, 16. September 2019
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Aus Versehen anders

Anna Rosenwasser erklärt, warum viele Homos anderen gerne den Regenbogen ins Gesicht klatschen, eigene Partys feiern und auch noch ständig betonen, dass sie so gay sind.

Letztens lief ich so in ein Café rein, und an der Theke arbeitete eine junge Frau, die vermutlich queer war. Wir hatten uns zuvor noch nie gesehen, sie hat zum Zeitpunkt meines Cafebesuchs nicht «ICH BIN GAY!» durchs Lokal gerufen, und trotzdem trafen sich kurz unsere Blicke, und wir wussten beide: Aha. Ein Mitglied der Community.

Wir sagten uns nett hallo, das mir noch fremde Familienmitglied und ich. Tatsächlich: Auf ihrem Namensetikett war eine Regenbogenflagge. Vermutlich ein Etikett aus dem Juni, dem offiziellen Pride-Monat, wo manche Unternehmen gerne Regenbogen platzieren. «Wie geil, du hast eine Pride-Flagge auf dem Namensschild!», sagte ich zu ihr, nachdem ich bestellt hatte, und sie teilte meine Freude und wir plauderten kurz, einfach nur, weil wir beide so gay sind.

Anna Rosenwasser, 1990 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in Zürich. Sie arbeitet als Geschäftsführerin für die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und als freischaffende Journalistin. (Illustration: Lukas Schneeberger)

Man stelle sich das mal bei Heteros vor. Dass sie in ein Lokal reinlaufen und freundschaftlichen Augenkontakt haben mit anderen Heteros. Dass sie dann bei sich denken «Hach, ein Familienmitglied», und dass sie sich dann nach der Bestellung darüber unterhalten, dass sie beide hetero sind, mit einer Hetero-Flagge auf dem Namensetikett. Lustige Vorstellung.

Und dann denkt man: Warum eigentlich, ihr Homos? Warum macht ihr das, diese Parallel-Gesellschaft, dieses Abfeiern des Andersseins. Warum müsst ihr allen den Regenbogen ins Gesicht klatschen, eigene Partys feiern und auch noch betonen, dass ihr gay seid. Was soll diese Glorifizierung des Andersseins?

Das klingt immer, als wäre Anderssein eine Entscheidung. Und es klingt auch immer, als wäre die vermeintliche Entscheidung, homosexuell zu sein, schlecht. Dabei werden wir zu «den Anderen» gemacht, in jedem Bereich unseres Lebens, ohne dass wir gefragt werden, ob wir uns gern als «anders» wahrnehmen.

Wenn wir zu «den Anderen» gemacht werden für etwas, das eigentlich nichts Schlechtes ist, warum nicht Glitzer drüberstreuen und es geniessen? Der Vorwurf, wir würden uns damit isolieren, ist ein Denkfehler. Ich meine, Menschen betonen ja gern Dinge, die sie gern haben. Metalheads haben ihre Community, Cosplayer haben ihre Community, Schmink-Fans haben ihre Community. Weil sie alle Freude haben an derselben Sache. Das isoliert sie nicht, das macht ihnen Freude.

So gehts uns Queers auch: Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, auf Frauen zu stehen ist ein sehr schönes Gefühl. Ich möchte es feiern, in die Welt raustragen und low key mit meiner Freundin angeben. Genau das Bedürfnis hatte ich auch zu Zeiten, in denen ich mit Männern zusammen war – aber die Welt gabs schon. Sie nannte sich Normalität. Jede Party ist eigentlich eine Heteroparty, jede Werbung ist eigentlich eine Heterowerbung, und seien wir ehrlich, jede Fasnacht ist eigentlich eine Hetero-Pride.

Dass ich auf Männer stehe, muss ich nicht mehr abfeiern, weil unsere Kultur das schon längstens für mich übernommen hat: Man ist sich einig, dass es was Schönes ist, wenn Männlein und Weiblein sich begehren. Wir Homos feiern eigentlich bloss das, was bisher vergessen wurde. Hätte unsere Kultur sie von Anfang an mitgedacht, wer weiss, vielleicht würden wir das Homo-Sein dann nicht mehr so betonen.

(Just kidding. Wir würden es trotzdem betonen.)

Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.

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