Zurückgeben?
In Gregor Brändlis Langzeitfilmdebüt Elephants & Squirrels begleitet die Künstlerin Deneth Piumakshi Veda Arachchige den Restitutionsprozess zwischen Sri Lanka und zweier Basler Museen. Ein Film, der Raum öffnet für Fragen, mit denen sich die Schweiz und ihre Museen beschäftigen müssen.
Die Maske zu tragen ist eine Ehre für Deneth Piumakshi Veda Arachchige (Bild: pd/Filmstill)
Mehrere Plastikkisten stehen gestapelt in einem Lagerraum. Sie sind verschlossen, aber weil sie halbtransparent sind, kann man von der Seite in ihr Inneres blicken. Und da wölbt sich in der obersten Kiste ein menschliches Gerippe – Knochen von Ahn:innen der sri-lankischen Veddah-Community.
Sie gehören zu einem Konvolut aus knapp 100 Kulturgütern und menschlichen Überresten. Diese haben das Museum der Kulturen Basel (MKB) sowie das Naturhistorische Museum Basel im Mai 2024 an das Heritage Center in Dambana, Sri Lanka, zurückgegeben. Der Schweizer Filmemacher Gregor Brändli hat den von der sri-lankischen Künstlerin Deneth Piumakshi Veda Arachchige vorangetriebenen Prozess dokumentiert.
Daraus entstanden ist der preisgekrönte Dokumentarfilm Elephants & Squirrels, der im Herbst 2025 an der DOK Leipzig Weltpremiere feierte. Das Langzeitfilmdebüt des Regisseurs vermittelt anschaulich, wie schwierig ein solches Restitutionsbegehren ist, bei dem es um sogenannte «kulturell sensible Gegenstände und Materialien» aus kolonialen Kontexten geht.
Dass überhaupt Kulturgüter der Veddah-Gemeinschaft und menschliche Überreste ihrer Ahn:innen in Schweizer Museen lagern, entdeckte Piumakshi Veda Arachchige vor einigen Jahren bei einer Recherche in eben diesen Museen. Erschüttert von dieser Entdeckung, machte sie sich auf Spurensuche und forderte bald die Rückgabe der Objekte und Gebeine an die Herkunftsgemeinschaft in Sri Lanka.
Wie die betreffenden Gegenstände sowie die menschlichen Überreste in die Schweiz gelangten, erklärt der Film in einem Prolog: Die Basler Zoologen Paul und Fritz Sarasin begaben sich im ausgehenden 19. Jahrhundert auf mehrere Forschungsreisen – unter anderem nach Sri Lanka, das unter britischer Kolonialherrschaft stand. Dabei sammelten sie alles Mögliche: Werkzeug, Waffen, zeremonielle Gegenstände, aber auch Leichenteile. Ob und inwiefern ihre Sammelmethoden aus heutiger Sicht unethisch waren, diskutieren Fachpersonen im Verlauf des Films mehrfach – nicht immer ist man einer Meinung.
Was der Historiker Dr. Bernhard C. Schär im Gespräch mit Piumakshi Veda Arachchige klarstellt: «Die Sarasins waren Naturforscher. Sie sahen diese Leute nicht als Menschen, nicht als Wesen mit Würde, einer Kultur und Rechten. Sie interessierten sich nur für ihre Körper».
Immer wieder macht Elephants & Squirrels die rassistische und eurozentristische Weltanschauung der damaligen Zeit deutlich und zeigt die Verstrickungen der Schweiz in die kolonialen Strukturen auf. Und das gelingt ganz ohne den erhobenen Zeigefinger.
Der Film lebt von einem Wechselspiel zwischen Basel und verschiedenen Orten in Sri Lanka, wo Deneth Piumakshi Veda Arachchige mehr als ein Jahrhundert später der Expeditionsroute der beiden Zoologen folgt. Dabei spricht sie mit verschiedenen Menschen aus der indigenen Herkunftsgemeinschaft über ihr Vorhaben. Der Grundtenor ist klar: Die Kulturgüter sowie die menschlichen Überreste gehören nach Sri Lanka. Einen besonderen Verbündeten für die von ihr geforderte Restitution findet die Künstlerin in Uru Warige Wannila Aththo, dem Chief der indigenen Veddah-Gemeinschaft in Dambana.
Dass die Restitutionsforderung für die Herkunftsgemeinschaft ein hochemotionaler Prozess ist, ist in Elephants & Squirrels durchgehend spürbar. Es geht um die Aufarbeitung und Anerkennung der Geschichte, ebenso um Transparenz und Verantwortung. Und es wird auch offensichtlich, dass die Restitutionsforderung in Basel eine nicht minder emotionale Angelegenheit ist, wenn auch mit anderer Ausrichtung: Hier geht es um Rechtsverhältnisse, Selbstverständnis und Deutungshoheit.
Piumakshi Veda Arachchige auf Spurensuche in Sri Lanka (Bild: pd/Filmstill)
Gregor Brändle verzichtet konsequent darauf, diese beidseitige Emotionalität dramatisch gegeneinander auszuspielen. Der Blick bleibt stets beobachtend und analytisch. Und obwohl «Elephants & Squirrels» die Perspektive der indigenen Bevölkerung im Fokus hat, schafft es der Regisseur, alle Parteien gleichberechtigt zu inszenieren.
Elephants & Squirrels zeichnet kein naives oder gar verklärendes Bild von Restitutionsbegehren und den damit verbundenen Prozessen– auch wenn es in diesem Fall zu einer Rückgabe kommt. Nichts wird beschönigt, aber auch nichts skandalisiert. Es sind vor allem die unkommentierten Zwischentöne, die lange nachhallen. Etwa das unwillkürliche Zucken des Kurators, als Uru Warige Wannila Aththo beim Besuch im Museum in Basel einen Pfeil mit blossen Händen anfasst. Oder die Frage einer Besucherin, ob «die» überhaupt Museen hätten.
Und es sind auch die politischen Gegebenheiten und die musealen Logiken, die so bezeichnend sind für den Umgang mit der kolonialen Vergangenheit der Schweiz. Etwa dass die Provenienzforschungsreise des MKBs im Rahmen dieses Restitutionsverfahrens ausgerechnet von der Fritz Sarasin Stiftung finanziert wird. Oder dass das Museum erschreckend wenig über die Kulturgüter und Gebeine weiss, die schon so lange in seinen Depots lagern.
Und dann ist da noch der Versprecher des Politikers Conradin Cramer, der bei der feierlichen Übergabe der Kulturgüter und menschlichen Überreste letztere als «menschliche Objekte» bezeichnet. Sein Stolperer, für den er sich umgehend entschuldigt, steht sinnbildlich dafür, wie schwer es sein kann, bestehende Narrative zu durchbrechen. Zugleich wirft er damit grundlegende Fragen auf: Ab wann gelten sterbliche Überreste von Menschen als Museumsobjekte? Und wer bestimmt, wann etwas zum Objekt wird?
Feinfühlig stossen Brändli und Piumakshi Veda Arachchige im knapp zweistündigen Film solche Debatten an. Klar ist: Sie müssen geführt werden, denn einfach so verschwinden werden sie auch künftig nicht.
Elephants & Squirrels: Donnerstag, 12. März, 18.15 Uhr, Kinok St.Gallen.Filmvorstellung mit Regiegespräch: Freitag, 13. März, 19.45 Uhr, Kino Cameo, Winterthur.
Sinn und Bedeutung des Sammelns
Gedanken über Sinn und Bedeutung des Sammelns
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.