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Beerdigungen sind gefährlich

Das neue Buch von Helen Meier Kleine Beweise der Freundschaft ist ein herrlicher Fundus an welthaltigen Geschichten und intelligenten Reflexionen der in Trogen lebenden Schriftstellerin. Ein Beitrag von Andrea Gerster

Von  Gastbeitrag , 
Helen Meier

Am 17. April wird Helen Meier 85 Jahre alt. Damit trennen uns fast auf den Tag genau dreissig Jahre. Als Helen Meier so alt war, wie ich jetzt, ist ihr erstes Buch Trockenwiese erschienen. Merkwürdig ist, ich fühlte und fühle mich Helen Meier verbunden, ihrem Schreiben vor allem, das ich von Anfang an mitverfolgte. Erst zwei Mal habe ich sie persönlich erlebt, als Zuhörerin. Ihre Bücher sind eigenständig, authentisch, ihre Sprache oft ungebärdig und gleichzeitig intellektuell. Vor acht Jahren erschien ihr letztes Buch Schlafwandel in «ihrem» Ammann Verlag in Zürich. Den Verlag gibt es leider nicht mehr, zum Glück hat Helen Meier in der Edition Xanthippe einen neuen gefunden.

Der Titel ihres neuen Buches Kleine Beweise der Freundschaft und das liebliche Buchcover mit der roten Sitzbank, dem vergessenen gelben Schirm und dem bunten Herbstlaub täuschen. Helen Meier hat noch nie, und auch jetzt nicht, ein Buch geschrieben, das man quasi nebenbei als kleines Dankeschön zu einer Einladung zum Abendessen mitbringen sollte. Denn oft sind gerade solche oder ähnliche Begegnungen mit Menschen in ihren kurzen Geschichten und Texten Gegenstand ihrer sehr genauen und analytischen Beobachtung.

Intelligenter Spott

Das Buch ist zweiteilig, der eine Teil mit «Geschichten», der andere mit «Texte» überschrieben, Miniaturen zuweilen die Geschichten, die Texte manchmal nur ein langer Gedanke. In fast jeder Geschichte, fast jedem Text, sei er noch so kurz, führt der Erzählbogen über Liebe und Hass zum Tod. Das ist hochpoetisch, schonungslos und nicht traurig. Unter dem Titel «Zeitvertreib» etwa startet die Erzählerin mit einer Joggerin, kommt zur Hirnforschung, erzählt von der Beerdigung einer 83-Jährigen, bei der ein Lieferwagen mit einem toten, soeben an einem Infarkt verstorben Fahrer, in den Trauerzug fährt. Dabei kommt eine ihrer Protagonistinnen in der Geschichte zum Schluss: Beerdigungen sind gefährlich – und sie fragt sich, ob die «Alte einen solchen kolossalen Abgang verdient habe».

Krass wirken die Geschichten übrigens nur dann, wenn man versucht, sie nachzuerzählen. In den Worten und Sätzen von Helen Meier schwingt nämlich immer eine gehörige Portion Ironie und intelligentes Spötteln mit, das nicht gerade mit einem Augenzwinkern, aber doch mit einem leichten Anheben der Augenbrauen vermitteln soll: C’est la vie. Gerne werden zudem die Geschlechterkonstellationen ausgetauscht: Was ansonsten Frauen geschieht, passiert Männern. Oder älteren Frauen geschieht mit jüngeren Frauen, was sonst älteren Männern mit jüngeren Frauen geschieht: Sie werden verlassen. Krönend sind die beiden letzten Sätze im ersten Teil des Buches: «In meinem Alter darf ich alt sein. Das ist nicht nur möglich, sondern ein Privileg.»

Gott, die Prothese

Im zweiten Teil ist Helen Meier ein besonderer Coup gelungen. Die Figur Isa ist das Sprachrohr einer Gruppe von alten Menschen, die mitdenken, kritisch sind und reflektieren: das gelebte Leben, das Leben der Anderen und die Welt, die Gesellschaft, die Religion, Gott. Immerzu ist da der köstliche Versuch, Gott anzusprechen, ihn, die verehrte Imagination, die Nothilfe, die Prothese, die Krücke, den Unfasslichen, Geheimnisvollen oder den «sehr geehrten Wahrscheinlich- Nichtexistierenden». In einem der Texte gelangt Helen Meier zur Erkenntnis: «Eine Frage, die nie eine Antwort bekommt, muss das Fragezeichen verloren haben.»

Leider sind allzu viele der kurzen Texte mit ins Buch gekommen, denn wohl werden die Themen von unterschiedlichen Standpunkten aus betrachtet, aber das Fazit ist jeweils dasselbe. Diesem Einwand zum Trotz: Helen Meier legt mit Kleine Beweise der Freundschaft ein Buch vor, das nachwirkt und das man sich gut als Hörbuch vorstellen kann.

Helen Meier: Kleine Beweise der Freundschaft, Xanthippe Verlag, Zürich 2014, Fr. 26.90

Die Er­de ist nicht ge­nug

Das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len er­öff­net Mit­te No­vem­ber zum zehn­jäh­ri­gen Be­stehen sei­nes Neu­baus den Aus­stel­lungs­be­reich «Mensch und Uni­ver­sum». Zwi­schen Kli­ma­kri­se und Ster­nen­him­mel geht es um ei­ne ziem­lich gros­se Fra­ge: Wo ste­hen wir ei­gent­lich?

Von Philipp Bürkler,
Naturmuseum Mensch und Universum Niklas Thalmann

Ein ziem­lich ab­ge­fah­re­nes Ding

Seit zehn Jah­ren gibt es die Re­si­den­cy in der Bi­blio­thek An­dre­as Züst im Al­pen­hof, die­sem so schwer zu fas­sen­den Ort in In­ner­rho­den. Der run­de Ge­burts­tag wird nun mit ei­nem viel­fäl­ti­gen Fes­ti­val ge­fei­ert.

Von Hanspeter Spörri,
Alpenhof bibliothek andreas zuest residency

Ein künst­le­ri­sches Ge­ne­ra­tio­nen­tref­fen

Be­vor die Kunst­hal­le St.Gal­len im De­zem­ber we­gen Um­bau­ar­bei­ten vor­aus­sicht­lich bis April 2027 schliesst, dreht sie noch­mals voll auf. In der Aus­stel­lung «House of Ch­an­ge: Pre-Con­s­truc­tion-Warm-Up-Ga­lo­re» prä­sen­tiert sie im lau­fen­den Mo­nat ein dich­tes, bun­tes Pro­gramm an Kunst und Kul­tur.

Von Larisa Baumann,
House of change larisa baumann 1

Zwi­schen Kunst und Kör­per 

In der Aus­stel­lung «Smi­le ma­nia­cal­ly we’re ali­ve» ver­bin­det Ja­la Wa­hid schein­bar ge­trenn­te Wel­ten. Sie schlägt dar­in ei­ne Brü­cke zwi­schen Er­in­ne­rung, Emo­ti­on, Wis­sen­schaft und Po­li­tik. 

Von Sieglinde Wöhrer,
Jala Wahid Smile maniacally were alive Sieglinde Woehrer

Ver­ei­nig­te Kul­tur­sze­ne pro­tes­tiert ge­gen den Spar­ham­mer

Die er­neu­ten Spar­vor­schlä­ge der St.Gal­ler Re­gie­rung stos­sen auf brei­te Ab­leh­nung. Die Kul­tur­sze­ne so­li­da­ri­siert sich ge­gen die Ab­bau­plä­ne. Die Kul­tur­lob­by hat sich in Stel­lung ge­bracht. Obs hilft?

Von Roman Hertler,
2611 Kulturgelder gaffa rappenspalter 2 farbe

Kunstausstellung

Mut­ter­schaft in Öl ge­fasst

Von Vera Zatti,
Cecileund Pina300dpi

Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
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Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,