Es war leider definitiv nicht der bestbesuchte Diskussionsabend im Palace. Dabei ist der Auftakt doch recht gut gelungen zum neuen Talkshow-Format der Erfreulichen Universität, bei dem jeweils zwei Gäste aus unterschiedlichen Perspektiven ein Thema vertiefen und nicht bloss das herkömmliche Pro und Kontra abspulen. Gelungen ist das Gespräch vor allem auch dank der launigen Einleitung des Moderators und WOZ-Journalisten Kaspar Surber, der zwar noch nicht mit einer Bigband à la Tanzorchester Ehrenfeld (Böhmermann) auftrumpfen konnte, dafür aber ankündigte, ab der nächsten Ausgabe Cellist Gerhard Oetiker als «Palastorchester Oetiker» dabei zu haben.
Unter den rund 30 Anwesenden, die CH-Media-Bundeshauskorrespondentin Doris Kleck und HSG-Osteuropaexperte Ulrich Schmid beim Nachdenken über die SRG-Halbierungsinitiative zuhören und -sehen wollten, fanden sich viele Palace-Stammgäste, zwei Nasen vom «Tagblatt», einer von der Depeschenagentur, ein pensionierter NZZ-Korrespondent und eine Dok-Folmerin.
Ansonsten blieb die Medienbranche zu Hause an diesem Dienstagabend. Was auch ein bisschen symptomatisch ist für den allgemein etwas lauen Verlauf der Abstimmungsdebatte, bei dem gemäss eifrigeren Teilnehmer:innen nichts weniger als die Zukunft des unabhängigen Journalismus in der Schweiz verhandelt wird. Schon Kaspar Surber hatte in seinem Social-Media-Aufruf für den Anlass festgestellt, dass sich gerade die Journalist:innenzunft derzeit erstaunlich schweigsam verhalte. Und dies trotz oder vielleicht auch gerade wegen der umfassenden Medienkrise, die ja vor allem eine Finanzierungskrise ist, weil immer mehr Werbeeinnahmen ins Silicon Valley fliessen, etc. Wir kennen die Argumente …
SRG zu kritisieren ist nicht schwer
Doris Kleck, der Bundeshausjournalistin und stellvertretenden Chefredaktorin bei CH-Media, zu dem auch das «St.Galler Tagblatt» gehört, war anzumerken, dass auch sie es langsam etwas leid ist, dauernd den Sinn von kritischer Berichterstattung, vielfältiger Medienlandschaft und Journalismus als demokratiestabilisierendes Korrektiv erklären zu müssen. Ein Grund ist sicherlich, dass die Schweizer Stimmbevölkerung am 8. März innert elf Jahren zum dritten Mal seine Meinung zur öffentlichen Medienfinanzierung kundtun muss: 2015 zum Referendum gegen das neue RTVG-Gesetz, 2018 zur No-Billag-Initiative und jetzt eben zur Halbierungsinitiative. Dabei redet man hier letztlich über einen kleinen Posten. 1,2 Milliarden Franken erhält die SRG aus Gebühren, eine kleine Summe verglichen mit dem aus Steuern gespiesenen Bundesbudget von rund 90 Milliarden.
Ein anderer Grund, weshalb Doris Kleck vielleicht nicht nur Freude an der Debatte hat, ist die Lage ihres eigenen Unternehmens. Sie betonte im Palace mehrfach, dass die Inlandberichterstattung seit der Flurbereinigung (CH Media produziert mittlerweile den Mantelteil von 18 Regional- und Lokalblättern) nicht schlechter geworden sei, aber natürlich sei ihre redaktionelle Verantwortung bei der Themensetzung mit der grösseren Verbreitung mitgewachsen. Als sie etwas später gewisse teure Investitionen der SRG in «unnötigen» Bereichen kritisierte, unterschlug sie geflissentlich, dass zum Beispiel auch die «Tagblatt»-Leserinnen mit ihren immer teurer werdenden Abos (40 Prozent allein innerhalb der letzten zwei Jahre!) unnötige und gescheiterte Privatfernseh- und Sportlizenzangebote querfinanziert haben. Und das bei gleichzeitig massivem Stellenabbau in den Regional- und Lokalredaktionen im ganzen CH-Media-Land.
Aber um CH Media gings an diesem Abend glücklicherweise nur am Rande. Worin sich beide Talkgäste einige waren, ist die teilweise wahrnehmbare Überhöhung der SRG, sowohl von innen wie von aussen, die sowohl der Finanzierungskrise als auch dem Dauerbeschuss von rechts geschuldet sei. Beide waren sich einig, dass die SRG nicht Alleingarantin für unabhängigen Journalismus in der Schweiz sei. Und dennoch sprachen sich beide ganz eindeutig gegen Initiative aus, auch wenn sie selber kaum oder nur wenig SRG-Inhalte konsumieren.
Doris Kleck, die sich ihre ersten beruflichen Sporen als Schaffhauser Sportreporterin abverdiente, schaut vor allem Skirennen und lobte etwa die generationenverbindenden Dok-Formate oder die Tagesschau des Westschweizer Fernsehens RTS, welches mit wesentlich weniger Ressourcen viel dynamischere Sendungen ausstrahle als ihre Kolleg:innen in der Deutschschweiz. Und Ulrich Schmid erklärte, er habe wie Kleck kein Fernsehgerät, höre aber als Familienkoch jeden Abend das «Echo der Zeit» und müsse sich daher von seinen beiden Söhnen jeweils als «cave man» (Höhlenmensch) bezeichnen lassen, wenn er ihnen beim Znacht berichtet, was er vorher am Radio vernommen habe.
Es sei ein Leichtes, die SRG für einzelne Programmpunkte, die einem nicht passen, zu kritisieren. Aber insgesamt sei ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk eben doch gesellschaftlich, kulturell und demokratiepolitisch wichtig, gerade in Zeiten, in denen alle Medien und damit die Möglichkeit zur öffentlichen Meinungsbildung unter Druck stünden.
Jammern in der Schweiz auf hohem Niveau
Einige Blicke ins Ausland halfen, den Wert eines seriösen öffentlich-rechtlichen (nicht staatlichen!) Mediums nochmals hervorzuheben. Osteuropakenner Schmid erläuterte als anschauliches Beispiel ausführlich den Wandel der russischen Medienlandschaft. Nach der Wende und der Öffnung kam es unter Boris Jelzin zuerst zu einem wirtschaftlichen Chaos und gleichzeitig einer extremen Liberalisierung der Medienlandschaft. Nach der Machtübernahme Putins im Jahr 2000 kritisierten die Medien den Präsidenten zunächst scharf, als dieser kaltherzig auf die Havarie des Atom-U-Boots Kursk reagiert hatte. Doch schon bald stellte Putin seine Kritiker:innen kalt, liess sie ermorden oder gleich ganz verschwinden.
Schmid sprach auch von einer «Berlusconisierung» der Medien. Autokratische Herrscher weltweit haben mittlerweile verstanden, dass sie, wollen sie die öffentliche Meinungsbildung zu ihren Gunsten beeinflussen, an erster Stelle die grossen Fernsehanstalten des Landes auf Linie bringen müssen. Der einstige italienische Ministerpräsident und Medienunternehmer Silvio Berlusconi hatte seinerzeit rasch begonnen, «seine» Leute in den wichtigen Positionen der RAI-Sender zu installieren. Auch beispielsweise in Polen gehöre es laut Schmid dazu, dass die aktuelle liberale Tusk-Regierung die Leute aus den Sendern entfernt, die von der vorgängigen konservativen PiS-Regierung dort eingesetzt worden waren.
Von solchen Zuständen ist man in der Schweiz noch weit entfernt, man jammere hier – bei allem Übel der hiesigen Medienkonzentration – noch auf hohem Niveau, befand Osteuropaexperte Schmid, der in einem Nationalfondsprojekt gerade die russische Propaganda erforscht. Zwar gebe es mächtige, reiche, rechte Männer, die versuchen, ihren medialen Einfluss zu vergrössern. Von Christoph Blochers Übernahme der Zehndermedien («Nachrichten»-Titel) war die Rede, oder von Tito Tetamantis Engagement für die «Weltwoche». Letztere mache laut Doris Kleck – ähnlich wie der neue «Nebelspalter» – viel Lärm, sei aber zu einem Nischenprodukt geschrumpft, ziemlich auflagenschwach – und letztlich lediglich noch ein «Feigenblatt» (Schmid) für die ausufernden Youtube-Videoangebote ihrer Macher (Köppel, Somm). Ansonsten stellten sich, so Doris Kleck, die grossen Verlagshäuser trotz Konkurrenzsituationen in gewissen Gebieten grundsätzlich hinter die SRG. Zumindest sei das die offizielle Haltung von CH-Media und sehr wahrscheinlich auch von Inlandredaktor Francesco Benini, der dem Publikum vor allem durch sein regelmässiges SRG-Bashing auffällt. Benini «begleite» die SRG wohl nur deshalb so kritisch, weil sie ihm so am Herzen liege.
Bubble-News und Mangel an Medienkompetenz
Ein grösseres Problem sehen sowohl die Bundeshausjournalistin als auch der Osteuropaexperte aber nicht nur bei den Produzent:innen medialer Inhalte, sondern auch bei den «Konsument:innen». Doris Kleck bereitet vor allem Sorgen, dass sich immer mehr Leute ausschliesslich in bestimmten Bubbles informieren. Und der Feststellung aus dem Palace-Publikum, dass sich «die Jungen» heute kaum noch für klassischen Journalismus und schon gar nicht für das Angebot der SRG erwärmen würden, konnten die beiden Talk-Gäste nur beipflichten. Doris Kleck, die sich auch in der Ausbildung engagiert, erzählte, dass sie oft Praktikumsbewerbungen erhalte von Leuten, die kaum je einen Zeitungsartikel gelesen hätten. Und Ulrich Schmid berichtete, dass er in seinen Seminaren manchmal nachfrage, wer ein Zeitungs- oder Online-Abo besitze und von den rund 30 Studierenden dann jeweils höchstens einer oder zwei die Hand heben.
Tiktok-Schnippsel statt Hintergrundabhandlungen, Lifestyle-Podcast statt Parlamentsberichterstattung lauten in etwa die kulturpessimistischen Beispiele, die immer wieder genannt werden, auch am Dienstagabend im Palace. Zur medialen Finanzierungs- gesellt sich also offensichtlich auch eine Kompetenzkrise. Der zunehmende Mangel an Medienkompetenz und das abnehmende Interesse an politischen und gesellschaftlichen Debatten birgt vermutlich noch die weitaus grössere Gefahr für die Demokratie als die wankenden Finanzierungsmodelle der Medien. Denn fallen die öffentliche Sphäre und die diskursive Auseinandersetzung weg, so Ulrich Schmid Jürgen Habermas und Isaiah Berlin zitierend, beraube sich die Gesellschaft ihrer Freiheit, sich selber zur demokratischen Meinungsbildung zu befähigen.
Etwas optimistisch stimmen könnte einen, dass im Palace auch eine Handvoll U30er:innen anwesend waren und sich am Schluss auch rege ins Gespräch einbrachten. Aber auf die durchaus berechtigte Frage, weshalb denn sie als Generation, die überhaupt keine SRG-Inhalte konsumiere, gegen eine Entlastung ihres Portemonnaies und gegen die Initiative stimmen sollte, wusste im Saal niemand eine schnelle Antwort. Die etwas längere Antwort wäre der ganze Talk davor gewesen.