Nein, lyrisches Gesäusel sind sie nicht, die Gedichte von Isuf Sherifi, die neu jetzt herauskommen im Waldgut Verlag. Sie sind Mark und Kern. Sind sie das? Oder doch eher Botschaften, simpel bittere Tatsachen, knapp, verkürzt, schmerzhaft auf den Punkt gebracht? Auf den ersten Blick: ja.
Hier meldet sich ein Autor, der, wie sein Maler-Bruder Zenun, wie so viele seiner Generation, im Gefängnis geschmachtet hat im Kosovo, dem Serbien mit Albanisch sprechender Minderheit. Isuf Sherif ist 1967 in Tetovo (Mazedonien) geboren.
«Bitter» aber ist doch ein falsches Wort. Natürlich ist Sherifis Schreiben unlösbar verknüpft mit seiner politischen Vergangenheit. Kosovos Erde lautete der Titel eines frühen Gedichts von ihm – und rührte an die «Heiligkeit» der Heimat. Im neuen Sherifi, dem der Weissen Filzkappe, schwingt noch immer die Trauer um den Verlust jener Heimat mit, aber seltsam abgeklärt: Die Vergangenheit war schrecklich, die Gegenwart ist vermurkst. Damit aber hat sich’s, lässt sich’s leben.
Die müde Sonne Der abwesenden Freiheit Ruht sich In den himmlischen Augen Unserer Hoffnung Aus
Die ursprüngliche Wut des Dichters hat sich gelegt. Geblieben ist die Enttäuschung, und hörbar bleibt Melancholie. Die Skepsis. Was Isuf Sherifis Lyrik kennzeichnet: Präzision. Alles ist Aussage, alles ist Inhalt. Es gibt kaum physisch sinnlich wahrnehmbare Wirklichkeit. Sherifis Dichtung ist Kondensat. Sie verzichtet weitgehend auf Rhythmik, auf Musikalität, sie verzichtet auf jedes Sprachgeplänkel. Sie i s t .
Wenn der Unverstand Zum Sinn des Wortes wird Bleibt die Tat Weiterhin widersinnig.
Sherifis Gedichte erheben einigen Anspruch an die Leserin, den Leser. Und werden so, mit Eigenleistung an Traum, Erinnerung, an konkreter Sehnsucht, zu kleinen Wundern:
Damit die Sterne ihre Kopfhaare nicht ausreissen Brauchen sie ein bisschen Liebe von uns allen.
Isuf Sherifis Texte geben einem das Gefühl, selbst Teilnehmer zu sein einer seinerzeit erdrosselten, halb erstickten Gesellschaft, von durchstandenem Terror, jetzt aber Überlebender zu sein, durchdrungen vom Willen, trotz oder gerade wegen allem Zukunft zu gestalten, da Hoffnung mehr sein könnte als ein leeres Wort.
«Hoffnung», «Sonne», «Freiheit» sind denn auch oft wiederkehrende Worte in seinen Gedichten. Und «Heimat». Befragt, wo er sich denn heute zuhause fühle, antwortet Isuf Sherifi – seit 1992 in der Schweiz, in Wittenbach wohnend, längst Schweizer Bürger geworden – nach langem Überlegen: «Heimat ist dort, wo meine Familie ist. Unabhängig von Staaten, unabhängig von Grenzen.»
In einem Gedicht, dem ersten in Die weisse Filzkappe, lässt er sich in «10 Variationen über Heimat» darüber aus. Und kommt zum Schluss:
Heimat ist eine Obsession, die niemals vollkommen zum Tragen kommt.
Buchvernissage: 21. November, 19.30 Uhr, Buchhandlung Comedia St.Gallen comedia-sg.ch
Sherifis Muttersprache ist Albanisch, eine Sprache, die weder mit germanischen, slawischen noch romanischen Sprachen verwandt ist. Wie schreibt, das heisst: wie denkt der Dichter? «Immer wieder anders », meint er. «Manche Sachen kommen wie von selbst auf Deutsch; die tippe ich direkt in mein Handy. Andere schreibe ich auf Albanisch.» Diese bringe er, zusammen mit Hans Joachim Lanksch und Ferdinand Laholli, anschliessend in «gutes Deutsch».
Ferdinand Laholli, der feinfühlige Übersetzer, ist ein alter Freund von Sherifi, mindestens seit der Gründung des «Schweizerisch-albanischen Buchprojekts». Intensiv nämlich setzt sich Isuf Sherifi seit Jahren ein für einen Dichter-Dialog zwischen den beiden Kulturen. «Ich möchte ein Fenster öffnen für den Austausch », meinte er seinerzeit, und ermöglichte damit in bewundernswert selbstloser Weise viele Publikationen von schweizerdeutschen Autoren im Pristiner Verlag Pro Kultura.
Jahrelang kämpfte Isuf Sherifi, längst weg von Mazedonien, für eine sinnwürdige kosovarische Politik, rief auf gegen die Kleptopathie (achtzehn Jahre noch nach dem Krieg!), intervenierte aus der Ferne, schrieb Briefe, Beiträge und Kolumnen; jahrelang setzte er sich beruflich ein als Betreuer für schwierige Jugendliche. Das, alles zusammen, wurde nun zu viel auch für ihn.
Ein Burnout und Angst-Attacken (offensichtlich eine Spätfolge seiner Erlebnisse im Kosovo) setzten ihn vor zwei Monaten ausser Gefecht. Ertragen, erdulden, sich wehren, ja. Aber dann: sich besinnen, sich sammeln. Mut fassen für einen Neuanfang. Das gab er zu verstehen bei meinem Besuch bei ihm in Wil.
Die gestohlenen Schuhe meiner Seele Gib sie mir zurück.
Die Seele allein sei nackt; sie brauche Schuhe, damit sie laufen könne. Ruhige Zeiten, nein, die gebe es nie. Aber es gebe die Familie. Und es gebe das Schreiben. Vielleicht setze er sich von politischen Themen in Zukunft aber eher ab. Mit dem Rückzug ins Private, fand ich, eröffne sich vielleicht auch eine Öffnung, eine Befreiung – und zitierte ihm mein Lieblingsgedicht aus seinem Filzkappen-Buch. Es ist ein Liebesgedicht für seine Frau Azize.
Brüchig Dieser Tag Brüchig Diese Nacht Brüchig sind alle Diese Tage und Nächte Ohne ihr Wunder: Dich
Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.
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