, 30. Mai 2017
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Der ganze Schmerz, die ganze Lust

Im Schreiben jünger als viele Jüngere: So wurde die Schriftstellerin Helen Meier bei der Verleihung des Ausserrhoder Kulturpreises 2017 gewürdigt. Im Herbst erscheinen neue und neu aufgelegte Texte der 88jährigen Erzählerin.

Die Welt muss unablässig neu erzählt werden, in ihrem ganzen Schmerz, in ihrer ganzen Lust: In ihrer kurzen Dankrede in der Kirche Trogen brachte Helen Meier das Geheimnis und die Unverzichtbarkeit der Literatur auf den Punkt. Ob jüngste Erfahrungen oder frühere Epochen wie das «Jahrhundert der Zellweger», dem sie mit Adieu Herr Landammann ihr einziges ausdrücklich im Appenzellerland spielendes Buch gewidmet hat: Bestand habe, was erzählt werde, sagte Meier mit unvermindert fester Stimme, jener Charakterstimme, die ihr Reden und Lesen seit jeher ausgezeichnet hat.

Und sie las eine kurze Erzählung, eine aufs knappste verdichtete und teils in Einzelwortkaskaden gemeisselte Schmerzenserinnerung an das Haus der Kindheit in Mels und den Unfalltod des Vaters. Sie trägt den Titel «Erzählen» und ist 2014 in Kleine Beweise der Freundschaft erschienen.

Die Stürze, die Liebe

Torkeln, fallen, stürzen, gehen am Abgrund: Das seien die vielfach variierten, prekären Meier’schen Bewegungsarten, und der Sturz geradezu die höchste Glückseligkeit, sagte der Literaturkritiker und Herausgeber Charles Linsmayer in seiner Laudatio. Meiers Werk stelle von Beginn weg die Stolperer, die Lädierten, Sonderlinge, Ausgegrenzten, Beschädigten ins Zentrum – nicht so sehr aus sozialen Gründen, sondern weil sie jene Urwüchsigkeit, Kantigkeit und Drastik verkörpern, die Meier liebe.

Zweiter inhaltlicher Strang von den frühesten, erst spät im Band Die Agonie des Schmetterlings publizierten Geschichten an sei die Liebe – die ekstatische, die explosive, die irrationale, die allzu oft tödliche oder unheilbar unglücklich machende Liebe. Meiers Themen seien schon immer da, lange vor dem Erstling Trockenwiese, mit dem die Autorin 1984, 55jährig debütierte und in Klagenfurt Furore machte. Und ebenso von Beginn weg da sei ihre Sprache: erfrischend, unprätentiös, mit agilem Satzbau und kühnem Duktus, kurz: unverbrauchter als viele Texte jüngerer Autorinnen und Autoren, wie Linsmayer sagte.

Kein Bock auf Clicks

Texte würden heute mehr und mehr nicht nach Qualität, sondern nach Popularität beurteilt, ermittelt durch Ratings, Clicks und Likes – so Linsmayer mit Bezug auf eine NZZ-Breitseite des Slawisten und Schriftstellers Felix Philipp Ingold, die dieser im April unter dem Titel «Die Klassiker haben ausgedient» publiziert hat. «Wo jeder als Künstler und alles als Kunst taugt, werden individuelle Autorschaft wie auch künstlerisches Vermögen unerheblich», schreibt Ingold unter anderem kulturpessimistisch. Meiers Erzählkunst hingegen, in rund einem Dutzend Romanen und Bänden mit Geschichten zu finden, stellte Linsmayer als Gegenbeispiel hin: Literatur, die über den Tag hinaus gültig bleibe. Und die das Wiederlesen unbedingt lohne. Spätestens im Herbst: Dann erscheint, herausgegeben von Charles Linsmayer, Das Torkeln entlang des Fallens, ein Meier-Lesebuch mit neuen und wieder aufgelegten Texten.

Dem Appell zum Meier-Lesen schloss sind auch der Ausserrhoder Kultur- und Bildungsdirektor Alfred Stricker an. Kulturförderung sei eine Investition in die Zukunft – und in Persönlichkeiten, welche uns zur Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und der menschlichen Existenz anregten. Das gelte für Helen Meier wie für die bisherigen Träger des rund alle drei Jahre verliehenen Preises: die Musiker Noldi Alder und Paul Giger, der Künstler Hans Schweizer und die Architektin und Grubenmann-Forscherin Rosmarie Nüesch.

Bild: Hannes Thalmann.
Laudatio und weitere Informationen hier.

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