäs­te nur bei­pflich­ten. Do­ris Kleck, die sich auch in der Aus­bil­dung en­ga­giert, er­zähl­te, dass sie oft Prak­ti­kums­be­wer­bun­gen er­hal­te von Leu­ten, die kaum je ei­nen Zei­tungs­ar­ti­kel ge­le­sen hät­ten. Und Ul­rich Schmid be­rich­te­te, dass er in sei­nen Se­mi­na­ren manch­mal nach­fra­ge, wer ein Zei­tungs- oder On­line-Abo be­sit­ze und von den rund 30 Stu­die­ren­den dann je­weils höchs­tens ei­ner oder zwei die Hand he­ben.

Tik­tok-Schnipp­sel statt Hin­ter­grund­ab­hand­lun­gen, Life­style-Pod­cast statt Par­la­ments­be­richt­erstat­tung lau­ten in et­wa die kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Bei­spie­le, die im­mer wie­der ge­nannt wer­den, auch am Diens­tag­abend im Pa­lace. Zur me­dia­len Fi­nan­zie­rungs- ge­sellt sich al­so of­fen­sicht­lich auch ei­ne Kom­pe­tenz­kri­se. Der zu­neh­men­de Man­gel an Me­di­en­kom­pe­tenz und das ab­neh­men­de In­ter­es­se an po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen De­bat­ten birgt ver­mut­lich noch die weit­aus grös­se­re Ge­fahr für die De­mo­kra­tie als die wan­ken­den Fi­nan­zie­rungs­mo­del­le der Me­di­en. Denn fal­len die öf­fent­li­che Sphä­re und die dis­kur­si­ve Aus­ein­an­der­set­zung weg, so Ul­rich Schmid Jür­gen Ha­ber­mas und Isai­ah Ber­lin zi­tie­rend, be­rau­be sich die Ge­sell­schaft ih­rer Frei­heit, sich sel­ber zur de­mo­kra­ti­schen Mei­nungs­bil­dung zu be­fä­hi­gen.

Et­was op­ti­mis­tisch stim­men könn­te ei­nen, dass im Pa­lace auch ei­ne Hand­voll U30er:in­nen an­we­send wa­ren und sich am Schluss auch re­ge ins Ge­spräch ein­brach­ten. Aber auf die durch­aus be­rech­tig­te Fra­ge, wes­halb denn sie als Ge­ne­ra­ti­on, die über­haupt kei­ne SRG-In­hal­te kon­su­mie­re, ge­gen ei­ne Ent­las­tung ih­res Porte­mon­naies und ge­gen die In­itia­ti­ve stim­men soll­te, wuss­te im Saal nie­mand ei­ne schnel­le Ant­wort. Die et­was län­ge­re Ant­wort wä­re der gan­ze Talk da­vor ge­we­sen.

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