Ein Alter besucht eine Jüngere, sie kennt ihn von früher als Freund ihres Vaters, jetzt erzählt er von seiner Frau, die im Altersheim ist und «sofort alles vergisst», er redet, während sie sinniert über das Altwerden und den Tod, und es zieht einen in diese äusserlich unspektakuläre Geschichte hinein wie in einen Schacht. «Ohne Umschweife, wie einer, der kurz vor der Hinrichtung steht, begann Johannes zu erzählen.»
Fortwährendes Sichbelügen
Da ist zum einen das Alter, der Zerfall, mit Meier’scher Unnachgiebigkeit beim Namen genannt: «Noch grauste es mir vor den Körpern alter Leute, und bald würde ich selber alt sein, Gott, wie ertrug man das. War es wachsende Resignation, war es ein fortwährendes Sichbelügen, war es zähneknirschende Anpassung oder einfach ein verzögertes Ohnmächtigwerden, ein unmerkliches Verlieren des Bewusstseins. Ich fühlte mich schwankend wie auf einem Grat, links hinab die Jugend, rechts unten lag das Alter, selbst wenn ich keinen Fuss mehr weitermachte vor Entsetzen, würde sich die Weltkugel mit mir dem Abgrund zudrehen.»
Und da ist zum andern das «Glück» der Demenz, von dem der Besucher erzählt: Lisa ist nicht «vollständig verrückt», vielmehr steckt sie voller Überraschungen und Kindersinn, lebt aus Erinnerungen und stellt Unfug an. Der Besucher erzählt es liebevoll, und die Zuhörerin beneidet plötzlich die senile Alte um ihre «wunderliche Welt, vielleicht die schönste, die man je haben kann. Keine Freunde sind gestorben. Keine Mauern brechen um dich zusammen.» Die Erzählung Der Besuch zeichnet auf wenigen gestochen scharfen Seiten ein Altersporträt, das viele seither erschienenen Demenzbücher in den Schatten stellt.
Atemlose Satzkaskaden
Das Alter, die verflossenen und vergeblich ersehnten Lieben, die unerträgliche Peinlichkeit des Lebens und des Todes: Die grossen Themen in Helen Meiers Werk sind schon in diesen bislang unbekannten frühen Texten allgegenwärtig. Ihre Figuren stecken in der Alltagshölle, gequält von der «Krankheit der Langeweile», «von diesem beklemmenden Schwindelgefühl, der Angst, die wie eine Wühlmaus nur wartete, an die Oberfläche zu kommen». Und selbst in der Traumferienwoche, welche in Schlimme Zeiten geschildert wird, ist die Hölle da in atemlosen Satzkaskaden, «die Hölle, die einem folgte auf Schritt und Sprung, hereinströmend mit jedem Atemzug, blühend auf jedem Hautquadratzentimeter, die Hölle im gekachelten Wasser, die Hölle in den gekühlten Himbeeren, die Hölle in dem roten Himmel hinter den Bäumen, auf den flatternden Nachtschwärmern, die zum Wasserlicht kommen, die Hölle der Langeweile, der tödlichen Langeweile, des Daseins ohne Liebe, die Hölle…».
Helen Meier: Die Agonie des Schmetterlings, Edition Xanthippe Zürich 2015, Fr. 26.90
Buchvernissage: Di 27. Oktober, 20 Uhr, Obergerichtssaal im Rathaus Trogen. buecherladen-appenzell.ch
Meist sind es Frauen, die in Ichform reden, wettern, wüten in abschnittlosen Satz-Gewittern, die man der Autorin als «Masche» ankreiden könnte, die aber den zornigen Gestus der insgesamt 25 Texte unterstreichen. Ehen gehen zu Bruch (so der Titel einer Geschichte) oder waren seit je auf der schiefen Bahn (Rabenmutter), Liebe gibt es nur als Katastrophe oder Irrtum oder Altmädchensehnsucht (wie in der Langerzählung Der Maskenball). Meiers Beziehungsperspektiven sind rabenschwarz, ihr Ton ist böse, die Sprachbilder schneiden wie Messer das schlaffe Fleisch vom Knochen.
Von den Jungen schreibt niemand so beinhart – Poetry Slam kann einpacken dagegen. Heute abend stellt Helen Meier, inzwischen 86-jährig, ihr neues Buch in ihrem Wohnort Trogen vor, zusammen mit dem Mitherausgeber Charles Linsmayer.
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.
Eines der vielen Gebäude des Sitterwerks, die vor genau 100 Jahren erbaute Schwarzfärberei, beherbergt heute die Kunstbibliothek und die Materialmusterschränke. Eine Aufstockung soll künftig mehr Platz schaffen.
Noch bis in den Herbst hinein und auch in den zwei folgenden Sommern bleibt die Voliere im Stadtpark eine Buvette. Ab 2029 wird sie zur «Maison des œufs», zum didaktischen Hühnerhof. Die eingereichten Ideen sahen noch ganz andere Nutzungen vor.
Der Streit ums St.Galler Verbot von Tempo 30 auf Hauptverkehrsachsen geht in die nächste Runde: Das Referendumskomitee hat die notwendigen Unterschriften gegen eine Änderung des kantonalen Strassenverkehrsgesetzes eingereicht. Damit wird das Stimmvolk über die Frage entscheiden.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 6: «Wegwarte 002», Sur le Lac, Winterthurer Musikfestwochen und Schlossfestspiele Werdenberg.
Der FCSG kriegt beim Auswärtsspiel in Lissabon die Grenzen deutlich aufgezeigt. Sie verlieren das Spiel 0:5. Damit geht's für den FCSG jetzt gegen Sheriff Tiraspol in der Conference League weiter. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?