«Es geht auch um die Frage des Kulturverständnisses»

Bilder: Laurin Bleiker, Collage: DOME.

Viele Clubs und Konzertlokale kämpfen mit finanziellen Problemen. Die Leute gehen weniger aus, die Kosten steigen, die Einnahmen sinken. Saiten hat vier Akteur:innen aus dem St.Galler Nachtleben zum Gespräch getroffen: Party- und Konzertveranstalter Rouven Hörler, Lidija Dragojević vom Kulturlokal Palace, Morgan Knöpfler alias Morgan Button von der Eventagentur Schwarzmatt und Anouk van Grinsven vom Jugendkulturraum Flon.

Rou­ven, du ver­an­stal­test seit über 30 Jah­ren Kon­zer­te und Par­tys, in­zwi­schen haupt­säch­lich im Kugl. Wie lau­fen die An­läs­se? 

Rou­ven Hör­ler: Im Ver­gleich zu frü­her si­cher schlech­ter. Neh­men wir den Abend mit Roo­ler (ita­lie­ni­scher Hard­style-DJ, d. Red.) von Mit­te De­zem­ber als Bei­spiel: Frü­her wä­re die­se Show, die auch Be­su­cher:in­nen aus der gan­zen Schweiz an­ge­lockt hat, wohl schon Ta­ge im Vor­aus aus­ver­kauft ge­we­sen, dies­mal hat­ten wir et­wa zwei Drit­tel der Ti­ckets ver­kauft. Was sich si­cher ver­än­dert hat: Frü­her war der Vor­ver­kauf ein gu­tes In­diz da­für, wie ein Event lau­fen wird. Ak­tu­ell kann es sein, dass man als Ver­an­stal­ter oder Club bis drei Stun­den vor Tür­öff­nung nicht weiss, was ei­nen er­war­tet. 

Li­di­ja, wie läuft es dem Pa­lace der­zeit? 

Li­di­ja Dra­go­je­vić: Auch sehr un­ter­schied­lich. Wir hat­ten in die­ser Sai­son ei­ni­ge sehr gut be­such­te Aben­de, aber es gibt auch sol­che mit we­ni­gen Gäs­ten. Das ver­än­der­te Aus­geh­ver­hal­ten be­kom­men auch wir zu spü­ren und ha­ben mit stei­gen­den Kos­ten und sin­ken­den Bar­ein­nah­men zu kämp­fen. 

Ist die­ses ver­än­der­te Aus­geh­ver­hal­ten die Schuld von Co­ro­na oder konn­te man das schon vor­her be­ob­ach­ten? 

Mor­gan Knöpf­ler: Es gab die Co­ro­na-Ju­gend, die wäh­rend der Lock­downs man­gels Aus­geh­mög­lich­kei­ten ei­nen an­de­ren Fo­kus hat­te und sich auf die kör­per­li­che und psy­chi­sche Ge­sund­heit kon­zen­trier­te. Es ist aber nicht so, dass vor Co­ro­na al­le Clubs bums­voll wa­ren. Im Ge­gen­teil, vie­le Clubs hat­ten schon da­mals zu kämp­fen. Kaum je­mand woll­te Ein­tritt be­zah­len für Par­tys, über­all gab es Gäs­te­lis­ten, die Vor­ver­käu­fe wa­ren prak­tisch in­exis­tent, aus­ser du hat­test den Act. Die Zei­ten wie En­de der Nuller-, An­fang der Zeh­ner­jah­re, als die gan­ze Brühl­gas­se voll war mit jun­gen Men­schen und du in die Clubs nur mit den rich­ti­gen Klei­dern und der rich­ti­gen Be­glei­tung ge­kom­men bist, wa­ren schon vor Co­ro­na vor­bei. 

Anouk van Grins­ven: Co­ro­na ist wahr­schein­lich ein Fak­tor von vie­len. Es gab in al­len Jahr­zehn­ten Be­we­gun­gen und Ge­gen­be­we­gun­gen. Auch die Be­dürf­nis­se ha­ben sich ste­tig ver­än­dert. 

Im Flon seid ihr sehr na­he an den Ju­gend­li­chen. Wie nimmst du die­se Ent­wick­lung wahr? 

Anouk: Wir sind in ei­ner pri­vi­le­gier­ten Po­si­ti­on, weil un­se­re Be­triebs­grup­pe aus jun­gen Men­schen zwi­schen 16 und 26 Jah­ren be­steht. Weil re­gel­mäs­sig neue jun­ge Leu­te kom­men und neue Din­ge aus­pro­bie­ren, hat sich der Flon im­mer ver­än­dert, es gab kei­ne Ste­tig­keit. Der Flon war im­mer di­vers, mit ei­ner gros­sen Band­brei­te von Ver­an­stal­tun­gen, die un­ter­schied­lich gut lau­fen. Wir ver­trau­en jun­gen Men­schen. Es ist schön, dass wir so nah sind an ih­nen und uns mit ih­nen über ih­re Be­dürf­nis­se aus­tau­schen kön­nen. 

Anouk van Grinsven

Wie ha­ben sich die­se Be­dürf­nis­se in den ver­gan­ge­nen paar Jah­ren ver­än­dert, ins­be­son­de­re seit der Co­ro­na­pan­de­mie? 

Anouk: Mo­men­tan be­ob­ach­te ich zwei Grup­pen: Je­ne, die vor Co­ro­na be­gon­nen ha­ben aus­zu­ge­hen und noch ins Nacht­le­ben rein­wach­sen konn­ten. Und je­ne, de­nen die­se Mög­lich­keit we­gen Co­ro­na ge­nom­men wur­de. Ich stel­le ei­nen Un­ter­schied zwi­schen die­sen Grup­pen fest, auch wenn der Al­ters­un­ter­schied klein ist. Ge­ra­de die zwei­te Grup­pe kann jetzt, wo sie et­was äl­ter ist, die­se Er­fah­run­gen nach­ho­len. Das tut sie auch, in ih­rem Tem­po. 

Rou­ven: Wo­her neh­men die Mit­glie­der eu­rer Pro­gramm­grup­pe die In­puts? Sind es Trends zum Bei­spiel aus den so­zia­len Me­di­en? 

Anouk: Ich kann es nicht ver­all­ge­mei­nern. Wir ha­ben et­wa 20 ak­ti­ve Ju­gend­li­che und jun­ge Er­wach­se­ne in der Be­triebs­grup­pe, sie wi­der­spie­geln nicht ei­ne gan­ze Ge­ne­ra­ti­on. Un­se­re Be­triebs­grup­pe ist eher kul­tur­in­ter­es­siert. Sie nut­zen die so­zia­len Me­di­en un­ter an­de­rem, um die An­läs­se zu be­wer­ben und sich zu in­for­mie­ren, was läuft. Aber ihr All­tag ist mei­ner Mei­nung nach nicht von so­zia­len Me­di­en be­stimmt. Vie­le ver­zich­ten so­gar be­wusst dar­auf.

Mor­gan: Ich ha­be auch den Ein­druck, dass es ei­ne Art Ge­gen­be­we­gung gibt. Trotz­dem – es gibt vie­le Ju­gend­li­che, die sich ins­be­son­de­re durch die so­zia­len Me­di­en ei­nen rie­si­gen Druck ma­chen. 

Anouk: Jung be­zie­hungs­wei­se ju­gend­lich zu sein ist an sich schon ein gros­ser Stress. Du musst dich mit so vie­len The­men aus­ein­an­der­set­zen, er­wach­sen wer­den, dich von zu­hau­se ab­lö­sen … und par­al­lel da­zu wirst du je­den Tag fast rund um die Uhr da­mit kon­fron­tiert, was auf der Welt pas­siert. Da­zu kommt die Er­war­tung, dass du in­for­miert sein und zu al­lem ei­ne Mei­nung ha­ben und dich en­ga­gie­ren musst. Ich stel­le bei vie­len jun­gen Men­schen ei­ne Er­schöp­fung fest. Es gibt zu vie­le Rei­ze. Sie müs­sen in der Schu­le viel leis­ten, ha­ben Hob­bys, es wird viel von ih­nen er­war­tet, so­dass sie viel­fach in der we­ni­gen Frei­zeit run­ter­fah­ren wol­len. Das Be­wusst­sein für ih­re Ge­sund­heit – auch die men­ta­le – ist viel grös­ser. Sie nut­zen ih­re Frei­zeit, um auf­zu­tan­ken. Bei ei­ni­gen heisst das aus­zu­ge­hen, bei an­de­ren sich mit Freun­den zu Hau­se zu tref­fen. 

Letz­te­res ist ge­nau das, was man von der Gen Z im­mer wie­der hört: Sie fei­ert lie­ber zu Hau­se statt in Clubs, sie will am Wo­chen­en­de lie­ber aus­ge­schla­fen sein als nach ei­ner durch­ge­fei­er­ten Nacht am Nach­mit­tag ver­ka­tert aus dem Bett zu krie­chen. 

Anouk: Bei­de er­wähn­ten Grup­pen ma­chen Par­ty, ein­fach an­ders.

Mor­gan: Und mir fällt auf, dass Ü16-Par­tys der­zeit wie­der auf grös­se­res In­ter­es­se stos­sen.

Die Clubs be­kla­gen sich aber über die vie­len Day­dan­ces, weil die Leu­te abends we­ni­ger aus­ge­hen. Mor­gan, Schwarz­matt or­ga­ni­siert meh­re­re gros­se Day­dan­ces pro Jahr, aber auch Mu­ted-Par­tys und an­de­re grös­se­re Events wie die Eis­dis­co im Ja­nu­ar oder im ver­gan­ge­nen Som­mer das Ol­ma-Open­air. Hast du Ver­ständ­nis für die­se Kla­gen? 

Mor­gan: Ich bin oft mit der Aus­sa­ge kon­fron­tiert, dass es den Clubs we­gen un­se­rer Day­dan­ces schlecht läuft. Da­bei ver­an­stal­ten wir et­wa zehn An­läs­se pro Jahr, und die meis­ten da­von im Som­mer. Mei­ner Mei­nung nach dürf­ten die­se das Nacht­le­ben der Stadt nicht so sehr tan­gie­ren.

Morgan Knöpfler

Rou­ven: Das Pro­blem ist, dass die Day­dan­ces nicht mehr nur im Som­mer statt­fin­den, wenn vie­le Clubs oh­ne­hin ge­schlos­sen sind, son­dern teil­wei­se schon im März oder April. Kommt hin­zu: Je­der Out­door-Day­dance hat we­gen der Wet­ter­un­si­cher­heit bis zu zwei Ver­schie­be­da­ten. Das er­schwert die Pla­nung der Clubs für ih­re ei­ge­nen An­läs­se, die je nach Künst­ler bis zu ein Jahr im Vor­aus auf­ge­gleist wer­den müs­sen, un­ge­mein. Na­tür­lich fin­det ein Day­dance am Schluss nur an ei­nem Wo­chen­en­de statt, aber je nach­dem wirkt er sich auf de­ren drei aus. 

Mor­gan: Ei­nen Day­dance zu ver­schie­ben oder ganz ab­zu­sa­gen, kos­tet uns sehr viel Geld. Um das fi­nan­zi­ell aus­zu­glei­chen, müs­sen wir et­wa drei an­de­re Events durch­füh­ren. Da­mit wir nicht im­mer nur auf Pe­trus an­ge­wie­sen sind – und das sind wir sehr oft –, ver­su­chen wir auch aus­ser­halb der Som­mer­mo­na­te ein paar In­door-Ver­an­stal­tun­gen zu ma­chen, et­wa die Eis­dic­so. Die gab es üb­ri­gens schon zehn Jah­re lang, be­vor wir sie über­neh­men durf­ten. 

Ist die Kri­tik al­so un­be­rech­tigt? 

Mor­gan: Wir sit­zen al­le im glei­chen Boot. Des­we­gen fin­de ich es kon­tra­pro­duk­tiv, wenn man ge­gen­ein­an­der ar­bei­tet statt mit­ein­an­der. Die­ses Gärt­chen­den­ken ist Gift für ei­ne Sze­ne, die ei­gent­lich zu­sam­men­ste­hen müss­te. Es gibt vie­le Mög­lich­kei­ten, wie man von­ein­an­der pro­fi­tie­ren kann. Im­mer­hin ist es in­zwi­schen bes­ser als vor ein paar Jah­ren. Man merkt, dass in der Sze­ne vie­le Jun­ge in Lei­tungs­po­si­tio­nen nach­ge­rückt sind. 

Wie ge­hen Flon und Pa­lace mit Day­dan­ces um? Spürt ihr sie eben­falls? 

Anouk: Man kann dem auch ent­ge­gen­wir­ken, in­dem man mit­ein­an­der re­det. Wir spre­chen uns oft mit an­de­ren Kon­zert­lo­ka­len ab, da­mit wir nicht am glei­chen Wo­chen­en­de et­was ähn­li­ches or­ga­ni­sie­ren. Man muss auch Syn­er­gien nut­zen, wenn sie sich er­ge­ben, um von­ein­an­der zu pro­fi­tie­ren. Ge­ra­de in ei­ner Stadt von der Grös­se St.Gal­lens ist das sehr wich­tig. 

Li­di­ja: Ich hal­te es eben­falls für sinn­voll, ein Kon­trast­pro­gramm zu pla­nen, um sich nicht ge­gen­sei­tig zu kon­kur­ren­zie­ren. 

Rou­ven: Mor­gan und ich spre­chen uns auch ab. Für mich ist es trotz­dem ein Pro­blem, weil wir ei­ne ähn­li­che Ziel­grup­pe ha­ben. Wenn Schwarz­matt ei­nen Elec­t­ro-An­lass im Press­werk im Ar­bon macht, mer­ke ich das an der «Bra­vo Hits»-Par­ty im Kugl, weil sich ein ge­wis­ser Teil des Pu­bli­kums über­schnei­det. Frü­her wä­re das kei­ne Kon­kur­renz zu­ein­an­der ge­we­sen, aber durch die Stil­of­fen­heit der jun­gen Leu­te wirkt sich das ex­trem aus. 

Rouven Hörler

Mor­gan: Das hat auch da­mit zu tun, dass sich die Art, wie wir Mu­sik hö­ren, kom­plett ge­wan­delt hat. Man kon­su­miert sie über Strea­ming­platt­for­men mit ge­steu­er­ten Play­lists. Da­durch hö­ren am En­de vie­le das­sel­be – es gibt ei­nen Ein­heits­brei. In­so­fern kom­men uns an den Kopf­hö­rer-Par­tys die ver­schie­de­nen Ka­nä­le zu­gu­te: Wem der DJ-Sound nicht ge­fällt, kann ein­fach auf den Hits-Ka­nal schal­ten. 

Rou­ven: Was sich eben­falls ex­trem ge­än­dert hat: Kaum ist ein Event vor­bei, be­ginnt die Wer­be­ma­schi­ne­rie in­klu­si­ve Ti­cket­ver­kauf für die nächs­te Aus­tra­gung, auch wenn die­se erst in ei­nem Jahr ist – et­wa bei Fes­ti­vals. Frü­her wur­de das Li­ne-up we­ni­ge Mo­na­te vor­her be­kannt­ge­ge­ben, dann kauf­te man das Ti­cket. Heu­te prä­sen­tie­ren ei­ni­ge Fes­ti­vals ih­re Head­li­ner schon ein Jahr im Vor­aus, mit an­schlies­sen­der per­ma­nen­ter On­line-Pro­mo. 

Es gibt of­fen­bar ein Be­dürf­nis nach Day­dan­ces. Wie be­kommt ihr das im Flon mit? 

Anouk: Was ich vor al­lem mer­ke, ist das Be­dürf­nis nach Frei­raum, da­nach, et­was sel­ber ge­stal­ten und aus­pro­bie­ren zu kön­nen. Die­ses Aus­pro­bie­ren kann auch bis mor­gens um fünf Uhr ge­hen, aber in ei­nem an­de­ren Rah­men, viel­leicht in ei­nem klei­ne­ren, ge­schütz­te­ren. Sich von zu Hau­se ab­zu­lö­sen und sei­nen ei­ge­nen Raum zu schaf­fen, ist im­mer noch ein Be­dürf­nis der Ju­gend­li­chen. Aber das be­deu­tet für vie­le von ih­nen nicht, von Don­ners­tag bis Sams­tag in den Aus­gang zu ge­hen und sich bis in die Mor­gen­stun­den aus­zu­le­ben, um mög­lichst nicht da­heim sein zu müs­sen. Es gibt auch an­de­re For­men. 

Zum Bei­spiel?

Anouk: Wir re­gis­trie­ren bei­spiels­wei­se ei­nen rie­si­gen An­stieg der Be­su­che in un­se­ren Ate­liers (Sieb­druck, Fo­to­gra­fie, Gra­fik, Kunst; Anm. d. Red.) in den letz­ten zwei Jah­ren. Die­ses An­ge­bot wird das gan­ze Wo­chen­en­de über ge­nutzt, auch mit­ten in der Nacht. Wie ge­sagt, es sind die glei­chen Ent­wick­lun­gen, wie es sie in den 60ern oder 80ern gab – auf­bre­chen, sich lö­sen von al­ten Mus­tern, sich ei­ge­nen Raum schaf­fen, aus­pro­bie­ren. Sa­me sa­me, nur in ei­ner an­de­ren Zeit. 

Frei­räu­me ver­schwin­den aber, ge­ra­de in der In­nen­stadt. Or­te, an de­nen man nie­der­schwel­lig und güns­tig et­was auf die Bei­ne stel­len kann. 

Anouk: Ex­akt. Aber es ge­hört auch zu den Auf­ga­ben ei­ner Stadt, den Leu­ten die­sen Raum zu ge­ben. Zu ei­nem Teil kommt sie dem nach, in­dem es Räu­me wie den Flon und den Tal­hof gibt. In die­sen Räu­men be­kom­men jun­ge Men­schen die Mög­lich­keit ei­ge­ne Pro­jek­te und Ideen um­zu­set­zen. Je­doch ist es auch so, dass die St.Gal­ler In­nen­stadt wei­test­ge­hend pri­va­ti­siert ist, es gibt gar nicht mehr die­se Mög­lich­kei­ten wie noch in den 90ern, sich den Raum ein­fach an­zu­eig­nen und et­was aus­zu­pro­bie­ren.

Die Schnell­le­big­keit hat stark zu­ge­nom­men, Trends kom­men und ge­hen fast im Wo­chen­takt. Wie geht ihr da­mit um? 

Anouk: Die Mensch­heit hat sich schon im­mer ver­än­dert. Als Ver­an­stal­ter:in darf man nicht an Kon­zep­ten fest­hal­ten, die vor 20 Jah­ren su­per funk­tio­niert ha­ben, son­dern muss sie über­ar­bei­ten und Din­ge ver­än­dern. 

Rou­ven: Vie­le der neu­en Sa­chen, die ich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren an Par­tys aus­pro­biert ha­be – et­wa neue Mu­sik­sti­le –, sind eher schlecht ge­lau­fen. Die Leu­te schrei­en nach Neu­em, und dann machst du et­was Neu­es, aber es funk­tio­niert trotz­dem nicht wirk­lich.

Mor­gan: Wir hat­ten auch schon Par­ty­rei­hen, die wir wie­der ein­ge­stellt ha­ben, weil das In­ter­es­se ab­ge­flacht war. Ehr­lich ge­sagt ver­ste­hen wir manch­mal sel­ber nicht, war­um et­was gut läuft und et­was an­de­res gar nicht. 

Rou­ven: Mir geht es ge­nau­so. Ei­ne «Bra­vo Hits»-Par­ty mit Mu­sik aus den 90ern und den frü­hen Nuller­jah­ren kann dop­pelt so viel Leu­te an­zie­hen wie ei­ne «Wir Kin­der der 90er»-Par­ty. Da­bei ist der Mu­sik­stil fast der glei­che, nur der Na­me ist an­ders – und das ei­ne in­ter­es­siert die Leu­te, das an­de­re nicht. 

Mor­gan: Un­ser Vor­teil ist, dass wir – an­ders als et­wa das Pa­lace – ei­ne Event­rei­he sind und kei­nen fes­ten Raum ha­ben, der uns zwingt, Wo­che für Wo­che An­läs­se durch­zu­füh­ren. Letz­te­res er­for­dert viel mehr Krea­ti­vi­tät, das gan­ze Jahr über et­was zu bie­ten, das die Leu­te in­ter­es­siert. Die Schnell­le­big­keit ist enorm, die Jun­gen brau­chen im­mer wie­der et­was Neu­es, denn al­les wird schnell lang­wei­lig. Und über die so­zia­len Me­di­en be­kom­men sie mass­ge­schnei­der­te Wer­bung für An­läs­se in Zü­rich oder in Da­vos – das ist eben­falls Kon­kur­renz. Ein Teil des Pro­blems ist auch die Ga­gen­ent­wick­lung. Frü­her konn­test du für 4000 Fran­ken Künst­ler:in­nen bu­chen, die dir den La­den gut ge­füllt ha­ben. Heu­te dis­ku­tie­ren wir über Ga­gen von 20’000 Fran­ken – und du hast null Pla­nungs­si­cher­heit mehr.

 

Lidija Dragojević

Li­di­ja: Für mich ist die zen­tra­le Fra­ge: Wie re­agie­ren wir auf die­se Trends? Wir al­le ha­ben un­ter­schied­li­che Aus­gangs­la­gen, des­we­gen ge­hen wir wohl un­ter­schied­lich da­mit um. Flon und Pa­lace sind zwei Or­te, die ei­nen Auf­trag von der Stadt ha­ben und nicht nach rein wirt­schaft­li­chen Kri­te­ri­en funk­tio­nie­ren müs­sen. Schwarz­matt oder das Kugl müs­sen hin­ge­gen kom­mer­zi­ell er­folg­reich sein, um zu über­le­ben. Für letz­te­re wird es im­mer wich­ti­ger, dass ein An­lass ein «Event» ist oder Sen­sa­ti­ons­cha­rak­ter hat und «cool» sein muss. Mir scheint, ihr hät­tet mit den Day­dan­ces ein Re­zept ge­fun­den, um sie schon im Vor­ver­kauf aus­zu­ver­kau­fen.

Mor­gan: Für uns ist der Vor­ver­kauf sehr wich­tig, weil wir Pla­nungs­si­cher­heit ha­ben wol­len. Je frü­her wir wis­sen, wie vie­le Leu­te kom­men, des­to bes­ser kön­nen wir uns dar­auf vor­be­rei­ten, die In­fra­struk­tur wie WCs und Schliess­fä­cher be­reit­stel­len etc. Da­von pro­fi­tie­ren am En­de auch die Gäs­te.

Li­di­ja: Ich mein­te eher, ob ihr be­wusst ver­sucht, ei­nen künst­li­chen Hype her­zu­stel­len. Dann ist selbst das Gel­dar­gu­ment nicht mehr so stich­fest. 

Mor­gan: Un­ser Ziel ist ein­fach, mög­lichst tie­fe Ti­cket­prei­se an­zu­bie­ten. Und mit Ra­batt­ak­tio­nen wie Ear­ly-Bird-Ti­ckets ver­su­chen wir den Vor­ver­kauf an­zu­kur­beln und güns­ti­ge Op­tio­nen für Früh­ent­schlos­se­ne an­zu­bie­ten. Der Mu­ted-Ol­ma-Day­dance bei­spiels­wei­se kos­tet re­gu­lär 34 Fran­ken. Das ist zwar mehr als der Ein­tritt in ei­nen Club, aber dann kommt das be­son­de­re Par­ty-Er­leb­nis hin­zu: Tä­to­wie­rer:in­nen, Food­trucks und Spiel und Spass. Es ist nicht ei­ne klas­si­sche Club­nacht, son­dern ein Mi­ni­fes­ti­val. 

Rou­ven: Wenn et­was die Leu­te in­ter­es­siert, ist es egal, ob der Ein­tritt 25 oder 40 Fran­ken kos­tet. Und wenn ei­ne Par­ty­rei­he nicht läuft, kannst du Gra­tis­ein­tritt an­bie­ten, sie kom­men trotz­dem nicht. 

Mor­gan: Aus mei­nem Be­kann­ten­kreis sind ver­gan­ge­nen Som­mer gut und ger­ne 100 Per­so­nen nach Ber­lin ge­flo­gen ans Kon­zert von Kei­ne­mu­sik. Das muss man sich mal vor­stel­len. Da sind die Kos­ten of­fen­bar eher se­kun­där und ein ein­zig­ar­ti­ges Er­leb­nis steht im Fo­kus. 

Aber da­für blei­ben sie dann ei­nen Mo­nat lang zu Hau­se an den Wo­chen­en­den und ver­zich­ten auf den Aus­gang. 

Li­di­ja: Ich fra­ge mich, wo­hin das noch führt. Es geht letzt­lich auch um die Fra­ge des Kul­tur­ver­ständ­nis­ses. Wir al­le bie­ten ein be­stimm­tes kul­tu­rel­les An­ge­bot an. Aber wenn sich die Nach­fra­ge so stark in ei­ne Rich­tung ver­schiebt, wie geht man als Ver­an­stal­ter:in mit dem we­ni­ger nach­ge­frag­ten An­ge­bot um? Das be­trifft nicht nur uns als Pa­lace, son­dern al­le Ver­an­stal­ter:in­nen, auch wenn sie nicht von öf­fent­li­chen Gel­dern ab­hän­gig sind. 

Spre­chen wir noch über das Club­ster­ben: In Zü­rich sind in den ver­gan­ge­nen knapp 20 Jah­ren rund 30 Pro­zent der Clubs ver­schwun­den, in Deutsch­land so­gar rund 50 Pro­zent in den letz­ten zehn Jah­ren. In St.Gal­len gab es seit Co­ro­na kei­ne Club­schlies­sun­gen, ab­ge­se­hen von Na­mens­wech­seln. Wie gross schätzt ihr die Ge­fahr des Club­ster­bens in St.Gal­len ein? 

Anouk: Die­se Ge­fahr ist schon da. 

Li­di­ja: Es ist ja auch okay, dass es die­se Ge­fahr gibt. Wie je­der Kul­tur­be­trieb soll­te sich auch ein Club nicht als selbst­ver­ständ­lich an­se­hen, son­dern sich kri­tisch hin­ter­fra­gen – un­ab­hän­gig da­von, ob er sub­ven­tio­niert ist oder nicht. Wenn man das Ge­fühl hat, man müs­se sich nicht wei­ter­ent­wi­ckeln, weil das Geld ja kommt – ob vom Staat oder von den Be­su­cher:in­nen –, ist das nicht gut. Aber es wä­re scha­de, wenn sich die Club­sze­ne so ent­wi­ckeln wür­de, dass nur noch su­per­kom­mer­zi­el­le Sa­chen funk­tio­nier­ten. Dann gibt es ir­gend­wann ei­nen Ein­heits­brei.

Mor­gan: Ich stim­me dem zu: Be­züg­lich Club­ster­ben sind auch die Ver­ant­wort­li­chen ge­for­dert. Ein Pro­gramm ist wie ein Pro­dukt, das du ver­kaufst. Wenn du es nicht wei­ter­ent­wi­ckelst, kauft es ir­gend­wann nie­mand mehr. Dar­um ver­su­chen wir stets zu eru­ie­ren, was von den Gäs­ten ge­wünscht wird, und im­mer wie­der et­was Neu­es an­zu­bie­ten. 

Rou­ven: Ein Club zahlt zwölf Mo­na­te im Jahr Mie­te, er muss aber in et­wa acht Mo­na­ten den Um­satz für das gan­ze Jahr er­wirt­schaf­ten. Das gilt auch für mich als selb­stän­di­gen Ver­an­stal­ter. Und wenn die Som­mer län­ger wer­den und sich da­mit auch das Zeit­fens­ter für die Day­dan­ces aus­dehnt, wer­den es ir­gend­wann nur noch sechs Mo­na­te sein. Das dürf­te für vie­le Clubs schwie­rig wer­den. Man muss nach Mög­lich­kei­ten su­chen, den Be­trieb quer­zu­fi­nan­zie­ren, et­wa durch die Ver­mie­tung für Fir­men­an­läs­se oder pri­va­te An­läs­se wie Hoch­zeits­par­tys, wie bei­spiels­wei­se das Kugl mit Gut & Gü­ter. Ich ver­mie­te LED-Wän­de.

Hat das Nacht­le­ben in St.Gal­len ei­ne ge­nug gros­se Lob­by? Es gibt zwar den Ver­band Nacht Gal­len, der die In­ter­es­sen des Nacht­le­bens ge­gen­über den Be­hör­den und der Öf­fent­lich­keit ver­tritt. Aber braucht es auf po­li­ti­scher Ebe­ne ein grös­se­res Be­wusst­sein für die Be­deu­tung des Nacht­le­bens? 

Li­di­ja: Das Nacht­le­ben ist ein Teil der Kul­tur und des­halb per se ein Teil der Po­li­tik. Und man darf nicht ver­ges­sen: Es trägt auch zur Stand­ort­at­trak­ti­vi­tät bei, was vor ei­nem dro­hen­den Ab­bau der Kul­tur im­mer be­rück­sich­tigt wer­den soll­te.

Mor­gan: Wir ha­ben mit den Äm­tern sehr po­si­ti­ve Er­fah­run­gen ge­macht. Sie wol­len Din­ge er­mög­li­chen. Es braucht aber bei ei­ni­gen An­woh­ner:in­nen in der In­nen­stadt ein grös­se­res Be­wusst­sein da­für, wo sie woh­nen – Stich­wort Lärm­kla­gen. Ich will da­mit nicht sa­gen, dass sie Lärm­emis­sio­nen ein­fach hin­neh­men müs­sen, aber man kann auch nicht ver­lan­gen, dass es im Stadt­zen­trum kei­ne Lärm­emis­sio­nen ge­ben darf. Mei­ner Mei­nung nach ist es ein Pro­blem, dass es für die Clubs kei­ne Frei­räu­me gibt, um auch mal aus­ser­halb der ei­ge­nen vier Wän­de et­was zu ver­an­stal­ten. Dies­be­züg­lich hat Co­ro­na tat­säch­lich et­was ver­än­dert: Die Emp­find­lich­keit der Men­schen ge­gen­über Lärm hat zu­ge­nom­men. Es gibt viel schnel­ler Lärm­kla­gen. Dar­aus sind ur­sprüng­lich die Kopf­hö­rer-Par­tys ent­stan­den. 

Ber­lin hat bei­spiels­wei­se ei­nen Schall­schutz­fonds ein­ge­führt, mit dem aus öf­fent­li­chen Gel­dern Lärm­schutz­mass­nah­men fi­nan­ziert wer­den. Ams­ter­dam hat ei­ne Nacht­mi­nis­ter. Braucht es sol­che In­stru­men­te in der Stadt? 

Mor­gan: Ich hal­te es für wich­ti­ger, dass die Po­li­tik wei­ter­hin Lo­ka­le wie das Pa­lace, die Gra­ben­hal­le, den Tal­hof oder das Flon an­ge­mes­sen sub­ven­tio­niert. An all die­sen Or­ten gibt es ein Be­wusst­sein da­für, dass nicht der kom­mer­zi­el­le Er­folg im Vor­der­grund steht. Im Flon und im Tal­hof kön­nen die Ju­gend­li­chen aus­pro­bie­ren. Und ins Pa­lace und in die Gra­ben­hal­le kom­men Mu­si­ker:in­nen, die man sonst in St.Gal­len nicht live se­hen wür­de. 

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