Kategorie
Autor:innen
Jahr

Damit die Sterne ihre Kopfhaare nicht ausreissen

Am Dienstag liest der Autor Isuf Sherifi in der Comedia aus seinem neuen Gedichtband «Die weisse Filzkappe». Ein präzises Buch, voller kleiner Wunder, Skepsis und Melancholie. von Fred Kurer
Von  Gastbeitrag
Isuf Sherifi. (Bild: albinfo.ch)

Nein, lyrisches Gesäusel sind sie nicht, die Gedichte von Isuf Sherifi, die neu jetzt herauskommen im Waldgut Verlag. Sie sind Mark und Kern. Sind sie das? Oder doch eher Botschaften, simpel bittere Tatsachen, knapp, verkürzt, schmerzhaft auf den Punkt gebracht? Auf den ersten Blick: ja.

Hier meldet sich ein Autor, der, wie sein Maler-Bruder Zenun, wie so viele seiner Generation, im Gefängnis geschmachtet hat im Kosovo, dem Serbien mit Albanisch sprechender Minderheit. Isuf Sherif ist 1967 in Tetovo (Mazedonien) geboren.

«Bitter» aber ist doch ein falsches Wort. Natürlich ist Sherifis Schreiben unlösbar verknüpft mit seiner politischen Vergangenheit. Kosovos Erde lautete der Titel eines frühen Gedichts von ihm – und rührte an die «Heiligkeit» der Heimat. Im neuen Sherifi, dem der Weissen Filzkappe, schwingt noch immer die Trauer um den Verlust jener Heimat mit, aber seltsam abgeklärt: Die Vergangenheit war schrecklich, die Gegenwart ist vermurkst. Damit aber hat sich’s, lässt sich’s leben.

Die müde Sonne
Der abwesenden
Freiheit
Ruht sich
In den himmlischen Augen
Unserer Hoffnung
Aus

Die ursprüngliche Wut des Dichters hat sich gelegt. Geblieben ist die Enttäuschung, und hörbar bleibt Melancholie. Die Skepsis. Was Isuf Sherifis Lyrik kennzeichnet: Präzision. Alles ist Aussage, alles ist Inhalt. Es gibt kaum physisch sinnlich wahrnehmbare Wirklichkeit. Sherifis Dichtung ist Kondensat. Sie verzichtet weitgehend auf Rhythmik, auf Musikalität, sie verzichtet auf jedes Sprachgeplänkel. Sie i s t .

Wenn der Unverstand
Zum Sinn des Wortes wird
Bleibt die Tat
Weiterhin widersinnig.

Sherifis Gedichte erheben einigen Anspruch an die Leserin, den Leser. Und werden so, mit Eigenleistung an Traum, Erinnerung, an konkreter Sehnsucht, zu kleinen Wundern:

Damit die Sterne ihre
Kopfhaare nicht ausreissen
Brauchen sie ein bisschen
Liebe von uns allen.

Isuf Sherifis Texte geben einem das Gefühl, selbst Teilnehmer zu sein einer seinerzeit erdrosselten, halb erstickten Gesellschaft, von durchstandenem Terror, jetzt aber Überlebender zu sein, durchdrungen vom Willen, trotz oder gerade wegen allem Zukunft zu gestalten, da Hoffnung mehr sein könnte als ein leeres Wort.

«Hoffnung», «Sonne», «Freiheit» sind denn auch oft wiederkehrende Worte in seinen Gedichten. Und «Heimat». Befragt, wo er sich denn heute zuhause fühle, antwortet Isuf Sherifi – seit 1992 in der Schweiz, in Wittenbach wohnend, längst Schweizer Bürger geworden – nach langem Überlegen: «Heimat ist dort, wo meine Familie ist. Unabhängig von Staaten, unabhängig von Grenzen.»

In einem Gedicht, dem ersten in Die weisse Filzkappe, lässt er sich in «10 Variationen über Heimat» darüber aus. Und kommt zum Schluss:

Heimat ist eine Obsession,
die niemals vollkommen zum
Tragen kommt.

Buchvernissage:
21. November, 19.30 Uhr, Buchhandlung Comedia St.Gallen
comedia-sg.ch

Sherifis Muttersprache ist Albanisch, eine Sprache, die weder mit germanischen, slawischen noch romanischen Sprachen verwandt ist. Wie schreibt, das heisst: wie denkt der Dichter? «Immer wieder anders », meint er. «Manche Sachen kommen wie von selbst auf Deutsch; die tippe ich direkt in mein Handy. Andere schreibe ich auf Albanisch.» Diese bringe er, zusammen mit Hans Joachim Lanksch und Ferdinand Laholli, anschliessend in «gutes Deutsch».

Ferdinand Laholli, der feinfühlige Übersetzer, ist ein alter Freund von Sherifi, mindestens seit der Gründung des «Schweizerisch-albanischen Buchprojekts». Intensiv nämlich setzt sich Isuf Sherifi seit Jahren ein für einen Dichter-Dialog zwischen den beiden Kulturen. «Ich möchte ein Fenster öffnen für den Austausch », meinte er seinerzeit, und ermöglichte damit in bewundernswert selbstloser Weise viele Publikationen von schweizerdeutschen Autoren im Pristiner Verlag Pro Kultura.

Jahrelang kämpfte Isuf Sherifi, längst weg von Mazedonien, für eine sinnwürdige kosovarische Politik, rief auf gegen die Kleptopathie (achtzehn Jahre noch nach dem Krieg!), intervenierte aus der Ferne, schrieb Briefe, Beiträge und Kolumnen; jahrelang setzte er sich beruflich ein als Betreuer für schwierige Jugendliche. Das, alles zusammen, wurde nun zu viel auch für ihn.

Ein Burnout und Angst-Attacken (offensichtlich eine Spätfolge seiner Erlebnisse im Kosovo) setzten ihn vor zwei Monaten ausser Gefecht. Ertragen, erdulden, sich wehren, ja. Aber dann: sich besinnen, sich sammeln. Mut fassen für einen Neuanfang. Das gab er zu verstehen bei meinem Besuch bei ihm in Wil.

Die gestohlenen Schuhe
meiner Seele
Gib sie mir zurück.

Die Seele allein sei nackt; sie brauche Schuhe, damit sie laufen könne. Ruhige Zeiten, nein, die gebe es nie. Aber es gebe die Familie. Und es gebe das Schreiben. Vielleicht setze er sich von politischen Themen in Zukunft aber eher ab. Mit dem Rückzug ins Private, fand ich, eröffne sich vielleicht auch eine Öffnung, eine Befreiung – und zitierte ihm mein Lieblingsgedicht aus seinem Filzkappen-Buch. Es ist ein Liebesgedicht für seine Frau Azize.

Brüchig
Dieser Tag
Brüchig
Diese Nacht
Brüchig sind alle
Diese Tage und Nächte
Ohne ihr Wunder:
Dich

Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01