Drei Personen, eng aneinandergelehnt, sich stützend und stossend, schleppend und schiebend, vom Gewicht der anderen gehalten und beinah erdrückt: drei Körper in Not. Es sind die Frau, depressiv, ihr Bruder, überfordert und ihre Schwägerin, ratlos. Sie werfen Schatten an die Wände der Grabenhalle. Ihre Körper reiben sich, ihre Sätze kommen nicht zusammen.
Konrad Hochgruber, Brigitte Walk und Luka Oberhammer.
Ein anderes Mal ist es die Frau, die den Mann hochhebt, ihn aus seiner Todesstarre herausholt, zerrt und kämpft, bis sich fast unmerklich die Vorzeichen ändern, der Mann an Kraft gewinnt und die Frau erschlafft. Intensiv choreographierte Beziehungskonstellationen wie diese zeichnen «Schatten» aus. In ständig wechselnden Formationen erzählt das Stück vom Fallen, vom Nichtstehenkönnen und Nichtgehenwollen, vom Ringen um den sicheren Stand. Ständig scheint sich der Boden in der Grabenhalle unter den Füssen wegzuziehen.
Überfordert sind alle
Die Südtiroler Autorin Brigitte Knapp hat eine aussichtslose familäre Figurenkonstellation erdacht, mit dem Psychiater der Frau als viertem im Bunde. Auch er wird von den «Schatten» eingeholt – die Rollen wechseln, was scheinbar als Krankheitsgeschichte einer Einzelnen, der Frau beginnt, erfasst nach und nach alle anderen Figuren. Das ist die aufgeklärte «Botschaft» dieses Stücks: Überfordert ist nicht nur die vermeintlich «Kranke», überfordert sind alle, getrieben von einer über-fordernden Gesellschaft.
Weniger zeitgemäss und irritierend klischiert scheint dagegen die Geschlechter-Konstellation. Depressiv: die Frau. Unablässig um sie bekümmert bis zum eigenen Burnout, unverzichtbar, rastlos tätig: der Bruder. Dessen Gattin: eingesperrt in einem sinnlos beschäftigenden Hausfrauendasein. Und der Psychiater: überfordert gegenüber der sich ihm an die Brust werfenden Patientin, verstrickt im Freud’schen Übertragungsgeflecht.
Brigitte Walk.
Die Texte sind knapp, kaum ein Satz wird fertig gesprochen, man spricht aneinander vorbei zu sich selber mit Ich-Botschaften in hoffnungslos repetitiven Monologen. Allgegenwärtig im Text ist der Schatten, der hinter dir lauert oder dich überholt, der dir die Brust zudrückt, bis zum psychologisch komplexen Höhepunkt: Wir sind der Schatten, den wir selber werfen.
«Schatten» spielt vor und hinter kalten Plastikvorhängen mit den Qualitäten eines sechsköpfigen Schauspiel- und Tanzensembles, bei dem Text und Körpersprache ebenbürtig sind: Martin Carnevali (D), Konrad Hochgruber, Luka Oberhammer und Brigitte Walk (A), Anastasia Kostner (I) und Tobias Spori (CH).
Das Leitungsteam (Regie Katja Langenbach, Choreographie Martina Marini, Musik Martin E. Greil, Ausstattung Caro Stark) ist ebenso international: «Schatten» entstand als Koproduktion von Walktanztheater Feldkirch, Westbahntheater Innsbruck, Tanzschmiede Meran und Panorama Dance Theater St.Gallen. Die Produktion geht nach dem St.Galler Gastspiel weiter nach Innsbruck und ins Südtirol.
Grabenhalle St.Gallen, 24. Oktober 20 Uhr. Ab 25. Oktober in Innsbruck, Bruneck und Gries.
walkdancetheater.com
«Schatten» wirft ein grelles Licht auf eine kalte Gesellschaft, deren Mitglieder in Selbst- und Fremdansprüchen ersticken. Das Vogelgezwitscher am Anfang ist purer Hohn – am Ende kommt dann doch noch ein hoffnungsvoller Lichtschimmer ins Stück. Von ihren Schuhen und ihren Rollenzwängen befreit, machen die Figuren erste Schritte aus dem Schatten heraus.
Martin Carnevali, Anastasia Kostner.
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