Haiti ist das ärmste Land der nördlichen Hemisphäre. Das Bruttosozialeinkommen liegt bei 630 US-Dollar. Geschätzte 10,6 Millionen Menschen bevölkern den Karibikstaat, 3 Millionen Haitianer und Haitianerinnen sind migriert. Haiti ist ein heimgesuchtes Land: 200 Jahre wechselnde Diktaturen, Kriege, 200 Jahre wiederkehrende Naturkatastrophen. Ein gescheiterter Staat. Haiti hat in der Karibik den grössten Anteil an afrikanischem Erbe (1804 deklarierte sich Haiti zur ersten freien schwarzen Republik).
Haiti ist auch ein Voodoo-Land mit reicher Kultur. Im 20. Jahrhundert haben der Anthropologe und Schriftsteller Jacques Roumain und der Arzt und Dichter Jacques Stéphen Alexis mit ihren Werken die haitianische Literatur zur Weltliteratur erhoben. Bemerkenswerterweise ist in der Gegenwartsliteratur der Anteil schreibender Frauen, wie in allen Ländern der Karibik, hoch. Yanick Lahens, die aus der Diaspora schreibende Edwidge Danticat und Kettly Mars zählen zu den bedeutendsten literarischen Stimmen.
Tränen des Eros
Kettly Mars, 1958 in PortauPrince geboren, machte in den 1990erJahren als Lyrikerin auf sich aufmerksam. Ihr Werk ist seit 2003 auf gegenwärtig sechs Romane angewachsen. Dank Verleger und Übersetzer Peter Trier und seinem Litradukt Verlag, der sich seit Jahren konsequent für die haitianische Literatur stark macht, sind bis jetzt vier Romane ins Deutsche übersetzt worden.
In ihrem frühen Roman Fado erzählt Kettly Mars die Geschichte von Anaïse, einer bürgerlichen Frau aus der Oberschicht, die sich nach zehn Ehejahren von ihrem Mann trennt und sich als Prostituierte Frida eine neue Identität schafft. In einem Prozess der Selbstsuche ergreift Frida wieder Besitz von ihrem Körper. Von farbigster Sinnlichkeit durchdrungen ist Fado ein Roman, der von einer weiblichen Sicht der Dinge bestimmt wird. Ein erotisches Buch.
Lesung mit Kettly Mars: Montag, 19. Oktober, 20 Uhr, Noisma im Kult-Bau St.Gallen. kultbau.org
Anfangs der 60er-Jahre schickt sich Diktator François Duvalier, «Papa Doc», an, zum Präsidenten auf Lebenszeit zu werden. Der Staatsterror bestimmt den Alltag der Bevölkerung. Die «Tontons macoutes», eine paramilitärische Organisation, verbreiten Angst, foltern und töten. In eben diese Zeit wird der Leser im Roman Wilde Zeiten versetzt. Nirvah, eine schöne Mulattin, lässt sich auf eine Affäre mit einem Staatssekretär ein, um ihren inhaftierten Mann zu retten. Der Staatssekretär, ein Emporkömmling, repräsentiert die Macht. Stück für Stück ergreift dieser Besitz von Nirvah und ihren Kindern. In einem grossartig angelegten Panorama thematisiert Mars die Verflechtungen von politischer Gewalt und bezahlter Sexualität.
Wenn die Hölle unter den Füssen tanzt
Am 12. Januar 2010 bebt in Haiti die Erde. Das Hypozentrum des Bebens liegt 17 Kilometer unter der Hauptstadt Port au Prince. Schätzungen belaufen sich auf 220’000 bis 500’000 Todesopfer. Obdachlos werden 1,3 Millionen Menschen. Kettly Mars überlebt und berichtet aus dem Epizentrum der Katastrophe in ihrem berühmt gewordenen Artikel in der «Zeit online», wie das ist, wenn die Hölle unter den Füssen tanzt. Hoffnung zieht Mars daraus, dass erstmals in Haiti die Spaltung der Gesellschaft keine Rolle spielt, dass Elends- und Nobelviertel gleichermassen betroffen sind. Hoffnung also auf einen gemeinsamen Wiederaufbau.
Im Roman Vor dem Verdursten sieht die Realität weniger erfreulich aus. In «Canaan», einem Lager für Erdbebenopfer, in dem Prostitution, Gewalt und Drogenhandel allgegenwärtig sind, kämpft der Autor und Architekt Fito, der für den Wiederaufbau arbeitet, gegen seine pädophilen Neigungen zu jungen Mädchen und findet am Ende Erlösung im Schreiben.
Kettly Mars: Ich bin am Leben. Litradukt Verlag, Trier, erscheint im Oktober. litradukt.de
Die durch das Beben erlebte Traumatisierung, Kettly Mars spricht vom «Erdstosssyndrom», vom «Syndrom der offenen Tür», erschüttert auch die Familie Bernier in ihrem neuen Roman Ich bin am Leben. Hier zeichnet Mars ein scharfes Bild der Verwerfungen in der haitianischen Gesellschaft von heute – nach dem grossen Beben.
Bild: Stéphane Haskell
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
Die Schweizer Rocklegenden Krokodil haben kürzlich ihr neues Album Beyond The Eye veröffentlicht. Ur-Krokodil Düde Dürst schwärmt von der Energie der 2019 wiederbelebten Band – und hat noch lange nicht genug. Am Freitag spielen sie in der Grabenhalle.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.