, 23. November 2020
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«Brave Themen bringen kaum Besucher»

Das Historische und Völkerkundemuseum St.Gallen wird 100 und erhält ein neues Direktorium. Stiftungspräsident Arno Noger über die neue Museumsstrategie, die Angst des Kantons vor starken städtischen Institutionen und die Idee eines Migrationsmuseums.

Arno Noger: «Ziel wäre es gewesen, mit kantonalen oder überregionaleren Themen an mehr kantonale Mittel zu gelangen.» (Bilder: Tine Edel)

«Ohne Innovation keine Zukunft. Das gilt für alles ausser Museen und Friedhöfe», sagte der schweizerisch-luxemburgische «Uhren-papst» Jean-Claude Biver vor einem Jahr in einem Interview mit CH Media. «Was für ein Mist!», sagt dazu Arno Noger, Stiftungspräsident des Historischen und Völkerkundemuseums St.Gallen (HVM). Um ein Haar hätte er einen Leserbrief geschrieben, blieb dann aber bei seiner Gewohnheit, es nicht zu tun.

Das HVM steht vor einem Umbruch. Im Februar hat der Stiftungsrat die neue Museumsstrategie 2020 verabschiedet. Kunsthistoriker Daniel Studer, seit 2002 Leiter des Museums, geht nächsten Frühling in Pension. Gleichzeitig feiert das HVM sein 100-jähriges Bestehen. Arno Noger gleist zusammen mit dem Stiftungsrat die Zukunft des Museums auf, bevor auch er im Sommer in Pension geht.

Saiten: Das Historische und Völkerkunde- museum St.Gallen wird nächstes Jahr 100-jährig. Die grossen Geschichten sind erzählt. Die Erinnerungsgemeinschaften erodieren. Braucht es die Institution Museum noch? Interessieren sich die Menschen noch für Geschichte?

Arno Noger: Ich bin ja von Haus aus Historiker und daher unbedingt der Meinung, dass sich Menschen für Geschichte interessieren. Heute vielleicht einfach in einer anderen Form als früher. Das HVM-Team hat das bereits gut erkannt und umgesetzt, indem die Ausstellungsobjekte nicht einfach als Objekte dastehen, sondern immer versucht wird, anhand eines Objekts eine Geschichte zu erzählen. Gerade Objekte bieten einen anderen Zugang zur Vergangenheit als der digitale Weg, besonders, wenn man einzelne Objekte auch berühren darf, was mich als haptischen Menschen besonders freut. Aber auch den digitalen Sammlungszugang bauen wir immer mehr aus mit der Online-Kollektion. Die Sammlungserschliessung ist ein Dauerthema. In dem Sinn ist schon noch nicht alles erzählt.

Was muss das neue Direktorium sonst noch mitbringen ausser dem Talent, Geschichten zu erzählen, um das Museum in die Zukunft zu führen?

Es braucht sicher Teamführungsfähigkeit. Im HVM arbeiten ja lauter akademisch gebildete Kuratorinnen und Kuratoren, ebenso die Mitarbeitenden aus dem Sammlungsbereich. Jemand muss diesen Know-How-Pool zu kreativsten Leistungen bringen. Weil Ausstellungen immer Teamarbeit sind. Jetzt haben wir die Ära Daniel Studer, der Kunsthistoriker ist. Ich glaube, das ist eine Ära, in der viel Gutes gemacht wurde – aktuellstes Beispiel etwa die Ausstellung «Berufswunsch Malerin». Den kunsthistorischen Teil hat er sehr gut abgedeckt. Ich glaube, wenn die neue Person neue Akzente setzen möchte, wird sie dazu gute Chancen haben.

Stadtvater Vadian hockt lebensecht in seiner Reformationskammer und blickt streng auf die Eintretenden. Einen Paul Grüninger hingegen findet man einigermassen gut versteckt in der Kinderabteilung: Ist das HVM auch für museale Begriffe langsam etwas angestaubt? Bräuchte es mehr zeitgeschichtliche oder sogar aktuelle Zugänge?

Solche Bezüge braucht es. Das ist aber schwieriger umzusetzen, weil wir vielleicht nicht für alle Themen, die uns interessieren, geeignete Sammlungsgegenstände haben. Ein Museum lebt von der Dreidimensionalität. Wenn wir einfach eine Plakatausstellung machen, erreichen wir die Leute wohl nicht in einem wünschbaren Mass. Dass das Museum angestaubt ist, verneine ich. Wir halten jedem Vergleich stand, in der Art, wie wir Themen präsentieren und mit unterschiedlichen Vermittlungskanälen unterstützen. Visuell ist das HVM von A bis Z einfach schön. So schöne Darstellungen und Räume muss man erst mal finden. Häufig älteln städtische Museum. Unseres nicht.

Das 20. Jahrhundert ist praktisch nicht abgebildet.

Wir haben sicher ein Entwicklungspotential bezüglich Stadtgeschichte, gerade wenn man daraus weltgeschichtliche Perspektiven eröffnen möchte. Grüninger wäre ein gutes Beispiel dafür: Es gibt stadthistorische und regionalhistorische Bezüge im welthistorischen Kontext. Das bedingt aber räumliche Neudisposition: Der Ausstellungsraum für Stadtgeschichte ist zu klein, vielleicht zu klein. In den letzten 20 Jahren hatte man den Anspruch, thematisch auch die Region und den Kanton mehr einzubeziehen. Das war ein Stück weit auch das Interesse des Stiftungsrates. Ziel wäre es gewesen, mit kantonalen oder überregionaleren Themen an mehr kantonale Mittel zu gelangen. Aber dazu ist es leider nicht gekommen. Mit der Strategie 2020, die wir letzten Februar verabschiedet haben, wollen wir die Fokussierung auf städtische und im engeren Kreis regionale Themen, aber durchaus mit Bezug zu Grösserem, wieder mehr fördern.

Das HVM bleibt mehrheitlich eine städtische Angelegenheit. Haben Sie sich auch als Kantonsrat für mehr kantonale Mittel eingesetzt?

Das habe ich zusammen mit Max Lemmenmeier und anderen im Bereich Archäologie. Heute wird die archäologische Dauerausstellung vom Kanton via Budget und nicht mehr via Lotteriefonds unterstützt. Aber um die Aufgabenteilung zwischen Kanton und Stadt neu auszuhandeln, fehlen uns im Moment die Türöffner. Der Leistungsauftrag des Kantons ist verbal imposant, aber finanziell führt er zu sehr wenig Beiträgen. Erwähnt sind in der kantonalen Kulturförderstrategie nur die Stiftsbibliothek, das Stiftsarchiv, das Staatsarchiv, die Kantonsbibliothek, das Textilmuseum und das Museum im Lagerhaus. Unsere drei grossen städtischen Museen sucht man darin vergebens. Das habe ich im Kantonsrat kritisiert, ebenso in der vorberatenden Kommission. Dass man das Kunstzeughaus in Rapperswil-Jona mit den Schwimmflossen von Roman Signer erwähnt als bewegliches Kulturgut, aber nicht, was wir im Naturmuseum, im Kunstmuseum und im Historischen Museum haben, ist einfach nicht kongruent. Aber das ist genau der Grund, warum es nicht geklappt hat.

Hat das mit den Kantonsstrukturen zu tun?

Ja. Und damit, dass sich der Kanton auf dem Platz St.Gallen primär um Konzerte, Theater und Stiftsbibliothek kümmert. Und dann im Ringkanton mit Südkultur, See-Gaster usw. eine Leuchtturmstrategie hat. Man hat eine Riesenangst, die kulturellen Institutionen in der Stadt stärker zu beachten, wie sie es verdient hätten. Man wird sehen, was passiert, wenn Katrin Meier, heute Leiterin des kantonalen Amts für Kultur, meine Nachfolgerin wird, wovon zum jetzigen Zeitpunkt auszugehen ist.

Das Museum bleibt also in erster Linie ein Stadtmuseum, will sich aber thematisch öffnen. Welche Zugänge wären denkbar?

Sozialgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Globalgeschichte. Oder Migrationsgeschichte wäre natürlich ein Riesenthema. Dass das Thema beim Publikum äusserst gut ankommt, hat man mit der Flucht-Ausstellung im letzten Jahr gesehen. Die Aufarbeitung solcher Themen ist allerdings sehr aufwändig. Unser Staff an Historikern ist nicht beliebig gross. Und das Herbeiziehen externer Experten bedingt immer relativ lange Vorbereitungszeit. Auch die Umstellung einer Dauerausstellung benötigt viel Zeit und zusätzliche Gelder. Es ist fraglich, ob die Stadt dies mitfinanzieren würde.

In der Museumsstrategie steht, die Sammlung soll laufend ergänzt werden mit «relevanten Objekten zur Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts». Was ist hier mit Kulturgeschichte gemeint? Oder was eben nicht?

Mit «Kultur» ist nicht Kunstgeschichte, sondern der menschliche Lebensbereich insgesamt gemeint. Das umfasst auch das wirtschaftliche und soziale Leben.

Heute sieht man im Museum Ritterrüstungen, Frauenkleider, Tafelsilber. Vermittelt das nicht etwas einseitig ein bürgerliches oder sogar grossbürgerliches Geschichtsbild?

Diese Sichtweise teile ich nicht, zumindest nicht so prononciert. Die Ausstellung «Reiche Speise» beispielsweise, wo das von Ihnen genannte Tafelsilber vorkommt, konnte man machen, schlicht weil man diese Objekte hat. Das ist nicht die Freude im Sinne von: Schau, diese schöne Henkeltasse, oder schau, wie viel Besteck die hatten … Monika Mähr hat sich in der Begleitpublikation durchaus kritisch mit der damaligen Esskultur auseinandergesetzt. Häufig wird das aufbewahrt, was einem wertvoll schien. Alltäglichkeiten werden nicht im gleichen Mass konserviert. Lange Zeit haben wir einen historischen Coiffeursalon gezeigt, der durchaus Gewerbe und Mittelstand repräsentiert. Auch in der Kinderabteilung gibt es Bezüge zur breiten Bevölkerung, beispielsweise mit den verschiedenen Lebensläufen. Eben dort, wo Paul Grüninger vorkommt. Für solche Themen könnte man aber durchaus auch das Publikum vermehrt einbeziehen, wie es etwa das Textilmuseum zum Thema Kinderfest gemacht hat.

Das Stadtarchiv der politischen Gemeinde befasst sich aktuell mit audiovisuellen Quellen: Fotos, Filme, Tonaufnahmen. Das sind die Medien des 20. Jahrhunderts. Könnte das HVM nicht verstärkt mit den Archiven zusammenarbeiten?

Teilweise findet das schon statt, gerade im Zusammenhang mit dem Fotoschatz im Stadtarchiv. Das Frauenarchiv kuratiert nächstes Jahr eine eigene Ausstellung. Aber tatsächlich könnte man die Kooperationen noch stärken. Meine Erfahrung ist, dass die Archive ein starkes Bedürfnis haben, noch vermehrt an die Öffentlichkeit zu treten. Das gelingt ihnen unter Umständen besser via museale Ausstellungen, als wenn man die Leute ins Archiv holt. Im neuen Gewölbekeller der Stiftsbibliothek zum Beispiel werden drei Vitrinen vom Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde bespielt. Archivquellen sind aber in der Regel nur zweidimensional.

Wie entscheidend sind die Besucherzahlen für das HVM in finanzieller Hinsicht?

In unserem Budget haben wir einen Personalaufwand von zwei Millionen Franken. Den Ertrag aus Eintritten budgetieren wir mit rund 80’000 Franken. Jetzt könnte man sagen, das sei wahnsinnig wenig. Weitere Einnahmen aus Drucksachenverkauf, Führungen oder Sponsorenbeiträgen für einzelne Ausstellungen sind da allerdings noch nicht dabei. Aber selbst wenn wir nur 80’000 Franken Eintritte budgetieren: Der Betrag fällt ins Gewicht. Darum muss auch das neue Direktorium darauf fokussiert sein, Ausstellungen zu machen, die Leute ins Museum bringen. «Qualität vor Quantität», wie sich auch schon ein Kunstmuseum erkühnt hat zu sagen, ist für ein Museum wie unseres der falsche Ansatz.

Ist Massentauglichkeit die Lösung? Oder könnte es auch über das Provozieren von Debatten funktionieren?

Der Stiftungsrat begleitet das Museum in programmatischer Sicht relativ zurückhaltend, ohne direkte Eingriffe. Es gibt keine Programmkommission wie beim Kunstmuseum. Ich kann jetzt nicht für den Stiftungsrat reden, ob der gern eine provokantere Entwicklung bevorzugen würde. Daniel Studer spielt ja auf dieser Klaviatur ganz bewusst. Er sucht immer wieder den gewissen thematischen Reiz. Das hat auch zu Debatten geführt: im Fall der Fotografin Tina Modotti oder der Ausstellung über sowjetische Kriegsgefangenschaft zum Bei- spiel. Oder damals mit der Anschaffung der «Schrumpfköpfe». Ganz brave museale Themen bringen kaum Besucher.

Wer hat an der Ausarbeitung des Strategiepapiers mitgearbeitet?

Angefangen hat es mit einer Studie einer Gruppe von Wirtschaftsstudenten der Fachhochschule St.Gallen. Zusammen mit ihren Dozenten haben sie sich mit Fragen befasst, wie sich das Museum präsentiert und wie es beim Publikum ankommt. Im weitesten Sinn war es eine Marketingstudie. Diese haben wir der Museumsleitung und dem Gesamtstiftungsrat präsentiert. Wir fanden, dass diese Analyse noch ein wenig einseitig sei. Es war zwar ein frischer und sicher nützlicher Blick aufs Museum, aber auf der anderen Seite waren es eben doch keine Leute, die sich oft im musealen Umfeld bewegen. Wir haben darum eine Fachperson, Otto Steiner von der Steiner Sarnen AG, eingeladen, seine Sicht der Dinge einzubringen.

Da haben also nicht nur Marketingspezialisten mitgeredet?

Nein, da war auch historisches Fachpersonal dabei.

Im Jahr sollen mindestens drei Sonderausstellungen gezeigt werden. Warum nicht mehr oder weniger?

Daniel Studer machte im Jahr etwa fünf Sonderausstellungen und hatte dafür fünfmal mediale Aufmerksamkeit und fünfmal Vernissage à mindestens 200 Leuten. Im Naturmuseum ist es anders, dort haben wir einen einzigen grossen Ausstellungssaal, dort gibt es etwa zwei Ausstellungen im Jahr. Mit der Zahl drei wollten wir einfach sicher stellen, dass das neue Direktorium nicht in den Stress kommt, in schneller Folge etwas liefern zu müssen. Die Qualität muss schon stimmen. Mindestens drei sollten es angesichts der Grösse des Hauses schon sein. Aus unseren Besucherzahlen lässt sich ableiten, welche Ausstellungen beim Publikum ziehen und welche nicht. Wir orientieren uns an einer Gesamtzahl von etwa 30’000 Besucherinnen und Besuchern im Jahr. Das ist das klare Ziel. In einem Mehrspartenhaus muss man mehrere Kundensegmente berücksichtigen. Wir haben Geschichte, Archäologie und Ethnologie unter einem Dach.

Völkerkunde ist ein komplett veraltetes Fach, die Perspektive zutiefst kolonial. Hat man sich nicht überlegt, den unsäglichen Völkerkundebegriff endlich aus dem Namen zu tilgen?

Doch doch, das überlegen wir uns alle zwei bis vier Jahre einmal. Uns ist einfach der richtige, zügige Name noch nicht eingefallen. Aber im Strategieprozess war das schon auch eine Frage. Das ist übrigens auch ein Punkt, den die Marketingstudenten aufgeworfen haben. Der Name «Historisches und Völkerkundemuseum» ist ja schon rein sprachlich etwas sperrig.

Warum hat man sich trotzdem gegen eine Umbenennung entschieden?

Wohl vor allem deshalb, weil der Name eingeführt ist und Mehrspartigkeit ausdrückt. Eine Idee war «Stadtmuseum», aber das ist inhaltsleer. Man könnte auch Kunstbegriffe bilden: Musa St.Gallen oder so. Aber auch hier blieb die zündende Idee aus.

Wie wäre es mit «Historisches und Migrationsmuseum»?

Solche Gedanken habe ich auch schon mit Max Lemmenmeier gewälzt. Man könnte hier ein eigentliches Migrationsmuseum Schweiz machen. Das fehlt ja völlig. Das wäre grossartig. Aber wer trägt das? In Adelaide, Australien, habe ich das «Migration Museum» besucht, das vor allem die Immigration behandelt. Bei uns wären Emigration und Immigration gleicher- massen Thema. Aber das könnten wir unserem Museum nicht überstülpen. Die Objekte, die wir in der ethnologischen Abteilung haben, sind ja keine Migrationsobjekte, sondern in der Regel Rückbringsel. Es bleibt halt eine völkerkundliche Sammlung.

Dennoch bleibt der Völkerkundebegriff ein kolonialistischer, auch wenn die HVM- Experten natürlich zeitgenössischere Perspektiven auf die Objekte eröffnen.

Da sind wir ja dran. Das ist das Spezialgebiet von Vizedirektor Achim Schäfer, dem auch die Betreuung der Afrika-Sammlung untersteht. Und natürlich ist Peter Müller beteiligt, unser Provenienzforscher. Er recherchiert, über welche Kanäle die Objekte zu uns gekommen sind. Solche Fragestellungen beschäftigen uns, haben bis jetzt aber noch nicht zu einer grösseren Publikation geführt. Es bleibt halt die Frage, welche Informationen tatsächlich noch aus unseren Beständen zu holen sind.

Ist das auch eine Ressourcenfrage?

Daniel Studer hat sehr viel geordnet in seinen 19 Jahren. Der Stand der Provenienzforschung und der Erfassung der Sammlung ist in seiner Amtszeit enorm fortgeschritten. Das gibt jetzt schon bei gleichem Personalbestand mehr Ressourcen, um einzelnen Themen näher auf den Grund zu gehen.

Könnte das auch in der Vermittlung noch vermehrt ein Thema werden? Man muss immer noch suchen nach Infos zur Provenienz.

Bei der Vermittlung haben wir das Problem, dass die Dauerausstellungen additiv entstanden sind. Nach der Sanierung des Gesamtbaus waren wir nicht in der Lage, den Betrieb auf einen Schlag wieder hochzufahren. Dadurch ist die Gestaltung nicht ganz einheitlich. Otto Steiner hat gesagt, es sei disparat. Viel- leicht ist aber eine eigene Darstellung je nach Einzelthema auch angemessen. Im Naturmuseum haben wir seit einem Jahr auch den digitalen Museums-Guide. Das erleichtert natürlich den vereinheitlichten Zugang zu Informationen im ganzen Museum enorm.

Das Museum wird zum grössten Teil öffentlich finanziert. Trägerschaft ist aber die Stiftung. Hier stellt sich die Transparenzfrage. Beispielsweise wird die Jahresrechnung seit einigen Jahren nicht mehr publiziert. Wie wird gewährleistet, dass die Bevölkerung dennoch mitreden kann, was mit «ihrem» Haus passiert?

Die Rechnung müssen wir nicht offenlegen, wir sind keine Verwaltungseinheit der Stadt. In den Rechnungen von Stadt und Kanton wird aber ersichtlich: Es gibt 1,822 Millionen von der Stadt, 370ʼ000 vom Kanton. Das Stadtparlament erhält die Rechnung, die durch die städtische Finanzkontrolle revidiert wird, mit dem Jahresbericht. Aber im Internet publizieren wir die Rechnung nicht, weil wir finden, dass es eine betriebliche Angelegenheit ist. Es muss sich niemand überlegen, was wir zum Beispiel für Ausstellungen, Werbung oder Museumspädagogik ausgeben. Das ist unsere Sache, dafür ist der Stiftungsrat abschliessend zuständig. Was wir auch nicht wollen, ist, dass sämtliche zweckbestimmten Fonds, die wir haben, offengelegt würden. Das wäre ein Pferdefuss beim Suchen von Sponsoren, gerade bei Firmen. Das haben wir am Anfang gemacht, aber schnell gemerkt, dass es uns die Sponsorensuche erschwert hat. Das Stadtparlament und die Stadtverwaltung sind je über eine Delegation vertreten. Dann haben wir noch freie Mitglieder im Stiftungsrat im Gegensatz zum Kunstmuseum. Der Adressat von Rückmeldungen ist primär die Museumsleitung. Die Hinweise aus dem Besucherbuch sind da sehr wertvoll. Aber klar, wir sind keine demokratische Organisation, wo die Stimmberechtigten der Stadt sagen, nächstes Jahr hätten wir gerne eine Ausstellung zu diesem oder jenem Thema.

Ist diese Stiftungsstruktur noch zeitgemäss?

Hundertprozentig ja. Unbedingt. Mit dem Stiftungsrat des Naturmuseums waren wir im Museum Allerheiligen Schaffhausen, eine Stiftungsrätin des Naturmuseums St.Gallen ist Direktorin des Naturmuseums Winterthur. Die beiden Museen in Winterthur und Schaffhausen sind Verwaltungseinheiten der Stadt. Das ist an sich nichts Böses. Aber es ist eindeutig verwaltet. Es gilt: Keine Ausgabe ohne Kredit. Wir als Stiftung können viel unkomplizierter agieren. Der Stiftungsrat kann im Rahmen der Zweckbestimmung frei über die Fonds-Mittel verfügen. Oder Schenkungen entgegennehmen.

Das können doch auch städtische Organisationen.

Aber wie würde das ablaufen? Wenn wir im Naturmuseum von einer anderen Stiftung eine Schenkung erhalten, dann müssen wir nicht noch eine Mitarbeiterin der Stadt fragen, ob wir dürfen. Und ausserdem: Würden Sie der Verwaltungseinheit XY der Stadt eine Schenkung überreichen? Wohl nie, oder? Sie zahlen ja schon genug Steuern. Ich bin überzeugt: Stiftungen, die eine öffentliche Zweckbestimmung haben, sind durchaus zukunftsfähig. Ich bin allerdings der Meinung, dass man beispiels- weise reine Themenstiftungen auflösen kann, wenn das Thema veraltet ist.

Wer entscheidet in unserer Region darüber, welche gemeinsamen Geschichten wir erzählen, welche Erinnerungskultur wir pflegen? Wer konstruiert unser kollektives Gedächtnis und welche Rolle kann das Museum dabei spielen?

Das Museum spielt eine Rolle. Aber ein Museum wie unseres, im Vergleich zum Beispiel zum Nationalmuseum, hat halt einfach die Mittel für profunde Eigenrecherchen nicht. Damit will ich natürlich überhaupt nicht sagen, dass ein Buch, eine kunsthistorische Recherche oder wirklich ein historisches Thema bei uns nicht genügend recherchiert wäre. Aber wir haben kein Forschungsteam für Grundlagenforschung. Die Kuratorinnen sind sowohl Ausstellungsmacherinnen und -macher als auch Recherchierende. Darum denke ich, sind die Archive in einem sehr grossen Mass bewusstseinsbildend in der regionalen Geschichte. Ich bin froh, dass sich das Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde explizit zu einem regionalgeschichtlichen Fokus bekennt, der ausserdem vom Mittelalter und der frühen Neuzeit ausgreift bis in die Gegenwart. Das sieht man vielleicht erst ansatzweise, aber die neuen Archivmitarbeitenden sind nicht mehr nur Mittelalterspezialisten. Sie er- schliessen, sie recherchieren, sie dokumentieren, sie publizieren. Das ist mein persönlicher Stolz bei der Ortsbürgergemeinde: Wir investieren jährlich 750ʼ000 Franken ins Stadtarchiv. Das ist unser Hauptbeitrag zur Geschichte. In einer ähnlichen Form entwickelt sich das Staatsarchiv mit dem Fokus auf zeitgeschichtliche Quellen und der laufenden Integration von Gemeindebeständen. Das Staatsarchiv hat eine wichtige Funktion. Dann kommen die Privaten: Frauenarchiv, in Zürich das Sozialarchiv, der Historische Verein des Kantons St.Gallen, der seinen Fokus auf die Vernetzung der lokalen Vereine legt. Man darf nicht vergessen, was auf dieser Ebene passiert bezüglich Recherchen und Publikationen. Das Historische Neujahrsblatt hat eine sehr moderne Programmatik, zumindest aus meiner Sicht.

Vermissen Sie als Historiker nicht aufs Schmerzlichste ein hiesiges historisches Institut? Ist hier wirklich genügend historisches Fachpersonal vorhanden, das all die Quellenschätze heben kann?

Wir haben halt keine Universität in St.Gallen mit einer starken philosophischen Abteilung. Der Leiter unseres Stadtarchivs, Stefan Sonderegger, betreut an der Uni Zürich eine grosse An- zahl Masterarbeiten und Dissertationsprojekte. Für uns ist das ein Glücksfall. Aber ja, natürlich fehlt eine historische Fakultät. Allerdings: Fachleute aus an- deren Unis sind bei uns im Museum nicht inexistent. Gerade im Bereich Asien hatten wir Kontakte zu den entsprechenden Abteilungen in Zürich. Wir haben Dozenten aus Deutschland, die im Bereich Afrika mit uns zusammenarbeiten. Aber wenn es hier ein Institut gäbe, würden natürlich mehr Studierende in unsere Archive steigen und Arbeiten schreiben.

Wären das möglicherweise Projekte für Ihre Pensionierung? Ein historisches Institut für St.Gallen und ein Migrationsmuseum für die Schweiz?

Für den Aufbau eines Migrationsmuse- ums bräuchte es sicher eine nationale Stiftung, ein Träger-Konglomerat oder einen nationalen Willen. Dass der Kanton St.Gallen der Eidgenossenschaft ein Migrationsmuseum schenkt, kann ich mir jetzt eher nicht vorstellen. Man könnte vielleicht mit einer Standesinitiative den Bund einladen, so etwas zu prüfen.

Gegner fänden wohl, jetzt sei nicht der Moment für so ein Luxusprojekt.

Ganz persönlich fände ich nicht, dass es ein Luxusprojekt wäre, sondern ein Bedürfnis. Das Thema würde aber vermutlich Ängste hervorrufen. Was wäre die inhaltliche Stossrichtung? Man müsste dann sagen: Zuerst will man primär die Geschichte aufarbeiten. Zeigen, was ist, Material zur Verfügung stellen. Es muss ja nicht eine Programmatik sein, die die Leute verängstigt, weil sie je nach Standpunkt glauben, dass jetzt die Migration gestärkt oder geschwächt werden soll.

Arno Noger, Oberst im Generalstab und seit 2008 für die FDP im Kantonsrat, war von 1992 bis 2007 Rektor der Kantonsschule am Burggraben. Seither präsidiert er vollamtlich die Ortsbürgergemeinde St.Gallen. In dieser Funktion steht er den Stiftungen des HVM und des Naturmuseums St.Gallen vor. Noger wird nächstes Jahr pensioniert.

 

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