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Die Kunst, den Menschen in die Mitte zu nehmen

(Bild: pd)

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In der Galerie Fafou in Oberuzwil startet eine Ausstellung, die zusammen mit dem Living Museum Wil entstanden ist. Sie verspricht neue Perspektiven und kooperiert mit einer Bewegung, die gerade die neue Ära in der psychiatrischen Versorgung einleitet.

Der Ga­le­rie­raum in der ehe­ma­li­gen Fa­brik am Freu­den­berg in Ober­uz­wil füllt sich. Ei­ni­ge Men­schen brin­gen gros­se Ta­schen oder Map­pen. Sie um­ar­men sich, set­zen sich auf die Stüh­le. Der Raum ist seit über 13 Jah­ren Aus­stel­lungs- und Ver­an­stal­tungs­ort. Heu­te wird die nächs­te Aus­stel­lung ku­ra­tiert. Sie heisst «ra­di­US». Das «us» im Na­men ver­rät, wor­um es geht: Die Ga­le­rie Fa­fou stellt nicht nur Kunst­wer­ke, son­dern auch die Men­schen da­hin­ter ins Zen­trum. Der Ra­di­us steht als ver­bin­den­des Ele­ment zwi­schen den Men­schen und ih­ren Gren­zen. Die Aus­stel­lung zeigt Wer­ke von Kunst­schaf­fen­den, die so­wohl aus dem Künst­ler:in­nen­um­feld des Fa­fou kom­men als auch aus je­nem des Li­ving Mu­se­um Wil.

Das Li­ving Mu­se­um ist ei­ne Be­we­gung, die seit ih­rem Ent­ste­hen in den 1980er-Jah­ren in New York wächst und es 2002 nach Wil ge­schafft hat. Es war das ers­te Li­ving Mu­se­um Eu­ro­pas, in­zwi­schen sind es welt­weit 33, 30 wei­te­re be­fin­den sich im Auf­bau. In der Ost­schweiz gibt es aus­ser in Wil auch in Lich­ten­steig, Kreuz­lin­gen und Schaff­hau­sen ein Li­ving Mu­se­um. Als Trei­be­rin der Be­we­gung gilt Ro­se Ehe­mann, die heu­te die Li­ving Mu­se­um So­cie­ty prä­si­diert und das Mu­se­um in Wil ge­grün­det hat. Die Idee: Ein Ort für Men­schen mit psy­chi­schen Er­kran­kun­gen, wo Iden­ti­täts­ver­än­de­rung statt­fin­den kann. Weg vom Selbst­stig­ma «psy­chisch krank», hin zur po­si­tiv be­setz­ten Iden­ti­tät als Künst­ler:in.

Die bei­den Grün­der, Ja­nos Mar­ton und Bo­lek Grec­zyn­ski, sind da­von aus­ge­gan­gen, dass Men­schen, die psy­chi­sche Ex­trem­erfah­run­gen ge­macht ha­ben, be­gabt für Kunst­schaf­fen sind. Und tat­säch­lich be­le­gen Stu­di­en, dass sol­che Men­schen oft ein hö­he­res krea­ti­ves Po­ten­ti­al ha­ben, wel­ches im Li­ving Mu­se­um zur Ent­fal­tung kommt. Es geht aber in ers­ter Li­nie um den Pro­zess. Dar­um, dass die­se Men­schen stress­freie Or­te brau­chen und die Kunst ei­ne Brü­cke zur Ge­sell­schaft bil­den kann.

In­klu­si­ons­ge­dan­ke wird um­ge­dreht

«Wir wol­len nicht, dass sich Men­schen mit chro­ni­schen und schwe­ren psy­chi­schen Er­kran­kun­gen in ei­ne leis­tungs­ori­en­tier­te Ge­sell­schaft in­klu­die­ren müs­sen, in der sie so­fort wie­der raus­fal­len wür­den», er­klärt Ro­se Ehe­mann. «Statt­des­sen wol­len wir die Ge­sell­schaft ins Mu­se­um rein­ho­len, da­mit sie er­kennt, was die Men­schen wirk­lich brau­chen, und selbst Hei­lung er­fährt.» Ehe­mann for­dert, Räu­me für Men­schen mit psy­chi­schen Er­kran­kun­gen zu schaf­fen. «Wir soll­ten das, was wir von ih­nen ler­nen kön­nen, auf­neh­men. Da­zu ge­hö­ren bei­spiels­wei­se mehr Für­sorg­lich­keit, Au­then­ti­zi­tät oder So­li­da­ri­tät. Men­ta­le Ge­sund­heit be­trifft uns al­le.»

Im Un­ter­schied zur kli­ni­schen Kunst­the­ra­pie stellt das Li­ving Mu­se­um Wer­ke der Kunst­schaf­fen­den aus. Na­tür­lich gibt es auch hier Men­schen, die durch ih­re Kunst die Öf­fent­lich­keit mit Trau­ma­ta kon­fron­tie­ren. Kli­ni­sche Kunst­the­ra­pien hin­ge­gen bie­ten ge­schlos­se­ne Schutz­räu­me, in de­nen in­ti­me­re The­men ver­ar­bei­tet wer­den als im Li­ving Mu­se­um.

Sel­ma Ben Ya­goub ist ei­ne der Aus­stel­le­rin­nen in der Ga­le­rie Fa­fou. Sie fer­tigt de­tail­rei­che Ke­ra­mik­dra­chen an, die dank der glän­zen­den Gla­sur ei­ne täu­schend rea­lis­ti­sche Op­tik ha­ben. Aus der ur­sprüng­li­chen Idee, aus Ton Ge­schirr zu ma­chen, wur­den Krea­tu­ren, die Stär­ke aus­strah­len und trotz der Zäh­ne und Kral­len ir­gend­wie nied­lich aus. Es sei ei­ne in­tui­ti­ve Sa­che ge­we­sen, sagt sie. Die Fa­bel­we­sen hät­ten ih­ren Ak­ti­ons­ra­di­us ver­grös­sert. Da­vor ha­be sie noch nie ge­töp­fert.

Ort der Wär­me

Im Li­ving Mu­se­um in Wil ge­hen täg­lich 150 Men­schen ein und aus. Es herrscht re­ger Be­trieb, «Li­ving» halt. Die zahl­rei­chen Ate­liers und Werk­stät­ten für je­des er­denk­li­che Hand­werk sind gleich­zei­tig auch Aus­stel­lungs­raum. «Es ist ein Ort der Wär­me. Es gibt kein Kon­kur­renz­den­ken. Statt­des­sen herrscht ei­ne Art Schwarm­in­tel­li­genz», sagt Ehe­mann. Vie­le sei­en da­vor so­zi­al iso­liert ge­we­sen und hät­ten hier Men­schen mit ähn­li­chen Er­fah­run­gen ken­nen­ge­lernt. «Hier teilt man al­les, man tauscht Wis­sen aus und schliesst Freund­schaf­ten.» Im­mer wie­der stel­len Künst­ler:in­nen aus dem Li­ving Mu­se­um auch in an­de­ren Ga­le­rien aus, wie jetzt im Fa­fou.

Im Fa­fou sind die Wer­ke in­zwi­schen sorg­fäl­tig und ge­mein­sam se­lek­tiert. Die Künst­ler:in­nen sind da­bei, den Aus­stel­lungs­ort ein­zu­rich­ten. Wer­ke von zehn Künst­ler:in­nen bil­den ei­nen Kreis mit dem Ra­di­us als wie­der­keh­ren­des Ele­ment. Dar­un­ter sind Ma­le­rei­en, ver­ton­te Ge­schich­ten, Kunst­wer­ke aus Gips, Me­tall, Holz oder Esel­kot und ei­nes, dass die Ober­uz­wi­ler Son­nen­fins­ter­nis si­mu­liert.

«Auf der Me­ta­ebe­ne se­hen wir die Li­ving-Mu­se­um-Be­we­gung auch als Per­for­mance, als Kunst­be­we­gung», so Ehe­mann. «Co-Krea­ti­on, open source, welt­um­span­nend und stän­dig ent­ste­hen dar­aus neue Wer­ke und neue Li­ving Mu­se­ums. Ei­ne ge­leb­te Uto­pie.»

ra­di­US: 10. bis 25 Mai, Ga­le­rie Fa­fou, Ober­uz­wil. Ver­nis­sa­ge: 10. Mai, 19 bis 21 Uhr.
fa­fou.ch
Am 17. Mai fin­det in der St.Gal­ler Lok­re­mi­se ei­ne in­ter­ak­ti­ve Kunst­aus­stel­lung des Li­ving Mu­se­um Coll­ec­ti­ve POK mit ei­ner Po­di­ums­dis­kus­si­on über Kunst und Ge­sund­heit aus­ser­halb der Kli­nik statt.

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