Im April: Saiten macht das Kreuz
Was kommt nach dem Tod? Was hatten St.Galler Geistliche mit den Nazis zu schaffen? Und was hat es mit Graubündens neuem Schnee auf sich? Alles nachzulesen im neuen Heft. Ausserdem im April: die Neue von Stahlberger, GAFFA in Arbon und Tüchel in Argentinien.
Serafin Gerber hat auf dem Friedhof fotografiert.
Kann ich einen Platz im Gemeinschaftsgrab reservieren? Darf ich mich mit meinen Lieblingsplatten kremieren lassen? Soll ich die Abdankung der liebgewonnenen Altersheimnachbarin besuchen, wenn in der Todesanzeige steht: «Nur im engsten Familienkreis»? Kommt Exit auch ins Altersheim? Und was ziehe ich eigentlich zum eigenen Tod an?
Rund ums Sterben gibt es viel zu klären. So ein bisschen Bürokratie und Organisationsaufwand ist womöglich ganz beruhigend, wenn man schon nicht weiss, was einen im Tod erwartet. Wenigstens das Drumherum lässt sich planen. Gutschweizerisch eben. Zudem wissen wir: Drüber reden hilft. Dinge verlieren oft ihren Schrecken, wenn man sie benennt.
Ebenso schweizerisch ist es leider auch, dass man überall noch eine Prise Xenophobie beigeben muss – selbst den Gräbern. So geschehen in Weinfelden, wo das Referendum gegen die Errichtung von 70 nach Mekka ausgerichteten Grabfeldern für Muslim:innen ergriffen worden ist. Nicht einmal im Tod lässt man sie in Ruhe. Nun muss im Mai die Bevölkerung über die letzte Ruhe von anderen abstimmen. Auch das wissen wir: Bei gewissen Themen werden die Ängste nur grösser, je mehr darüber gesprochen wird.
Die Diskussion in Weinfelden war zwar der Aufhänger für dieses Heft, aber wir wollten uns nicht lange damit aufhalten. Uns interessierte vielmehr das organisatorische Drumherum des Sterbens; das Planen, das Abschiednehmen, das Bestatten. Wir haben das Krematorium in Winterthur besucht und uns mit den gängigen und zukünftigen Bestattungsformen auseinandergesetzt. Und wir haben hochbetagte Menschen gefragt, wie sie sich ihren letzten Gang vorstellen und wie sie sich darauf vorbereiten. Alles dazu ab Seite 14.
Apropos gutschweizerische Xenophobie: Im dritten Teil unserer Serie «Ostschweiz im Dritten Reich» geht Roman Hertler den antisemitischen und NS-freundlichen Tendenzen nach, die damals auch im kirchlichen Milieu verbreitet waren – von der «Schweizer Christenwehr» über die «Katholische Front» bis zum evangelischen Pfarrer, der wegen Landesverrats verurteilt wurde, nachzulesen ab Seite 32. Und immer dabei: die Medien. Es geht halt nichts über ein bisschen Öffentlichkeit.
Das gilt naturellement auch für die Kultur. Kultur zu finanzieren heisst auch, die Öffentlichkeits- und Vernetzungsarbeit der Kultur zu finanzieren. Das hat man nun auch im Bündnerland realisiert: Vor knapp zwei Jahren startete das Projekt Graubünden Cultura. Stolze 3,2 Millionen Franken stehen dem Verein bis Mai 2027 zur Verfügung, um «Graubünden als eine der führenden Kulturtourismusregionen der Alpen zu positionieren». Kultur ist quasi der neue Schnee. David Gadze ist der Sache ab Seite 36 nachgegangen. Ausserdem im Kulturteil: die Neue von Stahlberger, GAFFA in Arbon und Kino aus dem Jura.
Zurück zum Thema Abschiednehmen: Dies ist mein 129. und letztes Heft als Saitenredaktorin. Ende März räume ich meinen Platz auf dem Saitenschiff und setze einen eigenen Kurs. Danke für die elfeinhalb erquicklichen, lehrreichen und intensiven Jahre in der Kombüse. Ab jetzt bin ich stolze Saitenabonnentin – wie ihr alle hoffentlich auch. Falls nicht, hier lang: saiten.ch/abo
Corinne Riedener
Reaktionen/Positionen
Saitenlinie: Tabubruch gegen Geschlechterklischees im Sportvon Nathalie Grand
24/7 Traumacore: Lustige Statistiken zu meinem psychischen Zerfallvon Mia Nägeli
«Jeder Stutz fliesst in den Journalismus» Redeplatz mit Tizian Schöni
Stimmrecht: Avatarvon Liliia Matviiv
Perspektiven
Bestattung im Wandel: Die Auswahl an Bestattungsformen steigt und sollte vielleicht schon vor dem Tod getroffen werden. Auch Orte des Gedenkens wandeln sich, während das Bestatten ein religiöses Ritual ist und bleibt. von Daria Frick
Sterben im Thurgau: Islamophobe Kleingeister wollen muslimische Bestattungen in Weinfelden verhindern. Ein Kommentar von Roman Hertler.
Wenn der Vorhang fällt: Wie stellen sich Hochbetagte ihren letzten Gang vor? Was soll nach ihrem Tod mit ihrem Körper passieren? Und wie steht es um die Angst vor dem Sterben? Acht Menschen geben Auskunft. von Corinne Riedener
Ein letzter Blick in den Himmel: Das Kremieren ist die häufigste Bestattungsform in der Schweiz. Kälte und Dunkelheit sucht man um die Öfen jedoch vergeblich, auch wenn der Tod im Zentrum steht. Besuch im Krematorium Winterthur. von Daria Frick
Im Krematorium fotografiert...
...hat Louis Vaucher.
Flaschenpost aus Argentinien: Milei, Messi und Musik von Tüchel
Antisemitische und NS-freundliche Tendenzen waren in St.Gallen besonders im katholischen Milieu verbreitet – aber nicht ausschliesslich. Ein reformierter Werdenberger Pfarrer reiste 1942 illegal nach Deutschland, um dort zu arbeiten. von Roman Hertler
Antisemitischer Flyer vor den Grossratswahlen im März 1924
Kultur
Angesichts des Klimawandels will Graubünden sein touristisches Angebot diversifizieren: Künftig soll die Kultur eine viel wichtigere -Rolle spielen. Das Projekt Graubünden Cultura hat aber mit zahlreichen Herausforderungen zu kämpfen. von David Gadze
Die Kreuzung von Kultur und Tourismus...
...hat Nina Schweizer illustriert.
Die Töfflibuben und der göttlichste Käse: Der Erstling der französisch-schweizerischen Regisseurin Louise Courvoisier. von Geri Krebs
Besseri Stahlberger: Auf ihrem neuen Album Immer dur Nächt zeigen sich Stahlberger krautrockig. von David Gadze
Ein Literaturhaus für alle: Das Literaturhaus Vorarlberg in Hohenems beginnt ein neues Kapitel. von Lilli Kim Schreiber
Meistens möglichst gross: GAFFA findet in Arbon treffende Bilder für die Auswüchse der Autolust. von Kristin Schmidt
Funkensonntag im Ried: Eine Ausstellung in der Kunsthalle Appenzell widmet sich dem Funkensonntag. von Kristin Schmidt
Parcours: Erben, Mauern, Jazz-Vögel, Teatrik und Thespis
Gutes Bauen Ostschweiz (XXVII): Experimentieren im Baudenkmal. Das Werkhaus Freisitz in Tägerschen. von Corinne Riedener
Plattentipps: Analog im April. von Lidija Dragojević, Tobias Imbach und Philipp Buob
Abgesang
Kellers Geschichten: Enzyklopädist
Comic von Julia Kubik: Innere Ordnung
Die Jubiläumsnummer in Kooperation mit der Kantonsbibliothek. Ausserdem im belesenen März: Emil Abderhalden und andere Rassenhygieniker, die erste Design Week St.Gallen und Updates aus dem Dunant-Museum in Heiden, dem KAFF in Frauenfeld und dem Toggenburg.
Wie gehts weiter ohne Autobahnloch im Güterbahnhofareal? Wie weiss der Penis, in welches Loch er muss? Und wer hat eigentlich Ernst S. eingelocht? Alles nachzulesen in unserem Februarheft. Und noch allerhand mehr, zum Beispiel warum die Kyiver Tauben in kleinen Palästen leben.
St.Gallen kämpft mit Zentrumslasten. Was ist das überhaupt? Wie entstehen sie? Und wie muss die Stadt dafür vom Kanton und den Gemeinden entschädigt werden? Ausserdem im Janaurheft: Sohaila Alizadas Verarbeitung der Machtübernahme der Taliban, Band-Schwerpunkt No.3 und allerhand Kulturstoff.
Die Gäste aus dem Tessin dominieren bisher die Liga. Kann St.Gallen heute dagegen halten? SENF tickert live ab 14 Uhr.
Bücherherbst
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.