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Im Dezember: «Empathie ist ein Gewaltblocker»

Saiten hat Hanno Loewy, den Leiter des Jüdischen Museums Hohenems, zum Gespräch getroffen. Ausserdem im Dezemberheft: Junge Politik, die Erneuerung des St.Galler Textilmuseums, Kubik/Stahlberger, die Flaschenpost aus New York und der Film über Eileen Grays Haus am Meer, in dem ein nackter Mann sein Unwesen getrieben hat.
Von  Redaktion Saiten , 
Hanno Loewy wurde von Andri Vöhringer fotografiert. Die Illustrationen zum Textilmuseum sind von DOME und RA.

Politik lebt auch von der Provokation. Doch jede Aktion ist natürlich nix wert ohne die klassischen Medien als Multiplikatoren. So ging auch die Rechnung der Juso am 16. November wunderbar auf. Irgendwer wird sicher empört genug sein, dachten sich wohl die linken Jungpolitiker:innen, als sie aufgrund fehlender Geschlechtervielfalt ein Podiumsgespräch an der Jugendsession im St.Galler Kantonsratssaal verliessen, flankiert von den Jungen Grünen. Und siehe da, es dauerte nicht lang, bis die Aktion dank freundlicher Unterstützung der Jungen Mitte im «Tagblatt» landete, das btw selber gar nicht vor Ort gewesen war (abgesehen vom Moderator der Podiumsdiskussion, der dort angestellt ist).

Die ersten Boomerkommentare liessen nicht lange auf sich warten und zack, war «der Eklat» (!!) plötzlich ganz weit oben auf die Website. Und tags darauf sogar die Story des Tages auf der Front der Printausgabe. «Die woke Juso» wird in den Kommentarspalten heftig kritisiert. Undemokratisch und radikal sei sie, gopfeteli. Und die armen jungen Leute an der Jugendsession hätten das doch gar nicht verdient, wollten sie doch nur einen Einblick in die Mühlen der Politik gewinnen.

Nun, den gewannen sie. Die Juso lieferte ihnen geradezu ein Lehrstück in Sachen Politik. Die jungen Sessionsteilnehmer:innen haben gelernt, dass es im politischen Geschäft nicht immer nur um beflissenes Diskutieren, Paktieren und Taktieren geht, sondern manchmal eben auch darum, möglichst medienwirksam auf den Busch zu klopfen. So fängt man Stimmen. Sie haben gelernt, dass Empörung bewirtschaftet wird und sich das für manche lohnt. Ob uns das nun schmeckt oder nicht. Und sie haben gelernt, dass es Konsequenzen hat, wenn ständig nur Boys zu Wort kommen. Ist doch tipptopp gelaufen.

An der Session hat die Juso-Aktion kurz für Irritation gesorgt, von einem «Eklat» oder «Genderstreit» kann allerdings keine Rede sein. Im Gegenteil. Es gab danach ein paar sehr angeregte, aber auch sehr gesittete Diskussionen auf dem Gang. Die jungen Leute waren, anders als die Erwachsenen in den Kommentarspalten, geradezu unheimlich unaufgeregt. Und sie konnten gut trennen zwischen Show und tatsächlichem Diskussionsbedarf.

Das passt zu den sechs Jungpolitkiker:innen, die wir anlässlich der 50. Jugendsession für dieses Heft porträtiert haben: Sie kommen aus verschiedenen Parteien, doch sie alle eint die Lust an der Auseinandersetzung mit anderen. Aber sie kritisieren auch die schrille Debattenkultur, wünschen sich mehr Respekt und offenere Ohren fürs Gegenüber. Im Gespräch haben sie uns noch einiges mehr verraten über ihre Motive, Visionen und Verbesserungsvorschläge an die Adresse der Politik, nachzulesen ab Seite 25. Laurin Bleiker hat sie fotografiert.

Dass sich junge Menschen aktiv für demokratische Prozesse einsetzen, ist nicht selbstverständlich. Vor allem in Zeiten, in denen die Entsolidarisierung der Massen kräftig vorangetrieben wird. Die autoritären und rechtsradikalen Kräfte sind mittlerweile global in der Überzahl, die freiheitlichen Demokratien müssen kämpfen. Es sind wieder Dinge salonfähig und sagbar, von denen wir gedacht haben, dass wir längst darüber hinweggekommen sind. Darum ist es ein umso wichtigeres Signal, dass der Rheintaler Kulturpreis «Goldiga Törgga» dieses Jahr an das Jüdische Museum Hohenems gegangen ist, das Erinnerungs-, Zukunfts- und Vermittlungsarbeit gleichermassen betreibt, stets mit einer Prise Ironie. Prägende Figur dahinter ist Museumleiter Hanno Loewy. Roman Hertler hat ihn zum Gespräch getroffen, los gehts auf Seite 14. Die Laudatio zur Preisverleihung hat Milo Rau gehalten. Sie ist im Anschluss in einer leicht gekürzten Fassung nachzulesen.

Ausserdem im deepen Dezember: Der harzige Weg zur Erneuerung des St.Galler Textilmuseums, das nichts mit der Credit Suisse zu tun haben will, die langeersehnte Bühnenpaarung von Julia Kubik und Manuel Stahlberger, die Flaschenpost vom US-Wahlabend aus New York City und der Film über Eileen Grays Haus am Meer, in dem ein nackter Mann sein Unwesen getrieben hat.

Corinne Riedener

 

Der Inhalt:

Reaktionen/Positionen

In eigener Sache: Willkommen an Bord!

Stimmrecht: Sprich von ganzem Herzen. von Liliia Matiiv

Saitenlinie: Scheichs missbrauchen Frauenfussball zur Imagepflege. von Nathalie Grand

Flaschenpost aus New Yok: Eisiger Wind zum Untergang? von Philipp Bürkler

24/7 Traumacore:My body is a temple (überwuchert, verlassen, verflucht maybe). von Mia Nägeli

 

Perspektiven

«Empathie ist ein Gewaltblocker»

Das Jüdische Museum Hohenems hat den diesjährigen Rheintaler Kulturpreis erhalten. Museumsleiter Hanno Loewy über den Nahostkonflikt, Hoffnungsschimmer und das angedachte Vermittlungszentrum zum Thema Flucht in Diepoldsau.

von Roman Hertler

Über Grenzen und Grenzüberschreitungen

Die leicht gekürzte Laudatio von Milo Rau zur Überreichung des Kulturpreises «Goldiga Törgga» am 8. November.

 

Junge Politik

Anlässlich der 50. Jugendsession hat Saiten sechs Nachwuchspolitiker:innen aus allen grossen Ostschweizer Jungparteien porträtiert. Und Politgeograf Michael Hermann spricht über den Geschlechtergraben bei den Jungen, maskuline Typen in der Politik und die bedrohte Meinungsvielfalt.

von Daria Frick, Andi Giger und Corinne Riedener

Bilder: Laurin Bleiker

 

 

Kultur

Eine alte Institution erfindet sich neu

Die Erneuerung des Textilmuseums biegt auf die Zielgerade ein: Das Baugesuch ist eingereicht. Die Finanzierung ist aber noch nicht ganz gesichert. Und es gibt Kritik am Projekt.

von David Gadze

 

tagesmenü: s git was git

Julia Kubik und Manuel Stahlberger sind mit ihrem ersten gemeinsamen Programm unterwegs. Im Dezember kommt das Duo ins St.Galler Palace. von Peter Surber

 

Zwei Sammler, Künstler, Konstrukteure

Der Kunstraum Kreuzlingen zeigt mit «Kosmos» und «Self Storage» zwei Ausstellungen, die für sich stehen, sich aber verzahnen und ergänzen. von Kristin Schmidt

 

Die zarte Schale eines Menschen

E.1027 – Eileen Gray und das Haus am Meer erzählt die Geschichte eines ungelösten Konflikts mit nur allzu schönen Bildern. Die Realität dahinter ist bitter. von Corinne Riedener

 

Über den Sinn der Maloche und des Schreibens

Andreas Niedermann liefert mit Das Buch Maloch 32 Geschichten über die Arbeit. Gleichzeitig wurde sein zweiter Roman Stern neu aufgelegt. von Richard Butz

 

«Baratella – un porto sicuro»

Ab Dezember blättern die Gäste bei der Auswahl der Speisen im Restaurant Baratella durch ein von Hans Schweizer gestaltetes Kunstwerk. von Larisa Baumann

 

Parcours: Klang, Knecht, ein Heft und der Wald

 

Plattentipps: Analog im Dezember. von Philipp Buob, Lidija Dragojevic und Magdiel Magagnini

 

Gutes Bauen Ostschweiz (XXV): Effiziente Planung in Holz. von Nele Rickmann

 

Abgesang

Kellers Geschichten: Egnach

Comic von Julia Kubik: Das grosse Advent-Special 2024

 

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
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Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

Von Vera Zatti,
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Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

Von Mia Nägeli,

Theater

Kein Kom­pli­ment

Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

Jo­han­na und Szi­lamer ar­bei­ten seit vier Jah­ren als Ern­te­hel­fer:in­nen in Fru­thwi­len. In ih­rer Hei­mat Ru­mä­ni­en ist die wirt­schaft­li­che La­ge an­ge­spannt und die kör­per­li­che Ar­beit auf dem Feld sind sie ge­wohnt.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
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Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
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Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 12 43

Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
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Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
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Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild