Das Erbe des Kaminfegers

Der Kaminfeger mit Zylinder und Leiter (Bild: pd/Filmstil)

Der Innerschweizer Regisseur Edwin Beeler begibt sich in seinem neuen Dokumentarfilm auf Spurensuche. Entstanden ist ein sensibles Familienporträt, in dem sich gesellschaftliche Idealvorstellungen spiegeln.

Schwar­ze Wol­ken lie­gen schwer über dem dunk­len Tan­nen­wald, der sich vor dem grau­en Him­mel ab­zeich­net. Lei­se, zie­hen­de Mu­sik, dann setzt samt­weich die Er­zähl­stim­me ein. «Im Haus des Ka­min­fe­gers wohn­ten drei Brü­der. Es hiess, sie hät­ten schwar­ze Ma­gie be­trie­ben.» Das Haus, das die Leu­te nur den «Stein­hau­fen» nann­ten, ha­be dann spä­ter dem Gross­va­ter ge­hört und der sei Ka­min­fe­ger ge­we­sen. 

Mit die­sem Ein­stieg, der ei­nen un­wei­ger­lich an ein Mär­chen er­in­nert, be­ginnt der Do­ku­men­tar­film Der Mann auf dem Kirch­turm des In­ner­schwei­zers Ed­win Bee­ler (He­xen­kin­der). Mit eth­no­gra­fi­schem Blick ar­bei­tet der Fil­me­ma­cher sei­ne ei­ge­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te auf. 

Oberä­ge­ri, das Dorf, in dem sei­ne Gross­el­tern leb­ten, war für Bee­ler, ge­bo­ren 1958, lan­ge ei­ne hei­le Welt. Der Gross­va­ter ar­bei­te­te als Ka­min­fe­ger und Dach­de­cker, war ein Büezer und an­ge­se­he­ner Mann in der Ge­mein­schaft. Für den Re­gis­seur ver­kör­per­te er ein männ­li­ches Ide­al: stark, mu­tig und un­er­schüt­ter­lich. 

Doch dann er­schiesst sich der Gross­va­ter 1989 im Kel­ler sei­nes Hau­ses. «Mein idea­li­sier­tes Gross­va­ter-Bild be­kam Ris­se», schreibt Bee­ler da­zu im Pres­se­dos­sier. Mehr als 30 Jah­re spä­ter be­gibt er sich mit der Ka­me­ra auf Spu­ren­su­che, um zu ver­ste­hen, wie es zum Sui­zid kam. 

Do­ku­men­ta­risch, mit et­was Fan­ta­sie

Ob­wohl aus Beelers Per­spek­ti­ve re­kon­stru­iert, bleibt die­ser im Film un­sicht­bar. Sei­ne Er­zähl­stim­me über­nimmt der Schau­spie­ler Hans­pe­ter Mül­ler-Dros­saart, der in be­däch­tig war­mem Ton durch die Ge­schich­te führt. 

Da­bei nutzt der Re­gis­seur zahl­rei­che Zeit­do­ku­men­te wie Fo­to­gra­fien, aber auch Film­ma­te­ri­al von Land­schaft, Ar­chi­tek­tur und Mensch. Die­ses Bild­ma­te­ri­al setzt Bee­ler durch Über­blen­dung häu­fig in ei­nen Ver­gleich mit ge­gen­wär­ti­gen Auf­nah­men. Ge­sprä­che mit Zeit­zeu­gen schär­fen den Blick in die Ver­gan­gen­heit und er­gän­zen ihn mit ei­ner oft nur im­pli­zi­ten Re­fle­xi­on. 

Die­se do­ku­men­ta­ri­sche Er­zähl­wei­se er­gänzt Bee­ler mit nach­ge­stell­ten Sze­nen: Er lässt sein kind­li­ches Ich, ge­spielt von Da­vid Mei­le, draus­sen auf der Wie­se tol­len, auf dem Dach­bo­den al­te Bil­der ent­de­cken oder mit ei­nem Blech­clown spie­len. Die­ses fik­tio­na­li­sier­te Er­zähl­mit­tel schafft ei­ne Par­al­lel­welt der kind­li­chen Ro­man­tik, die gut zum mär­chen­haf­ten Grund­ton des Films passt. Da­bei kann die­ser Zu­griff als Me­ta­pher da­für ver­stan­den wer­den, wie we­nig Bee­ler, und ver­mut­lich vie­le Men­schen, ei­gent­lich über das Le­ben der Gross­el­tern wis­sen. So we­nig näm­lich, dass Mär­chen die Leer­stel­len fül­len.

Beelers kindliches Ich, gespielt von David Meile (Bild: pd/Filmstil)

Auf die­ser fik­tio­na­li­sier­ten Ebe­ne nimmt der Film teils fan­tas­ti­sche For­men an. Et­wa in der Sze­ne, als der klei­ne Jun­ge durch den Schrank in ei­ne sorg­fäl­tig ani­mier­te Fan­ta­sie­welt schlüpft – die Re­fe­renz zu C.S. Le­wis’ The Chro­nic­les of Nar­nia scheint na­he­lie­gend. 

Weil die­se il­lus­tra­ti­ve Äs­the­tik nur we­ni­ge Ma­le zum Ein­satz kommt, fügt sie sich schwer in den rest­li­chen Film ein. Je­doch hät­te der Film, der teil­wei­se mit sehr lan­gen Ein­stel­lun­gen und ei­ni­gen eher be­lang­lo­sen Bil­dern ar­bei­tet, gut mehr von die­sen ani­mier­ten Il­lus­tra­tio­nen ver­tra­gen.

Von Rol­len­bil­dern im Ein­zel­schick­sal

Bee­ler in­sze­niert den Ka­min­fe­ger eben­so als Ar­bei­ter wie als Gross­va­ter. Da­bei ist die­ser, als Ver­tre­ter sei­ner Zeit, ge­prägt von tra­di­tio­nel­len Rol­len­bil­dern, wo ein Mann kei­ne Emo­tio­nen und vor al­lem kei­ne Schwä­che zei­gen durf­te. Nach ei­nem schwe­ren Ar­beits­un­fall kann der Gross­va­ter sei­nem Be­ruf nicht mehr nach­ge­hen und fällt in ei­ne De­pres­si­on – nur dass psy­chi­sche Er­kran­kun­gen in der da­ma­li­gen Zeit kaum an­er­kannt wa­ren. Man ha­be das nicht als Krank­heit ver­stan­den, meint An­na Bee­ler-Nuss­bau­mer, die Mut­ter des Fil­me­ma­chers und Toch­ter des Ka­min­fe­gers, son­dern war der Mei­nung, man müs­se halt sei­nen Mann ste­hen. «Ich er­in­ne­re mich nicht, dass er je über sich und sei­ne Ge­füh­le ge­spro­chen hat.»

Anna Beeler-Nussbaumer, die Mutter des Filmemachers und Tochter des Kaminfegers (Bild: pd/Filmstil)

Doch nicht nur Männ­lich­keit un­ter­lag stren­gen Mus­tern. Der Film zeigt eben­so weib­li­che Rol­len­vor­stel­lun­gen. «Gott hat den Be­ruf der Haus­frau in die Na­tur der Mäd­chen ge­legt», wird aus ei­nem Haus­halts­heft­chen zi­tiert. Und so­wie­so, das Zi­vil­ge­setz­buch de­fi­nier­te ganz klar den Ehe­mann als Ober­haupt der Ge­mein­schaft und als sol­ches ver­stand sich wohl auch der Gross­va­ter. 

«Gross­va­ter woll­te die Zu­kunft sei­ner Töch­ter be­stim­men, wie sie le­ben und ar­bei­ten soll­ten», heisst es aus dem Off, sei­nen En­kel da­ge­gen ha­be er ein­fach ma­chen las­sen. Dass die Töch­ter des Ka­min­fe­gers im streng ge­führ­ten Fa­mi­li­en­sys­tem auch ge­lit­ten ha­ben, wird im­mer wie­der spür­bar, vie­les bleibt aber un­aus­ge­spro­chen.

Ed­win Bee­ler zeigt mit Der Mann auf dem Kirch­turm ein Stück Mi­kro­ge­schich­te der Schweiz im 20. Jahr­hun­dert, da­bei ar­bei­tet er die Wer­te und Nor­men der da­ma­li­gen Zeit poin­tiert her­aus. Ins­ge­samt ver­bleibt er im Be­ob­ach­tungs­mo­dus, was ein le­gi­ti­mer, do­ku­men­ta­ri­scher An­satz ist. Je­doch hät­te ins­be­son­de­re das The­ma des männ­li­chen Sui­zids mit ei­ner Ver­or­tung des gross­vä­ter­li­chen Ein­zel­schick­sals im grös­se­ren ge­sell­schaft­li­chen Kon­text an Tie­fe ge­won­nen.

Nichts­des­to­trotz: Bee­ler ist ein sen­si­bler Film über ein männ­li­ches Le­ben ge­lun­gen, das mit­un­ter auch an den ri­gi­den Kon­ven­tio­nen sei­ner Zeit zer­brach. 

Der Mann auf dem Kirch­turm: 18. Ja­nu­ar, 11 Uhr und 23. Ja­nu­ar, 16.50 Uhr, Ki­nok St.Gal­len. Wei­te­re Vor­stel­lun­gen im Fe­bru­ar.

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