Saiten im März: 200 Jahre Sangallensien
Die Jubiläumsnummer in Kooperation mit der Kantonsbibliothek. Ausserdem im belesenen März: Emil Abderhalden und andere Rassenhygieniker, die erste Design Week St.Gallen und Updates aus dem Dunant-Museum in Heiden, dem KAFF in Frauenfeld und dem Toggenburg.
Sara Spirig und Andri Voehringer fotografierten in der Kantonsbibliothek.
Eine Finnlandreise vor drei Jahren führte unser Grüppchen auch nach Helsinki. Der Herbst war gerade eingekehrt. Kühle Nordostwinde trieben uns in die wohlige Sauna, in schummrige Kneipen mit samischen Rentierspezialitäten, aber auch ins «Oodi», die 2018 eröffnete zentrale Bibliothek gleich neben dem Hauptbahnhof. Wie ein Kreuzfahrtriese aus elegant geschwungenem Holz liegt der architektonische Wurf im Häusermeer und lädt zur Entdeckungsreise. Das Highlight ist sicher die oberste Etage, ein offener, von einer Glasfassade eingefasster Lese- und Ausleihsaal, in dem sich auch eines der vielen Cafés, diverse grössere und kleinere Arbeitsplätze und -nischen sowie eine grosszügige Kinder- und Familienecke befinden.
Der Rumpf des Bücherkahns hortet aber weit mehr als eingelagerte Bücher, Filme und CDs: Es gibt zum Beispiel diverse Sitzungs- und Veranstaltungsräume, Werkstätten, ein 3D-Druckatelier, ein Kino, eine öffentliche Küche und – was uns besonders beeindruckte – ein komplett mit Equipment und Instrumenten ausgestattetes Tonstudio zur freien, stundenweisen Nutzung. Die Angebote sind unkompliziert, konsumpflichtbefreit und grösstenteils gratis. Das «Oodi» ist «ein Wohnzimmer für die Stadt», ein «perfekter Dritter Ort», wie es in den Medien genannt wurde. Kurzum: der Inbegriff einer Public Library, wie man es sich auch für St.Gallen wünscht.
Alles nur feuchte Bibliothekar:innenträume und links-bildungsbürgerliche Luxusutopie? In Helsinki hat man das Grossprojekt mit geschätzten Kosten inklusive Einrichtung von rund 110 Millionen Euro (umgerechnet damals etwa 130 Millionen Franken) innert kürzester Zeit realisiert. Das Kino und das Tonstudio könnte man ja weglassen am Union …
Das «Oodi» richtet sich als Stadtbibliothek in erster Linie nach den Bedürfnissen der Bevölkerung, das Angebot fokussiert auf Zugänglichkeit, digitale Dienste, Coworking Spaces und Gemeinschaftsaktivitäten. Zur Kantonsbibliothek Vadiana besteht aber ein entscheidender Unterschied: Das Helsinkier Muster-beispiel für die Bibliothek der Zukunft hat keinen gesetzlichen Sammelauftrag.
Die Vadiana ist neben einer Ausleih- auch eine Sammel- und Dokumentationsinstitution. Ihre Sangallensien-Sammlung – also alles, was im Kanton an Schrift, Bild, Ton, Film und Daten erstellt und zum kulturellen Erbe gezählt wird – ist 200 Jahre alt. Aus diesem Anlass hat Saiten in Kooperation mit der Kantonsbibliothek diese Jubiläumsnummer produziert. Sie wurde von der Kantonsbibliothek mitfinanziert. Wir haben mit der Kantonsbibliothekarin und der zuständigen Regierungsrätin über die stetig wachsende Sammlung und ihre Vorstellung einer Public Library gesprochen. Eva Bachmann hat sich zur Digitalisierung im Bibliothekswesen umgehört. David Gadze hat Buchrestaurator:innen über die Schulter gespienzelt. Und Kulturanthropologin Alexandra Schüssler hat ihre Gedanken zum «Homo collector» und dem Sinn des Sammelns notiert. Ausserdem gewähren uns Mitarbeiter:innen der Kantonsbibliothek mit kurzen Texthappen einen Einblick in die Vielfalt der Sangallensien, von der «St.Galler Tagblatt»-Erstausgabe übers lebensgefährliche Kartografiewesen bis zu schnoddrigen Fanzines der 80er.
Ausserdem im belesenen März: der zweite Teil unserer neuen Serie «Die Ostschweiz im Dritten Reich» über Emil Abderhalden und andere namhafte St.Galler Rassenhygieniker, der Kulturschwerpunkt zur anstehenden Design Week St.Gallen mit Stimmen aus der sogenannten Kreativszene, das Arthouse-Programm im Blue Cinema Scala, die Jubiläumsausstellung in der Grabenhalle, die Flaschenpost aus Taiwan und Updates aus dem Dunant-Museum in Heiden, aus dem KAFF in Frauenfeld und zweifach aus dem Toggenburg.
Genüssliche Lektüre und Biblioschiff ahoi!
Roman Hertler
Positionen/ Reaktionen
«Es war ein politischer Entscheid»Redeplatz mit Gino Rusch und Dario Bossy
Saitenlinie: Damenopfer für den Bauernkönigvon Nathalie Grand
24/7 Traumacore: Kill the Patriarchy und die Leichen spielen dann im Kellervon Mia Nägeli
Stimmrecht: Yoga für Frauenvon Liliia Matviiv
Perspektiven
«Einfach mal reinkommen und schmökern»: Kantonsbibliothekarin Susanne Uhl und Regierungsrätin -Laura Bucher im Interview. von Roman Hertler und Daria Frick
Schätze ins Internetschaufenster stellen: Der Megatrend Digitalisierung hat die Bibliotheken erreicht. von Eva Bachmann
Homo Collector und seine greifbaren Kosmologien: Gedanken über Sinn und Bedeutung des Sammelns. von Alexandra Schüssler
Neues Leben für alte Medien: Atelierbesuch bei zwei Restaurator:innen. von David Gadze
Zehn Schmankerl: Einblicke in die Sangallensien-Sammlung. von Nora Jäggi, Patrycja Pieńkowska-Wiederkehr, Philipp Wiemann und Michael Zwicker
Das Titelthema fotografiert haben...
...Sara Spirig und Andri Voeringer.
Flaschenpost aus Taiwan: Todesstrafe, ein Schweinebauch aus Jade und «No-Coldplay»-Zone. von Kathrin Reimann
Mit Ernst Rüdin, Otto Schlaginhaufen und Emil Abderhalden stammen drei namhafte Eugeniker und Rassenhygieniker aus dem Kanton St.Gallen. Alle standen unbestritten in Verbindung zum Dritten Reich. Abderhaldens Nähe zum Nationalsozialismus ist allerdings umstritten. von Richard Butz
Emil Abderhalden 1940 in seinem Labor an der Universität Halle.
Kultur
Die erste Design Week St.Gallen will die Kreativen der Stadt vernetzen und den «Kreativstandort» St.Gallen stärken. Explizit eingeladen sind auch die Einzelkämpfer:innen und kleinen Büros – «das Salz in der Suppe». von Corinne Riedener
Zehn Kreative aus dem erweiterten Saiten-Dunstkreis haben wir gefragt: Was ist eigentlich diese ominöse Kreativszene? Nachzulesen ab Seite 46. (Illustration: Louis Vaucher)
Der soziologische Blick: Die Algerienfotografien Pierre Bourdieus im Centre Pompidou. von Lilli Kim Schreiber
Auf der Suche nach mehr Profil: Das Kino Scala bietet neuerdings ein Arthouse-Programm an. von Corinne Riedener
Subkultur souterrain: Die Ausstellung zum 40-Jahr-Jubiläum der die Grabenhalle. von Roman Hertler
Ein Vierteljahrhundert für die Kunst und die Menschen: Das Kunstmuseum Liechtenstein feiert «25 Jahre Liebe zur Kunst». von Kristin Schmidt
Teddys, Schmetterlinge und Psychoanalyse: Precious Okoyomon im Kunsthaus Bregenz. von Kristin Schmidt
Latest News aus Lichtensteig: Die Pride, die Baubewilligung, die Sommerbeiz. von Andi Giger
Wo beginnt Frieden?: Im Museum Henry Dunant in Heiden geht es um das Hier und Heute. von Peter Surber
«Hier können wir alles machen!»: Die Zukunft des Zeltainers in Wildhaus. von Daria Frick
Parcours: Affentheater, Aktionstage, Schleimageddon, Jan & Jan, Erinnerungskultur & Weekender
Fabriken schauen (II): Wohnen in Werkhallen. von René Hornung
Analog: Plattentipps im März. von Philipp Buob, Magdiel Magagnini und Lidija Dragojevic
Boulevard: Obacht im Boomerang-Flugverkehr. von Josip Gossip
Abgesang
Kellers Geschichten: Zur Stadt Paris
Comic von Julia Kubik: Schauspieler
Wie gehts weiter ohne Autobahnloch im Güterbahnhofareal? Wie weiss der Penis, in welches Loch er muss? Und wer hat eigentlich Ernst S. eingelocht? Alles nachzulesen in unserem Februarheft. Und noch allerhand mehr, zum Beispiel warum die Kyiver Tauben in kleinen Palästen leben.
St.Gallen kämpft mit Zentrumslasten. Was ist das überhaupt? Wie entstehen sie? Und wie muss die Stadt dafür vom Kanton und den Gemeinden entschädigt werden? Ausserdem im Janaurheft: Sohaila Alizadas Verarbeitung der Machtübernahme der Taliban, Band-Schwerpunkt No.3 und allerhand Kulturstoff.
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.