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In der Alltagshölle

Ihr erstes Buch publizierte sie 1984, mit 55 Jahren. Helen Meier hat aber schon davor geschrieben, kaum jemand wusste es – jetzt erscheint Die Agonie des Schmetterlings, ein Band mit frühen Erzählungen. Sie slammen besser als jeder Slam.
Von  Peter Surber
Helen Meier

Ein Alter besucht eine Jüngere, sie kennt ihn von früher als Freund ihres Vaters, jetzt erzählt er von seiner Frau, die im Altersheim ist und «sofort alles vergisst», er redet, während sie sinniert über das Altwerden und den Tod, und es zieht einen in diese äusserlich unspektakuläre Geschichte hinein wie in einen Schacht. «Ohne Umschweife, wie einer, der kurz vor der Hinrichtung steht, begann Johannes zu erzählen.»

Fortwährendes Sichbelügen

Da ist zum einen das Alter, der Zerfall, mit Meier’scher Unnachgiebigkeit beim Namen genannt: «Noch grauste es mir vor den Körpern alter Leute, und bald würde ich selber alt sein, Gott, wie ertrug man das. War es wachsende Resignation, war es ein fortwährendes Sichbelügen, war es zähneknirschende Anpassung oder einfach ein verzögertes Ohnmächtigwerden, ein unmerkliches Verlieren des Bewusstseins. Ich fühlte mich schwankend wie auf einem Grat, links hinab die Jugend, rechts unten lag das Alter, selbst wenn ich keinen Fuss mehr weitermachte vor Entsetzen, würde sich die Weltkugel mit mir dem Abgrund zudrehen.»

Und da ist zum andern das «Glück» der Demenz, von dem der Besucher erzählt: Lisa ist nicht «vollständig verrückt», vielmehr steckt sie voller Überraschungen und Kindersinn, lebt aus Erinnerungen und stellt Unfug an. Der Besucher erzählt es liebevoll, und die Zuhörerin beneidet plötzlich die senile Alte um ihre «wunderliche Welt, vielleicht die schönste, die man je haben kann. Keine Freunde sind gestorben. Keine Mauern brechen um dich zusammen.» Die Erzählung Der Besuch zeichnet auf wenigen gestochen scharfen Seiten ein Altersporträt, das viele seither erschienenen Demenzbücher in den Schatten stellt.

Atemlose Satzkaskaden

Das Alter, die verflossenen und vergeblich ersehnten Lieben, die unerträgliche Peinlichkeit des Lebens und des Todes: Die grossen Themen in Helen Meiers Werk sind schon in diesen bislang unbekannten frühen Texten allgegenwärtig. Ihre Figuren stecken in der Alltagshölle, gequält von der «Krankheit der Langeweile», «von diesem beklemmenden Schwindelgefühl, der Angst, die wie eine Wühlmaus nur wartete, an die Oberfläche zu kommen». Und selbst in der Traumferienwoche, welche in Schlimme Zeiten geschildert wird, ist die Hölle da in atemlosen Satzkaskaden, «die Hölle, die einem folgte auf Schritt und Sprung, hereinströmend mit jedem Atemzug, blühend auf jedem Hautquadratzentimeter, die Hölle im gekachelten Wasser, die Hölle in den gekühlten Himbeeren, die Hölle in dem roten Himmel hinter den Bäumen, auf den flatternden Nachtschwärmern, die zum Wasserlicht kommen, die Hölle der Langeweile, der tödlichen Langeweile, des Daseins ohne Liebe, die Hölle…».

Helen Meier: Die Agonie des Schmetterlings, Edition Xanthippe Zürich 2015, Fr. 26.90

Buchvernissage: Di 27. Oktober, 20 Uhr, Obergerichtssaal im Rathaus Trogen. buecherladen-appenzell.ch

Meist sind es Frauen, die in Ichform reden, wettern, wüten in abschnittlosen Satz-Gewittern, die man der Autorin als «Masche» ankreiden könnte, die aber den zornigen Gestus der insgesamt 25 Texte unterstreichen. Ehen gehen zu Bruch (so der Titel einer Geschichte) oder waren seit je auf der schiefen Bahn (Rabenmutter), Liebe gibt es nur als Katastrophe oder Irrtum oder Altmädchensehnsucht (wie in der Langerzählung Der Maskenball). Meiers Beziehungsperspektiven sind rabenschwarz, ihr Ton ist böse, die Sprachbilder schneiden wie Messer das schlaffe Fleisch vom Knochen.

Von den Jungen schreibt niemand so beinhart – Poetry Slam kann einpacken dagegen. Heute abend stellt Helen Meier, inzwischen 86-jährig, ihr neues Buch in ihrem Wohnort Trogen vor, zusammen mit dem Mitherausgeber Charles Linsmayer.

 

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