Klammheimlich, geradezu klandestin ist bei Moloko Print in Schönebeck, Pretzien, Jürgen Ploogs Erzählsammlung RadarOrient in einer behutsam überarbeiteten zweiten Auflage erschienen, gleichsam reloaded, ein Up-date, wenn man so will.
War doch das Büchlein mit den kultigen Collagen von Walter Hartmann, das 1976 in dem kleinen Verlag Jakobsohn in West Berlin erschienen war, längst vergriffen. 40 Jahre später liegen die Erzählungen wieder vor: alinear geführte Schnitttexte des «besten deutschen Cut-up Autors» (Carl Weissner) mit atmosphärisch aufgeladenen Titeln wie Die schwarze Wüste, Getaway, Die Säulen von Baalbek etc.
Jürgen Ploog: RadarOrient. Inkl. Tapes von unterwegs 19971-1976. Moloko Print, Schönebeck 2015
Jürgen Ploog: Tapes von unterwegs 1971-1976. Vinyl LP (90% Wasser / Moloko +). Moloko Plus, Schönebeck 2015
Robert Schalinski hat unter Verwendung von Hartmanns Original-Collagen einen illustrierten Band mit einem magisch gelben Cover gestaltet, der gut in der Hand liegt und auch das Auge temperiert und stimuliert.Ein gelungenes Gesamtkunstwerk, wenn man zudem bedenkt, dass der Publikation die CD Tapes von unterwegs 1971-1976 beigegeben ist, mit Aufnahmen, die der Ex-Pilot Ploog in den Jahren, als er die Geschichten schrieb, zusammenschnitt.
Jürgen Ploog : Tapes Von Unterwegs 1971-1976
«These tapes were recorded & edited by Jürgen Ploog on different flights between 1971 & 1976 on a portable tape-recorder.» Aufnahmen, die sich kein Ton-, Geräusch- und Klang-Sammler entgehen lassen will! Einen Eindruck vom akustischen Material geben die beiden Youtube-Clips, welche auf die gleichzeitig bei Moloko Plus erschienene Vinyl-LP Tapes von unterwegs 1971-1976 hinweisen.
Hier soll nicht unerwähnt bleiben, dass es für forsche Aficionados gegebenenfalls diese von Walter Hartmann betriebene Website von Jürgen Ploog zu entdecken gilt: ploog.com; sie ist stets aktuell und stellt eine wahre Fundgrube dar zu diesem singulären Schreiber (geboren 1935 in München, lebt – 81-jährig! – in Frankfurt und Fort Lauderdale, Florida) sowie seinem illustren Kreis von Komplizen (Jörg Fauser, Wolf Wondratschek, Kathy Acker, Burroughs, Gysin etc.).
Doch folge zum Ausklang dieses Gastbeitrags etwas Ploog im O-Ton, aus RadarOrient natürlich, die ersten sowie die letzten Abschnitte der Erzählung Tageszeit für Pinups:
«Tage am Auto-Pilot. Im Sommer fuhr ich nach Spanien. Wolken hinter einer Hügelkette malten den Herbst an den Himmel…Billy the Kid auf dem Weg nach Mexiko … drehte um und Pat Garrett erledigte ihn…
Küstenstrasse führte durch eine abstrakte Landschaft aus Palmen, Meeresbuchten und verlassenen Hochhäusern … manchmal schimmerte die Ruine einer Hazienda durch einen Pinienhain … im schwarzen Packard war es kaum auszuhalten vor Hitze.
‹Zum Teufel mit dir›, sagte ich. Nana knallte die Tür zu und ich starrte auf eine tote Fliege auf der Tischplatte vor mir…
Ein Traum aus Staub, Hitze und endlosen Landstrassen …
(…)
Abend in einer überwachsenen Strasse von Málaga … das schwarze Kunstleder der Pferdedroschken schimmerte schwach in der Strassenbeleuchtung … an klaren Tagen war der Fels von Gibraltar zu sehen … manchmal leuchtete das helle Blau des trojanischen Mittelmeers hinter Pinien auf … tagsüber war es in der Bude kaum auszuhalten … so heiss, dass einem die Zigarette aus dem Mund fiel …
Träume von Schweiss, nächtlichen Gewittern und blassen Piloten in ihren Cockpits … ja, ich konnte sie mir vorstellen … vom Virus der Fliegerei wird man nie ganz kuriert …
Nana wollte unbedingt, dass ich mich von der Knarre trennte, die ich seit Bangkok bei mir hatte … erinnerte mich, was Billy the Kid passiert war … Garrett erledigte ihn unter der amerikanischen Flagge … dann starrte ich wieder auf die Zeitung vor mir…
Von ihren Spaziergängen brachte Nana manchmal etwas Haschisch mit, das wir in der Dämmerung rauchten … sie dachte, dass es mir vielleicht helfen würde … es war ein endloser Abschied von ihr … ihre Augen, das kalte Blau eines vulkanischen Sees…»
William S. Burroughs zum Hundertsten – Ein Essay von Jürgen Ploog. Am Dienstag liest er Burroughs zu Ehren im Palace.
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