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Nach dem grossen Beben

Im Kult-Bau St.Gallen liest die haitianische Autorin Kettly Mars aus ihrem brandneuen Roman Ich bin am Leben und wirft einen Fokus auf ihr Land – nach dem Erdbeben von 2010. von Daniel Fuchs
Von  Gastbeitrag , 

Haiti ist das ärmste Land der nördlichen Hemisphäre. Das Bruttosozialeinkommen liegt bei 630 US-Dollar. Geschätzte 10,6 Millionen Menschen bevölkern den Karibikstaat, 3 Millionen Haitianer und Haitianerinnen sind migriert. Haiti ist ein heimgesuchtes Land: 200 Jahre wechselnde Diktaturen, Kriege, 200 Jahre wiederkehrende Naturkatastrophen. Ein gescheiterter Staat. Haiti hat in der Karibik den grössten Anteil an afrikanischem Erbe (1804 deklarierte sich Haiti zur ersten freien schwarzen Republik).

Haiti ist auch ein Voodoo-Land mit reicher Kultur. Im 20. Jahrhundert haben der Anthropologe und Schriftsteller Jacques Roumain und der Arzt und Dichter Jacques Stéphen Alexis mit ihren Werken die haitianische Literatur zur Weltliteratur erhoben. Bemerkenswerterweise ist in der Gegenwartsliteratur der Anteil schreibender Frauen, wie in allen Ländern der Karibik, hoch. Yanick Lahens, die aus der Diaspora schreibende Edwidge Danticat und Kettly Mars zählen zu den bedeutendsten literarischen Stimmen.

Tränen des Eros

Kettly Mars, 1958 in PortauPrince geboren, machte in den 1990erJahren als Lyrikerin auf sich aufmerksam. Ihr Werk ist seit 2003 auf gegenwärtig sechs Romane angewachsen. Dank Verleger und Übersetzer Peter Trier und seinem Litradukt Verlag, der sich seit Jahren konsequent für die haitianische Literatur stark macht, sind bis jetzt vier Romane ins Deutsche übersetzt worden.

In ihrem frühen Roman Fado erzählt Kettly Mars die Geschichte von Anaïse, einer bürgerlichen Frau aus der Oberschicht, die sich nach zehn Ehejahren von ihrem Mann trennt und sich als Prostituierte Frida eine neue Identität schafft. In einem Prozess der Selbstsuche ergreift Frida wieder Besitz von ihrem Körper. Von farbigster Sinnlichkeit durchdrungen ist Fado ein Roman, der von einer weiblichen Sicht der Dinge bestimmt wird. Ein erotisches Buch.

Lesung mit Kettly Mars: Montag, 19. Oktober, 20 Uhr, Noisma im Kult-Bau St.Gallen.
kultbau.org

Anfangs der 60er-Jahre schickt sich Diktator François Duvalier, «Papa Doc», an, zum Präsidenten auf Lebenszeit zu werden. Der Staatsterror bestimmt den Alltag der Bevölkerung. Die «Tontons macoutes», eine paramilitärische Organisation, verbreiten Angst, foltern und töten. In eben diese Zeit wird der Leser im Roman Wilde Zeiten versetzt. Nirvah, eine schöne Mulattin, lässt sich auf eine Affäre mit einem Staatssekretär ein, um ihren inhaftierten Mann zu retten. Der Staatssekretär, ein Emporkömmling, repräsentiert die Macht. Stück für Stück ergreift dieser Besitz von Nirvah und ihren Kindern. In einem grossartig angelegten Panorama thematisiert Mars die Verflechtungen von politischer Gewalt und bezahlter Sexualität.

Wenn die Hölle unter den Füssen tanzt

Am 12. Januar 2010 bebt in Haiti die Erde. Das Hypozentrum des Bebens liegt 17 Kilometer unter der Hauptstadt Port au Prince. Schätzungen belaufen sich auf 220’000 bis 500’000 Todesopfer. Obdachlos werden 1,3 Millionen Menschen. Kettly Mars überlebt und berichtet aus dem Epizentrum der Katastrophe in ihrem berühmt gewordenen Artikel in der «Zeit online», wie das ist, wenn die Hölle unter den Füssen tanzt. Hoffnung zieht Mars daraus, dass erstmals in Haiti die Spaltung der Gesellschaft keine Rolle spielt, dass Elends- und Nobelviertel gleichermassen betroffen sind. Hoffnung also auf einen gemeinsamen Wiederaufbau.

Im Roman Vor dem Verdursten sieht die Realität weniger erfreulich aus. In «Canaan», einem Lager für Erdbebenopfer, in dem Prostitution, Gewalt und Drogenhandel allgegenwärtig sind, kämpft der Autor und Architekt Fito, der für den Wiederaufbau arbeitet, gegen seine pädophilen Neigungen zu jungen Mädchen und findet am Ende Erlösung im Schreiben.

Kettly Mars: Ich bin am Leben. Litradukt Verlag, Trier, erscheint im Oktober.
litradukt.de

Die durch das Beben erlebte Traumatisierung, Kettly Mars spricht vom «Erdstosssyndrom», vom «Syndrom der offenen Tür», erschüttert auch die Familie Bernier in ihrem neuen Roman Ich bin am Leben. Hier zeichnet Mars ein scharfes Bild der Verwerfungen in der haitianischen Gesellschaft von heute – nach dem grossen Beben.

Bild: Stéphane Haskell

 

 

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
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Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
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Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
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Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
Peter Kamm Kunst am Bau Erweiterungsbau Paedagogische Hochschule Kreuzlingen

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
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Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights

Das Kro­ko­dil schnappt wie­der zu

Die Schwei­zer Rock­le­gen­den Kro­ko­dil ha­ben kürz­lich ihr neu­es Al­bum Bey­ond The Eye ver­öf­fent­licht. Ur-Kro­ko­dil Dü­de Dürst schwärmt von der En­er­gie der 2019 wie­der­be­leb­ten Band – und hat noch lan­ge nicht ge­nug. Am Frei­tag spie­len sie in der Gra­ben­hal­le.

Von Pius Frey und David Gadze,
Krokodil 2026 pd

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von Mia Nägeli,

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von Vera Zatti,
Dieses

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von Richard Butz,
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von Philipp Bürkler,
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von Philipp Bürkler,
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von Kristin Schmidt,
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von René Hornung,
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von Christoph Keller,

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von Peter Surber,
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von Lilli Kim Schreiber,
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