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«Ich bin’s & ich bin immer noch hier»

Am 9. Januar wäre Jürgen Ploog 90 geworden, doch heute vor fünf Jahren starb der deutsche Autor. Posthum erscheinen ein paar Werke mit oder über ihn. 2025 ist definitiv ein Ploog-Jahr.

(Bilder: pd/Privatarchiv Florian Vetsch)

(Bilder: pd/Privatarchiv Florian Vetsch)

Der 83-jäh­ri­ge US-ame­ri­ka­ni­sche Dich­ter und Blog­ger Jan Her­man, der am heu­ri­gen Wort­laut und da­nach im Pa­lace per­form­te, ver­öf­fent­lich­te mit Wil­liam S. Bur­roughs, Carl Weiss­ner und Jür­gen Ploog 1972 den har­ten Schnitt­text Cut up or Shut up. Nun wid­met er dem An­denken sei­nes Schrift­stel­ler­freunds die il­lus­trier­te Text­samm­lung Key­board Mouth, die bei Mo­lo­ko Print, Schö­ne­beck, ge­ra­de er­schie­nen ist.  

Eben­falls bei Mo­lo­ko Print, im Ver­lag von Ralf Fri­el, der ne­ben dem Ver­le­ger Pe­ter Engst­ler Ploogs Werk kon­se­quent be­treut, ist, post­hum, in der Ge­stal­tung von Ro­bert Scha­lin­ski und mit Col­la­gen des Au­tors, der Band Spät­vor­stel­lung – Der Ar­chi­pel der un­ge­klär­ten Fäl­le er­schie­nen. Wer Ploogs spä­te Pro­sa liebt, wird in die­ser Samm­lung epi­so­discher Tex­te um «M.L.», um den schrei­ben­den Pi­lo­ten Max Lang, Ploogs fik­tio­na­les Al­ter Ego, auf sei­ne Kos­ten kom­men; und wer Ploogs spä­te Pro­sa noch nicht ent­deckt ha­ben soll­te, kann hier ih­rer Ma­gie ver­fal­len: 

 

Max muss­te im Lauf der Jah­re zwei­mal zwi­schen den In­seln not­lan­den. Man brach­te ihn in ein Kran­ken­haus im In­ne­ren der In­sel, um den Schock & An­zei­chen von Amne­sie zu be­han­deln. 

Als er zu sich kam, be­tas­te­te er zu­nächst sämt­li­che Ge­gen­stän­de des Zim­mers, in dem er lag, um das Ge­fühl für die Form von Ob­jek­ten wie­der­zu­fin­den. 

Ein weiss­ge­klei­de­tes Mäd­chen, de­ren Haut­far­be an El­fen­bein er­in­ner­te, sass Tag & Nacht wie ei­ne Sta­tue in ei­ner Ecke des Rau­mes. Nichts be­weg­te sich, aus­ser dass Schat­ten über das Ge­sicht des Mäd­chens kro­chen. Ge­wit­ter zo­gen auf, Blit­ze zer­fetz­ten die Nacht … der Strom fiel aus. Er spür­te die küh­le Hand des Mäd­chens & hör­te das von Pau­sen un­ter­bro­che­ne Kräch­zen & Grun­zen der Och­sen­frö­sche durch die of­fe­nen Fens­ter.

Der Re­gen dröhn­te mit der Gleich­mäs­sig­keit ei­nes de­fek­ten De­cken­ven­ti­la­tors.

Als er ent­las­sen wur­de, war­te­te Nel­ly im Be­su­cher­raum auf ihn & gab sich als sei­ne Frau aus. Sie trug hoch­ha­cki­ge, wein­ro­te Schu­he aus Schlan­gen­le­der & roch nach Pat­schu­li. Ihr dün­nes Kleid be­ton­te mehr ih­ren Kör­per, als dass es ihn be­deck­te.

Ihr Wa­gen stand vor dem Hos­pi­tal. «Wo­hin fah­ren wir?», frag­te er. 

«Zu mir.» 

 

Frei­lich bleibt al­les un­durch­sich­tig im mon­dä­nen, Zei­ten und Or­te durch­que­ren­den, ero­tisch un­ter­mi­nier­ten Er­zähl­fluss, fast kaf­ka­esk. 

Wel­che Hal­tung ist in die­sem Fall der Le­ser­schaft zu emp­feh­len? Die­sel­be wie dem Prot­ago­nis­ten: 

 

Stoa nimmt Kom­men­des vor­weg, da­her die Ge­las­sen­heit, die mit ihr ein­her­geht. Das Kom­men­de als Er­war­te­tes hin­neh­men be­deu­tet, ihm die zeit­li­chen Kan­ten zu neh­men. Wie sonst wä­re das viel­sei­ti­ge Pro­gramm des stän­di­gen Wan­dels aus­zu­hal­ten? 

 

Die­se post­exis­ten­zia­lis­ti­sche, hier sto­isch be­grün­de­te Hal­tung heisst an­dern­orts Cool­ness – sie über­trägt sich beim Le­sen der sphä­risch schwe­ben­den und im­mer wie­der ge­bro­che­nen Epi­so­den aus dem Ar­chi­pel der un­ge­klär­ten Fäl­le.

Jür­gen Ploogs Ein­sicht war, dass sich un­se­re kom­ple­xe Welt nicht mehr in ei­ner durch­ge­hen­den Er­zäh­lung er­fas­sen lässt, und sei­ne Kon­se­quenz war der Schnitt. Er gilt als «bes­ter deut­scher Cut-up Au­tor» (Carl Weiss­ner – ip­se di­xit!). Die Schnitt­me­tho­de ent­sprach auch sei­nem Le­bens­stil; 33 Jah­re lang flog Ploog Long-di­stance- flights für die Luft­han­sa, wech­sel­te im­mer wie­der die Zeit- und Orts­ko­or­di­na­ten, cut af­ter cut…

Bibilografische Angaben zu den besprochenen Titeln

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Jan Her­man: Key­board Mouth – Kla­via­tür des Mun­des. Mo­lo­ko Print. Schö­ne­beck 2025

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Da­vid Ploog / Wolf­gang Rü­ger (Hrsg.): Ploog West End - Tex­te von und über Jür­gen Ploog. Edi­ti­on W. Frank­furt a. M. 2025

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Jür­gen Ploog: Spät­vor­stel­lung - Der Ar­chi­pel der un­ge­klär­ten Fäl­le. Mo­lo­ko Print. Schö­ne­beck 2025

Zum Ploog-Jahr 2025 hat Wolf­gang Rü­ger, zu­sam­men mit Ploogs Sohn Da­vid, den rund 350 Sei­ten star­ken, reich il­lus­trier­ten Band Ploog West End – Tex­te von und über Jür­gen Ploog in der Edi­ti­on W, Frank­furt, her­aus­ge­ge­ben. Er zeigt nicht nur den li­te­ra­ri­schen Meis­ter der Sche­re mit ei­ni­gen bril­lan­ten neu­en Pro­sa­stü­cken, son­dern auch den In­tel­lek­tu­el­len und Theo­re­ti­ker, den Ta­ge­buch- und Brie­fe­schrei­ber, den Mail-Ar­tis­ten, den Gra­fi­ker, Zeich­ner und Künst­ler – zum Bei­spiel wird erst­mals ei­ne Se­rie von Frau­en-Ak­ten prä­sen­tiert, auch ein klei­ner far­bi­ger Co­mic-Strip ist da­bei.

Und vor al­lem zeigt der Band Ploog als Kom­pli­zen und Freund: Über 30 Bei­tra­gen­de lis­tet das Au­tor:in­nen­ver­zeich­nis auf, dar­un­ter Ka­thy Acker, Ira Co­hen, Jörg Fau­ser, Al­len Gins­berg, Wal­ter Hart­mann, Ha­da­ya­tul­lah Hübsch, Axel Mon­te, Po­ciao, Carl Weiss­ner, Wolf Wond­rat­schek… En­no Stahl hat ei­nen ful­mi­nan­ten ein­lei­ten­den Es­say un­ter dem Ti­tel Cut-up und Flie­gen bei­gesteu­ert, an des­sen En­de es heisst: 

 

Jür­gen Ploog, Wort­pi­lot und Bil­der­ka­pi­tän, hat die reich­hal­ti­gen Film­schnip­sel sei­nes Be­wusst­seins in ei­ner Wei­se mon­tiert, dass selbst Nou­vel­le-Va­gue-Fil­mer blass da­bei wür­den. Viel­leicht war ihm selbst gar nicht be­wusst, wie sehr der nicht all­zu ge­lieb­te Brot­job sei­ner Li­te­ra­tur ei­ne Ori­gi­na­li­tät ver­lieh, ei­nen ganz ei­ge­nen Touch, da sie ihm er­laub­te, auf ei­nen Er­fah­rungs­schatz zu­rück­zu­grei­fen, den nicht ein­mal sein gros­ses Vor­bild Wil­liam S. Bur­roughs be­sass.

 

Der Sam­mel­band Ploog West End of­fen­bart dar­über hin­aus Pri­va­tes, Fa­mi­liä­res. So run­det die Grab­re­de des Sohns Da­vid Ploog vom 4. Ju­ni 2020 das Bild auf die­sen Schrift­stel­ler als Men­schen ab. Doch der ein­drück­lichs­te Text des Ban­des in die­sem Zu­sam­men­hang stammt aus Ploogs Fe­der. Es ist der Text To­des­schat­ten, den er Phoe­be ge­wid­met hat, Da­vids Schwes­ter, der Toch­ter von An­na und Jür­gen Ploog, die im Al­ter von 48 Jah­ren 2013 von ei­ner teuf­li­schen Krank­heit jäh da­hin­ge­rafft und aus dem Le­ben ge­ris­sen wur­de: 

 

Die Kraft der Er­in­ne­rung ist kaum aus­zu­hal­ten. Sie ver­flüch­tigt sich nicht, sie durch­wühlt mich. Mein Blick fällt auf ei­nen schwa­chen Kör­per, in La­ken ge­hüllt. Lich­ter blin­ken, Warn­tö­ne er­klin­gen. Ein Kör­per, der sich selbst bei ein­fa­chen Be­we­gun­gen wie dem At­men ver­aus­gabt. / Nachts wü­ten rhe­to­ri­sche Stür­me in mir. Ich ent­wer­fe Re­den, Bil­der der Er­in­ne­rung über­stür­zen sich. Ich be­schwö­re die Geis­ter der Hei­lung & ver­flu­che die Dä­mo­nen, die sich ge­gen mich rich­ten, im­mer das Ge­sicht des be­droh­ten Kör­pers vor mir. Blut si­ckert am Hals aus ihm. Ich bin Zeu­ge des heim­li­chen Kamp­fes, der sich in ihm ab­spielt. (...) Da­sit­zen und stumm die Wand an­star­ren. Stil­le wird zur An­dacht, zum stum­men Ge­bet. Be­ten ist ein wort­lo­ser Zu­stand, der nicht nur den ei­ge­nen Kör­per, son­dern den Raum rund­um er­fasst. 

 

To­des­schat­ten ist ein herz­zer­reis­send auf­rich­ti­ger Text, der die exis­ten­zi­el­le Ver­zweif­lung des hilf­lo­sen Va­ters eins zu eins wie­der­gibt. Ein ra­di­kal mensch­li­cher Text, der die oben be­schrie­be­ne stoi­sche Hal­tung auf die Zer­reiss­pro­be stellt. 

Im Sai­ten vom Ju­li/Au­gust 2020 be­en­de­te ich mei­nen Ne­kro­log auf Jür­gen Ploog (es er­schien auch ei­ne Wür­di­gung in der «Fa­brik­zei­tung»), mit dem ich viel zu­sam­men­ge­ar­bei­tet und den ich mehr­fach nach St.Gal­len zu Le­sun­gen ein­ge­la­den ha­be, mit die­sem Ge­dicht: 

 

Fer­ne Rou­ten 

Jür­gen Ploog zum Drei­und­acht­zigs­ten, 9. Ja­nu­ar 2018

Auf Stre­cken un­ter­wegs, die von Tou­ris­ten­strö­men ver­schont blie­ben 
Mit der knap­pen An­wei­sung: Ver­schwin­den
In den un­sicht­ba­ren Spinn­we­ben ei­ner ma­gi­schen Übung 

Im Zim­mer ne­ben­an um­arm­ten sich zwei Plat­ten­spie­ler
Ein arm­lan­ger Le­gu­an ver­schlang im Strauch ei­ne Hi­bis­kus­blü­te 
Der El Lo­co blies wie ver­rückt: Ich bin’s & ich bin im­mer noch hier 

 

Cle­mens Um­bricht schrieb ein­mal: «Der Sinn der Poe­sie be­steht dar­in, dass sie sich als rich­tig er­weist.» – Die hier be­spro­che­nen Pu­bli­ka­tio­nen be­wei­sen, dass Jür­gen Ploog noch im­mer hier ist. Auch fünf Jah­re nach sei­nem leib­li­chen Tod lebt sei­ne Li­te­ra­tur wei­ter – und fas­zi­niert.

Und auch Jürgen Ploogs Bilder leben weiter.

Und auch Jürgen Ploogs Bilder leben weiter.

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