Rouven, du veranstaltest seit über 30 Jahren Konzerte und Partys, inzwischen hauptsächlich im Kugl. Wie laufen die Anlässe?
Rouven Hörler: Im Vergleich zu früher sicher schlechter. Nehmen wir den Abend mit Rooler (italienischer Hardstyle-DJ, d. Red.) von Mitte Dezember als Beispiel: Früher wäre diese Show, die auch Besucher:innen aus der ganzen Schweiz angelockt hat, wohl schon Tage im Voraus ausverkauft gewesen, diesmal hatten wir etwa zwei Drittel der Tickets verkauft. Was sich sicher verändert hat: Früher war der Vorverkauf ein gutes Indiz dafür, wie ein Event laufen wird. Aktuell kann es sein, dass man als Veranstalter oder Club bis drei Stunden vor Türöffnung nicht weiss, was einen erwartet.
Lidija, wie läuft es dem Palace derzeit?
Lidija Dragojević: Auch sehr unterschiedlich. Wir hatten in dieser Saison einige sehr gut besuchte Abende, aber es gibt auch solche mit wenigen Gästen. Das veränderte Ausgehverhalten bekommen auch wir zu spüren und haben mit steigenden Kosten und sinkenden Bareinnahmen zu kämpfen.
Ist dieses veränderte Ausgehverhalten die Schuld von Corona oder konnte man das schon vorher beobachten?
Morgan Knöpfler: Es gab die Corona-Jugend, die während der Lockdowns mangels Ausgehmöglichkeiten einen anderen Fokus hatte und sich auf die körperliche und psychische Gesundheit konzentrierte. Es ist aber nicht so, dass vor Corona alle Clubs bumsvoll waren. Im Gegenteil, viele Clubs hatten schon damals zu kämpfen. Kaum jemand wollte Eintritt bezahlen für Partys, überall gab es Gästelisten, die Vorverkäufe waren praktisch inexistent, ausser du hattest den Act. Die Zeiten wie Ende der Nuller-, Anfang der Zehnerjahre, als die ganze Brühlgasse voll war mit jungen Menschen und du in die Clubs nur mit den richtigen Kleidern und der richtigen Begleitung gekommen bist, waren schon vor Corona vorbei.
Anouk van Grinsven: Corona ist wahrscheinlich ein Faktor von vielen. Es gab in allen Jahrzehnten Bewegungen und Gegenbewegungen. Auch die Bedürfnisse haben sich stetig verändert.
Im Flon seid ihr sehr nahe an den Jugendlichen. Wie nimmst du diese Entwicklung wahr?
Anouk: Wir sind in einer privilegierten Position, weil unsere Betriebsgruppe aus jungen Menschen zwischen 16 und 26 Jahren besteht. Weil regelmässig neue junge Leute kommen und neue Dinge ausprobieren, hat sich der Flon immer verändert, es gab keine Stetigkeit. Der Flon war immer divers, mit einer grossen Bandbreite von Veranstaltungen, die unterschiedlich gut laufen. Wir vertrauen jungen Menschen. Es ist schön, dass wir so nah sind an ihnen und uns mit ihnen über ihre Bedürfnisse austauschen können.
Anouk van Grinsven
Wie haben sich diese Bedürfnisse in den vergangenen paar Jahren verändert, insbesondere seit der Coronapandemie?
Anouk: Momentan beobachte ich zwei Gruppen: Jene, die vor Corona begonnen haben auszugehen und noch ins Nachtleben reinwachsen konnten. Und jene, denen diese Möglichkeit wegen Corona genommen wurde. Ich stelle einen Unterschied zwischen diesen Gruppen fest, auch wenn der Altersunterschied klein ist. Gerade die zweite Gruppe kann jetzt, wo sie etwas älter ist, diese Erfahrungen nachholen. Das tut sie auch, in ihrem Tempo.
Rouven: Woher nehmen die Mitglieder eurer Programmgruppe die Inputs? Sind es Trends zum Beispiel aus den sozialen Medien?
Anouk: Ich kann es nicht verallgemeinern. Wir haben etwa 20 aktive Jugendliche und junge Erwachsene in der Betriebsgruppe, sie widerspiegeln nicht eine ganze Generation. Unsere Betriebsgruppe ist eher kulturinteressiert. Sie nutzen die sozialen Medien unter anderem, um die Anlässe zu bewerben und sich zu informieren, was läuft. Aber ihr Alltag ist meiner Meinung nach nicht von sozialen Medien bestimmt. Viele verzichten sogar bewusst darauf.
Morgan: Ich habe auch den Eindruck, dass es eine Art Gegenbewegung gibt. Trotzdem – es gibt viele Jugendliche, die sich insbesondere durch die sozialen Medien einen riesigen Druck machen.
Anouk: Jung beziehungsweise jugendlich zu sein ist an sich schon ein grosser Stress. Du musst dich mit so vielen Themen auseinandersetzen, erwachsen werden, dich von zuhause ablösen … und parallel dazu wirst du jeden Tag fast rund um die Uhr damit konfrontiert, was auf der Welt passiert. Dazu kommt die Erwartung, dass du informiert sein und zu allem eine Meinung haben und dich engagieren musst. Ich stelle bei vielen jungen Menschen eine Erschöpfung fest. Es gibt zu viele Reize. Sie müssen in der Schule viel leisten, haben Hobbys, es wird viel von ihnen erwartet, sodass sie vielfach in der wenigen Freizeit runterfahren wollen. Das Bewusstsein für ihre Gesundheit – auch die mentale – ist viel grösser. Sie nutzen ihre Freizeit, um aufzutanken. Bei einigen heisst das auszugehen, bei anderen sich mit Freunden zu Hause zu treffen.
Letzteres ist genau das, was man von der Gen Z immer wieder hört: Sie feiert lieber zu Hause statt in Clubs, sie will am Wochenende lieber ausgeschlafen sein als nach einer durchgefeierten Nacht am Nachmittag verkatert aus dem Bett zu kriechen.
Anouk: Beide erwähnten Gruppen machen Party, einfach anders.
Morgan: Und mir fällt auf, dass Ü16-Partys derzeit wieder auf grösseres Interesse stossen.
Die Clubs beklagen sich aber über die vielen Daydances, weil die Leute abends weniger ausgehen. Morgan, Schwarzmatt organisiert mehrere grosse Daydances pro Jahr, aber auch Muted-Partys und andere grössere Events wie die Eisdisco im Januar oder im vergangenen Sommer das Olma-Openair. Hast du Verständnis für diese Klagen?
Morgan: Ich bin oft mit der Aussage konfrontiert, dass es den Clubs wegen unserer Daydances schlecht läuft. Dabei veranstalten wir etwa zehn Anlässe pro Jahr, und die meisten davon im Sommer. Meiner Meinung nach dürften diese das Nachtleben der Stadt nicht so sehr tangieren.
Morgan Knöpfler
Rouven: Das Problem ist, dass die Daydances nicht mehr nur im Sommer stattfinden, wenn viele Clubs ohnehin geschlossen sind, sondern teilweise schon im März oder April. Kommt hinzu: Jeder Outdoor-Daydance hat wegen der Wetterunsicherheit bis zu zwei Verschiebedaten. Das erschwert die Planung der Clubs für ihre eigenen Anlässe, die je nach Künstler bis zu ein Jahr im Voraus aufgegleist werden müssen, ungemein. Natürlich findet ein Daydance am Schluss nur an einem Wochenende statt, aber je nachdem wirkt er sich auf deren drei aus.
Morgan: Einen Daydance zu verschieben oder ganz abzusagen, kostet uns sehr viel Geld. Um das finanziell auszugleichen, müssen wir etwa drei andere Events durchführen. Damit wir nicht immer nur auf Petrus angewiesen sind – und das sind wir sehr oft –, versuchen wir auch ausserhalb der Sommermonate ein paar Indoor-Veranstaltungen zu machen, etwa die Eisdicso. Die gab es übrigens schon zehn Jahre lang, bevor wir sie übernehmen durften.
Ist die Kritik also unberechtigt?
Morgan: Wir sitzen alle im gleichen Boot. Deswegen finde ich es kontraproduktiv, wenn man gegeneinander arbeitet statt miteinander. Dieses Gärtchendenken ist Gift für eine Szene, die eigentlich zusammenstehen müsste. Es gibt viele Möglichkeiten, wie man voneinander profitieren kann. Immerhin ist es inzwischen besser als vor ein paar Jahren. Man merkt, dass in der Szene viele Junge in Leitungspositionen nachgerückt sind.
Wie gehen Flon und Palace mit Daydances um? Spürt ihr sie ebenfalls?
Anouk: Man kann dem auch entgegenwirken, indem man miteinander redet. Wir sprechen uns oft mit anderen Konzertlokalen ab, damit wir nicht am gleichen Wochenende etwas ähnliches organisieren. Man muss auch Synergien nutzen, wenn sie sich ergeben, um voneinander zu profitieren. Gerade in einer Stadt von der Grösse St.Gallens ist das sehr wichtig.
Lidija: Ich halte es ebenfalls für sinnvoll, ein Kontrastprogramm zu planen, um sich nicht gegenseitig zu konkurrenzieren.
Rouven: Morgan und ich sprechen uns auch ab. Für mich ist es trotzdem ein Problem, weil wir eine ähnliche Zielgruppe haben. Wenn Schwarzmatt einen Electro-Anlass im Presswerk im Arbon macht, merke ich das an der «Bravo Hits»-Party im Kugl, weil sich ein gewisser Teil des Publikums überschneidet. Früher wäre das keine Konkurrenz zueinander gewesen, aber durch die Stiloffenheit der jungen Leute wirkt sich das extrem aus.
Rouven Hörler
Morgan: Das hat auch damit zu tun, dass sich die Art, wie wir Musik hören, komplett gewandelt hat. Man konsumiert sie über Streamingplattformen mit gesteuerten Playlists. Dadurch hören am Ende viele dasselbe – es gibt einen Einheitsbrei. Insofern kommen uns an den Kopfhörer-Partys die verschiedenen Kanäle zugute: Wem der DJ-Sound nicht gefällt, kann einfach auf den Hits-Kanal schalten.
Rouven: Was sich ebenfalls extrem geändert hat: Kaum ist ein Event vorbei, beginnt die Werbemaschinerie inklusive Ticketverkauf für die nächste Austragung, auch wenn diese erst in einem Jahr ist – etwa bei Festivals. Früher wurde das Line-up wenige Monate vorher bekanntgegeben, dann kaufte man das Ticket. Heute präsentieren einige Festivals ihre Headliner schon ein Jahr im Voraus, mit anschliessender permanenter Online-Promo.
Es gibt offenbar ein Bedürfnis nach Daydances. Wie bekommt ihr das im Flon mit?
Anouk: Was ich vor allem merke, ist das Bedürfnis nach Freiraum, danach, etwas selber gestalten und ausprobieren zu können. Dieses Ausprobieren kann auch bis morgens um fünf Uhr gehen, aber in einem anderen Rahmen, vielleicht in einem kleineren, geschützteren. Sich von zu Hause abzulösen und seinen eigenen Raum zu schaffen, ist immer noch ein Bedürfnis der Jugendlichen. Aber das bedeutet für viele von ihnen nicht, von Donnerstag bis Samstag in den Ausgang zu gehen und sich bis in die Morgenstunden auszuleben, um möglichst nicht daheim sein zu müssen. Es gibt auch andere Formen.
Zum Beispiel?
Anouk: Wir registrieren beispielsweise einen riesigen Anstieg der Besuche in unseren Ateliers (Siebdruck, Fotografie, Grafik, Kunst; Anm. d. Red.) in den letzten zwei Jahren. Dieses Angebot wird das ganze Wochenende über genutzt, auch mitten in der Nacht. Wie gesagt, es sind die gleichen Entwicklungen, wie es sie in den 60ern oder 80ern gab – aufbrechen, sich lösen von alten Mustern, sich eigenen Raum schaffen, ausprobieren. Same same, nur in einer anderen Zeit.
Freiräume verschwinden aber, gerade in der Innenstadt. Orte, an denen man niederschwellig und günstig etwas auf die Beine stellen kann.
Anouk: Exakt. Aber es gehört auch zu den Aufgaben einer Stadt, den Leuten diesen Raum zu geben. Zu einem Teil kommt sie dem nach, indem es Räume wie den Flon und den Talhof gibt. In diesen Räumen bekommen junge Menschen die Möglichkeit eigene Projekte und Ideen umzusetzen. Jedoch ist es auch so, dass die St.Galler Innenstadt weitestgehend privatisiert ist, es gibt gar nicht mehr diese Möglichkeiten wie noch in den 90ern, sich den Raum einfach anzueignen und etwas auszuprobieren.
Die Schnelllebigkeit hat stark zugenommen, Trends kommen und gehen fast im Wochentakt. Wie geht ihr damit um?
Anouk: Die Menschheit hat sich schon immer verändert. Als Veranstalter:in darf man nicht an Konzepten festhalten, die vor 20 Jahren super funktioniert haben, sondern muss sie überarbeiten und Dinge verändern.
Rouven: Viele der neuen Sachen, die ich in den vergangenen Jahren an Partys ausprobiert habe – etwa neue Musikstile –, sind eher schlecht gelaufen. Die Leute schreien nach Neuem, und dann machst du etwas Neues, aber es funktioniert trotzdem nicht wirklich.
Morgan: Wir hatten auch schon Partyreihen, die wir wieder eingestellt haben, weil das Interesse abgeflacht war. Ehrlich gesagt verstehen wir manchmal selber nicht, warum etwas gut läuft und etwas anderes gar nicht.
Rouven: Mir geht es genauso. Eine «Bravo Hits»-Party mit Musik aus den 90ern und den frühen Nullerjahren kann doppelt so viel Leute anziehen wie eine «Wir Kinder der 90er»-Party. Dabei ist der Musikstil fast der gleiche, nur der Name ist anders – und das eine interessiert die Leute, das andere nicht.
Morgan: Unser Vorteil ist, dass wir – anders als etwa das Palace – eine Eventreihe sind und keinen festen Raum haben, der uns zwingt, Woche für Woche Anlässe durchzuführen. Letzteres erfordert viel mehr Kreativität, das ganze Jahr über etwas zu bieten, das die Leute interessiert. Die Schnelllebigkeit ist enorm, die Jungen brauchen immer wieder etwas Neues, denn alles wird schnell langweilig. Und über die sozialen Medien bekommen sie massgeschneiderte Werbung für Anlässe in Zürich oder in Davos – das ist ebenfalls Konkurrenz. Ein Teil des Problems ist auch die Gagenentwicklung. Früher konntest du für 4000 Franken Künstler:innen buchen, die dir den Laden gut gefüllt haben. Heute diskutieren wir über Gagen von 20’000 Franken – und du hast null Planungssicherheit mehr.
Lidija Dragojević
Lidija: Für mich ist die zentrale Frage: Wie reagieren wir auf diese Trends? Wir alle haben unterschiedliche Ausgangslagen, deswegen gehen wir wohl unterschiedlich damit um. Flon und Palace sind zwei Orte, die einen Auftrag von der Stadt haben und nicht nach rein wirtschaftlichen Kriterien funktionieren müssen. Schwarzmatt oder das Kugl müssen hingegen kommerziell erfolgreich sein, um zu überleben. Für letztere wird es immer wichtiger, dass ein Anlass ein «Event» ist oder Sensationscharakter hat und «cool» sein muss. Mir scheint, ihr hättet mit den Daydances ein Rezept gefunden, um sie schon im Vorverkauf auszuverkaufen.
Morgan: Für uns ist der Vorverkauf sehr wichtig, weil wir Planungssicherheit haben wollen. Je früher wir wissen, wie viele Leute kommen, desto besser können wir uns darauf vorbereiten, die Infrastruktur wie WCs und Schliessfächer bereitstellen etc. Davon profitieren am Ende auch die Gäste.
Lidija: Ich meinte eher, ob ihr bewusst versucht, einen künstlichen Hype herzustellen. Dann ist selbst das Geldargument nicht mehr so stichfest.
Morgan: Unser Ziel ist einfach, möglichst tiefe Ticketpreise anzubieten. Und mit Rabattaktionen wie Early-Bird-Tickets versuchen wir den Vorverkauf anzukurbeln und günstige Optionen für Frühentschlossene anzubieten. Der Muted-Olma-Daydance beispielsweise kostet regulär 34 Franken. Das ist zwar mehr als der Eintritt in einen Club, aber dann kommt das besondere Party-Erlebnis hinzu: Tätowierer:innen, Foodtrucks und Spiel und Spass. Es ist nicht eine klassische Clubnacht, sondern ein Minifestival.
Rouven: Wenn etwas die Leute interessiert, ist es egal, ob der Eintritt 25 oder 40 Franken kostet. Und wenn eine Partyreihe nicht läuft, kannst du Gratiseintritt anbieten, sie kommen trotzdem nicht.
Morgan: Aus meinem Bekanntenkreis sind vergangenen Sommer gut und gerne 100 Personen nach Berlin geflogen ans Konzert von Keinemusik. Das muss man sich mal vorstellen. Da sind die Kosten offenbar eher sekundär und ein einzigartiges Erlebnis steht im Fokus.
Aber dafür bleiben sie dann einen Monat lang zu Hause an den Wochenenden und verzichten auf den Ausgang.
Lidija: Ich frage mich, wohin das noch führt. Es geht letztlich auch um die Frage des Kulturverständnisses. Wir alle bieten ein bestimmtes kulturelles Angebot an. Aber wenn sich die Nachfrage so stark in eine Richtung verschiebt, wie geht man als Veranstalter:in mit dem weniger nachgefragten Angebot um? Das betrifft nicht nur uns als Palace, sondern alle Veranstalter:innen, auch wenn sie nicht von öffentlichen Geldern abhängig sind.
Sprechen wir noch über das Clubsterben: In Zürich sind in den vergangenen knapp 20 Jahren rund 30 Prozent der Clubs verschwunden, in Deutschland sogar rund 50 Prozent in den letzten zehn Jahren. In St.Gallen gab es seit Corona keine Clubschliessungen, abgesehen von Namenswechseln. Wie gross schätzt ihr die Gefahr des Clubsterbens in St.Gallen ein?
Anouk: Diese Gefahr ist schon da.
Lidija: Es ist ja auch okay, dass es diese Gefahr gibt. Wie jeder Kulturbetrieb sollte sich auch ein Club nicht als selbstverständlich ansehen, sondern sich kritisch hinterfragen – unabhängig davon, ob er subventioniert ist oder nicht. Wenn man das Gefühl hat, man müsse sich nicht weiterentwickeln, weil das Geld ja kommt – ob vom Staat oder von den Besucher:innen –, ist das nicht gut. Aber es wäre schade, wenn sich die Clubszene so entwickeln würde, dass nur noch superkommerzielle Sachen funktionierten. Dann gibt es irgendwann einen Einheitsbrei.
Morgan: Ich stimme dem zu: Bezüglich Clubsterben sind auch die Verantwortlichen gefordert. Ein Programm ist wie ein Produkt, das du verkaufst. Wenn du es nicht weiterentwickelst, kauft es irgendwann niemand mehr. Darum versuchen wir stets zu eruieren, was von den Gästen gewünscht wird, und immer wieder etwas Neues anzubieten.
Rouven: Ein Club zahlt zwölf Monate im Jahr Miete, er muss aber in etwa acht Monaten den Umsatz für das ganze Jahr erwirtschaften. Das gilt auch für mich als selbständigen Veranstalter. Und wenn die Sommer länger werden und sich damit auch das Zeitfenster für die Daydances ausdehnt, werden es irgendwann nur noch sechs Monate sein. Das dürfte für viele Clubs schwierig werden. Man muss nach Möglichkeiten suchen, den Betrieb querzufinanzieren, etwa durch die Vermietung für Firmenanlässe oder private Anlässe wie Hochzeitspartys, wie beispielsweise das Kugl mit Gut & Güter. Ich vermiete LED-Wände.
Hat das Nachtleben in St.Gallen eine genug grosse Lobby? Es gibt zwar den Verband Nacht Gallen, der die Interessen des Nachtlebens gegenüber den Behörden und der Öffentlichkeit vertritt. Aber braucht es auf politischer Ebene ein grösseres Bewusstsein für die Bedeutung des Nachtlebens?
Lidija: Das Nachtleben ist ein Teil der Kultur und deshalb per se ein Teil der Politik. Und man darf nicht vergessen: Es trägt auch zur Standortattraktivität bei, was vor einem drohenden Abbau der Kultur immer berücksichtigt werden sollte.
Morgan: Wir haben mit den Ämtern sehr positive Erfahrungen gemacht. Sie wollen Dinge ermöglichen. Es braucht aber bei einigen Anwohner:innen in der Innenstadt ein grösseres Bewusstsein dafür, wo sie wohnen – Stichwort Lärmklagen. Ich will damit nicht sagen, dass sie Lärmemissionen einfach hinnehmen müssen, aber man kann auch nicht verlangen, dass es im Stadtzentrum keine Lärmemissionen geben darf. Meiner Meinung nach ist es ein Problem, dass es für die Clubs keine Freiräume gibt, um auch mal ausserhalb der eigenen vier Wände etwas zu veranstalten. Diesbezüglich hat Corona tatsächlich etwas verändert: Die Empfindlichkeit der Menschen gegenüber Lärm hat zugenommen. Es gibt viel schneller Lärmklagen. Daraus sind ursprünglich die Kopfhörer-Partys entstanden.
Berlin hat beispielsweise einen Schallschutzfonds eingeführt, mit dem aus öffentlichen Geldern Lärmschutzmassnahmen finanziert werden. Amsterdam hat eine Nachtminister. Braucht es solche Instrumente in der Stadt?
Morgan: Ich halte es für wichtiger, dass die Politik weiterhin Lokale wie das Palace, die Grabenhalle, den Talhof oder das Flon angemessen subventioniert. An all diesen Orten gibt es ein Bewusstsein dafür, dass nicht der kommerzielle Erfolg im Vordergrund steht. Im Flon und im Talhof können die Jugendlichen ausprobieren. Und ins Palace und in die Grabenhalle kommen Musiker:innen, die man sonst in St.Gallen nicht live sehen würde.