, 22. Januar 2020
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Dranbleiben und lautstark kämpfen

Luna Olibet hat am neuen städtischen Partizipationsreglement mitgearbeitet. Die 15-jährige St.Gallerin will, dass in der Schule mehr aktuelle politische Themen behandelt werden. Sie sagt, viele ihrer Mitschülerinnen und -schüler wüssten gar nicht, wofür bei den «Fridays for Future» gestreikt werde.

«Die meisten sind mit 16 Jahren in der Lage, sich eine eigene Meinung zu bilden», sagt Luna Olibet. (Bild: Tine Edel)

Frankreichs Sonnenkönig Ludwig XIV löst bei Luna Olibet wenig Begeisterung aus. «Über ihn und über das, was er gemacht hat, wird im Schulunterricht ausführlich gesprochen, obwohl er schon seit über 300 Jahren tot ist», sagt die 15-jährige Oberstufenschülerin und schüttelt ungläubig den Kopf. Sie frage sich manchmal schon, weshalb in der Schule «so viel Zeit» in die «alte Geschichte» investiert und gleichzeitig so wenig bis praktisch gar nicht über die aktuelle Politik diskutiert werde.

Die Frauenbewegung und die Klimadebatte sind solche Beispiele. «Viele in meiner Schule wissen gar nicht, worum es dabei geht und weshalb überhaupt gestreikt wird.» Die Schülerin ist denn auch die einzige in ihrer Klasse, die an der «Fridays for Future»-Bewegung mitmacht. Sie würde sich wünschen, dass noch mehr aus der Oberstufe mitstreikten, doch dafür müssten sie zunächst wissen, wofür oder gegen was überhaupt demonstriert werde. Und hier sieht Luna Olibet die Schulen in der Pflicht. Im Unterricht sollten ihrer Meinung nach mehr aktuelle politische und gesellschaftliche Themen behandelt werden.

Die Schülerin sagt das nicht einfach so daher. Sie will, dass sie gehört wird und hat ihr Anliegen bei der Überarbeitung des städtischen Partizipationsreglements eingebracht. Dieses Reglement soll den Personen ohne Stimmrecht wie Jugendlichen oder Migrantinnen und Migranten eine Stimme geben und dadurch die Möglichkeit, sich aktiv am Stadtleben zu beteiligen. «Eine gute Sache», sagt die St.Gallerin, «und ich hoffe, es bringt auch etwas.» Im Sommer 2020 soll der Bericht im Stadtparlament beraten werden.

Sie übernimmt Verantwortung

Das Interesse für Politik kommt bei Luna Olibet nicht von ungefähr. Es liegt in der Familie. Ihr Vater Peter präsidiert die SP der Stadt St.Gallen und sitzt seit fünf Jahren im Stadtparlament. Er war es auch, der seine Tochter auf die Partizipationsmöglichkeit aufmerksam machte.

«Wir Jungen fühlen uns von den Erwachsenen oft nicht ernst genommen. Gerade auch, wenn es um das Thema Klimawandel geht», sagt sie. «Deshalb finde ich die Idee der Partizipation sehr interessant.» Wenn man etwas erreichen wolle, müsse man dranbleiben und lautstark dafür kämpfen. «Wie beim Frauenstreik und bei den Klimademonstrationen.» Nur so bleibe es in den Köpfen der Menschen, nur so werde sich langfristig etwas ändern. Wenn sie könnte, würde sie Schaufensterbeleuchtungen in der Nacht verbieten und die Weihnachtsbeleuchtung auf ein paar wenige Tage reduzieren. «Das ist reine Energieverschwendung!»

Luna Olibet besucht die dritte Klasse der Oberstufe Schönau und engagiert sich nicht nur auf der Strasse, sondern auch im Schülerrat. Dabei scheut sie die Verantwortung nicht. Seit zwei Jahren leitet sie den zehnköpfigen Rat. «Wir beschäftigen uns vor allem mit schulischen Themen. Zurzeit sammeln wir gerade Ideen, wie unser Pausenplatz neugestaltet und das Kaugummi-Problem gelöst werden kann.» Der Schülerrat funktioniere im Partizipationsstil. «Jede Schülerin und jeder Schüler kann sich zu einem Thema äussern, und jede Klasse ist durch eine Person bei uns im Rat vertreten.»

Auch in ihrer Freizeit übernimmt die 15-Jährige gerne Verantwortung. So leitet sie beispielsweise seit diesem Herbst eine Blauring-Gruppe, unterstützt den Leiter einer Jugi­Riege im Training und hütet kleine Kinder. Ihre Interessen gehen aber noch weiter, sind vielfältig: Sie spielt Cello in der Schönau-Schülerband und seit kurzem auch Fussball bei den Juniorinnen des FC Abtwil-Engelburg. «Ich bin eine Teamplayerin und liebe es, gemeinsam in der Gruppe etwas zu erreichen.»

Ältere sollten nicht für die Jungen entscheiden

Im Hause Olibet wird oft über Politik diskutiert. «Mein Vater erzählt mir, was gerade im Stadtparlament läuft oder erklärt, wie die National- und Ständeratswahlen funktionieren.» Das Stimm- und Wahlrecht würde sie sofort von heute 18 auf 16 Jahre herabsetzen. «Die meisten sind mit 16 Jahren in der Lage, sich eine eigene Meinung zu bilden», ist sie überzeugt. Ausserdem finde sie es unfair, wenn die ältere Generation über jene Themen entscheide, die vor allem die Jungen und ihre Zukunft betreffen.

Wie informiert sie sich über das politische Geschehen in der Welt? Über Zeitung, Fernsehen oder im Internet? «Eigentlich über nichts von all dem – wie die meisten in meinem Alter», gibt sie offen zu. Deshalb wäre es sinnvoll, fügt sie an, die Schule würde einen Schwerpunkt auf die aktuellen Geschehnisse setzen. Sie ist sich jedoch bewusst, dass der französische Sonnenkönig und andere historische Figuren und Ereignisse ihren berechtigten Platz im Unterricht haben. «Aber man könnte diesen Stoff etwas komprimieren, damit genug Zeit für die wirklich wichtigen Themen bleibt.»

Nächsten Sommer beendet Luna Olibet die obligatorische Schulzeit. Dass sich bis dahin etwas ändert, ist unwahrscheinlich. Pläne für die Zeit danach hat sie: Sie geht für ein Jahr in die USA, um ihr Englisch aufzubessern und eine neue Kultur kennenzulernen. Nach ihrer Rückkehr wird sie die Fachmittelschule besuchen und dann einen Beruf erlernen, der «etwas mit Kindern» zu tun hat. Ob sie sich wie ihr Vater irgendwann realpolitisch engagieren wird, kann sie jetzt noch nicht sagen. «Für mich hat das momentan keine Priorität.»

Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

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