Saiten im Februar: Lauter Löcher
Wie gehts weiter ohne Autobahnloch im Güterbahnhofareal? Wie weiss der Penis, in welches Loch er muss? Und wer hat eigentlich Ernst S. eingelocht? Alles nachzulesen in unserem Februarheft. Und noch allerhand mehr, zum Beispiel warum die Kyiver Tauben in kleinen Palästen leben.
Jahrelang schwebte der geplante Autobahnanschluss wie ein Schreckgespenst über dem St.Galler Güterbahnhofareal. Die Schweizer Stimmbevölkerung hat es Ende November vertrieben. Wir haben uns mal umgesehen und -gehört, welche neuen Möglichkeiten für die Entwicklung des Areals sich nun eröffnen und wie es jetzt weiter geht. Spoiler: Vorerst gar nicht, zumindest was eine grössere Überbauung betrifft. Denn ehe die Planung beginnen kann, muss die Stadt mit der Ortsplanrevision überhaupt erst die baurechtlichen Grundlagen schaffen. Und das dauert noch ein paar Jahre.
Durch die unnötige jahrelange Blockade aufgrund antiquierter Autobahnträume von Bund und Kanton ist das Güterbahnhofareal also prompt in die nächste Blockade geraten. Und es ist nicht die einzige: Seit Jahren verhindern Anwohner:innen rund um das Lattich-Quartier, dass die kulturelle (Zwischen-)Nutzung weiter wächst. Dabei ist diese grosse innerstädtische Brache prädestiniert dafür, dass hier das Leben in diversen Formen wuchert. Der Stadtrat und die Behörden sind jetzt in der Pflicht, Stellung zu beziehen, entsprechend zu handeln und vor allem dafür zu sorgen, dass an diesem so tollen Ort sowohl kurz- als auch langfristig etwas Gutes entstehen kann. Ein lebendiger, durchmischter, kreativer, urbaner Stadtteil. Das zweite Leben, das das Güterbahnhofareal durch das Abstimmungsnein geschenkt bekommen hat, darf der Stadtrat nicht wieder leichtfertig aufs Spiel setzen.
Könnt ihr euch noch daran erinnern, wie das damals war, als ihr eure Sexualität entdeckt habt? Wer euch bei der Aufklärung geholfen und eure Fragen beantwortet hat? Die Eltern? Die ältere Schwester? «Bravo»? Die Schule war es vermutlich nicht. Denn das Thema Aufklärung wurde im Unterricht bis vor einigen Jahren noch ziemlich vernachlässigt. Heute ist es fest im Lehrplan verankert. Internet, Smartphones und soziale Medien stellen nicht nur Jugendliche in Sexual-, Identitäts- oder Beziehungsfragen vor (neue) Herausforderungen, sondern auch die Schulen und Lehrer:innen. Der Umgang mit diesen Themen erfordert viel Sensibilität. Auch weil die Schüler:innen unterschiedliche soziale oder kulturelle Hintergründe mitbringen. Corinne Riedener hat drei Lehrpersonen und eine Schulsozialarbeiterin zum Gespräch getroffen und sich mit ihnen über die sexuelle Aufklärung an Schulen unterhalten.
Am 24. Februar ist es drei Jahre her, seit Russland den Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen hat. Aus diesem Anlass zeigen wir eine Bilderstrecke aus Kyiv, wo viele der einst so beliebten Taubenschläge verwaist sind.
Während der Krieg in der Ukraine unvermindert dauert, jährt sich 2025 das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 80. Mal. In einer von Richard Butz initiierten Serie beleuchten wir ab dieser Ausgabe bis Ende Jahr die Verstrickungen der Ostschweiz mit dem Dritten Reich, werfen aber auch einen Blick auf die antifaschistischen Bewegungen. Zum Auftakt erzählt Butz, wie sein Vater, der damals als Inspektor bei der Bundespolizei in der Spionageabwehr arbeitete, den «Landesverräter» Ernst S. verhaftete.
Ausserdem im kurzweiligen Februar: Neue Musik von Yes I’m Very Tired Now und CAPSLOCK SUPERSTAR, die Flaschenpost von Lilli Kim Schreiber aus Mexiko, ein Blick zum Grauen Himmel und allerhand weiteres Kulturfutter. (David Gadze)
Positionen/ Reaktionen
Stimmrecht: Notfallrucksackvon Liliia Matviiv
24/7 Traumacore: I ha d Büecher farbig sortiert, i de Reihefolg vom Regebogevon Mia Nägeli
Flaschenpost aus Mexiko: Land der Widersprüche von Lilli Kim Schreiber
Saitenlinie: Auf dem Sprung zur Schanzengleichheitvon Nathalie Grand
Perspektiven
Der Dornröschenschlaf dauert an
Die Entwicklung eines neuen Stadtteils im St.Galler Güterbahnhofareal wäre durch den Bau eines Autobahnanschlusses auf Jahre blockiert gewesen. Das Nein der Stimmberechtigten eröffnet nun zwar neue Perspektiven, einen baldigen Planungsbeginn ermöglicht es aber trotzdem nicht. von David Gadze und René Hornung
Argumente für das Kulturquartier
Auf dem Güterbahnhofareal gehört ein neues Stück Stadt hin. Nach dem Nein zum Autobahnausbau sind die Brems- und Stopptafeln weg: Bahn frei für ein neues Quartier, mit Wohnen, mit Beizen und mit Kultur. Wir stellen eine Behauptung auf. Und fragen nach. von Peter Surber
Bebildert hat den Güterbahnhof-Schwerpunkt das St.Galler GAFFA-Kollektiv.
«Woher weiss der Penis, in welches Loch er muss?»
Die sexuelle Aufklärung wird in jedem Schulzimmer anders angegangen. Dabei geht es zum Teil auch um sehr ernste Themen wie Sextortion oder Beschneidung. Eine Schulsozialarbeiterin und drei Lehrpersonen berichten. von Corinne Riedener
Spüren, wie Paul sich fühlt
Mit dem Stück Paul* werden queere Themen in Theaterform in die Ostschweizer Schulzimmer gebracht. von Andi Giger
Die mittelalterlichen Tragezeichen stammen aus der Niederländischen Datenbank Kunera.
Für den Schwerpunkt zusammengestellt wurden sie von Romea Enzler.
Die Ostschweiz im Dritten Reich I: Mein Vater hat Ernst S. verhaftet
Max Butz arbeitete während des Zweiten Weltkriegs für die Spionageabwehr im Abschnitt Bodensee-Rheintal. Sein Sohn eröffnet mit seinen persönlichen Erinnerungen die neue Saiten-Serie «Die Ostschweiz im Dritten Reich». von Richard Butz
Max Butz
Kultur
Seit drei Jahren herrscht Krieg in der Ukraine: Fotostrecke über Taubenschläge in der Hauptstadt Kyiv. von Anna Sorokovaya und Taras Kovach
Sehr müde und sehr gut
Marc Frischknecht alias Yes I’m Very Tired Now veröffentlicht sein neues Album. Anfang März tauft er The Dark Tape mit seiner Band in der Grabenhalle. von Andrin Uetz
Die Lieblingsband deiner Lieblingsband deiner Lieblingsband
Nicht nur ein fluffiger Meme-Trip, sondern sauwitzig und explizit politisch: das neue Album von CAPSLOCK SUPERSTAR. von Jeremias Heppeler
Kantengänger auf dem Verhörstuhl
Bernard Rambert gilt als einer der umstrittensten Strafverteidiger der Schweiz. Christian Labharts Dokfilm Suspekt über den linken «Terroristenanwalt». von Corinne Riedener
«Die Kunst ist ein Spiel»
Im Februar wird in St.Gallen die kürzeste Skipiste der Welt eröffnet. Das Kunstprojekt gab bereits viel zu reden und wird wohl weitere Kreise ziehen. von Daria Frick
Parcours: Badhütte, Propaganda, viel Kunst und Musik
Gutes Bauen Ostschweiz: Trouvaillen im Talvon Corinne Riedener
Plattentipps: Analog im Februarvon Philipp Buob, Magdiel Magagnini und Lidija Dragojevic
Abgesang
Kellers Geschichten: Gedenken
Comic von Julia Kubik: Besichtigung
St.Gallen kämpft mit Zentrumslasten. Was ist das überhaupt? Wie entstehen sie? Und wie muss die Stadt dafür vom Kanton und den Gemeinden entschädigt werden? Ausserdem im Janaurheft: Sohaila Alizadas Verarbeitung der Machtübernahme der Taliban, Band-Schwerpunkt No.3 und allerhand Kulturstoff.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.