Saiten im Mai: Klanghaus
Der grosse Schwerpunkt zur Eröffnung des Klanghauses, in Kooperation mit der Klangwelt Toggenburg. Ausserdem im Wonnemonat Mai: 40 Jahre Kunsthalle, ein St.Galler Geschäftsmann im Dritten Reich, ein neuer Morgen in der Kellerbühne und der Jazzfrühling.
Das Klanghaus ist fertig und seit Anfang Jahr im Probebetrieb, Mitte April laufen nur noch die letzten Umgebungsarbeiten. Fotografiert hat Alisa Strub.
Nach 20 Jahren Denk-, Lobby-, Planungs- und Bauarbeit ist es endlich so weit: Im Mai wird das Klanghaus oberhalb von Wildhaus eröffnet. Nachdem die Baumaschinen verstummt und die letzten Bagger abgezogen sind, mischen sich zum Zwitschern der Vögel und zum Quaken der Frühlingsfrösche neue Natur- und andere Klänge in die idyllische Landschaft. Der Kanton St.Gallen bekommt damit eine neue Kulturinstitution, die weit über die Region hinausstrahlen wird. Dieses Zentrum für Naturklänge ist ein architektonisches und akustisches Meisterwerk und ein Tempel für die gelebte Tradition wie für musikalische Experimente im Toggenburg. Und es ist der Beweis, dass eine Vision mit Beharrlichkeit, kreativen Ideen und dem unerschütterlichen Glauben daran zur Realität werden kann.
Für unserem Mai-Schwerpunkt, der in Kooperation mit der Klangwelt Toggenburg entstanden und von ihr mitfinanziert ist, hat sich die Redaktion drei Tage in Wildhaus eingerichtet und allerhand Stimmungen eingefangen. Wir beleuchten das Klanghaus aus unterschiedlichen Winkeln: Die Geschäftsführerin Mirjam Hadorn und der künstlerische Leiter Christian Zehnder sprechen im Interview über die Herausforderung, das Klanghaus mit Inhalt und Leben zu füllen, über den Spagat zwischen Kultur und Wirtschaft und über die Schaffung einer Förderallianz, die das Klanghaus dereinst in die Zukunft tragen soll. Andres Bosshard, der klangliche Vater des Gebäudes, erklärt, wie sich das Klanghaus perfekt in die Umgebung einpasst. Roman Hertler erzählt, wie zwei findige Handwerker aus der Region eine Lösung für die über fünf Tonnen schweren Tore des Zentralsaals suchten. Und Daria Frick und Andi Giger berichten von zwei Produktionen, bei denen unterschiedliche Kulturen und Sparten aufeinandertreffen, was nicht immer in Minne abläuft.
Die Verantwortlichen der Klangwelt wollen bereits jetzt, trotz eines mit 5,3 Millionen Franken gefüllten Betriebsfonds, der bis zu 20 Jahre reichen sollte, eine «Förderallianz» aufbauen für die langfristige Finanzierung des Betriebs. Das ist so weitsichtig wie alarmierend. Nein, nicht der Businessplan ist falsch, sondern die Kulturförderung im Kanton beziehungsweise das Geld, das dafür (nicht) zur Verfügung steht. Der Kantonsrat sieht das natürlich anders, wie zwei Beispiele aus jüngster Zeit zeigen: Eine Beitragserhöhung von 320’000 Franken an kantonal geförderte Institutionen, damit diese die Löhne und Honorare an die Vorgaben der Branchenverbände anpassen können? Chancenlos. Eine Erhöhung der – im kantonsvergleich tiefen – Kulturausgaben auf ein Prozent des Kantonshaushalts? Chancenlos.
Es ist müssig, an dieser Stelle die Bedeutung von Kultur für die Gesellschaft zu verhandeln und von der Politik zu fordern, dem Rechnung zu tragen – allzu bald wird sich daran im immer schon kulturknausrigen Kanton ohnehin nichts ändern. Wir können von Glück reden, dass die zweite Klanghaus-Vorlage 2019 – und damit nur drei Jahre nach der versenkten ersten – in den Kantonsrat kam und angenommen wurde. Wer weiss, was ihr im aktuellen politischen Klima und dem inzwischen gnadenlosen (Kultur-)Sparkurs der bürgerlichen Parteien geblüht hätte oder noch blühen würde, hätte man sie damals auf die lange Bank geschoben.
Geld braucht auch die Kunsthalle St.Gallen: Sie feiert nicht nur ihr 40-Jahr-Jubiläum, sondern will auch ihr Foyer umbauen, um dort künftig Fremdveranstaltungen zu ermöglichen. Larisa Baumann blickt in ihrem Beitrag auf die Geschichte der Institution zurück und verrät, was zum runden Geburtstag sonst noch alles geplant ist.
Im vierten Teil der Serie «Die Ostschweiz im Dritten Reich» zeichnet Historiker Max Lemmenmeier die Geschichte seines Onkels Karl Lemmenmeier nach. Der ständig umherreisende Lebemann wanderte während des Zweiten Weltkriegs als Geschäftsmann illegal nach Deutschland aus. Während die Gestapo seinen Rorschacher Geschäftspartner wegen Betrügereien ins KZ steckte, ermittelten die Schweizer Behörden gegen Lemmenmeier wegen angeblichen Heiratsschwindels.
Ausserdem im klangvollen Mai: die Flaschenpost aus dem bewegten Belgrad, der neue Leiter der Kellerbühne St.Gallen, eine Vorschau auf den inoffiziellen St.Galler Jazzfrühling und das Interview mit Gardi Hutter zu ihrer Abschiedstournee als Hanna und über neue Pläne.
David Gadze
Positionen/Reaktionen
«Ich habe ziemlich viel Übung im Sterben»Redeplatz mit Gardi Hutter
Verchäuferlis Kommentar zur Abstimmung über die Ladenöffnungszeiten von Daria Frick
Saitenlinie: Frauenherzen ticken andersvon Nathalie Grand
24/7 Traumacore: Hit me, baby, one more timevon Mia Nägeli
Stimmrecht: Highway to hell and backvon Liliia Matviiv
Perspektiven
«Es ist ein kreatives Epizentrum»: Mirjam Hadorn, CEO der Klangwelt Toggenburg, und deren künstlerischer Leiter Christian Zehnder im Interview. von David Gadze und Daria Frick
Eine Kathedrale des Klangs: Das Klanghaus ist ein architektonisches und akustisches Meisterwerk. Andres Bosshard ist sein klanglischer Schöpfer. von David Gadze
Zwischen Trommeln und Hackbrett: Der schwierige Spagat zwischen zwei unterschiedlichen Musikgenres und Kulturen. von Daria Frick
Das schwebende Tor: Besichtigung des grossen Isfahan-Tors mit dem Schreiner und dem Mech. von Roman Hertler
Zusammenschmelzen und entfalten: Was passiert, wenn sich Grenzen zwischen Musik und Tanzu allmählich auflösen, wie bei der Produktion Klangtanz? von Andi Giger
Klangexperte Andres Bosshard, Mitschöpfer des Klanghauses, ruft durch einen Leitkegel in den Zentralraum, ...
... von dessen Wänden sich das Echo durch den ganzen Raum bewegt.
Flaschenpost aus Belgrad: Zwischen Hoffnung und Repression – Wie Serbien am 15. März Geschichte schrieb. von Aleksandra Zdravković
Krise und Faschismus bestimmen wesentlich den Lebensweg von Karl Hermann Lemmenmeier (1906–1958). Sein Neffe begibt sich auf familien- und sozialhistorische Spurensuche. von Max Lemmemeier
Karl Lemmenmeier 1929 im Pariser Grand Hotel Terminus. (Bild: Privatarchiv Fam. Lemmenmeier)
Kultur
Die Kunsthalle St.Gallen feiert am Pfingstwochenende ihr 40-Jahr-Jubiläum. Sie plant auch einen Umbau ihrer Räumlichkeiten im Lagerhaus und will das Foyer künftig für andere Anlässe zur Verfügung stellen. von Larisa Baumann
Aussenansicht der Kunsthalle. (Bild: Oliver-Selim Boualam)
Die Kunst, den Menschen in die Mitte zu nehmen: Eine Ausstellung der Galerie Fafou in Oberuzwil und des Living Museum Wil. von Andi Giger
Ein neuer Morgen für die Kellerbühne: Hüseyin Michael Cirpici soll frischen Wind und internationales Flair nach St.Gallen bringen. von Daria Frick
Jazzfrühling: Amboss & Steigbügel bringen – teils zusammen mit dem Palace – gleich mehrere Schmankerl auf die St.Galler Bühnen. von Roman Hertler
«Ich bin jemand»: Brigitte Herrmanns Romanerstling über die widersprüchliche Vorarlberger Künstlerin Stephanie Hollenstein. von Peter Surber
Parcours: Vorgärten, Karikaturen, Aufgetischt, Smash little WEF, «Magic matter», The Monsters, neues St.Galler Foto-Zine und Tanzfest
Fabriken schauen (III): Gepflegte und verlorene Brauereischlösser. von René Hornung
Analog: Plattentipps im Mai. von Philipp Buob, Lidija Dragojević und Tobias Imbach
Boulevard: Mit der Zeit gehen und der Chef als fröhlicher Rauch. von Josip Gossip
Abgesang
Kellers Geschichten: Reglemente
Comic von Julia Kubik: En Guete
Was kommt nach dem Tod? Was hatten St.Galler Geistliche mit den Nazis zu schaffen? Und was hat es mit Graubündens neuem Schnee auf sich? Alles nachzulesen im neuen Heft. Ausserdem im April: die Neue von Stahlberger, GAFFA in Arbon und Tüchel in Argentinien.
Die Jubiläumsnummer in Kooperation mit der Kantonsbibliothek. Ausserdem im belesenen März: Emil Abderhalden und andere Rassenhygieniker, die erste Design Week St.Gallen und Updates aus dem Dunant-Museum in Heiden, dem KAFF in Frauenfeld und dem Toggenburg.
Wie gehts weiter ohne Autobahnloch im Güterbahnhofareal? Wie weiss der Penis, in welches Loch er muss? Und wer hat eigentlich Ernst S. eingelocht? Alles nachzulesen in unserem Februarheft. Und noch allerhand mehr, zum Beispiel warum die Kyiver Tauben in kleinen Palästen leben.
St.Gallen kämpft mit Zentrumslasten. Was ist das überhaupt? Wie entstehen sie? Und wie muss die Stadt dafür vom Kanton und den Gemeinden entschädigt werden? Ausserdem im Janaurheft: Sohaila Alizadas Verarbeitung der Machtübernahme der Taliban, Band-Schwerpunkt No.3 und allerhand Kulturstoff.
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröf fnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.