Politik lebt auch von der Provokation. Doch jede Aktion ist natürlich nix wert ohne die klassischen Medien als Multiplikatoren. So ging auch die Rechnung der Juso am 16. November wunderbar auf. Irgendwer wird sicher empört genug sein, dachten sich wohl die linken Jungpolitiker:innen, als sie aufgrund fehlender Geschlechtervielfalt ein Podiumsgespräch an der Jugendsession im St.Galler Kantonsratssaal verliessen, flankiert von den Jungen Grünen. Und siehe da, es dauerte nicht lang, bis die Aktion dank freundlicher Unterstützung der Jungen Mitte im «Tagblatt» landete, das btw selber gar nicht vor Ort gewesen war (abgesehen vom Moderator der Podiumsdiskussion, der dort angestellt ist).
Die ersten Boomerkommentare liessen nicht lange auf sich warten und zack, war «der Eklat» (!!) plötzlich ganz weit oben auf die Website. Und tags darauf sogar die Story des Tages auf der Front der Printausgabe. «Die woke Juso» wird in den Kommentarspalten heftig kritisiert. Undemokratisch und radikal sei sie, gopfeteli. Und die armen jungen Leute an der Jugendsession hätten das doch gar nicht verdient, wollten sie doch nur einen Einblick in die Mühlen der Politik gewinnen.
Nun, den gewannen sie. Die Juso lieferte ihnen geradezu ein Lehrstück in Sachen Politik. Die jungen Sessionsteilnehmer:innen haben gelernt, dass es im politischen Geschäft nicht immer nur um beflissenes Diskutieren, Paktieren und Taktieren geht, sondern manchmal eben auch darum, möglichst medienwirksam auf den Busch zu klopfen. So fängt man Stimmen. Sie haben gelernt, dass Empörung bewirtschaftet wird und sich das für manche lohnt. Ob uns das nun schmeckt oder nicht. Und sie haben gelernt, dass es Konsequenzen hat, wenn ständig nur Boys zu Wort kommen. Ist doch tipptopp gelaufen.
An der Session hat die Juso-Aktion kurz für Irritation gesorgt, von einem «Eklat» oder «Genderstreit» kann allerdings keine Rede sein. Im Gegenteil. Es gab danach ein paar sehr angeregte, aber auch sehr gesittete Diskussionen auf dem Gang. Die jungen Leute waren, anders als die Erwachsenen in den Kommentarspalten, geradezu unheimlich unaufgeregt. Und sie konnten gut trennen zwischen Show und tatsächlichem Diskussionsbedarf.
Das passt zu den sechs Jungpolitkiker:innen, die wir anlässlich der 50. Jugendsession für dieses Heft porträtiert haben: Sie kommen aus verschiedenen Parteien, doch sie alle eint die Lust an der Auseinandersetzung mit anderen. Aber sie kritisieren auch die schrille Debattenkultur, wünschen sich mehr Respekt und offenere Ohren fürs Gegenüber. Im Gespräch haben sie uns noch einiges mehr verraten über ihre Motive, Visionen und Verbesserungsvorschläge an die Adresse der Politik, nachzulesen ab Seite 25. Laurin Bleiker hat sie fotografiert.
Dass sich junge Menschen aktiv für demokratische Prozesse einsetzen, ist nicht selbstverständlich. Vor allem in Zeiten, in denen die Entsolidarisierung der Massen kräftig vorangetrieben wird. Die autoritären und rechtsradikalen Kräfte sind mittlerweile global in der Überzahl, die freiheitlichen Demokratien müssen kämpfen. Es sind wieder Dinge salonfähig und sagbar, von denen wir gedacht haben, dass wir längst darüber hinweggekommen sind. Darum ist es ein umso wichtigeres Signal, dass der Rheintaler Kulturpreis «Goldiga Törgga» dieses Jahr an das Jüdische Museum Hohenems gegangen ist, das Erinnerungs-, Zukunfts- und Vermittlungsarbeit gleichermassen betreibt, stets mit einer Prise Ironie. Prägende Figur dahinter ist Museumleiter Hanno Loewy. Roman Hertler hat ihn zum Gespräch getroffen, los gehts auf Seite 14. Die Laudatio zur Preisverleihung hat Milo Rau gehalten. Sie ist im Anschluss in einer leicht gekürzten Fassung nachzulesen.
Ausserdem im deepen Dezember: Der harzige Weg zur Erneuerung des St.Galler Textilmuseums, das nichts mit der Credit Suisse zu tun haben will, die langeersehnte Bühnenpaarung von Julia Kubik und Manuel Stahlberger, die Flaschenpost vom US-Wahlabend aus New York City und der Film über Eileen Grays Haus am Meer, in dem ein nackter Mann sein Unwesen getrieben hat.
Corinne Riedener
Reaktionen/Positionen
In eigener Sache: Willkommen an Bord!
Stimmrecht: Sprich von ganzem Herzen. von Liliia Matiiv
Saitenlinie: Scheichs missbrauchen Frauenfussball zur Imagepflege. von Nathalie Grand
Flaschenpost aus New Yok: Eisiger Wind zum Untergang? von Philipp Bürkler
24/7 Traumacore:My body is a temple (überwuchert, verlassen, verflucht maybe). von Mia Nägeli
Perspektiven
Das Jüdische Museum Hohenems hat den diesjährigen Rheintaler Kulturpreis erhalten. Museumsleiter Hanno Loewy über den Nahostkonflikt, Hoffnungsschimmer und das angedachte Vermittlungszentrum zum Thema Flucht in Diepoldsau.
von Roman Hertler
Die leicht gekürzte Laudatio von Milo Rau zur Überreichung des Kulturpreises «Goldiga Törgga» am 8. November.
Anlässlich der 50. Jugendsession hat Saiten sechs Nachwuchspolitiker:innen aus allen grossen Ostschweizer Jungparteien porträtiert. Und Politgeograf Michael Hermann spricht über den Geschlechtergraben bei den Jungen, maskuline Typen in der Politik und die bedrohte Meinungsvielfalt.
von Daria Frick, Andi Giger und Corinne Riedener
Bilder: Laurin Bleiker
Kultur
Die Erneuerung des Textilmuseums biegt auf die Zielgerade ein: Das Baugesuch ist eingereicht. Die Finanzierung ist aber noch nicht ganz gesichert. Und es gibt Kritik am Projekt.
von David Gadze
tagesmenü: s git was git
Julia Kubik und Manuel Stahlberger sind mit ihrem ersten gemeinsamen Programm unterwegs. Im Dezember kommt das Duo ins St.Galler Palace. von Peter Surber
Zwei Sammler, Künstler, Konstrukteure
Der Kunstraum Kreuzlingen zeigt mit «Kosmos» und «Self Storage» zwei Ausstellungen, die für sich stehen, sich aber verzahnen und ergänzen. von Kristin Schmidt
Die zarte Schale eines Menschen
E.1027 – Eileen Gray und das Haus am Meer erzählt die Geschichte eines ungelösten Konflikts mit nur allzu schönen Bildern. Die Realität dahinter ist bitter. von Corinne Riedener
Über den Sinn der Maloche und des Schreibens
Andreas Niedermann liefert mit Das Buch Maloch 32 Geschichten über die Arbeit. Gleichzeitig wurde sein zweiter Roman Stern neu aufgelegt. von Richard Butz
«Baratella – un porto sicuro»
Ab Dezember blättern die Gäste bei der Auswahl der Speisen im Restaurant Baratella durch ein von Hans Schweizer gestaltetes Kunstwerk. von Larisa Baumann
Parcours: Klang, Knecht, ein Heft und der Wald
Plattentipps: Analog im Dezember. von Philipp Buob, Lidija Dragojevic und Magdiel Magagnini
Gutes Bauen Ostschweiz (XXV): Effiziente Planung in Holz. von Nele Rickmann
Abgesang
Kellers Geschichten: Egnach
Comic von Julia Kubik: Das grosse Advent-Special 2024
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.