Die jüngste Meldung zur Umnutzung grosser Fabriken oder ganzer Fabrikareale aus dem frühen 20. Jahrhundert am Bodensee kommt aus Rorschach. Dort gab es kürzlich grünes Licht für den Abbruch und für Wohnneubauten auf dem Feldmühleareal, der einst grössten Stickerei der Welt. Hier wird ein ganzes Wohnquartier entstehen. Das Projekt des Zürcher Architekturbüros Baumberger & Steigmeier sieht mehrere neue Wohnblöcke vor.
Von den Altbauten bleiben der Bürotrakt und die Gebäude entlang der Feldmühlestrasse sowie der Hochkamin stehen. Das heute ziemlich verbaute Hauptgebäude mit seinem einst repräsentativen Eingang und dem geschweiften Giebel entstand zwischen 1905 und 1907, geplant vom Rorschacher Architekten Adolf Gaudy (1872—1956). Es soll nach der Sanierung wieder seine repräsentative Erscheinung zurückbekommen. Die grossen Veränderungen werden nach Finanzproblemen der Vorbesitzerin, der Steiner AG, nun von Realstone aus der Westschweiz finanziert. Realstone legt Gelder von Pensionskassen an.
Horn: Verschwunden und erhalten
Bei Umnutzungen der über 100 Jahre alten Fabriken der Textilindustrie wird heute in der Regel ein Teil der Gebäude, oft auch – wie in Rorschach – der prägende Hochkamin, stehen gelassen und die Fabriketagen werden zu Wohnungen umgebaut. Die historischen Gebäude gelten städtebaulich als Identifikationspunkte, stehen aber nach der Arealerneuerung oft in einem harten Kontrast zu den Neubauten.
Nichts von den mächtigen alten Gebäuden ist allerdings im benachbarten Horn erhalten. Nach dem Brand auf dem Roduner-Areal vor zehn Jahren sind dort inzwischen alle Spuren beseitigt und es entstehen mit der Überbauung «Arrivée» teils exklusive Wohnungen fast direkt am Ufer.
Auf der anderen Strassenseite bilden neben ebenfalls neuen Überbauungen die ehemaligen Sais-Werke (Sais = Società anonima italo-svizzera per la produzione degli olii vegetali) die Ausnahme in Sachen Umnutzung. Gebaut wurden diese grossen Volumen 1917/18 vom gleichen Architekten wie die Feldmühle Rorschach, Adolf Gaudy. Nach einer Phase, in der der Unilever-Konzern hier Öle und Fette herstellte, gehören die Fabrikgebäude heute der Oleificio Sabo mit Hauptsitz in Lugano, die hier weiterhin Sonnenblumen- und Rapsöle herstellt. Auch hier hat Architekt Gaudy die mächtigen Bauten mit ihren Türmen gekrönt, die Sais-Gebäude sind denkmalgeschützt.
Feldmühle Pestalozzistrasse, Rorschach (Bild: René Hornung)
Hamel, Arbon (Bild: René Hornung)
Das Areal heisst übrigens Ziegelhof, was darauf hinweist, dass vor den Sais-Bauten an dieser Stelle eine Ziegelei stand.
Arbon: Die Industriestadt
Im benachbarten Arbon mit seiner einst blühenden Industrie gibt es zahlreiche grosse Volumen aus unterschiedlichen Zeiten. Eine der auffälligsten Bauten aus den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts ist das aussen als Backsteinbau erscheinende Heine- resp. Hamelgebäude südlich des Bahnhofs. Geplant wurden der mächtige Kopfbau und die anschliessenden Produktionshallen für die ehemalige Schifflistickerei vom St. Galler Architekten Wendelin Heene. Konstruktiv handelt es sich um eine frühe Betonstruktur mit beeindruckenden Säulen und Unterzügen, auch wenn das Gebäude nach aussen mit seiner Backsteinfassade ein anderes Bild abgibt.
2014 bis 2016 baute das Generalunternehmen HRS mit dem Zürcher Architekturbüro Pfister Schiess Tropeano und Partner den Kopfbau zu Wohnungen um. In den frühen Produktionshallen, in denen einst über 330 Stickmaschinen liefen und 2200 Beschäftigte arbeiteten, sind heute Gastro-, Gewerbe- und Ladenflächen untergebracht. Finanziert hat das Projekt die St. Galler Pensionskasse. Im Kopfbau am Gleis ist das Erdgeschoss jetzt eine offene Halle mit Zugang zur Bahnunterführung.
Grenzstädte: Werke des
«Blitzarchitekten»
Mitten in einem Kreuzlinger Wohnquartier mit Ein- und Mehrfamilienhäusern steht der «Mocken» der Velofabrik. Dieses Werksgebäude heisst so, weil darin von 1971 bis 2018 Velos der Marke Tour-de-Suisse zusammengebaut wurden, bis das Unternehmen in einen Neubau umzog. Die Velofabrik wird seither von einer Ballettschule, von Gewerbebetrieben und für Büros genutzt.
Sais, Horn (Bild: René Hornung)
Stromeyer, Konstanz (Bild: René Hornung)
Entstanden ist das mächtige Gebäude 1911 als Schuhfabrik für die Brüder Elias und Samuel Weill, geplant vom Büro des Stuttgarter «Blitzarchitekten» Philipp Jakob Manz (1861—1936). Er wurde so genannt, weil er den Ruf hatte «billig, rasch und schön» zu bauen.
Die Kreuzlinger Velofabrik ist mit ihren dekorierten Fassaden dem Neoklassizismus zuzurechnen. Über der viergeschossigen Betonskelettkonstruktion thronen auch hier Türmchen. Das Mansardendach ist noch mit originalen, durchgängig verglasten Oberlichtaufsätzen versehen. Zwar weisen die Fenster nicht mehr alle die originale Sprossenteilung auf, doch insgesamt zeigt sich der Bau noch fast im Original. Zum denkmalgeschützten Ensemble gehört auch das gleichzeitig erbaute Wohnhaus mit Garage im Hof des Areals. Das Ensemble gilt unter Architekturhistoriker:innen als eine der schönsten Fabrikbauten am Bodensee.
Industriegebäude des Architekten Manz gibt es im Grenzraum Konstanz/Kreuzlingen gleich mehrere: Zum einen war er noch vor seiner eigenen Bürogründung als Mitarbeiter seines Ausbildners an den Plänen für das Schloss Castell in Tägerwilen beteiligt. Mit dem eigenen Büro plante er laut Werkverzeichnis 1904 eine nicht mehr eruierbare Produktionshalle für eine Kreuzlinger Schuhfabrik, danach, 1911 die erwähnte Velofabrik und im darauffolgenden Jahr das Kreuzlinger Stromeyer-Werk gegenüber dem Bahnhof Kreuzlingen-Hafen. Seine grössten Gebäude im Grenzraum aber plante Manz für die Stromeyer-Zeltfabrik am Rhein in Konstanz von 1905 bis 1912. Auch Werkstätten, Magazin und Büros des Zeppelinwerks in Friedrichshafen sind 1909 nach Manz'schen Plänen entstanden.