Die Männer schleppen schwere Holzbalken, die Frauen schütteln epileptisch alle Glieder, eine Tänzerin schreibt in wilder Hast Begriffe auf die Tafel, manchmal wischt sie ein anderer weg: Sisyphus-Arbeit. Es ist ein Krampf, was die Tanzkompagnie des Theaters St.Gallen in ihrem neusten Stück in der Lokremise absolviert. «Bulldog Ant» heisst das Stück, benannt nach einer Riesenameisenart und choreographiert von Jozef Frucek und Linda Kapetanea. Die beiden international gefragten Tänzer der Kompagnie RootlessRoot treiben die Truppe und das Publikum ans Limit.
Auch ans Verständnislimit – worum es in dem einstündigen, von lautem Maschinensound getriebenen Stück geht, wusste nach der Premiere kaum einer so recht zu sagen. Zwar stehen auf der Tafel auch Wörter wie «Genuss» und, immer wieder, «Lust». Und eine der Tänzerinnen deklamiert, an einer Säule hängend, lange Phrasen von «pleasure». Aber davon ist nichts zu sehen im bald schweisstreibenden, bald schüttelfrostigen, meist verzweifelt vereinzelten Tun der zehnköpfigen Kompagnie.
Das treffendere Stichwort gibt Choreograph Frucek im Programmheft: Krieg. «Wofür macht der Tänzer seinen Körper kaputt? Für nichts! Deshalb müssen die Leute, die im Theater arbeiten, Krieger sein. Sie kämpfen für etwas, das extrem ephemer ist, für einen einzigen Moment, für das ganz Gegenwärtige.» Da tönt ein fragwürdiger Fanatismus der Selbstaufgabe durch. Die Kompagnie zahlte denn auch einen hohen Preis: David Schwindling brach sich bei den Proben drei Zehen und sah an Krücken zu, Zaida Ballesteros Parejo verletzte sich am Kreuzband, auch sie konnte nicht mittun, und Tobias Spori spielte die Premiere mit gebrochener Nase.
Frucek/Kapetanea gehören zu einer wachsenden Zahl von Tanzschaffenden, deren Stücke performance-nah und physisch rabiat daherkommen. Vielleicht ist die Diskussion mit dieser Choreographie jetzt auch in St.Gallen angelangt: Zeitgenössischer Tanz ohne Rücksicht auf Verluste? Schonungslosigkeit als Antwort auf eine gewalttätige, den Körper zugleich verherrlichende und zerstörende Zeit?
Bewundernswert bleibt dabei, wie virtuos das Ensemble springt, fällt, kippt, sich verknäult und entwirrt, bis hin zu fünfköpfigen Gruppenchoreographien, die zu den Höhepunkten des Abends gehören. Und dabei werden die einzelnen Figuren plastisch und höchst individuell spürbar. Zumindest dies unterscheidet sie zum Glück von den titelgebenden Ameisen.
Weitere Vorstellungen: www.theatersg.ch. Bilder: Theater St.Gallen/Andreas J.Etter
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.
Es ist seine letzte Session nach zehn Jahren im St.Galler Kantonsrat. SP-Kulturpolitiker Martin Sailer setzt künftig ganz auf den Zeltainer. Das Geld für den Neubau in Wildhaus ist fast zusammen, 2027 soll es losgehen.
Die Ansiedlung des Internet Archive Switzerland in St.Gallen ist Piero Stinelli zu verdanken. Er kontaktierte vor zehn Jahren die Verantwortlichen von archive.org aus eigenem Antrieb. In den 90er-Jahren war der Mitgründer von Vadian.net und Klang und Kleid ein Internetpionier.
Ohm41 stellen wieder aus
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.