Kategorie
Autor:innen
Jahr

Panik

Man sieht es einem Menschen nicht an, dass er oder sie Sans-Papier ist. Man merkt es erst in intimen und verletzlichen Momenten. Ein Bericht. von Mardoché Morris Kabengele
Von  Gastbeitrag

Sans-Papier. Schon nur die Wortkombination klingt befremdlich. Ein Fremdwort aus der Ferne, das im einfachsten, unmissverständlichen Französisch «Ohne Papiere» bedeutet. Sans­Papier ist ein Brandmal, eine Bürde.

Statistiken über Menschen zu führen, die unter dem Radar der Gesellschaft leben, um einer möglichen Rückführung auszuweichen, ist ähnlich aussichtslos, wie wenn man versucht, bei Nacht und Nebel im Morast mit Stock und Schnur zu fischen.

Man sieht es einem Menschen nicht an, dass er oder sie Sans-Papier ist. Man merkt es erst in intimen und verletzlichen Momenten. Betroffene verschweigen es den Kolleginnen, Partnern und Bekannten – nur als letztes Mittel, kurz vor der Verzweiflung outen sie sich.

Als Mitarbeiter einer Stadtverwaltung im Frontoffice-Bereich habe ich mit allen möglichen Menschen in Notsituationen Kontakt. Mein Team und ich sind uns vieles gewohnt, uns schockiert so leicht nichts mehr – an folgende Begegnung erinnere ich mich aber nur allzu gut.

Eine Frau Mitte 40, südamerikanischer Herkunft, mit schwarzen Haaren, Daunenjacke und schwarz schimmernder Handtasche erschien an unserem Schalter. Ich begrüsste sie, sah, dass sie zuvor geweint hatte. Verschmierte Schminke, gerötete Augen – shit.

«Wie kann ich Ihnen helfen?» Keine Antwort. Sie versuchte sich zusammenzureissen und teilte mir in fliessendem Deutsch mit leichtem Akzent mit, dass sie einen Schlafplatz brauche. Man habe sie zu uns geschickt. «Ist etwas passiert?» Sie begann zu weinen und ich bat einen Kollegen, mir ein Taschentuch hinüberzuwerfen.

Die Frau suchte nach den passenden Worten. Man sah ihr an, dass sie gründlich überlegte; überlegte, nicht zu viel zu offenbaren, überlegte, sich nicht in eine Situation zu bringen, die sie noch bereuen könnte. Ich versuchte mich weiter an mögliche Themen heranzutasten. «Sind Sie verletzt?», «Geht es um Ihre Kinder?», «Wieso weinen Sie?», «Sollen wir die Polizei beiziehen?» Sie schüttelte den Kopf. «Sind sie verheiratet, geht es um Ihren Mann? Ist etwas Schlimmes passiert?»

Sie zögerte, ihr Schluchzen hallte durch den leeren Empfangsbereich. Ich ahnte nichts Gutes. Shit. Fuck. Weitere Fragen waren von da an überflüssig und wären nur noch zusätzlich schmerzhaft gewesen. Denn der Verdacht, dass vor mir eine Frau stand, die Opfer von häuslicher Gewalt wurde, verstärkte sich. «Sie haben den ersten wichtigen Schritt gemacht», versuchte ich sie zu bestärken – sie wischte sich ihre Tränen weg und richtete sich auf.

«Wie heissen Sie denn? Wo wohnen Sie?» – Alles Fragen, die ich für die Weiterverarbeitung und Erfassung benötige. Da wandelte sich ihr Blick von Trauer in Angst. Keine Antwort. Hat sie mich nicht verstanden? «Haben Sie per Zufall einen Ausweis dabei?» Ihr Gesicht versteinerte. Wenn Trauer die Ausgangslage und Angst die Steigerung war, waren wir nun beim Superlativ angelangt: Panik.

Ich wollte gerade die Fragen wiederholen, da merkte ich es. Ohne Stock und Schnur, am helllichten Tag in einer behördlichen Empfangshalle ist mir aus dem Morast ein Fisch entgegengesprungen. In all seiner Hilflosigkeit und Verletzlichkeit. Das Atmen fiel ihr schwer, auch das Reden, nur noch schluchzen.

Ich wusste ihr tiefstes Geheimnis, ein Geheimnis, über das wahrscheinlich die wenigsten Bescheid wussten. Ob sie ohne gültigen Ausweis eingereist war oder ob der Ausweis seit der Einreise nicht verlängert wurde, tat nichts zur Sache. Sie wurde (sei es psychisch oder physisch) missbraucht und ist aufgrund ihrer Angst vor einer möglichen Rückführung an ihren Peiniger gebunden.

Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291

Auf der Su­che nach (Un)Ru­he

Von St.Gal­len bis nach Süd­afri­ka. Ein Ost­schwei­zer Ehe­paar reist im Land­ro­ver De­fen­der um die Welt. Ih­re Er­leb­nis­se hal­ten die Bau­mel­ers mit ei­ner Ka­me­ra fest. Nun er­scheint ihr Film Im­mer wei­ter in Ost­schwei­zer Ki­nos – ei­ne ehr­li­che Do­ku­men­ta­ti­on, der ei­ne Ein­ord­nung gut ge­tan hät­te.

Von  Daria Frick
B 8

«Open House St.Gallen»

Of­fe­ne Tü­ren – tie­fe Ein­bli­cke

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 17 40

Museum Herisau

Zeit­rei­se zu den An­fän­gen der Schul­bil­dung

Von  Redaktion Saiten
Bildschirmfoto 2026 09 01 um 10 08 43

Ein Rück­blick auf die ver­ges­se­ne Künst­le­rin Mag­gy Mau­ritz

Das Küefer-Mar­tis-Hu­us in Rug­gell wid­met sich in ei­ner Re­tro­spek­ti­ve der Wie­der­ent­de­ckung ei­ner völ­lig über­se­he­nen Künst­le­rin: Mag­gy Mau­ritz war ei­ne Pio­nie­rin der Graf­fi­ti­kunst und des Lett­ris­mus.

Von  Sieglinde Wöhrer
IMG 5826 Paul Trummer 2

Der lan­ge Weg nach Hau­se – ein Stol­per­stein für Ja­kob Lütschg

Ja­kob Lütschg kehr­te nie nach Bal­gach zu­rück. 82 Jah­re nach sei­nem Tod im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Bu­chen­wald kehrt we­nigs­tens sein Na­me heim. Der ers­te Stol­per­stein im St. Gal­ler Rhein­tal er­in­nert an ein Le­ben, das bei­na­he ver­ges­sen ging.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 1558

Musik am See

Pia­no­klän­ge für al­le

Von  Vera Zatti
IMG 0757 2

FC St.Gal­len vs. FC Thun 3:4 – Es wird heu­te nicht mehr bes­ser

Tor­reich, span­nend und doch ent­täu­schend - nur ei­ne Vier­tel­stun­de gu­ter Fuss­ball reicht halt nicht zum Punkt ge­gen Thun. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Fast ein gan­zes Le­ben spä­ter 

Nach Jahr­zehn­ten tref­fen sich Eva und Franz wie­der. Bei­de im fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Viel ist pas­siert und doch ist da noch Zu­nei­gung. Schwind­lig heisst der neue Ro­man der Ost­schwei­zer Au­torin Chris­ti­ne Fi­scher, in dem viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re auf fei­nes Sprach­ge­fühl tref­fen. 

Von  Vera Zatti
Abutz DSC 9766 Portrait wahl fischer klein cmky

Neu­start für Me­ter und Off­cut

Die­ses Wo­chen­en­de er­öff­net die of­fe­ne Werk­statt Me­ter den neu­en Stand­ort an der Burg­stras­se. Und im No­vem­ber zü­gelt Off­cut nach St.Fi­den. Das ist der An­fang vom En­de der Ge­mein­schaft «Ul­men5» – zu­min­dest in ih­rer bis­he­ri­gen Form. Denn 2027 könn­te es zur teil­wei­sen Wie­der­ver­ei­ni­gung kom­men.

Von  David Gadze
Meter 6 david gadze

WG gaf­fen

Ei­ne neue SRF-Se­rie por­trä­tiert ei­ne elf­köp­fi­ge WG aus St.Gal­len. End­lich wie­der mal ei­ne se­hens­wer­te SRF-Pro­duk­ti­on, fin­det Sai­ten-Au­tor An­di Gi­ger.

Von  Andi Giger
6085807

FC St.Gal­len vs. FC Nordsjæl­land 2:3 – St. Gal­len un­ter­liegt Nordsjæl­land

St. Gal­len schlägt sich am En­de auch selbst und muss den Traum von Eu­ro­pa be­gra­ben. Ent­schei­dend war er Platz­ver­wei­se ge­gen Mihai­lo Steva­no­vic vor der Pau­se.

Von  SENF Kollektiv
Senf
Heftvorschau 09/26
Luzern Winti St.Gallen, Neonazipfarrer, A(nita) bis Z(immermann)

Drei Kul­tur­ma­ga­zi­ne tun sich zu­sam­men, ver­glei­chen ih­re Städ­te und die Her­aus­for­de­run­gen, de­nen die Kul­tur ge­gen­über­steht. Sai­ten hat die Kol­leg:in­nen vom «Coucou» in Win­ter­thur be­sucht und das «Null41» war in St.Gal­len zu Be­such. Aus­ser­dem im Sep­tem­ber­heft: lau­ter Ju­bi­lä­en – von Ani­ta Zim­mer­mann über das Fi­gu­ren­thea­ter bis zur Mu­se­ums­nacht –, ein Pfar­rer auf brau­nen Ab­we­gen, ei­ne Fla­schen­post aus Af­gha­ni­stan und ein In­ter­view zum Hit­ze­som­mer und dem Kli­ma­wan­del.

Saiten 2609 Cover 01

Mehr Di­ver­si­tät, mehr Durch­mi­schung

An sei­ner ers­ten Pres­se­kon­fe­renz als Lei­ter der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne schil­dert Hü­sey­in Cir­pi­ci sei­ne Ein­drü­cke der Stadt und ver­rät, was das Pu­bli­kum un­ter sei­ner Re­gie er­war­tet.

Von  Daria Frick
Whats App Image 2026 08 26 at 08 36 26

Him­mels­stür­mend und oh­ren­be­frei­end

Der St.Gal­ler Kom­po­nist Charles Uz­or hat ei­ne Art po­li­ti­sches Ora­to­ri­um ge­schrie­ben. Am Sonn­tag wur­de es in der Kir­che Tro­gen auf­ge­führt: The Gre­at Wall. A La­by­rinth mit dem gran­dio­sen New Yor­ker Vo­kal­ensem­ble Ek­me­les.

Von  Peter Surber
Charles Uzor photo Michel Canonica

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2