Gerauchte Kunst

Blick in die Galerie im Fabriggli (Bild: vez)

Aus Abfall wird Kunst: In ihrer Ausstellung «Reiz der Materie» verwandelt die liechtensteinische Künstlerin Ursula Wolf gebrauchte Heat-Sticks in filigrane Bildkompositionen. Die Vernissage fand am 21. Januar im Fabriggli in Buchs statt.

Heets, oder auch Heat-Sticks ge­nannt, sind die klei­nen Ta­bak-Sticks, die man in ei­nen Ak­ku-Er­hit­zer steckt. Das Gan­ze gilt dann als Rauch­al­ter­na­ti­ve, man raucht nicht, man dampft. Dass auch die­ser Dampf Schad­stof­fe ent­hält und die Ge­sund­heit wohl nicht ge­ra­de för­dert, ist un­ter­des­sen klar. 

In den Wer­ken der Künst­le­rin Ur­su­la Wolf (*1964) ent­steht aus ge­brauch­ten Heets Kunst. Die Er­geb­nis­se ih­rer ak­tu­el­len Schaf­fens­pha­se zeigt die Liech­ten­stei­ne­rin in der Aus­stel­lung «Reiz der Ma­te­rie» im Klein­thea­ter Fa­briggli in Buchs. Zur Aus­stel­lungs­ver­nis­sa­ge am 21. Ja­nu­ar ha­ben sich rund vier­zig Gäs­te in der Ga­le­rie des Thea­ters ein­ge­fun­den. Der hel­le Raum ist er­füllt von Stim­men­ge­mur­mel und Glä­ser­klir­ren. 

Kurz nach sie­ben Uhr be­grüsst das Ga­le­rie­team, be­stehend aus Nad­ja Ro­then­ber­ger (Lei­tung), Ma­nue­la Graf und Rusch­ka Eng­ler, die An­we­sen­den. Eng­ler stellt die Künst­le­rin vor, ih­re Be­geis­te­rung ist spür­bar. Zur Ma­te­ri­al­aus­wahl von Wolf sagt sie: «Kein Ma­te­ri­al ist vor dir si­cher. Du wagst dich an al­les, pro­bierst aus, und das fin­den wir su­per.» Dann über­nimmt die Künst­le­rin selbst und klärt di­rekt, was ver­mut­lich vie­len durch den Kopf geht: «Nein, ich rau­che nicht.» Die ge­brauch­ten Sticks stam­men von ei­ner Per­son aus ih­rem pri­va­ten Um­feld, die an­onym blei­ben möch­te. 

Geo­me­trisch und auf Na­deln

An trans­pa­ren­ten Schnü­ren hän­gen die et­wa 20 weiss ge­rahm­ten Wer­ke. Sie schei­nen vor den rot, weiss und schwarz ge­stri­che­nen Wän­den der Ga­le­rie zu schwe­ben. In den na­men­lo­sen Ob­jek­ten sind die Heets häu­fig in der Ho­ri­zon­ta­len zu geo­me­tri­schen Mus­tern an­ge­ord­net: kreis­för­mig, qua­dra­tisch, drei­eckig. Mal ste­hen die weiss-gelb­li­chen Sticks dicht bei­ein­an­der, mal et­was wei­ter weg. Er­in­nern an fi­li­gra­ne Mi­nia­tur­aus­ga­ben von Ring­werf­spie­len, an Bie­nen­wa­ben oder In­sek­ten­ho­tels. Ei­ni­ge Ar­bei­ten bre­chen aus die­ser Stren­ge aus: Ne­on­far­be kommt zum Ein­satz, oder die Sticks sind mit Na­deln auf­ge­spiesst – wie In­sek­ten in ei­nem et­was chao­ti­schen Schau­kas­ten.

Das Galerieteam Ruschka Engler(li), Nadja Rothenberger (2vl) und Manuela Graf (r) und die Künstlerin (2vr) (Bild: vez)

Da­bei ist je­de Bild­kom­po­si­ti­on mit Ple­xi­glas ver­sie­gelt. Da­durch wir­ken die Wer­ke leicht ste­ril, als hät­te man et­was Kon­ta­mi­nier­tes ein­ge­schlos­sen. Ganz falsch ist die­ser Ein­druck nicht: An­fangs ha­be sie die Wer­ke oh­ne Glas aus­ge­stellt, er­zählt Wolf im Ge­spräch mit Sai­ten. Je­doch ha­be sie fest­ge­stellt, dass die Heets lan­ge nach dem Ge­brauch noch rie­chen und des­halb zum Schutz der Be­trach­ten­den vor mög­li­chen Schad­stof­fen die Schei­ben an­ge­bracht.

Res­sour­cen­scho­nen­de Al­che­mie

Wie vie­le Heat-Sticks Wolf ins­ge­samt ver­ar­bei­tet hat, weiss sie nicht ge­nau. Bei ei­nem der grös­se­ren Wer­ke ha­be sie rund 1300 Sticks ver­wen­det. Ge­sam­melt ha­be sie et­wa zwei Jah­re lang. Nach­denk­lich meint sie, es sei schon et­was er­schre­ckend, zu se­hen, wie viel die Per­son da kon­su­miert ha­be. 

Aber ge­ra­de die­ser all­täg­li­che und be­stän­di­ge Kon­sum ha­be sie zur Ar­beit mit dem Ma­te­ri­al in­spi­riert, er­klärt Wolf. Denn mit je­dem Rau­chen (oder eben Damp­fen) sei ei­ne Ge­schich­te ver­bun­den: «Dass in die­sem Müll eben auch Er­in­ne­run­gen ent­hal­ten sind, hat mich sehr ge­reizt.» Schon in ih­ren bis­he­ri­gen Pro­jek­ten, bei de­nen sie eher per­for­ma­tiv und il­lus­tra­tiv ar­bei­te­te, sei das All­täg­li­che zen­tral ge­we­sen. Des­halb pas­se auch «Reiz der Ma­te­rie» zu­min­dest the­ma­tisch gut zu ih­rem Ge­samt­werk. 

Die Werke von Ursula Wolf vor roter und weisser Wand (Bild: vez)

In ih­rem Schaf­fens­pro­zess ha­be sie viel mit der Ma­te­ria­li­tät der Heat-Sticks ex­pe­ri­men­tiert. Da­bei sei ihr im­mer wich­tig ge­we­sen, res­sour­cen­scho­nend zu ar­bei­ten. «Ich hat­te da durch­aus ethi­sche Vor­be­hal­te und woll­te die Per­son nicht zu hö­he­rem Kon­sum an­re­gen, weil es halt ein­fach so schäd­lich ist.» Des­halb ha­be für sie je­der Heat-Stick den Wert von Gold ge­habt. Bei ei­ner frü­he­ren Ver­nis­sa­ge, das Fa­briggli in Buchs ist be­reits die drit­te Aus­stel­lungs­stät­te, ha­be der Künst­ler Hans­jörg Qua­de­rer ih­re Ar­beit mit Al­che­mie ver­gli­chen. «Da wird auch aus ei­nem wert­lo­sen Ma­te­ri­al Gold», er­klärt Wolf an die­sem Mitt­woch­abend. 

Ei­ne letz­te Zi­ga­ret­te aus der Boom­box

Ein ein­zi­ger, kom­pak­ter Wand­text be­glei­tet die Aus­stel­lung. Dar­in heisst es: «In Ur­su­la Wolfs Bild­kom­po­si­tio­nen wird ver­meint­li­cher Müll zum Trä­ger ge­leb­ter Ge­schich­te, zum Zeug­nis von Kon­sum, Ge­wohn­heit und Ver­gäng­lich­keit.» In­wie­fern man die Wer­ke als Re­fle­xi­on auf flüch­ti­ge Mo­men­te oder als Kri­tik an den ge­sund­heits­schäd­li­chen Kon­sum­prak­ti­ken des Rau­chens le­sen kann, bleibt den Be­trach­ter:in­nen selbst über­las­sen. 

Die kur­ze Ein­füh­rung an der Ver­nis­sa­ge lässt Ur­su­la Wolf dann mit ei­ner per­sön­li­chen An­ek­do­te aus­klin­gen. Der Ge­ruch des Zi­ga­ret­ten­rauchs er­in­ne­re sie an durch­tanz­te Dis­ko­näch­te in ih­rer Ju­gend. Bis zum Schluss sei­en sie je­weils ge­blie­ben und dass Schluss war, kün­dig­te im­mer das­sel­be Lied an. 

Die­ses er­tönt dann aus ei­ner klei­nen Boom­box. Rein­hard Mey singt zur Gi­tar­re: «Gu­te Nacht, lie­be Freun­de, es ist Zeit für mich zu ge­hen, was ich noch zu sa­gen hät­te, dau­ert ei­ne Zi­ga­ret­te und ein letz­tes Glas im Ste­hen.»

An die­sem Abend ver­kün­det das Lied aber nicht das En­de ei­ner Fei­er, son­dern den Be­ginn der Aus­stel­lung, denn nun darf das Pu­bli­kum die Aus­stel­lung ge­müt­lich er­kun­den. 

Ur­su­la Wolf – «Reiz der Ma­te­rie»: Die Aus­stel­lung ist aus­schliess­lich im Zu­sam­men­hang mit Thea­ter­auf­füh­run­gen und an­de­ren Ver­an­stal­tun­gen im Fa­briggli, Wer­den­ber­ger Klein­thea­ter in Buchs ge­öff­net.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.