Joachim Sartorius,1946 in Fürth geboren und heute in Berlin lebend, fiel mir Mitte der 1990er-Jahre erstmals auf, als er mit dem Atlas der neuen Poesie (Rowohlt) die «Mappen», Landschaften und Sphären der zeitgenössischen Lyrik neu kartografierte.
Mit dieser Blütenlese schrieb er sich ins kollektive Gedächtnis der Lesenden ein, mit einer unvergessenen, noch immer aufliegenden Anthologie zur Weltpoesie. Inmitten der Informations- und Werbeflut ist dieses Florilegium ein eindrückliches Denkmal dafür, dass, wie der Herausgeber im Vorwort ausführt, «die Rolle der Poesie schon immer war, ein alternatives Sprachsystem zu produzieren», und gleichzeitig stellt es ein Zeugnis dar für den bis heute sich differenzierenden «Zerfall der einstigen ‹Weltsprache der Poesie› in zahllose Sprachen und Sprechweisen».
Im Zentrum: Die Jüngeren und Unbekannteren
Sartorius‘ Atlas der neuen Poesie präsentiert 65 Dichterinnen und Dichter aus 36 Ländern und 22 Sprachen. Sympathisch: Sartorius favorisierte dabei «die Jüngeren und die Unbekannteren»; so hauchte der Herausgeber seiner Sammlung ein langes Leben ein.
Doch diesen Mann hatte ich, was mir erst später auffiel, schon zuvor gelesen, nämlich als Übersetzer von Malcolm Lowry, dem Verfasser des Jahrhundert-Romans Under the Volcano (1947, dt. Unter dem Vulkan, 1984 verfilmt von John Huston). In Sartorius‘ Übersetzung steht Lowrys Gedichtsammlung Fünfunddreissig Mescals in Cuautla (Rowohlt, 1983) noch heute in meiner Bibliothek. Darin findet sich zum Beispiel dieses kurze Gedicht, das Lowrys Anspruch, aber auch seine Verzweiflung spiegelt und das in seiner schlichten Direktheit Sartorius‘ Übersetzungstalent verdeutlicht:
Rilke und Yeats
Helft mir zu schreiben. Zeigt mir die Pforte, die zur Unterweisung führt, und den Käfig, auf den meine Seele ihre Blicke heftet, und wo mein Mut hinter Gittern tobt.
Auch Werke von William Carlos Williams, Wallace Stevens oder John Ashbery erschloss Sartorius, neben vielen weiteren, für den deutschsprachigen Raum.
Darauf entdeckte ich den Herausgeber und Übersetzer als Dichter. Joachim Sartorius veröffentlichte mehrere Lyrikbände, schmale Sammlungen mit so kristallin befremdenden Titeln wie Sage ich zu wem (Kiepenheuer & Witsch, 1988), Der Tisch wird kalt (dito, 1992), Keiner gefriert anders (dito, 1996), In den ägyptischen Filmen (Suhrkamp, 2001), Ich habe die Nacht (Dumont, 2003), Hôtel des Étrangers (Kiepenheuer & Witsch, 2008) oder, zuletzt, rechtzeitig auf den 70. Geburtstag des Autors, Für nichts und wieder alles (dito, 2016).
Die Zusammenarbeit: unkompliziert, hilfreich und herzlich
Deshalb lud ich Sartorius nicht nur als Übersetzer ein, Beiträge für die Lesebücher Allen Ginsberg (Engstler, 2002) und Tanger Telegramm (Bilger, 2004; Zweitauflage in Vorbereitung) freizumachen, sondern auch als Dichter, Poesien in die Anthologie Warenmuster, blühend (Waldgut, 2000) und das Magazin «Rude Look Oriental» (Wohlers, 2005 & 2006) zu streuen. Die Zusammenarbeit mit diesem grosszügigen Menschen erwies sich stets als unkompliziert, effizient, hilfreich und – herzlich.
Um die sinnliche Intensität, die Joachim Sartorius in seiner Lyrik, manchmal mit nur wenigen, sparsam gesetzten Worten, zu schaffen vermag, zu vermitteln, diene hier aus dem Erstling Sage ich zu wem das Gedicht Halb im Schlaf Gesagtes:
Dir und mir ein Land im Innern feucht wie
sag nicht der Schnee der weisse Stock die Frische des Todes feucht
wie ein neugeborener Vogel der vom Traum beschleunigte Atem es sind die herzvollen Schläge
die zählen das stengelige Übertreiben der Erinnerung fort
sag die alte Lippe, die faltige schlaflose, schöne noch.
Die Verse lassen den Einfluss der französischen Poesie – zumal des Surrealismus – ahnen; mit ihr lud sich der junge Sartorius auf. Später folgte eine zusätzliche Orientierung am vielschichtigen US-amerikanischen Langgedicht.
Der Ansatz: grundlegend kosmopolitisch
Doch einer wie Sartorius inspiriert sich durch ungezählte Formen; sein jüngster Band Für nichts und wieder alles enthält etwa ein Gedicht mit dem Titel In der Art des Abu Nawas, also des arabischen Dichters, der 757 bis 815 in Bagdad lebte und als einer der ersten Libertins der Weltliteratur gilt; daraus stammen diese Verse:
Der Wein weckt das Jagdherz. Er verspricht Hügel und Wild. Trink, sagt er, koste, denn vom erinnerten Leben bleibt nichts als die Frische
einzelner Sinne. Der Duft der aufgeschlagenen Mandel. Das Klingeln der Silberkette an deinem Kinn. Das Licht, grün und sanft, in den Gärten von Basra.
Joachim Sartorius – Städte des Ostens: 8. November 2016, 20 Uhr, Noisma im Kult-Bau, Konkordiastrasse 27, St.Gallen kultbau.org
Sartorius‘ Ansatz ist grundlegend kosmopolitisch. Seine Bücher zeichnet ein Geist aus, der – jenseits aller Harmlosigkeit – weiss, dass es förderlicher ist, Brücken, statt Mauern zu bauen. Das macht auch seine weiteren Poesie-Reader so interessant, darunter die Sammlung mit Gedichten zur See, Für die mit der Sehnsucht nach dem Meer (mare, 2008) – das Meer verbindet ja prinzipiell verschiedene Kulturen –, und, jüngst, Niemals eine Atempause – Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert (Kiepenheuer & Witsch, 2014), ein erschütterndes Lesebuch, das, schon wegen der erhellenden Kommentare des Herausgebers, in keiner aufgeklärten Bibliothek fehlen sollte.
Das Kosmopolitische wurde Joachim Sartorius in die Wiege gelegt: Bereits seit Kindheitstagen unterhält der ehemalige Diplomatensohn, der selbst eine Zeitlang im diplomatischen Dienst in New York, Ankara und Nikosia tätig war, eine starke Beziehung zum Fremden, Anderen, Exotischen, Orientalischen. Dessen Dechiffrierung, memorative Durchdringung und sinnlich-atmosphärische Verdichtung nähren nicht nur seine Anthologien, sondern auch seine Gedichte und Essays.
So auch den vor kurzem erschienenen Essay-Band Städte des Ostens (Moloko Print, 2015). Er enthält als Herzstück ein Langgedicht auf eine Schwarzweissfotografie, die den russischen Dichter Majakowskij mit seiner Geliebten, der Künstlerin Lilia Brik, in der Sehnsuchtsstadt Samarkand zeigt. Das Langgedicht flankieren prägnante, subkutan wirksame Reiseberichte aus Odessa, Damaskus, Istanbul und Alexandria.
Alexandria: zwischen Phantomstadt und bitterer Realität
Gerade die zuletzt genannte Stadt lässt den Autor, der ihr im Jahr 2001 die berückende Anthologie Alexandria – Fata Morgana (DVA) gewidmet hat, die Diskrepanz zwischen der von ihm geträumten «Phantomstadt» und der bitteren Gegenwart spüren; etwa wenn er von einer aus Kanada zurückgekehrten ägyptischen Hochschuldozentin erfährt, sie sei von jungen Radikalen damit bedroht worden, dass man sie, falls sie weiterhin kein Kopftuch trage, spitalreif prügeln würde … Der Islamismus zeigt ebenso in Syrien seine nihilistische Fratze, wodurch diesen Essays eine enorme Aktualität zuwächst.
In seinem luziden, melancholischen Nachwort schreibt Sartorius: «So fragmentarisch diese Reiseessays sind, nichts als Splitter und Scherben, so belegen sie doch, hoffe ich, meine Liebe zum östlichen Mittelmeer. Der historische und sinnliche Reichtum dieser Region ist ungeheuerlich. Er muss gerade in Zeiten wie diesen, in denen der Nahe Osten ein Theater der Grausamkeit, des Fanatismus und der Vernichtung zu werden droht, im Gedächtnis, in kleinen Schriften wie diesen, bewahrt werden.»
Der Gestalter Robert Schalinski hat die Städte des Ostens unter Verwendung der besagten Fotografie, türkischer Kalligrafien und alter Seekarten übrigens zu einem ästhetischen Kleinod gemacht.
Joachim Sartorius liest am Dienstag, den 8. November 2016, um 20:00 Uhr bei Noisma im Kult-Bau. Es wird mir eine Ehre sein, ihn in unserer alten Stadt der Bücher willkommen zu heissen. Und es wird in der angenehmen Atmosphäre an der Konkordiastrasse 27 leicht fallen, mit ihm ins Gespräch zu kommen.
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